Briefwechsel der FIDE mit dem Iranischen Schachverband

von André Schulz
07.07.2020 – Der Wahlspruch der FIDE lautet "Gens una sumus" und Schach dient im friedlichen Wettstreit dem Miteinander der Menschen aus allen Teilen der Welt. Bei Turnieren haben Spieler aus dem Iran sich jedoch zumeist geweigert, gegen Spieler aus Israel anzutreten. Die FIDE hat sich in einem Brief an den iranischen Schachverband gegen dieses Praxis gewandt.

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Schach ist im Iran inzwischen ein sehr populärer Sport und immer mehr Spieler des Landes erreichen ein Niveau, mit dem sie an internationalen Turnieren teilnehmen können. Einige sind sogar im Begriff, in die Weltspitze vorzustoßen. Es ist aber leider eine traurige Praxis, dass die Spieler des Irans sich zumeist weigern, gegen Spieler aus Israel anzutreten.

In der Vergangenheit wurde dieses Problem durch viele Veranstalter, zum Beispiel bei Open,  dadurch umgangen, dass sie in die Auslosung eingriffen, um solche Paarungen zu vermeiden. Die FIDE hat sich aber gegen diese manipulativen Eingriffe gestellt und diese Praxis untersagt.

Auch auf andere Weise greifen die geistlichen und politischen Autoritäten des Irans in das Sportgeschehen beim Schach ein. So wurde die iranische Schiedsrichterin Shohreh Bayat, die erste iranische Offizielle, die eine FIDE-Weltmeisterschaft leitete, während des WM-Kampfes zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina aus ihrer Heimat so unter Druck gesetzt, dass sie nach dem Wettkampf Angst hatte, in ihre Heimatland zurückzukehren. Der Grund: Sie soll ihr Kopftuch nicht angemessen genug getragen haben. 

Der beste Spieler des Landes. Alireza Firouzja ist inzwischen nach Frankreich umgesiedelt und spielt nicht mehr unter iranischer Flagge. Auch andere iranischen Spieler haben das Land verlassen.

Im Bemühen, die Einflussnahme des Irans auf seine Sportler zu beenden, hat FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich sich in einem Brief an den Iranischen Schachverband gewandt und auf die Charta der FIDE und des IOC hingewiesen, die jede Diskriminierung von Sportlern, aus welchem Grund auch immer, untersagt. 

In seiner Antwort erklärt der Präsident des iranischen Schachverbandes Farhad Nikoukhesal, die Spieler seien selber für ihre Entscheidungen verantwortlich.

Iranische Spieler erzählen etwas anderes.

Die FIDE hat den Briefwechsel kommentarlos auf seiner Seite veröffentlicht. Hier folgt eine deutsche Übersetzung.

Briefwechsel der FIDE mit dem Iranischen Schachverband

Brief an den Iranischen Schachverband vom 8. Juni 2020

Sehr geehrter Herr Nikoukhesal,

Ich möchte Sie freundlich daran erinnern, dass die FIDE jede Art von Diskriminierung eines Landes, einer Privatperson oder einer Gruppe von Menschen aufgrund von Rasse, Hautfarbe, ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, Staatsbürgerschaft, Geburt, Alter, Status, Wohlstand, Behinderung, Sprache, Religion, Geschlecht, geschlechtlicher Identität oder Ausrichtung, Schwangerschaft, sexueller Orientierung, politischer Meinung oder aus irgendeinem anderen Grund ablehnt.

Diese Regel ist strikt, als eines der Grundprinzipien der FIDE festgelegt und in der FIDE-Charta ausdrücklich verankert (Artikel 4.4).

Dennoch gab es in den letzten Jahren wiederholt Fälle, in denen Sportler aus dem Iran sich weigerten, an Partien mit israelischen Staatsbürgern teilzunehmen. In einigen Fällen wurde sogar kommentiert, dass solche Partien aus politischen und ideologischen Gründen mutwilllig verweigert wurden.

Für die FIDE ist es elementar, dass sich alle Mitglieder an die Charta halten. Deshalb bitten wir den iranischen Schachverband, schriftlich zu bestätigen, dass aus aus seiner Sicht Partien zwischen iranischen und israelischen Spielern ausgetragen werden können.

Sollte eine solche Bestätigung ausbleiben, wird die FIDE gezwungen sein, die Übereinstimmung der Werte des iranischen Schachverbandes mit den Prinzipien der FIDE und des IOC zu erörtern.

 

Antwort des Iranischen Schachverbandes vom 22. Juni 2020


An den Präsidenten der FIDE

Sehr geehrter Herr Arkady Dvorkovich,

Ich hoffe, diese E-Mail erreicht Sie in guter Verfassung. Im Hinblick auf Ihr Schreiben vom 6. Juni 2020 möchte ich Ihnen mitteilen, dass der Schachverband der Islamischen Republik Iran sich in Übereinstimmung mit den Regeln und Bemühungen der FIDE befindet und in ihrem Sinne handelt.

Wie Sie wissen, ist Schach im Iran eine beliebte Sportdisziplin. Vor allem die junge Generation steht dem Schachspiel positiv gegenüber. Die Namen von rund 44.000 iranischen Schachspielern sind in der FIDE erfasst, was die Bedeutung dieses Sports in unserem Land belegt. 

Der iranische Schachverband hat sich stets an die Olympische Charta gehalten. Wie Sie in früheren Korrespondenzen informiert wurden, entscheiden die Spieler selber, ob sie an internationalen Turnieren und Open teilnehmen, führen die Anmeldung selber durch, ohne dazu eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Daraus ergibt sich, dass die Sportler selber für ihre Entscheidungen verantwortlich sind. 

Im Hinblick auf eine fruchtbare Zusammenarbeit der FIDE mit dem iranischen Schachverband möchte ich Sie bei dieser Gelegenheit einladen, unserem Land baldmöglichst einen Besuch abzustatten und die Sportstätten und Kapazitäten unseres Landes kennenzulernen. 

Wir sind zu jeder Art von Zusammenarbeit, zur Entwicklung und der Popularisierung unseres Sports in der FIDE bereit. 

Mit freundlichen Grüßen,

Farhad Nikoukhesal
Amtierender Präsident des Iranischen Schachverbands

Übersetzt von André Schulz

Briefwechsel im Original bei der FIDE...



Themen: FIDE, iran, Schachpolitik

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Galamiel Galamiel 08.07.2020 07:56
Wenn eine Schiedsrichterin wegen des Kopftuches so unter Druck gesetzt wird, wenn das größte Schachtalent seine Heimat verläßt, was niemand gerne tut, dann kann von freier Entscheidung keine Rede sein.
Es mag iranische Spieler geben die sich, aus eigenen Gründen weigern gegen Israelis zu spielen, gut, dann sollen sie nicht antreten oder werden nicht zugelassen. Mit dem Koran kann man dieses verhalten genauso wenig begründen wie umgekehrte Fanatiker die Bibel missbrauchen.
Pemoe6 Pemoe6 08.07.2020 11:51
Man windet sich: Die Spieler können frei entscheiden, ob sie am Turnier teilnehmen ... - schwarzer Humor.
Die FIDE-Anfrage war eben noch immer nicht konkret genug. Es müsste besser heißen: "Wenn iranische Spieler sich entscheiden, an solch einem Turnier teilzunehmen, befürwortet der Schachverband dann auch, dass sie gegen israelische Spieler antreten?"
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