Carlsen bleibt Weltmeister im Blitz

von Marco Baldauf
30.12.2018 – Gestern hatte Magnus Carlsen mit 9½/12 bereits den Grundstein für die Titelverteidigung im Blitzschach gelegt, heute folgte die Kür. Ungeschlagen deklassierte er die Konkurrenz, allein Jan-Krzysztof Duda sorgte als hartnäckigster Verfolger für Spannung bis zum Ende. Bei den Frauen gewann Katheryna Lagno | Foto: Lennart Ootes

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Carlsen verteidigt auch im Blitzschach seinen Titel

Im November dieses Jahres musste Magnus Carlsen einige bange Momente überstehen, ehe er seinen Weltmeistertitel im Schach mit klassischer Bedenkzeit verteidigen konnte. 12 Partien ohne Sieger sah das Match des Norwegers gegen Fabiano Caruana, den Carlsen nach dem Match als ebenbürtigen Kontrahenten adelte. Die Entscheidung fiel im Tiebreak - bei verkürzter Bedenkzeit, im Schnellschach also. Auf diesem ja irgendwie gleichem, aber doch so anderem Gelände wurde Carlsen gegenüber Caruana bereits vor dem Match als deutlicher Favorit gehandelt und sollte seiner Rolle mehr als gerecht werden. Um so überraschter war also die Schachwelt, als Carlsen bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft vom 26. bis 28. Dezember nur als Fünfter ins Ziel lief. Kein einziges Mal im gesamten Turnier konnte der mit zwei Niederlagen startende Norweger die Tabellenführung für sich beanspruchen, den Titel machten schließlich andere Spieler unter sich aus. So gelang Carlsen zwar seit seinem Triumph in Berlin 2015 kein Titel mehr im Schnellschach, doch ein Titelrennen ohne den zweifelsohne stärksten Spieler der Welt hatte es schon lange nicht mehr gegeben.

Ein Sieg im Blitzschach musste also her, sollte der Ausflug nach St. Petersburg nicht eine völlige Katastrophe darstellen. Und Carlsen begann im Gegensatz zum Schnellschach hochkonzentriert und erfolgreich. 9½/12 am gestrigen, ersten Tag der Meisterschaften sicherten die Tabellenführung zur Halbzeit, lediglich Vladislav Artemiev konnte das Tempo des Norwegers mitgehen und musste somit als größter Konkurrent im Titelrennen gelten - zumal er gegen Carlsen schon gespielt hatte. Doch ein schlechter Start von nur einem halben Zählern aus den ersten drei Partien warfen den russischen Nachwuchsspieler zurück, am Ende des Tages sollte er mit 3½ Rückstand auf Carlsen abgeschlagen ins Ziel einlaufen.

Weltmeisterliche Nuancen im Rossolimo

Carlsen legte hingegen einen Traumstart hin. Ein kompromisloser Angriffssieg gegen Anish Giri folgte ein weiterer Zähler gegen Wang Hao. Diese Partie ist besonders interessant, als sie einen Einblick in die Carlsensche Vorbereitung für das WM-Match im November gewähren könnte. Carlsen vertraute wie schon das gesamte Match auch in St. Petersburg konsequent seinem Sveshnikov Sizilianer und wurde so wenig überraschend des Öfteren mit dem Rossolimo System (3.Lb5) konfrontiert, das auch Caruana zu Beginn des Matches dem offenen Sizilianer vorzog. Wang Hao folgte in der oben erwähnten Partie der 14. Runde lange Zeit Caruanas Spiel aus der 1. Matchpartie und wich mit 9.Dd2 ab - einem Zug, den viele Beobachter des Matches als Verbesserung des weißen Spiels vorgeschlagen hatten.

Eine detaillierte Analyse der Partie zwischen Caruana und Carlsen finden sie hier

 

Der letzte weiße Zug plant mittels 10.Lh6 den Fianchetto auf g7 abzutauschen. Dieser ist aktuell zwar eher passiv, kann aber nach der Ausführung des weißen Standardplans Sh2-f4 zum Riesen werden. Zudem gibt Schwarz ungern seinen größten Trumpf ab, das Läuferpaar. Daher 9...h6, was übrigens den meistgespielten Zug darstellt und von Rossolimo-Experte Wang Hao selbst vor kurzem angewandt wurde. Nach 10.0-0 - b6 folgte mit 11.a3 eine Nuance, die neben 9.Dd2 als weitere Verbesserung vorgeschlagen wurde.

 

Die schwarze Standardantwort lautet in diesem Stellungstyp ...a5. Dies unterbindet konsequent die weißen Ambitionen am Damenflügel, macht eine lange Rochade (wie in Caruana-Carlsen) allerdings auch weniger attraktiv. Weiß könnte daraufhin mit 12.Sh2 fortsetzen und eine bessere Version gegenüber 11.Sh2 für sich reklamieren. Carlsen hatte jedoch nie die Absicht, Zugeständnisse am Damenflügel zu machen und beschritt mit 11...Sf8 eigene Wege. Auf 12.b4 opferte er mit 12...Se6!? einen Bauern. Nach 13.bxc5 - f5! dürfte sich Wang Hao bereits unwohl gefühlt haben, schließlich musste ihm klar sein, dass er in die Matchvorbereitung des Weltmeister gelaufen war.

 

Die Stellung ist sehr scharf und zweischneidig und könnte ein wesentlicher Bestandteil der WM-Vorbereitung gewesen sein. Kein Wunder also, dass Carlsen in den Komplikationen den klareren Kopf behielt und mit einem Sieg die Tabellenführung konsoliderte .

Fernduell zwischen Carlsen und Duda

Bereits 1½ Punkte trennten ihn vom breiten Verfolgerpulk, einzig die polnische Nr. 1, Jan-Krzysztof Duda, konnte Schritt halten und lag mit 11/14 nur einen halben Zähler hinter dem Weltmeister. Da die beiden bereits am ersten Tag gegeneinander gespielt hatten, entwickelte sich in den folgenden sieben Partien ein Fernduell, in das keine anderen Spieler entscheidend eingreifen konnten. Im Gleichschritt holten Verfolger und Verfolgter weitere 2½/3 ehe Duda in Runde 18 gegen Hikaru Nakamura verlor und Carlsen sich mit einem Remis gegen Boris Gelfand um einen weiteren halben Zähler absetzen konnte. Diesen Vorsprung ließ sich Carlsen nicht mehr nehmen, er holte in den Schlussrunden gegen Shakriyar Mamedyarov, Ian Nepomniachtchi und Anton Korobov weitere 2½ Zähler und wurde so mit 17/21 ungeschlagen zum Weltmeister gekürt. Duda gewann nach seiner Niederlage gar alle weiteren Partien und holte mit einem Abstand von zwei ganzen Zählern souverän Silber.

Endstand nach 21 Runden

Rg. Snr     Name Land EloI Pkt.  Wtg1  K rtg+/-
1 1
 
GM Carlsen Magnus NOR 2939 17,0 2962 20 14,6
2 32
 
GM Duda Jan-Krzysztof POL 2694 16,5 2930 20 123,6
3 2
 
GM Nakamura Hikaru USA 2889 14,5 2845 20 -17,0
4 3
 
GM Aronian Levon ARM 2858 14,0 2833 20 -10,0
5 11
 
GM Svidler Peter RUS 2770 14,0 2831 20 35,0
6 4
 
GM Nepomniachtchi Ian RUS 2846 14,0 2817 20 -11,8
7 12
 
GM Karjakin Sergey RUS 2759 14,0 2800 20 22,8
8 9
 
GM Andreikin Dmitry RUS 2777 13,5 2799 20 15,8
9 6
 
GM Artemiev Vladislav RUS 2825 13,5 2796 20 -10,2
10 14
 
GM Giri Anish NED 2751 13,5 2779 20 19,4
11 139
 
GM Nihal Sarin IND 2506 13,5 2777 20 151,6
12 52
 
GM Matlakov Maxim RUS 2653 13,5 2760 20 63,8
13 13
 
GM Mamedyarov Shakhriyar AZE 2754 13,5 2754 20 3,0
14 31
 
GM Vitiugov Nikita RUS 2696 13,5 2743 20 28,8
15 18
 
GM Dubov Daniil RUS 2743 13,5 2706 20 -16,6
16 15
 
GM Fedoseev Vladimir RUS 2750 13,5 2674 20 -34,8
17 36
 
GM Korobov Anton UKR 2677 13,0 2743 20 37,4
18 22
 
GM Gelfand Boris ISR 2722 13,0 2728 20 5,8
19 39
 
GM Dreev Aleksey RUS 2675 13,0 2703 20 18,8
20 38
 
GM Adly Ahmed EGY 2675 13,0 2702 20 17,6
21 70
 
GM Jakovenko Dmitry RUS 2616 13,0 2700 20 48,8
22 7
 
GM Grischuk Alexander RUS 2825 13,0 2699 20 -61,6
23 20
 
GM Zubov Alexander UKR 2729 13,0 2698 20 -15,4
24 34
 
GM Zhigalko Sergei BLR 2693 13,0 2696 20 2,4
25 17
 
GM Sjugirov Sanan RUS 2748 13,0 2679 20 -33,8
26 47
 
GM Kamsky Gata USA 2657 13,0 2678 20 13,2
27 40
 
GM Inarkiev Ernesto RUS 2674 13,0 2656 20 -7,2
28 80
 
IM Sychev Klementy RUS 2594 13,0 2656 20 36,6
29 90
 
IM Golubov Saveliy RUS 2574 12,5 2768 20 107,4
30 58
 
GM Maghsoodloo Parham IRI 2642 12,5 2754 20 63,2
31 82
 
GM Hovhannisyan Robert ARM 2588 12,5 2707 20 66,4
32 19
 
GM Mamedov Rauf AZE 2741 12,5 2691 20 -27,8
33 57
 
GM Indjic Aleksandar SRB 2643 12,5 2687 20 26,0
34 29
 
GM Melkumyan Hrant ARM 2699 12,5 2643 20 -32,2
35 8
 
GM Yu Yangyi CHN 2804 12,5 2640 20 -80,2
36 23
 
GM Jones Gawain C B ENG 2722 12,5 2621 20 -51,8
37 43
 
GM Vallejo Pons Francisco ESP 2673 12,5 2615 20 -31,4
38 56
 
GM Salem A.R. Saleh UAE 2645 12,5 2607 20 -20,8
39 92
 
IM Tsydypov Zhamsaran RUS 2573 12,0 2749 20 97,6
40 68
 
GM Cheparinov Ivan GEO 2618 12,0 2732 20 66,6

... 201 Teilnehmer

Frauen-WM

Katherina Lagno und Sarasadat Khademalsharieh lagen nach dem gestrigen Tag punktgleich in Führung. Die iranische Außenseiterin hatte heute mit 1/3 einen schlechten Start und Lagno konnte sich früh vom Feld absetzen. Die härteste Verfolgerin hieß lange Zeit Lei Tingjie, die vor der Schlussrunde einen halben Rückstand auf Lagno hatte. Die Chinesin verlor jedoch gegen ihre Landsfrau Tan Zhongyi, während Lagno mit einem nie gefährdetem Remis ihre Spitzenposition behaupten konnte. Einen guten zweiten Tag erlebte auch die deutsche Teilnehmerin im Feld, Elisabeth Pähtz, die mit 5/7 viel Boden gut machte und auf Rang 14 ins Ziel kam.

Endstand nach 17 Runden:

Rg. Name Pkt.  Wtg1 
1 Lagno Kateryna 13,5 2616
2 Khademalsharieh Sarasadat 13,0 2562
3 Lei Tingjie 12,5 2558
4 Gunina Valentina 12,0 2490
5 Tan Zhongyi 11,5 2479
6 Goryachkina Aleksandra 11,5 2463
7 Ushenina Anna 11,5 2442
8 Garifullina Leya 11,0 2519
9 Ju Wenjun 11,0 2500
10 Mamedjarova Zeinab 11,0 2494
11 Gaponenko Inna 11,0 2480
12 Muzychuk Anna 11,0 2413
13 Stefanova Antoaneta 11,0 2398
14 Paehtz Elisabeth 11,0 2393
15 Munkhzul Turmunkh 11,0 2390

... 125 Teilnehmerinnen

Partien

 

Frauenturnier

 

Turnierseite

Vorbericht bei der FIDE 

Turnierseite beim russischen Verband

Rapid-WM bei chess-results

Blitz-WM bei chess-results

 




Marco Baldauf, Jahrgang 1990 spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Schach. 2000 und 2002 wurde er Deutscher Jugendmeister, seit 2014 ist er Internationaler Meister und spielt für die SF Berlin in der Bundesliga.
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Falk Falk 31.12.2018 06:51
https://de.wikipedia.org/wiki/Wassyl_Iwantschuk

erster Absatz:
"Am 28. Dezember 2016 gewann er die Schnellschach-Weltmeisterschaft in Doha (Katar) mit 11 Punkten aus 15 Runden, vor Alexander Grischtschuk und Magnus Carlsen."
Blitzschach-Weltmeister war er 2007
Anton46 Anton46 31.12.2018 06:07
@flygurnigel: Ivanchuck ist doch seit vielen Jahren in Rente, ich glaub er war im letzten Jahrhundert mal WM.
rollinghills rollinghills 31.12.2018 02:29
Carlsen hat in einem Interview mal gesagt, dass er den richtigen Zug eigentlich immer sofort sieht, und dann nur noch überlegt, ob seine Intuition ihn nicht im Stich lassen würde (ich glaube, dass war in dem 60 Minutes Interview). Gegen Caruana, und in den letzten 5 Tagen der Rapid und Blitz WM konnte man fantastisch gut beobachten, wie talentiert Carlsen eigentlich nicht. Je schneller es zugeht, desto überlegener ist er. Wenn es bei ihm so richtig läuft, wie bei der Blitz WM ist er wahrscheinlich noch auf Jahre hinaus unschlagbar. Die Überlegenheit war so deutlich. Als Beispiel mag die Partie gegen Duda dienen, der mit Abstand zweiter wurde, aber gegen Carlsen nach weniger als 30 Zügen Kopfschüttelnd aufgab. Gegen Caruana aber vor einem Monat, war er in jeder Partie gezwungen, seine Intuition zu überprüfen, und wurde unsicher.
Carlsen ist in meinen Augen der mit Abstand talentierteste Spieler, den es derzeit gibt, und auch der mit Abstand beste Blitzspieler. Partien mit langer Bedenkzeit laufen seiner Begabung eher zu wieder, aber auch hier wird er auf Sicht wohl kaum zu schlagen sein, solange jedenfalls, wie er Lust hat.
Powerwolf Powerwolf 31.12.2018 06:48
Ich denke man sollte auch Magnus Carlsens sportliche Fairness erwähnen.
Ian Nepomniachtchi kam ca. 1 1/2 Minuten zu spät zur 11. Runde. Laut den Kommentatoren hat Magnus Carlsen dann nach wenigen Zügen in das Remis eingewilligt bzw. Remis angeboten. Auf dem übertragenen Video konnte man sehen das er nicht damit zufrieden war die Partie vielleicht kampflos zu gewinnen. Das hätte seinen Sieg vielleicht noch gefährden können.
Ivan Petrov Ivan Petrov 31.12.2018 06:26
Ein starker Carlsi und ein erbaermliches Umfeld, der Ihn zu jagen zaghaft und furchtvoll versucht, hat es mir Leid getan das ganze Bild zuzuschauen. Ist ja verdient, aber der verspielte Sieg von Andreikin und auch viele die zitternd gegen Magnus auftreten, und das wird sich vielleicht mal so lange nett aendern. Der beste soll immer gewinnen. Von den Topspielern haben nur Ding Liren, Kramnik und Wey Wi gefehlt. Aber, die- koennen die Widerstand leisten?? Ich koennte es, aber musste etwas frueher mit Chess anfangen, nun ist etwas spaet... God bless, let the best one always winn, Tatasteelchess is comming soon, God bless!!!
flygurnigel flygurnigel 31.12.2018 02:46
Magnus hat seinen Titel im Blitz nicht verteidigt, sondern ihn einfach gewonnen. Letztes mal hat Ivanchuck gewonnen, wenn ich mich recht erinnere.
michanizm michanizm 30.12.2018 09:28
stilistisch schon gut geschrieben, aber diese Tippfehler.....
Ein Gegenlesen oder eine eingeschaltete Rechtschreibprüfung hat auch noch niemandem geschadet. Wirkt einfach professioneller.
fjordfish fjordfish 30.12.2018 09:03
Petersburg ohne Titel für Magnus wäre also eine völlige Katastrophe gewesen........?
Mein Gott diese Schreiberlinge........................!
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