Carlsen hat keine Lust mehr auf WM-Wettkämpfe

von André Schulz
20.04.2022 – In einem aktuellen Interview mit der norwegischen Zeitung Verdens Gang hat Magnus Carlsen seine Andeutungen von letzten Dezember bekräftigt, dass er vielleicht nicht mehr zur Titelverteidigung antreten werde. Definitiv entscheiden sei es aber noch nicht. | Foto: Lennart Ootes

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Seit 2013 ist Magnus Carlsen Weltmeister, fast zehn Jahre lang. Die Weltrangliste führt der Norweger schon länger an, mit großem Abstand zum Rest, zur Zeit mit 55 Elopunkten für Ding Liren. Selten hat ein Schachweltmeister die übrigen Spieler so dominiert wie Magnus Carlsen, mit Ausnahme von Garry Kasparov vielleicht. Der 13. Weltmeister gewann den Titel 1985 und behielt ihn 15 Jahre lang, bevor er ihn 2000 an Vladimir Kramnik verlor. In dieser Zeit hat Kasparov den Titel fünfmal erfolgreich verteidigt, 2000 gegen Kramnik ohne Erfolg. Fünf Jahre später trat Kasparov vom Turnierschach zurück.

Magnus Carlsen bringt es in seinen neun Dienstjahren auch schon auf fünf Titelkämpfe, davon vier Titelverteidigungen. Vielleicht sind Titelkämpfe im Rhythmus von zwei Jahren einfach zu viele. In den goldenen Zeiten, bevor die FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes und Kirsan Iljumzhinov das WM-System zerstörten, reichte ein Weltmeisterschaftszyklus über drei Jahre mit Zonenturnieren, Interzonenturnieren, Kandidatenturnieren oder Wettkämpfen und dem Weltmeisterschaftskampf. So schlecht war das nicht. Der Weltmeister hatte drei Jahre Zeit, seinen Titel zu genießen.

Mit seiner Dienstzeit befindet sich Magnus Carlsen im oberen Mittelfeld der Weltmeister. Vor ihm liegen aber noch Anatoly Karpov (10 Jahre), Garry Kasparov (15 Jahre), Alexander Aljechin (18 Jahre) und Emanuel Lasker (27 Jahre). Vielleicht kann man bei Aljechin und Lasker die Dienstjahre nicht voll anrechnen. Zur Weltmeister-Zeit von Lasker kam es zum Ersten Weltkrieg. Davor hatte Lasker auch jahrelang überhaupt kein Schach gespielt und sich nicht um Titelkämpfe gekümmert. Bei Aljechin war es der Zweite Weltkrieg, der einen weiteren Titelkampf nach 1939 verhinderte und danach Aljechins plötzlicher Tod. Zwischenzeitlich hatte Aljechin seinen Titel für zwei Jahre an Max Euwe verloren, holte ihn sich aber zurück. Aber wer weiß, wie es ausgegangen wäre, hätte Aljechin die andauernde Herausforderung in den 1930er Jahren von Capablanca angenommen?

Schon kurz nach dem Weltmeisterschaftskampf in Dubai gegen Ian Nepomniachtchi hatte Magnus Carlsen angedeutet, dass er vielleicht keinen weiteren WM-Kampf mehr spielen wolle, zumindest nicht gegen einen Spieler "seiner Generation." Falls ein jüngerer Spieler sich im kommenden Kandidatenturnier qualifizieren würde, im Besonderen war Alireza Firouzja gemeint, wäre das vielleicht noch eine Herausforderung. Ähnliche Gedanken hatte Carlsen sogar schon 2018 nach dem WM-Kampf gegen Caruana geäußert.

Den Weltmeistertitel zu jagen und dann zu gewinnen, ist sicher der größte Erfolg, den ein Schachspieler erzielen kann. Mehr geht nicht. Darauf folgen allerdings schwierige mentale Herausforderungen. Den Titel verteidigen macht nämlich keinen Spaß. Der Weltmeister kann hier nur verlieren und nicht das gewinnen, was er schon hat. Am schlimmsten ist es wohl, wenn man erneut gegen den gleichen Gegner antreten muss. Vassily Smyslov und Michail Tal machten die Erfahrung, als die die WM-Kämpfe gegen Botvinnik gewannen, in den folgenden Revanchekämpfe aber scheiterten, weil sie nicht die Motivation und Kraft hatten, den Titel gegen den gleichen Gegner noch einmal zu gewinnen.

Bobby Fischer hatte noch nicht einmal die mentale Stärke, seinen nach einigen vergeblichen Anläufen gewonnenen Weltmeister-Titel auch nur einmal zu verteidigen. Er sucht Ausflüchte, zur Titelverteidigung anzutreten und fand sie. Nach seiner Vorstellung hat er den Titel nie verloren und konnte so zu einem "Revanche-Wettkampf" gegen Spasski 20 Jahre später antreten.

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Magnus Carlsen hat nun ganz aktuell in einem Gespräch mit zwei Journalisten der norwegischen Boulevard Zeitung Verdens Gang seinen Andeutungen vom letzten Dezember wiederholt, eigentlich sogar verstärkt. Im Gespräch meine Carlsen, dass er es bereue, nach dem letzten WM-Kampf nicht gleich gesagt zu haben, dass er als Weltmeister zurücktritt. Andererseits sei er sich selber aber nicht im Klaren darüber, ob er zur Titelverteidigung 2023 vielleicht doch noch antreten wolle oder nicht. Die endgültige Entscheidung will Carlsen später treffen. Es wird wohl davon abhängen, wer sich als Herausforderer qualifiziert.

Carlsen, der in seinen Interviews meist sehr offen ist, auch hier, räumt ein, dass die Zeit zwischen 2010 und 2013 für ihn einfacher und besser war. Er war bereits der beste Spieler, Nummer Eins der Weltrangliste, aber noch nicht Weltmeister. Er habe dieses Leben genossen, sagte Carlsen den Verdens Gang-Journalisten. Er wollte den Weltmeistertitel gewinnen, schaffte es, und stellte dann fest, dass von nun ein Großteil seiner Identität mit diesem Titel verbunden war. 

Nicht nur öffentlich hatte sich Magnus Carlsen im letzten Dezember über einen Rücktritt als Weltmeister geäußert. Seinem Team, so verriet Carlsens Chef-Sekundant Peter Heine Nielsen kürzlich in einem Artikel in Skakbladet, hatte er seinen möglichen Rücktritt als Weltmeister schon vor dem Wettkampf angekündigt. Das Team sollte von Anfang an wissen, dass dies auch der letzte WM-Kampf der Carlsen-Sekundanten sein könnte.

Ein Rücktritt als Weltmeister, falls es dazu kommt, solle aber nicht bedeuten, dass Magnus Carlsen nicht mehr an Turnieren mitspielen werde. Vier bis fünf Turniere pro Jahre sind geplant, dazu die Online-Turniere der Champions Chess Tour.

Beitrag bei Verdens Gang...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Pemoe6 Pemoe6 26.04.2022 02:47
@schachkwak: Aber der Kandidat weiß vorher, gegen wen er spielen wird und kann sich vorbereiten. Der Titelverteidiger müsste sich prophylaktisch auf 8 Leute vorbereiten.
schachkwak schachkwak 22.04.2022 02:49
Also mit anderen Worten:
Ein Intercontinental-Champion (so würde es beim Boxen heißen), der jedes Jahr ermittelt wird. Und alle 2 oder 3 Jahre (abhängig von den Regeln - der Titelverteidiger kann vor dem Kandidatenturnier auch immer sagen, dass es einen WM-Kampf mit dem Sieger geben wird) berechtigt dieser Titel zu einem WM-Kampf.
schachkwak schachkwak 22.04.2022 02:19
@michanizm
Ich sehe als Problem, dass eine kürzere Vorbereitungszeit den Titelverteidiger bevorteilt. Natürlich bereiten sich die Spieler auch speziell auf den Gegner vor. Aber eigentlich geht es auch um ein lückenloses und trotzdem flexibles Repertoire. Und das hat der Kandidat gerade beim Kandidatenturnier gezeigt und müsste es nun eigentlich modifizieren.

Ich sehe es aber ganz genauso, dass durch die Computeranalysen die Vorbereitung viel schwieriger geworden ist. Trotzdem würde Carlsen in der vergleichweise kurzen Zeit mit dem nächsten WM-Kampf zu den Rekordhaltern Kasparov und Lasker aufschließen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Schachweltmeisterschaften

Deshalb sehe ich einen anderen Weg: Entschleunigung. Nicht alle 2 Jahre eine Weltmeisterschaft.
Eventuell - um es ganz verrückt zu machen: Entschleunigung, wenn jemand den Titel schon länger innehat.

Dann wird eben noch ein Titel best of the rest ausgerufen und 2 oder 4 Kandidatenturniere gespielt. Eben so ähnlich wie Grand Prix.
Klataro Klataro 22.04.2022 01:31
Ganz ehrlich, wenn man sich die letzten paar WM Kämpfe ansieht, wer braucht denn so einen Zirkus noch? Gerade der letzte war ja für die Zuschauer eine echte Katastrophe und für Carlsen sicher realtiv langweilig.. Ich kann Carlsen schon verstehen, wieso er da keine Lust mehr drauf hat und aussagekräftig sind die WMs sowieso nicht wirklich. Es ist doch gaz klar, wer der beste Spieler in einer bestimmten Ära ist, das zeigen die Turnierergebnisse. Nichts gegen Kramniks Fähigkeiten, er ist ein großartiger Spieler, aber im Prinzip hat er den WM-Titel fast nur mit Hilfe einer geschickten Eröffnungsvorbereitung erkämpft.
nudgegoonies nudgegoonies 22.04.2022 09:08
@michanizm Deine Idee klingt ein bisschen nach dem Format der WM 1996, nur das der aktuelle Weltmeister für das Finale gesetzt ist statt für das Halbfinale. Der Modus der WM 1996 sollte ja auch das Kandidatenturnier aufwerten, indem Kandidatenturnier und WM eine Veranstaltung wurden.
flachspieler flachspieler 21.04.2022 11:43
Eine WM in Scherben: Der Titelverteidiger will nicht mehr, ein potenzieller Herausforderer (Karjakin) darf nicht, ein Top-Kandidat (Firouzja) schafft es, ein halbes Jahr lang vor dem Kandidatenturnier keine Spielpraxis zu haben.
fjordfish fjordfish 21.04.2022 06:23
Mario 1962
was nimmst Du???

Das will ich nicht😂😂😂😂
michanizm michanizm 21.04.2022 01:57
Man kann ja über Carlsens Entscheidung denken wie man will.
Die Entscheidung gar nicht mehr anzutreten oder nur noch gegen Firouzja, finde ich zwar nicht gut, aber dennoch verständlich.

Beide WM Kontrahenten stürzen sich ein halbes Jahr vor dem Match in einem Vorbereitungsmarathon mit einem hochgerüsteten Team aus Sekundanten. Ein absoluter Ausnahmezustand mit einem 100% Fokus auf dieses Match.
Wenn ich bei Carlsen richtig zwischen den Zeilen lese, dann macht genau dieser Vorbereitungsmarathon den WM Zyklus jedes Mal aufs neue zu einer Herausforderung. Vielleicht sollte die FIDE mal die Timeline zu überdenken.
Angenommen das WM Match würde direkt 2-3 Wochen nach dem Kandidatenturnier stattfinden.
Dann hätten beide auch nur 2-3 Wochen Zeit sich entsprechend darauf vorzubereiten.
Die lange Vorbereitungszeit gleicht ja irgendwie einem Wettrüsten: Wer gewinnt die besten und kreativsten Köpfe fürs eigene Team?
Wenn die FIDE sich durchringen könnte den zeitlichen Abstand zwischen Kandidatenturnier und WM-Match zu reduzieren, dann sie auf beiden Seiten auch die Vorbereitungsstress reduzieren.
Der monatelange Stress, der Carlsen scheinbar die Motivation raubt.
Vielleicht würde es helfen, wenn die FIDE die Timeline staucht mit minimaler Vorbereitszeit für beide Kontrahenten.
MARIO1962 MARIO1962 21.04.2022 12:21
genau DAS meinte ich. Aber das übersteigt den Horizont von Chessiszen offenbar. . Dafür hat er einen hübschen Wortbeitrag abgeliefert , Worte ohne Sinn.Aber auch das muss eine Demokratie aushalten.
nudgegoonies nudgegoonies 20.04.2022 11:48
Wenn er zurücktritt ist das doch völlig in Ordnung. Das wird auch seinen Ruhm und all seine Erfolge nicht schmälern. Die Entscheidung Rücktritt oder nicht aber vom zukünftigen Gegner abhängig zu machen finde ich schon unsportlich.
Chessiszen Chessiszen 20.04.2022 08:51
@MARIO1962 Wasn mit dir los? Hat er dich mal verletzt? Benimmt er sich nicht so, wie du es gern hättest ?
Deine beiden Kindergeburtstagswünsche "...bald vergessen..." und "...Schachwelt wird es verschmerzen..." kannst du übrigens vergessen. Das ist ja gar nicht möglich.
Nimmst dich selbst wohl bissl zu ernst wa?
Gibt Leute auf der Welt, die das Leben nicht so ernst-verbissen sehen wie du.
Kann aber auch schon an deinem Alter liegen...
MARIO1962 MARIO1962 20.04.2022 04:00
Man hat also " keine Lust " . Das Leben und die Sportwelt sind kein Kindergeburtstag. Dann eben nicht. Das passt zu ihm . Soll er zurücktreten, dann ist er bald vergessen. Die Schachwelt wird es verschmerzen.
Rheingauer Rheingauer 20.04.2022 10:41
Ich würde mir wünschen, dass Carlsen letzlich doch die Gelegenheit bekommt, einen WM Kampf in klassischer Matchlänge zu spielen, wie seine berühmten Vorgänger! Erst dann ist hier ein wirklicher Vergleich möglich!
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