Carsten Hensel: Vladimir Kramnik - Aus dem Leben eines Schachgenies

von André Schulz
25.02.2018 – Zwischen den Jahren 2000 und 2006 erlebte die Schachwelt eine stürmische Zeit. Carsten Hensel war an der Seite von Vladimir Kramnik bei vielen wichtigen Ereignissen dabei und berichtet in seiner Kramnik-Biografie als Zeitzeuge aus erster Hand.

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Die Vorgeschichte

In der Zeit zwischen 2000 und 2006 bewegte sich das Schach in stürmischem Gewässer. 1993 hatten Garry Kasparow und Nigel Short im Streit mit der FIDE und ihrem damaligem Präsidenten Florencio Campomanes die Schachwelt in zwei Teile geteilt, als sie sich entschlossen, ihren WM-Kampf ohne die FIDE zu spielen. Eine eigene Organisation wurde gegründet, die Professional Chess Association (PCA). Doch dieser war keine lange Lebensdauer beschieden, ebenso wenig wie der Nachfolgeorganisation World Chess Council. Kasparov und seiner PCA gelang es noch, 1994-95 einen vollwertigen WM-Zyklus auf die Beine zu stellen, doch dann ging das Geld aus. Eine zweite Qualifikationsrunde 1998-99 konnte Kasparov, nun mit Hilfe der WCC, schon nicht mehr zu Ende bringen. Alexey Shirov, Sieger des Qualifikationsmatches gegen Vladimir Kramnik, wartet noch heute auf seinen WM-Kampf.

Kasparov setzte mit einem neuen Geldgeber neu auf und spielte 2000 in London gegen Kramnik um die Weltmeisterschaft - und verlor. Damit rückte nun Vladimir Kramnik ins Zentrum der Auseinandersetzung um die Rechtmäßigkeit der Weltmeisterschaften. Kramnik stand als Wettkampfsieger gegen Kasparov in der Tradition, die mit Wilhelm Steinitz begann und nannte sich jetzt "Weltmeister im Klassischen Schach". Auf der anderen Seite stand die FIDE mit ihrer Weltmeisterschaft, die sie zwischen 1999 und 2004 in einem K.o.-Turnier austrug. Der Sieger wurde von denen, die dieses Format als Bruch mit der Tradition ansahen, etwas abwertend FIDE-Weltmeister genannt.

2006 wurden die beiden Weltmeisterschaften wieder zusammengeführt. Der klassische Weltmeister Vladimir Kramnik spielte in Elista, in der Hauptstadt der autonomen russischen Republik Kalmückien, deren Präsidenten in Personalunion der FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov war, gegen den FIDE-Weltmeister.  Das war Veselin Topalov. Er hatte seinen Titel auf überlegene Weise im FIDE-WM-Turnier von San Luis gewonnen. Der Wettkampf in Elista wurde auf besonders schmutzige Weise geführt. Kramnik gewann ihn nach Stichkampf, aber danach war die Schachwelt auf andere Weise erneut in zwei Teile gespalten. Die eine Hälfte erregte sich über die unsauberen Methoden, mit denen das Topalov-Management versuchte, den Wettkampf neben dem Brett für ihren Schützling zu entscheiden, indem es Kramnik indirekt vorwarf, er würde während der Partien auf der Toilette Computerhilfe in Anspruch nehmen. Die anderen fanden, da müsse doch etwas dran sein, wenn Topalovs Manager Silvio Danailov das behauptete. Und auch gegen Topalov stand der Vorwurf im Raum, bei seinen grandiosen Erfolgen auf verschiedenen Turnieren wäre nicht alles mit rechten Dingen zugegangen.

Zeitzeuge Carsten Hensel, Manager von Peter Leko und Vladimir Kramnik

Carsten Hensel war als Kramniks Manager zu dieser Zeit mittendrin im Geschehen und hat die Vorgänge unmittelbar miterlebt. Hensel, ein Sportmanager, der ursprünglich einmal aus dem Tischtennis kommt, war zunächst Manager von Peter Leko und übernahm 2002 auch das Management von Vladimir Kramnik. Über seine Erlebnisse an der Seite von Kramnik hat er nun im Werkstatt-Verlag, der sich auf Sportgeschichten spezialisiert hat, ein ca. 300 Seiten starkes Buch veröffentlicht. Es enthält Partien von Vladimir Kramnik, mit Kommentaren des 14. Weltmeisters, und im Anhang auch alle seine WM-Partien, doch die Partien stehen hier nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung, sondern die Ereignisse drumherum.

Wer sich noch an die Vorgänge in den Jahren 2002 bis 2008 erinnert, kann sich vorstellen, dass Carsten Hensel viel zu berichten hat - und das macht der Dortmunder auch. Das Buch beschränkt sich nicht nur auf die Periode, die Hensel selber miterlebt hat. Es ist eine vollständige Biografie, die mit Kramniks Geburt 1975 beginnt, dem Jahr als Karpov kampflos Weltmeister wurde. Hensel berichtet, wie Kramnik zu einem der besten Spieler in der Sowjetunion und dann in Russland aufstieg und begann Geld zu verdienen. Mitte der 1990 Jahre spielte er in der Bundesliga für Empor Berlin und wurde dort von einem vermeintlichen Vertrauensmann um eine nicht unerhebliche Summe erleichtert. Das Geld, so berichtet Hensel, sei in eine Firma "Spree-Capital-Gesellschaft" geflossen, deren Geschäftsführer dann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Kramniks Geld war trotzdem weg und er war laut den Ausführungen von Hensel nicht der einzige Geschädigte in Berlin. Ähnlich unschöne Dinge erlebten zu jener Zeit aber bekanntlich auch Spieler der Schachabteilung von Bayern München, die von deren damaligen Leiter Heinrich Jellissen um ihre Einnahmen gebracht wurde, indem er sie "anlegte".

2004 erlebte Hensel als Doppelmanager eine etwas schwierige Zeit, als beide seiner "Klienten" in einem Wettkampf um die Weltmeisterschaft gegeneinander spielten. Kramnik und Leko trugen das Match in der Tabakfabrik von Heinrich Burger in Brissago am Ufer des Lago Maggiore in malerischer Kulisse aus. Zu jener Zeit litt Kramnik schon an einer noch nicht diagnostizierten rheumatischen Erkrankung. Sie und andere Faktoren erschöpften ihn, was zu einem totalen Zusammenbruch führte: psychisch wie physisch! Er war schließlich einem Kollaps nahe und musste in einem Krankenhaus behandelt werden. Für den gemeinsamen Manger Hensel eine schwierige Mission: Kramnik helfen, ohne Leko zu schaden.

Was passierte in San Luis 2005?

Das Buch soll hier nicht vollständig nacherzählt werden, einige Schlüsselereignisse dieser dürfen aber nicht unerwähnt bleiben. 2005 fand in San Luis in Argentinien ein doppelrundiges Turnier mit acht Spielern um die FIDE-Weltmeisterschaft statt. Von den sieben Partien der Hinrunde gewann Veselin Topalov sechs. Nur Anand hielt remis. Carsten Hensel reiste zum Turnier, um dort mit den FIDE-Funktionären wegen eines Wiedervereinigungswettkampfes zu verhandeln und kam zur sechsten Partie der Hinrunde an. Hensel schreibt:

"Was ich sah, schockierte mich. Danailov verließ nach fast jedem Zug der Polgar den Spielsaal, kam zurück, und als Topalov ihn dann anschaute, gab er Zeichen mit seiner rechten Hand: Faust zum Kinn, drei Finger an der rechten Wange, ein Finger am Hals. Ein oder zweimal auf die Schlagader klopfend usw. ich kann nicht sagen, ob Danailovs Gebärden bestimmte Züge verschlüsselten. (...) Ich bat zwei anwesende Deutsche um Beobachtung der Dinge, den Internationalen Meister Olaf Heinzel und den Dortmunder Turnierdirektor Stefan Koth, die schon länger vor Ort waren. (...) Heinzel beschreibt seine Beobachtungen so: "Danailov ist mit dem Fahrstuhl mehrfach zu einem Hotelzimmer gefahren. (...) Als er nach einigen Minuten aus dem Zimmer herauskam, konnte ich durch die offene Tür hinein schauen..."

Stop! Alles wollen wir hier nicht verraten...

Hensel führt auch die Beobachtungen von Stefan Koth in seinem Buch im Detail aus. "Ich konfrontierte Danailov mit den Vorwürfen am Ruhetag nach Partie sieben. Er stritt etwaige Manipulationsvorwürfe vehement ab. In der zweiten Turnierhälfte wiederholte sich das Verhalten nicht mehr."

(Die Schreibweise der Namen im Zitat wurde der hier üblichen englischen FIDE-Schreibweise angepasst)

Der Wiedervereinigungswettkampf in Elista

Hensel und Danailov verhandelten 2005 über einen möglichen Wiedervereinigungswettkampf und erzielten zusammen mit der Firma des deutsch-russischen Unternehmers Josef Resch, Universal Event Promotion (UEP), Einigkeit. Das Match sollte in Bonn stattfinden. Doch dann grätschte die FIDE dazwischen und versuchten Kramnik ins Abseits zu drängen. Schließlich schaltete sich jedoch Alexander Zhukov ein, der stellvertretende Ministerpräsident von Russland, und übte Druck auf Ilyumzhinov und die FIDE aus. So kam das Match zwischen Kramnik und Topalov doch noch zustande, allerdings nicht in Bonn, sondern in Elista.

In Anbetracht der merkwürdigen Umstände beim Turnier in San Luis Luis verlangte Kramnik beim Wettkampf in Elista strenge Sicherheitsvorkehrungen. Unter anderem hatte Hensel zwischen Bühne und Zuschauerraum eine Glaswand stellen lassen, als Sichtschutz für etwaige Manipulationsversuche. Schon vor Beginn des Matches gab es Proteste aus dem bulgarischen Lager, unter anderem gegen die Glaswand, die abgebaut werden sollte.

Der Beginn des Wettkampfes lief für Topalov schlecht. Er hatte gute Stellungen und Chancen, aber nach vier Partien stand es 3:1 für Kramnik. Hensel beschreibt detailliert, wie das Topalov-Team nun ein anderes Fass aufmachte und Kramnik mit Hilfe des Schiedsgerichtes, bestehend aus Georgios Makropoulos, Zurab Asmaiparashvili und Jorge Vega, die Toilette seines Ruheraumes sperren ließ. Kramnik trat aus Protest zur 5. Partie nicht an und verlor kampflos. Das Match stand vor dem Abbruch. Kirsan Ilyumzhinov befand sich zu der Zeit bei einem Treffen der russischen Provinchefs in Sotschi und wurde von vladimir Putin aufgefordert, die Dinge bei seinem Schachkampf in Elista in Ordnung zu bringen. Das tat Ilyumzhinov dann auch und der Wettkampf konnte doch noch zu Ende gespielt werden. Kramnik gewann im Stichkampf. Mit seinem Sieg wurden die beiden Weltmeisterschaftssysteme endlich wieder zusammen geführt.

In den folgenden Kapiteln berichtet Carsten Hensel ausführlich vom Wettkampf "Mensch gegen Maschine", Kramnik gegen Deep Fritz in Bonn, den Kramnik durch einen Blackout verlor, von den Umständen unter denen Kramnik sich zur Teilnahme am WM-Turnier in Mexiko entschloss und vom Revanche-Kampf gegen Anand in Bonn. In der Bonner Bundeskunsthalle stimmte für Kramnik in Bezug auf die Organisations- und Spielbedingungen alles, doch in seiner Vorbereitung und mit seinem Sekundantenteam lief nicht viel zusammen. Nach diesem Wettkampf, in dem Anand seinen in Mexiko gewonnenen Titel verteidigte, beendeten Kramnik und Hensel ihre Zusammenarbeit. Hensel berichtet noch vom Scheitern der Verhandlungen der UEP mit der FIDE über eine Vermarktung der Weltmeisterschaften durch Josef Resch und die UEP und lässt dann noch einige Großmeister-Kollegen mit ihrer Meinung über Kramnik zu Wort kommen.

Spannend wie ein Krimi

Carsten Hensels Berichte über diese unruhige Zeit liest sich spannender als jeder Krimi. Wer sich für (hier: jüngere) Schachgeschichte interessiert und die damaligen Skandalgeschichten noch einmal im Zusammenhang nacherleben möchte, auch mit vielen unbekannten Details, wird mit Hensels Buch bestens bedient.

Carsten Hensel: Aus dem Leben eines Schachgenies

Werkstatt-verlag

  • 304 Seiten
  • 13,9 x 21,2 cm
  • Hardcover
  • Fotos, mit Kommentaren von Wladimir Kramnik

ISBN: 978-3-7307-0389-2

1. Auflage 2018

 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Mazel_tov Mazel_tov 25.02.2018 04:14
Den Preis hätte man durchaus (wie bei der letzten Buchvorstellung) aufnehmen können.
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