CBM #202 Spezial: Jan Timman

05.07.2021 – Jan Timman, die niederländischen Legende, wird in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiern. „Meine Lieblingspartie von Timman“ ist der Titel des "Spezial"-Themas des neuen ChessBase Magazins #202. Eine exquisite Sammlung von insgesamt 25 Siegen erwartet Sie, kommentiert von unseren Autoren und mit teils sehr persönlichen Anmerkungen versehen: „...dass Timman eine Mischung aus Hippie, Freigeist und Schachkünstler zu verkörpern schien – und am Brett trotzdem Weltklasse war“, stellt z.B. Martin Breutigam seiner Analyse des niederländischen Duells Timman-Van Wely aus dem Jahr 1998 voran. Da haben Sie doch bestimmt Lust, sofort weiterzulesen? Wir wünschen viel Spaß dabei!

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Weltklassespieler erklären die Ideen hinter ihren Zügen. Eröffnungsspezialisten präsentieren aktuelle Trends und spannende Ideen für Ihr Repertoire. Meistertrainer in Sachen Taktik, Strategie und Endspiel zeigen Ihnen genau die Tricks und Techniken, die man als erfolgreicher Turnierspieler braucht!

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Meine Lieblingspartie von Jan Timman

Martin Breutigam kommentiert Jan Timman – Loek van Wely (Breda 1998)

Wer in den 1970er oder in den frühen 1980er Jahren schachspielerisch sozialisiert wurde, fand in einem goldenen Jahrgang reichlich Auswahl an unterschiedlichen Persönlichkeiten, die durchaus als Vorbilder in Betracht kamen: Der damalige Weltmeister Anatoli Karpow ist zum Beispiel 1951 geboren, ebenso der Schwede Ulf Andersson und auch dessen langjähriger Freund Jan Timman. Das Interessante an Letzterem war nicht nur dessen gewaltige Spielstärke; noch faszinierender wirkte es - zumindest aus der norddeutschen Ferne betrachtet -, dass Timman eine Mischung aus Hippie, Freigeist und Schachkünstler zu verkörpern schien - und am Brett trotzdem Weltklasse war. Die Suche nach verborgener Schönheit, nach Eleganz spiegelt sich in vielen Partien des Niederländers und auch in seinen Kompositionen. Schon in der Schulzeit hatte er an ersten eigenen Endspielstudien gebastelt. Und vermutlich macht er es heute noch. "Wie das Schachspielen eine romantische Flucht aus der Wirklichkeit ist, so ist die Beschäftigung mit der Endspielstudie wiederum eine Flucht aus jener Welt der Romantik. Wann immer mir im Turnierschach nicht viel gelingen wollte, und es nur Rückschläge zu geben schien, suchte ich mein Heil im Komponieren von Studien", schreibt Timman im Vorwort des Buches "Ausgewählte Endspielstudien" (Verlag Hans Wilhelm Fink, 1995). Kein studienhaftes Endspiel war in der 6. Wettkampfpartie gegen seinen Landsmann Loek van Wely in Breda 1998 gefragt. Timman kam nämlich schon vorher ans Ziel - mit viel "Romantik" in seinen Zügen. Was für ein kurzes, heftiges Opferspektakel!

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 Timman wählt in dieser Partie das bei dieser konkreten Zugfolge eher ungewöhnliche große Fianchetto h3/g4/Lg2. Etwas häufiger anzutreffen ist dieses Konzept u.a. über die direkte Keres-Angriff-Zugfolge: 5...e6 6.g4 h6 7.h3 (Die alte Hauptvariante ist 7.h4) 7...Sc6 8.Lg2

6.Le3 Ein für Schwarz typisches Mittel gegen die weiße Expansion 6.h3 e6 7.g4 ist der Gegenstoß 7...h6 8.Lg2 g5!? , um auf dem Feld e5 einen "ewigen" Springer zu etablieren, z.B. 9.Le3 Sbd7 10.De2 Se5 11.0–0–0 Sfd7 12.h4 Tg8 13.hxg5 hxg5 14.Kb1 b5 15.a3 Lb7 16.Lc1 Tc8 0–1 (48) Dominguez Perez,L (2739)-Kasparov,G (2812), Blitz, Saint Louis 2017

6...Sc6

Viele Jahre nach dieser Partie gegen Timman griff auch van Wely zu der ...g5–Idee (vgl. Anm. zum 6. Zug): 6...e6 7.g4 h6 8.Df3 Sbd7 9.Dg2 g5 10.0–0–0 Se5 11.Le2 b5 12.h4 Tg8 13.hxg5 hxg5 14.Sf3 Sexg4 15.Ld4 Lb7 16.Se1 b4 17.Lxg4 bxc3 18.Lxc3 Tc8 19.Lxf6 Dxf6 20.Sd3 Dd4 21.f3 Lg7 22.Kb1 Ke7 23.Dd2 Lf6 24.Th6 Db6 25.a3 a5 26.Dh2 Lg7 27.Th5 La6 28.Dd2 Lc3 29.Dc1 Ld4 30.Dd2 Lxd3 31.cxd3 Tc3 32.Th2 Txa3 33.Dc1 Tb8 34.Tc2 Tb3 35.Tdd2 Le3 36.Dd1 Lxd2 37.Dxd2 Dg1+ 38.Dc1 Dxc1+ 39.Kxc1 T8b7 40.d4 a4 41.Lh5 T3b4 42.d5 exd5 43.exd5 Td4 0–1 (43) Hou,Y (2673)-Van Wely,L (2640) Wijk aan Zee 2016

7.h3 e6 8.g4 Le7 9.Lg2 h6 10.f4 Wenn Weiß mit f2–f4 noch wartet, bekommt Schwarz wieder Gelegenheit zu dem ...g5–Plan: 10.Dd2?! Se5 11.b3 g5! 12.f4 gxf4 13.Lxf4 b5! 14.0–0 Lb7 15.Lxh6?! Tc8 16.Le3 Dc7 17.g5? Dxc3! 18.gxf6 Lxf6 19.Df2 (Falls 19.Dxc3 Txc3 20.Ld2 , so 20...Tg3! 21.Txf6 Thg8 22.Tf2 Lxe4–+) 19...Lh4 20.Df4 Tg8 0–1 (22) Esserman,M (2426)-Navara,D (2736) Reykjavik 2015

10...Dc7 Van Wely folgt in den nächsten Zügen klassischen Mustern des Scheveninger Systems.

Alternativ kam es aber auch hier in Betracht, auf die oben genannte Weise um die Kontrolle des Feldes e5 zu kämpfen: 10...Sd7 11.Sf3 g5 12.Se2 gxf4 13.Lxf4 Sde5 14.Sxe5 Sxe5 15.Sg3 Db6 16.Lxe5 dxe5 17.Df3 Lg5 18.h4 De3+ 19.Dxe3 Lxe3 20.Ke2 La7 21.Tad1 Ld7 22.Kf3 Ke7 23.Th2 Thg8 24.Lh3 La4 25.Thd2 Tac8 26.Lf1 Tg6 27.Sh5 Ld4 28.Ld3 Tcg8 29.Tg2 f5 30.exf5 Lc6+ 31.Ke2 exf5 32.Sg3 Lxg2 33.Sxf5+ Kf6 34.Sxd4 Txg4 35.Sf5 e4 36.Sxh6 Lf3+ 0–1 (36) Navara,D (2717)-Duda,J (2755) Prague 2020

11.0–0 Sxd4 12.Dxd4 e5 13.Dd2 exf4 14.Txf4 Le6 15.Taf1 Damit ist die Eröffnungsphase abgeschlossen; alle weißen Figuren stehen zum Angriff bereit.

15...0–0?! Objektiv wohl noch kein Fehler. Schwarz unterschätzt jedoch den folgenden weißen Angriff, der für ein Menschenhirn schwer zu parieren sein wird. Flexibler und zumindest aus praktischer Sicht weniger gefährlich war 15...Sd7 , z.B. 16.Sd5 Lxd5 17.exd5 bzw. (Oder 17.Dxd5 Lf6 18.c3 Se5) 17...0–0

16.Txf6! Lxf6 Nach 16...gxf6? 17.Lxh6 würde Schwarz bald an der Schwächung seiner Königsstellung zu Grunde gehen, z.B. in dieser computeresken Variante: 17...Tfe8 18.Tf5!? Lxf5 19.Sd5 Dd8 (19...Dc5+ 20.Le3+–) 20.exf5 Tc8 21.c3 Tc5 22.Dd4+–

17.Txf6! Und wieder haut Timman auf f6 eine Qualität rein - fantastisch!

17...gxf6 18.Df2! Führt die Dame rasch zum gegnerischen König.

18...Kg7? Die Balance gehalten hätte u.a. 18...Tfc8!? , was ggf. ein beschwichtigendes Rückopfer auf c3 ermöglicht, z.B. 19.e5!? (Oder 19.Dxf6 Dd8! 20.Dxh6 Df8! 21.Df4 Dg7 22.Dxd6) 19...fxe5 20.Lxh6 Dc5! 21.Le3 Da5!= 22.Dh4 (Oder 22.Lh6 Dc5! 23.Le3 Da5=; Nicht 22.Se4? Txc2!–+ 23.Dxc2 De1+) 22...Txc3! 23.bxc3 Dxc3 24.Lg5 Dxc2 25.Lf6 Dh7 26.Dg5+ Dg6 27.Dh4 Dh7 28.Dg5+=

19.e5! Dieses hübsche Räumungsopfer schafft auf dem Feld e4 Platz für eine weiße Leichtfigur. Weiß steht bereits auf Gewinn.

Ungenau wäre 19.Lxh6+? gewesen, weil Schwarz nach 19...Kxh6 20.Dxf6+ Kh7 21.e5? (ein ewiges Schach ergäbe immerhin 21.Dh4+ Kg6 22.Dh5+ Kf6 23.Dh4+=) mit 21...Dc5+ nebst ...Dxe5 kontern könnte

19...fxe5 Auch mit anderen Zügen wäre nichts mehr zu retten gewesen, z.B. 19...Th8 20.Dxf6+ Kg8 21.exd6 Dxd6 22.Ld4 Th7 23.Se4! ggf. nebst 24.Df2 und 25.Sf6+.

20.Lxh6+! Die finale Pointe!

20...Kg6 Oder 20...Kxh6 21.Df6+ Kh7 22.Le4+ Kg8 23.Dg5+ Kh8 24.Dh6+ Kg8 25.Dh7#

21.Dh4! Und auch der war noch wichtig. hingegen gab van Wely auf; denn die weißen Angreifer sind wirklich nicht mehr zu bändigen, z.B.

Andere Züge hätten den Gewinn verdorben, z.B. 21.Le4+? f5!

21...f6 22.Dh5+ Kh7 23.Lxf8+ Kg8 24.Lxd6! Dxd6 25.Dg6+ Kf8 26.Dxf6+ Ke8 27.Se4 Dd4+ 28.Kh2+–

1–0

Die exklusive Sammlung von insgesamt 25 Partien Jan Timmans finden Sie im neuen ChessBase Magazin #202 (Juli/August 2021). Neben Martin Breutigam haben David Navara, Adhiban Baskaran, Yannick Pelletier, Krishnan Sasikiran u.v.a. ihre Lieblingspartie der niederländischen Legende kommentiert (überwiegend in englischer Sprache). 

ChessBase Magazin #202

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