CBM Extra #201: "Die Glanzpartie"

15.06.2021 – Das CBM Extra hat in den letzten Jahren stark an Aktualität und Attraktivität gewonnen. Jüngstes Beispiel: Im neuen Extra #201 nimmt Mihail Marin die Partie Grischuk-MVL vom Kandidatenturnier zum Ausgangspunkt seiner Videoanalyse "Anti-Najdorf à la Carlsen" (1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4 Sc6 5.Dd2). Dazu liefert Daniel King eine Videoanalyse zum Königsinder in Wojtaszek-Caruana (Tata Steel 2021) Und in der bewährten „Wundertüte“ finden Sie viele hochklassige Analysen und schachliche Leckerbissen. „Die Glanzpartie“ steht exemplarisch für die 25 ausführlich kommentierten Partien der neuen Ausgabe. Schauen Sie rein!

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Videos: Mihail Marin zeigt „Anti-Najdorf à la Carlsen“ anhand Grischuk – Vachier-Lagrave vom Kandidatenturnier, Daniel King prüft Caruanas 7…Lg4 im Königsinder. "Wundertüte" mit Analysen von Duda, Yu, Sasikiran u.v.a. Plus 38.000 neue Partien

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Die Glanzpartie

Krishnan Sasikiran kommentiert

Krishnan Sasikiran (2551) - Pino Verde (2475)
ICCF, 20.06.2020

1.e4 g6 2.d4 d6 3.Sc3 Lg7 4.Le3 a6 5.Dd2 b5 6.h4!? h5 7.a4!?

Ein neuer Trend im Fernschach und einer, der sich in letzter Zeit gut bewährt hat. Schwarz hat jetzt eine schwierige Wahl: Entweder wird nach b4 der Damenflügel geschlossen oder die Bauernstruktur zerschlagen.

7...b4 7...bxa4!? Sieht schrecklich aus, aber jetzt bekommt der schwarze König eine sichere Zuflucht am Königsflügel, da der Damenflügel offen ist.

8.Sd5 a5 Ich erwog durchaus 8...Sd7!? 9.Sxb4 c5 10.dxc5 dxc5 11.Dd5!? Eine forcierende Variante, in der Weiß am Ende eine Qualität mehr behält.

9.Sh3!? Eine Neuerung in dieser Stellung. Nach schwarzem ...h5 ist allerdings das Etablieren eines Springers auf g5 ein ziemlich Standardschema.

9...Lb7!? 9...Lxh3!? 10.Txh3 Mit der Einschaltung von a4–a5 begünstigt dieser Abtausch Weiß, da Schwarz nicht den Raumgreifer a4–a3 hat, was für ihn eine Schlüsselidee ist, um Gegenspiel aufzuziehen.

10.f3!?

Eine keineswegs einfache Wahl. Ich führe einige Beispielvarianten an, mit ein paar Kernideen für beide Seiten. Es gibt hier riesigen Erkundungsspielraum.

10.0–0–0!? Sd7! 11.Ld3 (11.f3 Lxd5 12.exd5 Sgf6 13.Sf4 Tb8! Gegen Lb5 gerichtet. (13...Sb6 14.Lb5+ Kf8 15.Lc6 Sc4 16.De2 Sxe3 17.Dxe3 Lh6 18.Tde1! Ta6 19.Kb1 Txc6 20.dxc6 De8 21.d5 Lxf4 22.Dxf4 Sxd5 23.Dd4 Sf6 24.Dc4) 14.g4 (14.Lb5 Txb5 15.axb5 Da8!) 14...hxg4 15.Ld3 g3! 16.Se6 fxe6 17.Lxg6+ Kf8 18.dxe6 Sb6 19.Lg5 Sc4 20.Df4 d5 21.b3 Dd6! 22.bxc4 Dxf4+ 23.Lxf4 dxc4 Trotz Läuferpaar und Mehrbauer erachtete ich den Vorteil für Weiß, wenn überhaupt, für äußerst minimal.) 11...Dc8! 12.The1 e6 13.Sdf4 Se7 14.Sg5 0–0 15.Lc4 d5! 16.Lb3 dxe4 17.Kb1 Ld5 18.g4 hxg4 19.h5 Lxb3 20.cxb3 e5 21.dxe5 Sxe5 22.hxg6 S7xg6 23.Sxg6 Sxg6 24.Dd5 c6 25.Dxe4 Te8 26.Dc2 Te5 27.Tg1 Td5!? Beide Farben haben in dieser langen Variante viele Alternativen. Selbst ist der Schlussstellung kann Weiß einfach Ka2 spielen, und für nur einen Bauern steht sein König vergleichsweise viel sicherer.; 10.Ld3 Sd7 11.0–0–0 leitet über.

10...Sd7 11.Sdf4 Nun muss Schwarz etwas im Zentrum unternehmen, denn nach Sg5 beginnen die hellen Felder zu ächzen.

11...e5!? 11...c5!? 12.Lc4! Der  leichtere Weg, der auf Entwicklung setzt. 12...Dc8 13.c3!? La6 (13...cxd4 14.Lxf7+! Kxf7 15.Sg5+ Ke8 16.cxd4 Mit dem Springer, der gleich auf e6 landet, und unmöglich gemachter Rochade von Schwarz ist dies offensichtlich Kompensation. 16...Sf8 17.Tc1 Dd7 18.d5!) 14.Ld5 Tb8 15.Sg5 Sh6 16.Sxg6!? bxc3 17.bxc3 fxg6 18.Se6 Lf8 19.c4!? Tb4 20.dxc5 Sf7 21.c6 Sf6 22.0–0 Sd8 23.Sxd8 Dxd8 24.Tfb1

12.dxe5 Sxe5 12...dxe5 13.Sd5!

13.Sg5!?

13.Lb5+!? Eine offensichtliche Fortsetzung, die eine Schwäche auf d6 erzeugt. Es folgt eine lange forcierte Variante: 13...c6! 14.Le2 Dxh4+ 15.Sf2 De7 16.Td1 La6! 17.Dxd6 Dxd6 18.Txd6 Lxe2 19.Kxe2 Sc4 20.Txc6 Sxb2! 21.Tc7 Sxa4 22.Sxg6 Th7 23.Sf4 Sc3+ 24.Kd3 a4!? Obwohl Weiß etwas besser steht (Bauernstruktur und aktive Figuren), fand ich, Schwarz hätte mit dem a-Freibauern genug Gegenspiel.

13...Dd7? Versucht, durch Attackieren von a4 Weiß an der langen Rochade zu hindern, aber dies funktioniert taktisch nicht, und Weiß erreicht sein Ziel, den Damenflügel zu schließen, wobei Schwarz mit dem d5–Hebel nur ein Tempo zu kurz kommt.

13...Sf6! Entwicklung war hier Priorität. 14.Lb5+ c6 15.Le2 De7! 16.Td1 d5 17.exd5 Sxd5! Der Figurentausch hilft Schwarz, da die Springer auf f4 und g5 seinen Königsflügel lähmen. 18.Sxd5 cxd5 19.0–0 0–0 20.Tfe1 Tac8 21.Ld4 Dc7! 22.b3!? Tfe8! 23.Lb5 Te7!= Schwarz hat ein paar Schwächen zu verteidigen (a5/d5), aber die Figuren arbeiten gut, und seine Stellung ist durchaus verteidigungsfähig.

14.b3!! Deckt a4 und macht sich bereit zur langen Rochade.

14...Sf6 14...Sxf3+ funktioniert nicht, und die folgende Variante zeigt die Bedeutung von Figurenkoordination gegenüber Material. 15.gxf3 Lc3 16.Dxc3! Es ist unerlässlich, Schwarz nicht zu Sf6 kommen zu lassen, und daher zählt jedes Tempo. 16...bxc3 17.Ld4! d5 (17...Th6 18.0–0–0! La6 19.Lh3 Dc6 20.Sd5!+– Schwarz kann kaum ziehen, und Te1–e3–c3 kommt.; 17...f6 18.Sge6 Se7 19.0–0–0! Kf7 20.Sc5! dxc5 21.Lc4+ Sd5 22.Lxc3!+–) 18.Lxh8 f6! 19.Sge6 Dd6 20.Th2!! Der schnellste Weg in die e-Linie. 20...Lc8 21.e5! fxe5 22.Lb5+ c6 23.Te2 e4 24.Txe4!! cxb5 25.Le5 Db6 26.Sc7+ Kf7 27.Td4!+–

15.0–0–0 0–0 16.Ld4 De7 16...Tad8 17.Lb2 De7 18.Sd5! Sxd5 19.exd5 Sd7 20.Lxg7 Kxg7 21.Kb1! Vermeidet jegliche Tricks auf dem Feld a1. 21...Sb6 22.Lc4! und Weiß steht bereit, den Königsflügel mit g4 aufzuknacken.

17.Lb2 Sh7 

18.Sd5! Lxd5 19.exd5 Sxg5 20.hxg5 f5!? Versucht, zu f4 zu kommen, wonach der Springer auf e5 felsenfest steht.

20...f6 21.f4 Sd7 22.Te1 Df7 23.Te6! fxg5 (23...f5 24.g4!+–) 24.Ld3!+–

21.Df4!? Eine technische Lösung. Im Besitz der zwei Läufer mag es eine gute Idee sein, mit gxf6 zu öffnen. Hier aber landet der weißfeldrige Läufer bequem auf b5, was Weiß die Kontrolle über die e-Linie gibt. Die Möglichkeit, mit g4 am Königsflügel und c3 am Damenflügel zu hebeln, sollte mehr als genug sein, um den Sieg zu sichern.

21...Sd7 Die Topwahl des Computers. Ich persönlich fand Sf7 herausfordernder, da forciert die Damen vom Brett verschwinden.

21...Sf7!? 22.Lxg7 Kxg7 23.Dd4+ De5 24.f4 Dxd4 25.Txd4 Sd8 26.c3!? (26.Lb5 Sb7 27.Lc6 Tab8 28.Lxb7 Txb7 29.Te1 Kf7 30.Tc4 Ta8 31.Tc6 Taa7) 26...bxc3 27.Lb5 Sb7 28.Th3 Sc5 29.Txc3 Mit dem späteren Qualitätsopfer auf c5 und dem Hebel b4 sollte Weiß durchbrechen können, obwohl es noch ein langer Weg ist.

22.Lb5! Tae8 23.The1 Lxb2+ 23...Dxe1 24.Txe1 Txe1+ 25.Kd2 Te7 26.Lxg7 Txg7 27.Lxd7 Txd7 28.De3!+– Weiß holt a5 ab, und der König kann wenn nötig über c4 entkommen.

24.Kxb2 Dg7+ 25.Kb1 Txe1 26.Txe1 Sc5

27.Te3! Stoppt Gegenspiel mit Dc3.

27...Kh7 27...Kh8 28.Te2 Dc3 29.De3!+–

28.Te2! Macht den Weg für die Umgruppierung der Dame frei.

28...Tf7 28...Dc3 29.De3! Dxe3 30.Txe3 Tf7 31.Le8 f4 32.Lxf7 fxe3 33.Kc1!+–

29.Dd2 Te7 29...f4 30.De1! Dc3 31.Dxc3 bxc3 32.b4 axb4 33.a5+–

30.Te3! Nimmt Te5 aus der Stellung.

30...Df8 30...Te5 31.Txe5 Dxe5 (31...dxe5 32.d6!+–) 32.De2!+– Nach dem Damentausch gewinnt der c3–Hebel einfach die Partie, da der a-Freibauer vom Springer kaum aufzuhalten ist.

31.De2 Txe3 32.Dxe3 Der Rest bedarf keines Kommentars, denn Weiß macht sich daran, mit dem c3–Hebel einen Freibauern am Damenflügel zu bilden.

32...Dd8 33.Kb2 Kg7 34.c3 bxc3+ 35.Dxc3+ Kg8 36.De3 h4 37.Kc2 Kf7 38.f4 Db8 39.Dc3 Se4 40.Dxa5

Das frühe 9.Sh3 stellt die Schwarzspieler vor einige ernste Probleme. Schwarz hätte die Partie mit 13...Sf6! halten können, aber selbst nach diesem Zug ist die Verteidigungsaufgabe nicht einfach. Generell hatte ich den Eindruck, Moderne Verteidigung/Pirc eignet sich mehr für das praktische Spiel am Brett (ich habe mit beiden Farben ein paar Partien gehabt), und diese Begegnung kann diesen Eindruck nur bestätigen.

1–0

Weitere Autoren der "Wundertüte" in CBM Extra 201: Jan-Krzysztof Duda, Yu Yangyi, Spyridon Kapnisis, Romain Edouard, Sury Vaibhav und Tanmay Srinath

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