Chess Classic Mainz 2005

03.08.2005 – Ab kommenden Dienstag ist die Mainzer Rheingoldhalle erneut Schauplatz der Chess Classic Mainz (9.-14.August), einer der unbestrittenen Höhepunkte im deutschen Schachkalender. Erneut werden viele Großmeister und Amateure eine Woche lang in ganz unterschiedlichen Turnieren, um Ruhm und Preisgeld (Preisfonds der Open: 36.000 Euro!) kämpfen können und dabei viel Spaß haben sollen. Viele Stars, darunter Spitzenspieler wie Morozevich, Shirov, Nisipeanu oder Radjabov  haben bereits zugesagt, wobei die meisten sowohl im Ordix-Open mit der bekannten Ausgangsstellung als auch im FiNet Chess960 Open antreten wollen. Zum Auftakt der Woche feiern Spasski, Kortschnoj, Karpov und der Jubilar selbst mit einem Turnier Unzickers 80sten. Am Wochenende kommt es zu den Duellen zwischen Anand und Grischuk im Chess "1", während Svidler und Almasi um den Titel des Weltmeisters im Chess 960 ringen. Neu im Programm ist u.a. ein Chess 960-Computerturnier. Homepage des Veranstalters...Übersicht über alle Veranstaltungen...

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„Kein Skalp ist zu groß“ für Lobrons Gürtel
Chess Classic Mainz: Im Ordix und im FiNet Chess960 Open versammelt sich wieder die Weltklasse / Bacrot, Aronjan und Schirow führen Setzliste an / Schach-Filme und Kinderbetreuung
Von Hartmut Metz.

Die Open-Turniere bei den Chess Classic Mainz (9. bis 14. August) bestätigen einmal mehr bereits vor dem ersten Zug, dass sie weltweit die stärksten ihrer Art sind. Das FiNet Open im Chess960, bei dem vor jeder Partie die Grundstellung der Figuren ausgelost wird, ist ohnehin konkurrenzlos. Und das darauf in der Rheingoldhalle folgende Ordix Open (13./14. August) weist erneut eine imposante Meldeliste auf. Die ersten 35 Großmeister weisen im Schnellschach-Mekka einen Durchschnitt von über 2600 Elo auf! Am Start werden wieder weit mehr als 100 Titelträger des Schach-Weltverbandes FIDE sein. Gleiches gilt für das FiNet Chess960 Open, bei dem die Bedenkzeit ebenso 20 Minuten plus fünf Sekunden pro ausgeführten Zug beträgt. Nahezu alle Großmeister treten am 11. August (Anmeldung ab 10.30 Uhr in der Rheingoldhalle) auch im Chess960-Turnier an. Einzige Ausnahmen: Ulf Andersson (Schweden) sowie die deutschen Großmeister Leonid Kritz und Raj Tischbierek. Die rege Teilnahme fußt wohl auf zwei Gründen: Zum einen ist der Preisfonds beider Open mit 36.000 Euro und 152 Preisen, darunter viele Ratingpreise für Amateure, üppig gefüllt. Zum anderen gibt es außer dem Lockmittel Geld inzwischen eine hohe Akzeptanz der neuen Schachvariante Chess960.

Gelänge einem der erwarteten 500 Teilnehmer der Sieg sowohl im Ordix wie im FiNet Open, würde er 8.000 Euro einstreichen - und das Recht erhalten, im nächsten Jahr um die Chess960-Weltmeisteschaft gegen den Sieger des Duells Peter Swidler – Zoltan Almasi zu spielen. Die Liste der Kandidaten für die ersten Plätze ist in beiden Turnieren lang. Der frisch gebackene Europameister traut sich dabei weniger zu als dem an Position zwei gesetzten Mannschaftskameraden beim Bundesligisten Kreuzberg: „Ich würde mein Geld auf Levon Aronjan setzen. Im Tiebreak in Warschau war er sehr beeindruckend“, befindet Liviu-Dieter Nisipeanu. Der in Ostdeutschland lebende Armenier gilt zwar als faul, was seine Theorievorbereitung anlangt – zuletzt kletterte Aronjan aber in der Weltrangliste immer höher und findet sich nun sogar auf Platz neun (den zurückgetretenen Garri Kasparow nicht mehr mitgerechnet)! Das beschränkte Eröffnungswissen fällt im Chess960 bei dem Top-Ten-Spieler und Schnellschach-Ass überhaupt nicht ins Gewicht. Gut möglich, dass der 22-Jährige das Turnier wie schon 2003 auf dem Platz an der Sonne beendet. Im Vorjahr hatte Aronjan seinen Erfolg nur deshalb nicht wiederholen können, weil er in der Chess960-WM Swidler herausforderte und denkbar knapp unterlag. Kurzfristig meldete auch der Weltranglistenachte Etienne Bacrot für die Open und führt nun die Setzliste an. Der Franzose zeigte schon im Vorjahr eine couragierte und starke Leistung, die ihn neben Aronjan zum Topfavoriten macht.

Auch wenn die einst viertplatzierten Alexander Morosewitsch (Russland) und Alexej Schirow (Spanien) zuletzt im Ranking auf Rang 13 und 14 abrutschten, muss man die beiden immer auf der Rechnung haben. Morosewitsch schrammte im Vorjahr knapp am Ordix-Open-Sieg vorbei, und Kombinationskünstler Schirow machte schließlich Chess-Classic-Seriensieger Viswanathan Anand im traditionellen Zweikampf an den Abenden in der Rheingoldhalle das Leben schwer. In der Setzliste folgen dahinter der Mainzer Dauergast Alexej Drejew (Russland/19.), der Wahl-Niederländer Ivan Sokolov (20.) sowie Teimour Radjabow (22.) und Nisipeanu (24.). Der Europameister wird in der nächsten Weltrangliste sicher einen gewaltigen Sprung machen, genauso wie Radjabow. Das Wunderkind aus Aserbaidschan, das mit 14 Großmeister wurde, gilt als ein Talent, das den Sprung auf den WM-Thron schaffen kann. In Warschau demonstrierte der Führende der Junioren-Weltrangliste sein außerordentliches Können und wurde hinter dem überragenden deutschstämmigen Rumänen Nisipeanu Zweiter vor Aronjan. Somit sind alle Medaillengewinner der EM in den Open vereint.

Unberechenbare Spieler wie der Pole Michal Krasenkow (41.), der einst ebenfalls in den Top Ten stand, oder Schnellschachspezialisten wie der Russe Vadim Swagintsew (45.) haben die Experten auch auf der Rechnung. Derzeit noch die Nummer neun der Mainzer Ordix-Open-Setzliste ist Anands indischer Landsmann Pentela Harikrishna. Hinter dem gelegentlichen Sekundanten des „Tigers von Madras“ folgen zwei weitere Armenier mit Gabriel Sargissian und Rafael Waganjan.

Als seinen Favoriten nennt Artur Jussupow einen Kollegen, der noch nicht gemeldet hat, die vergangenen Jahre jedoch stets in der Rheingoldhalle antrat und sicher wieder kommt: „Ich tippe auf Vadim Milov“, erklärt der amtierende Schnellschach-Europameister gewohnt bescheiden. Seine eigene Latte legt Jussupow mit einem Ergebnis von jeweils „+4“ relativ niedrig, was bei elf Runden an zwei Tagen im Ordix wie im FiNet Open 7,5 Punkte bedeuten würde. Damit käme der Kommentator, der zusammen mit Eric Lobron die GrenkeLeasing Championship zwischen Anand und Alexander Grischuk und die FiNet Chess960-WM für die Zuschauer live analysiert, auf insgesamt 15 Zähler. Das könnte reichen, damit Jussupow sein „vorrangiges Ziel erreicht: einen Platz unter den ersten zehn in der Kombinationswertung“.

Gegensätzlicher können Kommentatoren kaum sein: Auf der einen Seite der zurückhaltende, bescheidene mehrfache WM-Kandidat Jussupow, auf der anderen der stets optimistische Lobron mit markigen Sprüchen. „Der Göttliche“, wie der Spitzname des Mitte Juli an Position 29 gesetzten Großmeisters lautet, traut sich einmal mehr eine vordere Platzierung zu: „Es gibt keine klaren Favoriten,. Gerade im Schnellschach wie auch im Chess960 hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass so ziemlich jeder eine Chance hat, ganz vorne mitzuspielen. Und so wie mir dieses in den vergangenen Jahren immer wieder gelungen ist, kann ich es gar nicht abwarten, in die Rolle des Elo-Schockers zu schlüpfen“, tönt Lobron und ergänzt, „kein Skalp ist zu groß für meinen Gürtel!“ Dass man mit entsprechendem Selbstvertrauen einiges erreichen kann, bewies zuletzt Arkadij Naiditsch in Dortmund. Die große deutsche Nachwuchshoffnung ist in der Mainzer Rheingoldhalle ebenfalls in beiden Open vertreten.

Im Chess960 reduziert sich der Vorteil von fleißigen „Heimwerkern“, die Eröffnungsideen ausarbeiten, ohnehin. „Deshalb glaube ich auch, dass diese Disziplin langfristig eine echte Chance hat, sich durchzusetzen“, meint Lobron. Wie die anderen Asse trainierte er daher natürlich kein Chess960. Lediglich Alexandra Kostenjuk hat sich ausgiebig damit beschäftigt und in die Materie eingearbeitet. Ihr mache es besonders Spaß und sie freue sich auf das FiNet Open, verkündete die schöne Russin. Optisch wie schachlich können der Weltranglistenfünften eine ganze Reihe von hochkarätigen Teilnehmerinnen Paroli bieten. Diesmal geht es (wie in mehreren Alterskategorien von der Jugend bis zu den Senioren) um die Aussicht, im nächsten Jahr um die Chess960-WM der Frauen zu spielen. Organisator Hans-Walter Schmitt strebt weitere Titelkämpfe 2006 in Mainz an, um das von ihm promotete Chess960 noch mehr zu puschen.

Neben Kostenjuk gelten etwa Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa (Bulgarien), ihre russische Freundin Natalia Schukowa oder die deutsche Nummer zwei, Ketino Kachiani-Gersinska, als Anwärterinnen in Betracht. Nicht zu vergessen die im Vorjahr in Mainz auftrumpfende Ehefrau von Schirow, Viktorija Cmilyte (Lettland). Besonders erpicht auf einen Start bei den Chess Classic war Maja Tschiburdanidse. Die georgische Ausnahmespielerin und jüngste Weltmeisterin aller Zeiten, die in den 80ern und Anfang der 90er das Frauenschach dominierte, greift sicher ebenso in den Kampf um die Sonderpreise ein.

Das FiNet Chess960 und das Ordix Open sind für sich alleine Attraktionen. An den Abenden, an denen die offenen Turniere gespielt werden, warten jedoch weitere Höhepunkte auf die Teilnehmer: Vom 11. bis 14. August messen sich der neue Weltranglistenerste Anand und die Nummer elf, Alexander Grischuk, jeweils ab 18.30 und 20 Uhr in einer Schnellschach-Partie. Der 21-jährige Russe verdiente sich das Match um die GrenkeLeasing Championship durch die beeindruckenden Siege 2003 und 2004 im Ordix Open. Naturgemäß halten sich die Beteiligten mit Prognosen zurück und zitieren lieber Sepp Herberger: „Der nächste Gegner ist der schwerste.“ Deshalb sollen andere Prognosen wagen: Peter Swidler etwa sieht „Anand in der Favoritenrolle – aber ich bin mir sicher, dass es einen interessanten Zweikampf gibt“. Konkreter werden einige Open-Teilnehmer. Europameister Nisipeanu prophezeit ein 4:4 nach den acht Partien, wonach die Entscheidung im Blitz fallen müsste. Jussupow erwartet dagegen den sechsten Anand-Sieg in Folge. 5:3 tippt der Schnellschach-Europameister. Und auch hier nimmt Lobron kein Blatt vor den Mund und erwartet, dass der 35-jährige Blitzdenker aus Indien Grischuk bei der GrenkeLeasing Championship mit 6:2 überrollt.

Bei der gleichzeitig auf der Bühne ausgefochtenen FiNet Chess960-WM zeigt sich Swidler gewarnt: „Alle, mit denen ich über Almasis Leistungen 2004 im Chess960 sprach, zeigten sich angetan von seinem Spiel. Deshalb nehme ich das Match nicht auf die leichte Schulter. Ich rechne mit einem schwierigen Duell, für das man keine Prognosen wagen kann“, äußert Swidler. Einige seiner Großmeister-Kollegen taten dies doch: Lobron sieht erneut den 29-jährigen Titelverteidiger obenauf. 5:3 für Swidler lautet sein Resultat. Jussupow traut dem St. Petersburger ein 4,5:3,5 zu. An den 28-jährigen Ungarn, der in der Weltrangliste auf Position 88 abgerutscht ist, glaubt hingegen Nisipeanu. „4,5:3,5 für Almasi“ ende die FiNet Chess960-WM, schätzt der Europameister.

Zu den Höhepunkten, bei denen die Ergebnisse weniger im Vordergrund stehen, sondern mehr das Treffen von Schach-Größen, zählt die Unzicker-Gala. Schmitt organisiert für den 80-jährigen Münchner ein doppelrundiges Turnier. Die illustren Gäste heißen dabei Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi und Boris Spasski! Die vier Legenden tragen am Dienstag und Mittwoch, 9. und 10. August, jeweils drei Partien aus. Vor Ort sind dann auch weitere Heroen vergangener Tage: Das ostdeutsche Schach-Idol Wolfgang Uhlmann, der Ungar Lajos Portisch und der Kölner Vlastimil Hort. Er ist neben Jussupow, Lobron und Rustem Dautov auch als Kommentator im Einsatz. Nicht vergessen werden darf Lothar Schmid. Der Bamberger ist zwar auch Großmeister, wurde jedoch vor allem durch seine Einsätze als Schiedsrichter der Kämpfe von Bobby Fischer berühmt. So leitete der Karl-May-Verleger, dessen Familie seit Jahrzehnten die Rechte an Winnetou&Co. hält, beide Duelle des US-Amerikaners gegen Spasski. Dabei ging es 1972 um die WM in Reykjavik. Für seine Verdienste als Referee wurde Schmid vor kurzem zum „Schach-Schiedsrichter des Jahrhunderts“ gewählt!

Am 10. August bittet außerdem Alexander Grischuk zum Simultan. Ab 15.30 Uhr trifft der zweifache Ordix-Open-Sieger auf 40 Teilnehmer. Einige Plätze sind noch für mindestens 50 Euro auf der Chess-Classic-Webseite www.chesstigers.de zu bekommen. Versteigert werden auch einige Blitzpartien mit Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa.

Eines der stärksten Computer-Turniere des letzten Jahrzehnts steht am 11. und 12. August an. Der holländische Computer-Experte Eric van Reem bringt mit dem zweiten Verantwortlichen, Mark Vogelgesang, 24 Engines an den Start. Selbst Legenden wie Stefan Meyer-Kahlen mit dem neunfachen Weltmeister „Shredder“ und Mark Uniacke („Hiarcs“) schrieben neue Programme, damit sie auch Chess960 spielen können. Beide Engines zählen sicher bei der Premiere der von Livingston gesponserten Chess960-Computer-WM zum engsten Favoritenkreis.

Die Aneinanderreihung der Schach-Höhepunkte ist Schmitt nicht genug. Der Organisator der Chess Classic Mainz verbessert 2005 überdies den Service für Teilnehmer wie Zuschauer. Während der Turniere können Eltern ihre Kinder im Chess-Classic-Kindergarten abgeben, wo sie von Fachkräften betreut werden. Außer einem Gourmet-Club bietet der umtriebige Bad Sodener den Fans auch ein Kino an. In diesem werden vom 11. bis 14. August abends Schach-Filme gezeigt. Noch spannender sind aber hundertprozentig die Chess Classic Mainz 2005 live!
 


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