Fischerschach, Chess 960 oder Freestyle: Wie alles begann

von ChessBase
31.01.2024 – Bald steht Chess960 oder Freestyle im Mittelpunkt des Interesses. In Berlin wird ab 9. Februar die 1. Deutsche Chess960 ausgetragen und in Weissenhaus treten die weltbesten Schachspieler ebenfalls mit ausgeloster Grundstellung an, bei Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge. Aber "Wer hat's erfunden? Der Schachhistoriker Hans D. Post weiß es. | Bild: Urpartie und der Erfinder (?).

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Von Hans Dieter Post

Chess960 und das schwarze Loch

Die Astrophysik versteht es auf auch für Laien unterhaltsame Weise immer wieder neue Erklärungen für bestimmte Phänomene zu liefern. Dabei poppen manchmal Erkenntnisse auf, werden kollegial belächelt, und verschwinden dann wieder.

Der Urknall[1] ist indes Allgemeinwissen geworden, aber spannend ist die Zeit, wenn man denn davon reden kann, davor. So könnte es schon mehrere dieser Urknallszenarien gegeben haben.

Der UrknallNoch breitet sich unser Universum nach dem letzten Urknall vor ca. 13,5 Milliarden Jahren aus. Irgendwann soll es wieder in die Singularität zurückfallen und dann rummst es erneut. Aber die Zeit, wie wir sie kennen und messen, spielt dabei keine Rolle.

Der erste uns bekannte Urknall für das, was wir heute als Chess960 kennen, geschah im Jahr 1792.

Hier ist es jetzt Zeit Credits mindestens an Tim Krabbé[2], Stefan Bücker[3], Thomas Brand[4] und kein Scherz, an „(Johnny)Introuble2@chess.com“[5] zu verteilen, die sich jeweils mit ihren Publikationen zur Vorgeschichte des Chess960 verdient gemacht haben.

Mein Antrieb mich mal wieder mit dem Thema zu beschäftigen kam, als ich in der Ankündigung zur 1. Deutschen Meisterschaft im Chess960 im kommenden Februar 2024 in Berlin ebendort auf historische Einsprengsel gestoßen bin, die aber doch recht dünn waren.

Also habe ich einen Blick in mein Digitalarchiv[6] geworfen und mit Suchbegriffen um mich geworfen. Relativ schnell kommt man, auch wenn man die vorgenannten Arbeiten nicht kennt, auf das Ende des 18. Jahrhunderts und die Publikation eines anonymen Verfassers in französischer Sprache mit dem (hier amateurhaft übersetzten) Titel:

Überlegenheit im Schach - für Jedermann zugänglich gemacht, speziell für Damen, die es lieben sich zu amüsieren“[7]

Fast zeitgleich erschien das Werk auch in niederländischer Fassung und Tarrasch hätte es nicht besser und kürzer formulieren können, denn es trug nun nur noch den Titel „Das  Schachspiel“.

Philip Julius van Zuylen van Nijevelt

Als Autor will man später den niederländischen General, Adligen und Politiker Philip Julius van Zuylen van Nijevelt[8] (1743 - 1826) ausgemacht haben, was aber keineswegs bewiesen ist. Die Vermutung liegt aber mehr als nahe. Vielleicht hatte dieser spätere französische Senator auch mitten in den Wirren der Französischen Revolution doch zu viel der Freizeit und wollte bei seinem obersten Dienstherrn nicht anecken, in dem er mal eben ein Schachbuch veröffentlichte statt Schlachtpläne zu entwickeln.

Das Werk fand in der damaligen Schachwelt dennoch einige Beachtung, konzentrierte sich mehr auf die Phase nach der Eröffnung und der Autor war auch eher der Überzeugung, dass nur eine einzige Figurenstellung zu Beginn langweilig und daher verschiedene durch Auslosen oder zufälliges Setzen entstandene Anfangspositionen interessanter sein könnten.5

Trotzdem: Jetzt verschwand diese erste Idee des Chess960 wieder in einem schwarzen Loch und wurde erst fünfzig Jahre später wieder von einem niederländischen Baron, Elias van der Hoeven[9] (1778 – 1858), für die Öffentlichkeit neu entdeckt.

Er war, welch Zufall, wenn man die Quelle von 1792 noch als anonym beachtet, ein Neffe des vermutlichen Autors und schien sich nun auf der Zielgeraden seines Lebens angekommen wieder mehr dem Schach zu widmen, und hier speziell den Ideen seines Onkels folgen zu wollen.

In Mannheim[10] ansässig „überfiel“ er hier seine Gäste, unter anderem Aaron Alexandre[11] und auch Tassilo Heydebrand und der Lasa[12] mit dieser Idee, und spielte einige Partien mit ausgeloster Grundstellung der Figuren. Jetzt ging das Thema, wie man das heute formuliert, „viral“.

Die Urpartie, bis heute

Sowohl im Le Palamède[13] als auch im Bilguer[14] wurden Partien dieser damaligen Schach- Fixsterne veröffentlicht, und selbst ein Turnier mit acht Teilnehmern fand 1852 noch in Amsterdam statt5. Dann aber starb van den Hoeven und mit ihm ging dann auch die Idee des frühen Chess960 wieder in einem schwarzen Loch unter.

Seltsamerweise hat man sich bis hierher keinen Namen einfallen lassen, was sich zwar schon beim nächsten kleinen Urknall ändern sollte, dieser aber noch von einem wesentlich Größeren, allerdings in anderer Sache, übertönt wurde.

Im Jahr 1915 erschien in den wichtigsten deutschsprachigen Schachzeitungen eine Ankündigung über „Zwei neue Kriegspiele: ‚Freischach‘ und ‚Matt‘“[15].

Auf acht Seiten, insgesamt zwölf wenn man den Umschlag mitzählt, stellte der Autor „G. Capellen“ aus Hannover den Redaktionen der Schachpresse seine Ideen vor, wobei Letztere, weil ein Kartenspiel, für unser Thema völlig uninteressant ist, und Ersteres doch schon mehr, das „Freischach“, welches auf letztlich nur zwei Seiten das gemeine Schach geradezu vergewaltigt. Warum es zugleich auch „Barockschach“ genannt wurde, ist nicht näher erläutert.

Capellens Broschüre

Beim Autor handelte es sich wahrscheinlich, würde mal sagen, so sicher wie unser niederländischer General der Anonymous von 1792 ist, um den deutschen Komponisten und Musikwissenschaftler Georg Capellen[16] (1869 - 1934).

Capellen fand es jedenfalls passend seiner kleinen Broschüre den zu dieser Zeit sehr einfallsreichen Titel „Kriegsspiele“ zu geben, und es auch gleich dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg zu widmen. Und 50 Pfennige waren im Jahr 1915 auch erst mal aufzubringen.

Mit schachlichen Leistungen ist aber ein Capellen, zumal aus Hannover, in den deutschen Schachgazetten nicht ausfindig zu machen und selbst derart undekoriert wird sein „neues“ Spiel denn auch beachtet, nämlich bestenfalls gar nicht.

Dabei sollte „Freischach mit neuartiger Figurenentwicklung und Vermeidung einförmiger Eröffnungszüge“ das Schach interessanter machen und denen, die nicht die Eröffnungstheorie aufgesogen haben, bessere Chancen bieten.

Während die Wiener Schachzeitung dem Zweiseiter noch etwas halbwegs Positives abgewinnen kann, kommt es in der Deutschen Schachzeitung eher nicht gut an, während das Deutsche Wochenschach sich der Stimme enthält.

Der unter den Schachspielern bekannte thüringische Pfarrer Otto Koch gibt in den Deutschen Schachblättern[17] der Capellen’schen Idee quasi zwei Daumen nach unten und das in der Sache zu Recht: denn neben der freien Aufstellung der Figuren kommt auch noch eine Änderung der Wertigkeit hinzu, je nachdem, ob sich ein Springer zum Beispiel auf das Ausgangsfeld eines Turmes verirren sollte.

Koch kommt in seinem Aufsatz „Kriegsspiele“, und das unmittelbar auf die Ehrentafel der einberufenen, verwundeten, ausgezeichneten und schließlich gefallenen Soldaten aus dem Schachumfeld folgend, unbarmherzig zur Sache:

„Dass diese neue Art Schach zu spielen, sich irgendwo einzubürgern im Stande sein könne, bezweifele ich; sie wird, wie so viele ähnliche Neuerungen, die gekommen und gegangen sind, in den Orkus der Vergessenheit hinabsinken und dem alten, an Kombinationen so unendlich reichen Spiel, die nur Dilettanten und Pfuschern unbekannt bleiben, keinen Abbruch tun.“

Da auch noch Hindenburg als Werbefigur missbraucht wurde, war das Amen über das Werk schnell gesprochen.

Und ab ins schwarze Loch! Die Welt hatte schließlich im Augenblick und bis 1918 Wichtigeres zu tun, als sich neuen Spielideen zu widmen.

Als dann die Verträge von Versailles unterzeichnet waren, die Spanische Grippe ihren Tribut gefordert, aber auch ihren Höhepunkt deutlich überschritten hatte, „erfand“ wer?! na klar, ein Schweizer, das neue Freischach. Im Deutschen Wochenschach kreierte man dazu den Begriff „Permutationsschach“[18].

Erich Brunner

Erich Brunner[19] (Bild, rechts, 1885 - 1938), ein „Künstler des Schachproblems“, ein zwar im Vogtland geborener, aber Schweizer nach Abstammung, kehrte die Brocken dieser Vorläufer des Chess960 zusammen und brachte etwas Ordnung in den Stall. Nach heutigen Ansätzen hätte man seinen Ansatz „Chess5040“ genannt, denn so viele unterschiedliche Startstellungen hätten sich seiner Rechnung nach ergeben.

Auch bei ihm wird der Begriff des „Freischachs“ verwendet und in mehreren Ausgaben der Schweizer Schachzeitung darüber ausgiebig diskutiert werden. Wobei die negativen Kritiker deutlich in der Überzahl waren.

Gerade Brunner bemüht sich die Kompatibilität zu den allgemein als gültig anerkannten  Schachregeln zu zeigen, oder wo es nicht gegeben ist, zum Beispiel bei der Rochade, als tatsächliches Problem herunterzuspielen.

Er beruft sich bei Erstveröffentlichung seiner Idee auch auf den neuen Schachweltmeister Capablanca, der soeben Lasker in seiner Heimat Kuba entthronte. Beide sehen zugleich den Remistod nahen und es kommen Ideen auf, mindestens Läufer und Springer auf ihren Plätzen zu tauschen, wenn nicht gar eine neue Figur einzuführen.

Das British Chess Magazine[20] äußerst sich auf einer Titelseite zum „Schicksal des Schachs“, sieht dagegen aber keine Notwendigkeit zu solchen Maßnahmen und endet schließlich mit

„This is Cubism, we prefer Cuba!“

Na denn: Cheerio!

Dennoch hält sich dieses Freischach etwas nachhaltiger in der Schachgemeinde, und gerade in der Schweiz werden dazu auch Turniere veranstaltet19.

Im Arbeiterschach, wo doch schon der Beitrag oft erlassen wurde, um Mitglieder zu behalten, wäre eine theorie-freie Variante des Schach, also ohne teure Literatur, durchaus begrüßenswert gewesen. Doch finden sich hier in den Publikationen keine besonderen Hinweise. Wenn man von dieser Stelle im Schweizer Arbeiter- Schachkalender von 1937 absieht:

Bild rechts: Nach Fr.Grosek, Hannover(sic!)[21]

Das Deutsche Wochenschach wurde ab 1925 Teil des neuen „Funkschach“, dass, wie der Name vermuten lässt, sich in der Hauptsache dem neuen Medium Radio widmet.

Willibald Roese (*1894 - +?), Herausgeber und Pionier auf diesem Gebiet, zugleich Schachfunkleiter der Norddeutschen Sendergruppe, hier im Südwesten war das wenig später der mehrfache Frankfurter Stadtmeister Professor Nathan Mannheimer, hielt denn auch einen Funkvortrag am 1. Januar 1925 zum Thema „Die Zukunft des Schachspiels“[22].

Er schließt seinen Vortrag, dem Freischach positiv zugewandt, mit:

Weshalb die Berufsmeister und Variantenzüchter solchen Ideen nicht sehr sympathisch gegenüberstehen, ist verständlich und menschlich begreiflich. Letzten Endes aber sind diese Herren nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck.

Titelseite Funkschach 1925 Heft 1

Bild links: Titelseite Funkschach 1925 Heft 1

Es werden weitere On Air Vorträge zum Thema gehalten, und sogar ein Wettkampf zwischen Hamburg und, aufgemerkt!, Hannover durchgeführt. Da dürfte Capellen mindestens am Radio gelauscht haben!

Nur ein paar Jahre später versank die Welt erneut im Kriegschaos und damit war auch die Zeit für Freischach wieder vorbei. In Deutschland hatte man eher „Wehrschach“[23] auf dem Schirm.

Die Nachkriegsjahre ließen auch erst mal keinen Platz für Freischachgeister, schließlich war sogar der Schachweltmeister abhanden gekommen.

Und solange Ideen wie „Freischach“ nur auf mehr oder weniger persönliche Förderer zurückgehen, nicht auf Institutionen, sprich Verbände, ist keine lange Lebensdauer beschieden.

Für über 70 Jahre ist nach dem Brunner’schen Freischach von 1921 das Chess960 erst mal wieder in einem schwarzen Loch verschwunden, und es braucht einen Schachgott, um den nächsten Urknall auszulösen.

Anfang der 90er Jahre hat eigentlich niemand mehr einen Erich Brunner auf dem Radar, man war gerade wieder in die 70er Jahre zurückgebeamt worden, nachdem 1992 Bobby Fischer gegen Boris Spassky im jugoslawischen Sveti Stefan zum „Rematch“ antrat.

Nur ein Jahr später geisterte der Begriff „shuffle chess“ durch die Gazetten, nicht nur die des Schachs, und kein Geringerer als Bobby Fischer trug diese Fahne vor sich her[24]. Der Systemfehler war hier noch immer, dass Figuren frei ausgelost werden konnten, also schwierig bis gar nicht mit den FIDE Regeln vereinbar.

Schließlich rief der große Meister selbst zum Urknall nach Südamerika, wo in einer groß angelegten PR- Aktion ein Schaukampf in Buenos Aires ausgeführt werden sollte. Pressekonferenz lief noch prima, Sponsoren eher weniger[25]. War Fischers Glanz verblasst?

Vielleicht lag es am Namen den man nun glaubte gefunden zu haben: FischeRandom!

Fischer kämpfte zu dieser Zeit bereits mit zwei Problemen: zum Einen waren die US amerikanischen Steuerbehörden hinter ihm her. Zum Anderen waren da noch seine antisemitischen Äußerungen, die ihm nun nachhingen[26]. Der Name war schwierig zu vermarkten und Sponsoren schreckt das ab.

Das neue FischeRandom war aber schon gut angepasst auf eine Kompatibilität zu den bestehenden FIDE Regeln, das heißt, die beiden Läufer waren stets unterschiedlicher Farbe und gültige Stellungen waren nur solche, wo der König in der Anfangsstellung zwischen den Türmen stand. Daraus ergaben sich, endlich möchte man meinen, 960 verschiedene Kombinationen, und daraus die 518 war die allseits bekannte Grundstellung. Und auch wichtig: die schwarze und weiße Stellung sind wie im klassischen Schach spiegelsymetrisch. Damit waren alle definierten Details zur Gangart der Figuren nach FIDE ohne weitere Anpassung oder Ausnahmen anwendbar.

Wie man sich die Einstellung der Großkopferten zum Chess960 vorstellen kann, die plötzlich nur noch eine von vielen gleichrangigen Aufstellungen idealistisch vertraten, kann man sich leicht ausmalen. Meterweise Eröffnungsliteratur quasi bedeutungslos und kaum noch verkaufbar.

Ein kleiner Verein aus dem Frankfurter Raum, gut vernetzt, mit starken Ideen und dem Gespür für das Machbare nahm sich nun der vermarktungsfreundlichen Idee an: die Chess Tigers.

Jens Beutel (1946 -2019)

Aus einem starken Schnellschach Open im Frankfurter Westen etablierte man in Mainz[27], dem Rufe des damaligen Oberbürgermeisters Jens Beutel folgend, ein noch größeres Open als das in der Mainmetropole und auf der Suche nach immer neuen Highlights und Events nahm man sich erfolgreich des Themas FischeRandom an und formte schon mal an der neuen Begrifflichkeit.

Ab 2001, nach dem Chess960 Duell zwischen den Großmeistern Michael Adams und Peter Leko, wurde in Mainz Spitzenschach im Bereich Chess960 angeboten. Ab 2002 ein Chess960 Open  ausgetragen, das in der Spitze über 260 Teilnehmer hatte. Sogar ein zusätzliches Jugendopen war am Start.

Ohne den eigentlichen Hauptevent, das nach dem damaligen Hauptsponsor benannte ORDIX Open, ein reguläres Schnellschachopen, gar inoffizielle Schnellschachweltmeisterschaft betitelt, wären sicher nicht annähernd so viele Titelträger zum Chess960 angetreten. Es galt das Motto: Wenn mal schon mal da war, kann man doch auch mal was Neues probieren.

Die FIDE war im Rausche dieser neuen Welle quasi gezwungen, denn viele und darunter auch Top- Großmeister, hatten sich dazu an den Weltverband gewandt, das Chess960 als neuen Anhang, also wie Blitz- und Schnellschach, in das allgemeine Regelwerk aufzunehmen. Das war ein Meilenstein im Jahr 2009 und dieser letzte Urknall sollte dadurch ein nachhaltiges Echo erhalten. Doch da kriselte es bereits am Rheinufer.

Und einen Haken hatte alle Bestrebung auch noch: Chess960 Turniere waren fast ausschließlich Schnellturniere, es gab nur wenige, und wenn, dann wenig beachtete Chess960 Turniere mit langer Bedenkzeit.

Eine Ausnahme dazu könnten die von 2011 bis 2018 durchgeführten Frankfurter Stadtmeisterschaften im Chess960[28] gewesen sein. Doch blieben hier die erträumten Teilnehmerzahlen weit hinter den Erwartungen zurück.

Dr. Matthias Kribben, ursprünglich im Rhein-Main-Gebiet beheimatet, der ab 2004 den Berliner Schachverband leitete, war vom Chess960 überzeugt. Dank ihm gab  es im Jahr 2005 zum ersten Mal eine Landesmeisterschaft im Chess960 - jeweils in einem Einzel- und einem Mannschaftsturnier.

Pokal Chess960 Frankfurt, aus PrivatarchivBild rechts: Pokal Chess960 Frankfurt, aus Privatarchiv

Das auch fast zeitgleich im Hessischen Schachverband eine Landesmeisterschaft[29] ausgetragen wurde, wissen heute die Allerwenigsten, die Verbandsspitzen eingeschlossen. Schon bei der nächsten Hessenmeisterschaft verweigerte man sich dem Thema.

Viel hing also davon ab, wie einzelne Entscheider oder Funktionsinhaber dem Thema gegenüberstanden. In Berlin jedenfalls war der richtige Mann zur richtigen Zeit zur Stelle.

Es scheint mir aber im Zusammenhang mit der Suche nach Details zu diesen Turnieren heuer leichter zu sein, den niederländischen Generälen und den Musikwissenschaftlern aus Bad Salzuflen ihre Geheimnisse aus Archiven entlocken zu können, wenn man den Aufwand zur Recherche nach Chess960 Turnieren der jüngeren Vergangenheit damit vergleicht.

Was ist also geblieben von diesem Chess960 Hype?

Dem kleinen Kreis von Chess Tigers brach das Netzwerk weg, dass die eigentliche Power für die Durchführung der Mainzer Chess Classic Turniere bot. Ausschlaggebend waren politisches Gezänk in der Mainzer Stadtpolitik, die dem damaligen OB den Job kosteten. Und schließlich saßen die Sponsorengelder nicht mehr so locker wie zuvor, schon gar nicht für Chess960, und damit war ab 2010 Ende in Mainz; und zwar vollständig.

Nach internen Auseinandersetzungen im Förderverein wurden auch alle Bemühungen um Chess960 abrupt beendet, wo doch zwischen 2011 und 2019 regelmäßig immerhin über 100, wenn auch kleinere Schnellschachturniere[30] durchgeführt wurden.

Vereinzelte Bemühungen im lokalen Bereich, wie im Frankfurter Bezirk, wo man Chess960, wenn auch murrend sogar in einer Turnierordnung verankerte, wurden per Vorstandsbeschluss aus „Kostengründen“ abgewürgt.

Geblieben sind die Bemühungen in einigen Vereinen Deutschlands, wo man selbst einst durch den Mainzer Virus infiziert wurde, Meisterschaften auszurichten. Pandemische Ausmaße hat das aber nie angenommen.

Anders als noch in den 90er Jahren zu Fischers Zeiten, stehen aber heutige Schachweltmeister dem Thema Chess960 offener gegenüber, sehen ihre abgesteckten Claims nicht gefährdet.

Während Karpov und Kasparov stets auf ihr phänomenales Eröffnungswissen setzten und Chess960 eher als Bedrohung wahrnahmen, war einem Magnus Carlsen, auch einst Teilnehmer in Mainz, sicherlich bewusst, dass auch ein Chess960 Weltmeister durchaus eine Geldquelle sein kann.

Wenn man so hört, was den Deutschen Schachbund aktuell an Problemen quält, so kann man kaum glauben, dass man ausgerechnet jetzt auf die Idee kommt, das Thema Chess960 zu intensivieren. Als Ablenkung kann das kaum geplant sein.

Und man sollte vielleicht doch am Zähler im Turniernamen drehen, wenn man einen Blick auf die Liste bisher schon durchgeführten Deutschen Meisterschaften im Chess960 Schnellschach[31] wirft!

Hans D Post, 22.01.2024

Von Namenlos zu CMLX:

Ab
1915 Freischach, Barockschach
1921 Permutationsschach
1992 Fischerschach
1996 Fischerandom
1998 Fischer Random Chess
2001 Schach 960
2002 Chess960
2019 Chess9LX
1.April 2024 CMLX

Quellenangaben:

[1] Wikipedia Eintrag zum Urknall

[2] Tim Krabbé Webseite zum Thema Schach

[3] Kaissiber, 1997, Heft 2, Seite 62, „Rückblick aufs Fischerschach“

[4] SCHACH, 2021, Heft 5, Seite 48ff „Die Vorläufer des Chess960“

[5] La Superiorite Aux Echecs: The first chess book of endgame theory by van Zuylen van Nyevelt

[6] Nicht-öffentliches Digitalarchiv bei schach-chroniken.net

[7] Digitale Kopie in Delft des La Superiorite Aux Echecs

[8] Philip Julius van Zuylen van Nijevelt bei wikipedia

[9] Elias van der Hoeven bei wikipedia

[10] Laut wikipedia ist er in Manheim bei Kerpen verstorben, das könnte aber eher ein Fehler ebendort sein

[11] Aaron Alexandre bei wikipedia

[12] Tassilo von Heydebrand und der Lasa bei wikipedia

[13] Erste Schachzeitschrift, erschienen 1836 in Paris, berichtete auch über andere Spiele wie Billard usw.

[14] Alias für „Das Handbuch des Schachspiels“, konzipert und begonnen von Paul Rudolf von Bilguer, nach dessen frühen Tod vollendet von und der Lasa

[15] Onlinekopie von "Zwei neue Kriegsspiele"

[16] Georg Capellen bei wikipedia

[17] Deutsche Schachblätter, 1915, Heft 16, Seite 182, „Kriegsspiele“

[18] Deutsches Wochenschach, 1921, Heft 29/30, Seite 170, „Das Permutationsschach“

[19] Erich Brunner bei wikipedia

[20] British Chess Magazine, 1921, Heft 7, Seite 1, „The Fate of Chess”

[21] Schweizer Arbeiter-Schachkalender, 1937, Seite 107

[22] Vortrag außerdem erschienen im Funkschach,1925, Heft 1 und Schach- Funkkalender, 1926, Seite 28
Der Hamburger Roese war als Schach- Gauleiter auch ein sogenannter Parteigenosse, und damit nach 1945 kaum mehr in der Schachöffentlichkeit in verantwortlicher Position zu finden.

[23] Wehrschach bei wikipedia

[24] Tim Krabbé rügt in Kommentaren auf seiner Webseite und in Interviews Bobby Fischer dafür, dass er quasi die Idee von van Zuylen van Nyevelt und Anderen gekapert habe.

[25] Schachmagazin 64 / Schach-Echo, 1996, Heft 15, Seite 418, „Fischerschach abgesagt!“

[26] stern.de: Bobby Fischer: wie aus dem Schachgenie eine Persona-non-grata-wurde

[27] Weltmeister im Chess960 bei wikipedia, Info auch zu denen von Mainz

[28] Zusammenfassung der Frankfurter Stadtmeisterschaften im Chess960 bei schach-chroniken.net

[29] KARL spezial, 2005, Heft 1, Seite 11, „1.Offene Hessenmeisterschaft im 960 Schach“

[30] Rally Schachturniere im CTTC

[31] Liste der Deutschen Meisterschaften im Chess960 Schnellschach


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