Chess.com: Hans Niemann hat in über 100 Onlinepartien gecheatet

von André Schulz
05.10.2022 – Die Online-Plattform chess.com hat gestern einen insgesamt 72 Seiten umfassenden Bericht veröffentlicht, im dem sie zeigt, dass Hans Niemann bis zum Jahr 2020 in über 100 Online-Partien auf chess.com mit Computerhilfe gecheatet hat. Chess.com beschäftigte sich in dem Bericht auch mit dem beispiellosen Elo-Aufstieg von Hans Niemann.

ChessBase 17 - Megapaket ChessBase 17 - Megapaket

ChessBase ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Gestern Abend, vielleicht nicht ganz zufällig einen Tag vor Beginn der US-Meisterschaften, an der auch Hans Niemann als Sieger der US-Jugendmeisterschaften teilnehmen wird, veröffentlichte die Online-Plattform Chess.com einen 72 Seiten umfassenden Bericht, in dem aufgezeigt wird, dass Hans Niemann bei Online-Partien und Turnieren auf chess.com mit Computerhilfe gecheatet hat. Der Bericht reicht von 2015 bis ins Jahr 2020. Das renommierte Wall Street Journal griff die Nachricht auf und veröffentliche noch am gleichen Tag einen Artikel dazu.

Chess.com betont in der Einleitung seines Berichts, dass auf seiner Plattform nur ein geringer Anteil der Spieler unfair, also mit Computerhilfe spiele, etwa 0,15%. Die übrigen Partien würden alle regulär verlaufen. Der Chess.com-Bericht bezieht sich ausdrücklich nur auf Hans Niemanns Online-Partien.

Chess.com schreibt:

"Obwohl Hans einen rekordverdächtigen und bemerkenswerten Aufstieg in der Bewertung und Spielstärke hingelegt hat und Spielstärke zu verzeichnen hat, fehlt es unserer Ansicht nach an konkreten statistischen Beweisen, dass er in seiner Partie mit Magnus oder in anderen Over-the-Board ("OTB")- Partien betrogen hat."

Chess.com weist in dem Bericht aber auch darauf hin, dass ein so steiler Eloanstieg eines jungen Spielers, wie er bei Niemann zu beobachten ist, einzigartig ist, und dass diese Leistungsexplosion in Bezug auf das Alter des Spielers gesehen, zudem ausgesprochen spät kommt. 

Hans Niemann (19) hatte in Interviews eingeräumt, dass er in seinem Leben zweimal beim Online-Schach gecheatet habe, einmal im Alter von 12 Jahren und einmal mit 16 Jahren.

In seinen Interviews während des Sinquefield Cups sagte Niemann:

- "Außer als ich 12 Jahre alt war, habe ich nie, nie, nie - und ich würde das nie tun, das ist
das ist das Schlimmste, was ich je tun könnte - bei einem Turnier mit Preisgeld zu betrügen. "

- "Als ich noch gestreamt habe, habe ich nie geschummelt."

- Denken Sie daran, dass ich 16 Jahre alt war, ich wollte nie jemanden verletzen, es waren freie Partien. Ich würde es niemals - nicht einmal im Traum - in eine gewerteten Partie tun."

Chess.com hat dazu eine andere Auffassung. Die Plattform hat Niemanns Partien in Turnieren und Wettkämpfen der Jahre 2015 bis 2020 eingehend untersucht und folgende Tabelle veröffentlich.

 

Laut Chess.com hat Niemann also zwischen 2015 und 2020 in über 100 Partien mit Computerhilfe gespielt. 2020 war er dabei bereits 17 Jahre alt. 2020 wurde Hans Niemann von Chess.com wegen fortdauerndem Cheating ausgeschlossen. Nachdem er den Computerbetrug zugegeben hatte, wurde Stillschweigen über den Ausschluss vereinbart, um Niemanns Ruf nicht zu schädigen. Später erhielt Niemann eine zweite Chance und durfte wieder an Turnieren bei Chess.com teilnehmen.

In seinem Bericht erläutert Chess.com, mit welchen Methoden die Online-Partien auf Cheating geprüft werden und zeigt sich zuversichtlich, für diesen Bereich sehr zuverlässige Tools zur Verfügung zu haben.

Cheating am Brett sei aber viel schwieriger zu entdecken, meint Chess.com und beschäftigt sich in einem Abschnitt des Berichts mit dem Aufstieg von Hans Niemann. Der 19-jährige sei unter allen jungen Talenten derjenige mit dem rasantesten Aufstieg, so die Beobachtung von Chess.com.

In mehreren Diagrammen zeigt der Bericht, wie außergewöhnlich die Leistungsexplosion von Hans Niemann ist.

 

Tabelle 2: Niemann ist der Spieler mit dem größten Spielstärkezuwachs von 11 bis 19,25 Jahre

 

 

 

Tabelle 3: Niemann hat den steilsten Anstieg ab Elo 2500

 

Tabelle 4: Niemann benötigte die kürzeste Zeit, um von 2500 auf knapp 2700 zu kommen
 

 

Von allen jungen Top-Spielern ist Hans Niemann derjenige, der seinen GM-Titel am spätesten erreichte, mit 17 Jahren, was für hochtalentierte junge Spieler sehr ungewöhnlich ist. Die meisten Talente erreichen den Titel im Alter von 14-15 Jahren, einige sogar schon früher.

Chess.com hat auch die Turnierpartien untersucht, die Niemann gegen Spieler über 2500 gespielt hat und konnte dort im Hinblick auf auffällige Übereinstimmungen mit Computerzügen keine Rückschlüsse ziehen. Chess.com weist aber daraufhin, dass sie für die statistische Untersuchung von langen Turnierpartien keine geeigneten Tools habe, da sich die Plattform nur mit Online-Partien beschäftige.

Andere Beobachtungen in Bezug auf Niemanns Verhalten bei Turnieren sei jedoch "bizarr". In einigen Post Game Analysen kannte Niemann sich nicht aus und konnte keine korrekten Varianten angeben. Magnus Carlsen wies zudem darauf hin, dass Niemann im Unterschied zu allen anderen jungen Talenten, gegen die er schon gespielt hatte, keinerlei Anstrengung am Brett zeigte. 

Dennoch, so Chess.com, sei dies alles kein schlüssiger Beweis, dass Hans Niemann in seinen Partien am Brett mit unlauteren Mitteln gespielt hätte.

 

Hans Niemann Report bei Chess.com...

Wall Street Journal: US Grandmaster cheated likeley more than 100 times...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure