Christopher Lutz über Hydra

24.06.2005 – Als Vladimir Kramnik in Bahrain gegen Deep Fritz spielte, gehörte der deutsche Großmeister Christopher Lutz bereits zum Team des Weltmeisters. Später engagierten ihn die Entwickler von Hydra als schachlichen Berater. Im zweiten Teil des Interviews, das Conrad Schormann mit Christopher Lutz letztes Wochenende anlässlich des Simultans in Herne führte, äußert sich der deutsche Spitzenspieler zur Entwicklung von Hydra und den Chancen, die Michael Adams in seinem Wettkampf gegen die Maschine hat. Interview mit Christopher Lutz, Teil 2...

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Interview mit Christopher Lutz, Teil 2
Von Conrad Schormann

Hydra gegen Deep Blue, wie würde das ausgehen?

Hydra würde gewinnen, auf jeden Fall.

Du spielst Trainingspartien gegen Hydra...

Ich spiele meistens mit Computerhilfe, mit Shredder und Fritz als Assistent. Die meisten Partien enden remis. Selbst wenn ich mal schlecht stehe, kann ich meistens irgendwie in ein schlechtes, aber haltbares Endspiel abwickeln oder eine Festung aufbauen. Die Kombination Mensch/Maschine ist noch deutlich stärker als ein Computer oder ein Mensch alleine. Das wird wahrscheinlich einige Jahre so bleiben. Selbst wenn Hydra gegen Adams deutlich gewinnt, ist noch sehr viel Potenzial nach oben. Beim Freestyle-Turnier gegen Mensch/Maschine-Kombinationen hat Hydra nicht so gut abgeschnitten. Hydra ist vielleicht in der Lage, 2.900 zu spielen, aber bis zur Perfektion sinds noch einige hundert Punkte.

Wird Adams eine Partie gewinnen?

Das wird extrem schwer. Remis kann man nicht immer, aber vergleichsweise problemlos erreichen. Wenn man in die richtigen Stellungen kommt, geht das. Gewinnen ist eine ganz andere Geschichte. Das Programm rechnet 18 bis 20 Halbzüge voraus. Selbst wenn man eine strategisch vorteilhafte Stellung erreicht, ist es schwierig, diese in eine Gewinnstellung umzuwandeln. Man muss ja eine Variante finden, gegen die der Computer keine Verteidigung sieht. So lange er eine hat, wird er sie spielen. Letztendlich ist das der Knackpunkt, den strategischen in einen taktischen Vorteil verwandeln, was allgemein schwierig ist, aber gegen Computer besonders. Es gibt nur sehr wenige Stellungen, in denen der Computer nicht sieht, was ihm droht. Wenn man es schafft, in ein langfristig gewonnenes Endspiel überzuleiten, ist das gut. Aber Hydra leistet bis zum Ende maximalen Widerstand. Dagegen zu spielen, ist für Menschen sehr schwer. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Adams keine Partie gewinnt. Wie Chrilly Donninger tippe ich auf 4:2 für Hydra. Viel wird davon abhängen, ob Adams genug Konzentration aufbringen kann, und ob er vorbereitet ist. Als Hydra letztes Jahr in Bilbao gegen Veselin Topalow, Ruslan Ponomarjow und Sergej Karjakin gespielt hat, war mein Eindruck, dass die Menschen nicht wussten, was sie tun sollen, speziell Ponomarjow und Karjakin. Topalow hat zwar auch nur 1,5 aus 4 gemacht, aber er wusste besser, wie er die Computer einzuordnen hat.

Spannend fand ich die Partie, in der er mit Weiß Hydras Bauern bis d3 gelockt und später erobert hat. Ein Mensch sieht, der Bauer ist irgendwann weg.

Das war jenseits von Hydras Horizont, eine typische Computerpartie. Die Bewertungsfunktion hat gesagt, Freibauer auf d3 ist super.

Trotzdem hat Topalow nicht gewonnen.

Er hatte eine Stellung mit sehr guten Gewinnchancen, aber er musste weiter den optimalen Zug finden. An ein, zwei Stellen hat er ein bisschen Luft reingelassen, und das reicht dann schon, dass es remis wird.

Angenommen, Ihr schlagt Adams deutlich. Wer soll der nächste Gegner sein?

Es gibt ja noch einige starke Spieler. Topalow oder Leko zum Beispiel, Kasparow ist ja zurückgetreten. Wenn Hydra alle menschlichen Gegner besiegt hat, könnten wir Wettkämpfe gegen Mensch/Maschine-Kombinationen spielen. Das ist die letzte Barriere. Die allerletzte wäre, perfekt zu spielen, aber das wird wohl kaum zu erreichen sein. Das Ziel ist, jeden verfügbaren Gegner zu besiegen.

Wie gehst du als sehr starker menschlicher Spieler damit um, dass der Mensch alleine nicht mehr mithalten kann?

Damit habe ich keine Probleme. Menschen machen Fehler, und Maschinen können manches besser. Dass sie besser Schach spielen, sagt ja nichts über Intelligenz aus. Computer multiplizieren Zahlen schneller als jeder Mensch, darüber macht sich auch keiner Gedanken. Dem Mensch werden immer schachliche Bereiche bleiben, in denen er besser ist als die Maschine. Menschen erkennen Festungen, während der Computer dumm rumrechnet und trotzdem nichts versteht. Das wird lange so bleiben.

Mensch-Maschine-Duelle elektrisieren die Öffentlichkeit. Wäre es nicht schade, sollten die Duelle langweilig werden?

Es hängt davon ab, welche Öffentlichkeit gemeint ist. Die sich mit der Materie nicht so auskennen, halten die Computer wahrscheinlich schon lange für stärker, weil Deep Blue Kasparow geschlagen hat. Tatsächlich ist der Unterschied so groß noch nicht. Aus Sicht der Großmeister ist der Computer vor allem ein Partner bei der täglichen Arbeit, ein Partner, der bestimmte Stellungen sehr gut berechnen kann.

Teil 3 folgt.


 

 



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