Damengambit mit Annehmlichkeiten

von Christian Hoethe
30.03.2017 – Im Spitzenschach ist das Angenommene Damengambit (1.d4 d5 2.c4 dxc4) zwar ein eher seltener Gast. Für Vereinsspieler bietet es jedoch ein paar Vorzüge gegenüber jenen Systemen, mit denen man sich nach 2...c6 oder 2...e6 vertraut machen muss. Zum einen wird die Stellung früh geöffnet und damit oft schnell konkret. Zum anderen ist das Theoriegebiet hier deutlich überschaubarer. Christian Höthe vergleicht in seiner Rezension die beiden Fritz-Trainer zum Thema und erläutert, welche DVD für welchen Typ besser geeignet ist.

Das Angenommene Damengambit: Ein Repertoire für Schwarz Das Angenommene Damengambit: Ein Repertoire für Schwarz

Sam Collins zeigt Ihnen ein Repertoire für Schwarz auf der Grundlage des Angenommenen Damengambits, 1.d4 d5 2.c4 dxc4. Die zentrale Idee von Collins auf der DVD: spielen Sie nach 3.Sf3 Sf6 4.e3 die aktive Entwicklung des Damenläufers mit 4…Lg4!

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Repertoire-DVDs zum Angenommenen Damengambit

Christian Höthe stellt Sam Collins und Valeri Lilovs Empfehlungen vor

Wer als Nachziehender gern das angenommene Damengambit spielt, der kann sich bei ChessBase zwischen zwei DVDs entscheiden: Die erste ist vom Internationalen Meister Sam Collins aus Irland, die zweite von Internationalem Meister Valeri Lilov aus Bulgarien. Welche eignet sich nun für welchen Kundenkreis und was sind die Varianten, die sie behandeln?

Die DVD von Sam Collins beschäftigt sich in der Hauptvariante mit dem Abspiel 1. d4 d5, 2. c4 dc4:, 3. Sf3 Sf6, 4. e3 Lg4. Eine Variante, die aufgrund ihrer relativen Seltenheit sicher einen guten Überraschungseffekt hat und den einen oder anderen ahnungslosen Gegner auf dem falschen Fuss erwischen kann.

Ich finde, besonders in den Hauptvarianten macht Collins hier einen guten Job, auch wenn ich an der einen oder anderen Stelle das Gefühl habe, dass das weisse Läuferpaar in einigen Stellungen nicht zu unterschätzen sein sollte, auch wenn Collins attestiert "Black´s position is surely playable".

Etwas mehr Enthusiasmus für die schwarze Stellung hätte ich mir jedoch in dem Abspiel mit frühem Db3 gewünscht. Weiss geht hier frühzeitig auf Bauerngewinn auf b7 aus, aber Schwarz bekommt nachhaltig initiativreiches Gegenspiel. Die Musterpartie, die Collins hier aufführt, führt zu einem recht unspektakulären Kurzremis. Vielleicht würde er eher inspirieren, hätte er einen der typischen Schwarz-Kontersiege in dieser Variante gezeigt, zum Beispiel:

 

Gegen 3. e4 fällt die Wahl von Collins auf das "tschigorine" 3. ...Sc6, das in der letzen Zeit seinen Ruf als seriöse Alternative zu 3. ...e5 mehr als gefestigt hat. Mir gefällt die Art und Weise, wie Collins es hier versteht, die resultierenden Stellungen zu erklären - Schwarz bekommt in der Regel chancenreiches Figurenspiel, das nicht zu unterschätzen ist.

Beispielvideo


Überrascht hat mich seine Entscheidung 3. e3 mit 3. ...e5 zu erwidern, gelten die symmetrischen Stellungen doch in der Regel als etwas chancenreicher für Weiss. Alternativen wie 3. Sc3 oder 3. Sf3 Sf6, Da4+ werden gut und eingängig behandelt. Collins weist nach, dass Weiss hier kaum auf Eröffnungsvorteil hoffen kann.

Kommen wir nun zur DVD von Valeri Lilov, die mich wirklich begeistert hat. Woran das liegt? Nun, der Fide-Meister gibt seinen Käufer die Wahl der Variante und präsentiert seinen Käufern ein reiches Potpourri aus fast allen Varianten des angenommenen Damengambits. Und er macht hier ausnahmslos einen wirklich guten Job, die Rhetorik ist dabei gut bis hervorragend.

Nun also zum Inhalt der Lilov-DVD: 

Als Hauptvariante empfiehlt er nach den Zügen 1. d4 d5, 2. c4 dc4:, 3. Sf3 Sf6, 4. e3 sowohl den Collins-Zug 4. ...Lg4 als auch das
klassische 4. ...e6, 5. Lxc4 c5, das er in grosser Ausführlichkeit bespricht. Nach Ansicht dieser Videos fühlte ich mich schon durchaus
in der Lage, das erworbene Wissen im Blitzen anzuwenden und ich wurde nicht enttäuscht.

Gegen 3. e4 werden dem Nachziehenden mit 3. ...c5, 3. ...e5, 3. ...Sc6 als auch 3. ...Sf6 gleich alle theoretisch guten Vorschläge unterbreitet, so dass Schwarz hier selbst entscheiden kann, welche Abspiele am ehesten zu seinem Stil passen. Ich muss sagen, dass ich von dieser grossen Auswahl wirklich sehr angetan war. Schon allein das rechtfertigt den Kauf dieser DVD für alle, die das angenommene Damengabit in ihrem Repertoire haben.

Gegen 3. Sc3, 3. e3 und 3. Da4+ gibt es gute Empfehlungen und auch die oben schon aufgeführt Mannheimer Variante wird mit der folgenden  Partie ideal abgehandelt:

 

Kommen wir nun zu dem Punkt, an dem ich vom vorgeschlagenen Repertoire abweichen würde, auch wenn dies zweifelsohne persönlich begründet ist: Nach den Zügen 1. d4 d5, 2. c4 dc4:, 3. Sf3 Sf6, 4. Sc3 sind wir bei einer Variante angekommen, die in den 90er Jahren sehr populär war und auch heute noch gute Erfolge für Weiss verzeichnet. Als theoretisch beste Erwiderung wurde stets 4. ...a6 mit der Idee 5. a4 Sc6! nebst Sc6-a5 angesehen, weswegen 5. e4 als einzig kritische Variante angesehen werden muss. Beide Autoren behandeln gleichermassen die kritische Hauptvariante, die nach den Zügen 5. e4 b5, 6. e5 Sd5 entsteht.

Mir persönlich gefällt die schwarze Stellung weder nach 7. a4 Lb7, 8.e6 fe6: wie in Miton-Dominguez 2007 noch 7. a4 e6, 8. ab5: Lb4 9. Dc2 Sb6 wie in Kasparov-Timman 1998. Wer als Nachziehender seine Bauernstruktur intakt halten möchte, der kann mittels 4. ...e6, 5. e4 Lb4 entweder auf die Wiener Variante ausweichen oder 4. ...c6, 5. e4 b5! spielen, eine Variante aus dem Slawen, die als gut für Schwarz gilt, wie Avrukh ganz gut nachgewiesen hat.

Fazit: zwei gute bis sehr gute DVDs zum angenommenen Damengambit. Ich persönlich würde aufgrund des grösseren Detailreichtums etwas mehr zur DVD von Lilov tendieren.

Sam Collins: Das Angenommene Damengambit: Ein Repertoire für Schwarz

 
• Videospielzeit: 3 Std. 30 Min, (Englisch)

€ 27,90


Lieferbar aauf DVD oder als Download 

 

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Valeri Lilov: The Queen’s Gambit accepted

 
• Videospielzeit: 4 Std. 23 Min. (Englisch)

€ 29,90

Lieferbar auf DVD oder als Download

 

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Christian Hoethe ist Jahrgang 1975, Vater dreier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein. Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.
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