Das 13. oder 14. Tschigorin Gedenkturnier
Von Misha Savinov
Traditionell endet das Tschigorin-Gedenkturnier am Sonntag
in St. Petersburg. Offiziell war es das 14. Gedenkturnier, obwohl manche Quellen
darauf beharrten, es sei das ‘Unglück bringende’ 13. Die doppelte Zählung
beeinflusste das ganze Turnier, das in mehr als einer Hinsicht sowohl typisch
als auch ungewöhnlich war.
Es war das erste Mal, dass das Hauptturnier aus dem
berühmten Tschigorin-Schachklub in ein Hotel namens Karelia umzog, das am
Rande der Stadt lang. Zugleich wurde das U-2300 Turnier im Tschigorin-Schachklub
gespielt, der nur zwei Schritte entfernt von den größten Touristenattraktionen
der nördlichen Hauptstadt liegt. Dies geschah, wie die Organisatoren es
formulierten, um den Teilnehmern entgegen zu kommen – da die meisten Titelträger
einschließlich der lokalen Teilnehmer im Karelia wohnten.
Doch für die
Spieler aus dem Ausland waren das enttäuschenden Neuigkeiten. Simen Agdestein,
der mit seinen Schülern nach St. Petersburg gekommen war, erklärte, dass er überlegt,
am Gedenkturnier teilzunehmen, wenn das Spiellokal in der Innenstadt liegt.
‘St.Petersburg ist eine solch wunderbare Stadt, – bemerkte der Norweger, – und
ich erkunde sie gerne.’ Ich sollte hinzufügen, dass Simen nicht im
Karelia-Hotel übernachtete.
Um aus dem Zentrum ins Spiellokal zu kommen,
brauchte ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln etwa eine halbe Stunde. Das
Hotel liegt in einem Industriegebiet von St. Petersburg und ist ziemlich billig.


Darüber hinaus erhält die Schachförderation
gewöhnlich Preisnachlässe, da Ende Oktober für Touristen nicht unbedingt die
attraktivste Jahreszeit ist. Das Spiellokal wurde im ersten Stock eines
Billardklubs eingerichtet, der mit dem Hotel in Verbindung steht.

Es gab keine Garderobe, weshalb diejenigen,
die nicht im Hotel übernachteten, ihre Mäntel am Eingang des Spielsaals ablegen
mussten

Der große Saal (der normalerweise als Restaurant genutzt wird) war nicht
speziell ausgestattet, aber die Beleuchtung war viel besser als im alten Tschigorin-Schachklub (5).

Wie gewöhnlich nahmen zahlreiche starke Spieler an dem
Turnier teil, viele davon mit wirklich zu niedriger Elo-Zahl. Um Agdestein zu
zitieren, ‘es gibt so viele starke Spieler, über die wir nichts wissen!’ Nur ein
einziger Spieler über 2600 war dabei, Großmeister Pavel Smirnov aus
Mezhdurechensk. Er begann gut, aber erlitt in den Runden 6 bis 8 drei
Niederlagen in Folge, was ihn fast aus dem Rennen warf. Ein Sieg in der
Schlussrunde brachte ihm und den anderen Spielern mit +2 überraschenderweise ein
Teil des letzten Preises, aber das war natürlich nicht zufrieden stellend für
Smirnov, der direkt aus Österreich nach St. Petersburg kam und stolzer Träger
des Europäischen Vereinsmeistertitels war.

Zwei andere Spieler mit hohen Elo-Zahlen, Vladimir Belov

und Alexander Lastin,

zeigten ihr Können in den Blitz- und
Schnellschachturnieren, die dem Hauptturnier vorausgingen, aber im Hauptturnier
erging es ihnen ganz unterschiedlich. Lastin verlor den Anschluss an die Spitze
und damit auch das Interesse an den schachlichen Aspekten des Festivals, während
Belov regelmäßig an den Spitzenbrettern spielte und am Ende zusammen mit drei
anderen Spielern den zweiten Platz teilte. Vielleicht liegt das daran, dass
Vladimir im Moment nicht im Ausland spielen kann – ein bürokratischer Fehler bei
der Passbearbeitung – weshalb er bei den seltenen Turnieren in Russland das
Maximum gibt …

Spitzenbretter: Großmeister Yandemirov und Belov
Während etliche Großmeister es ruhig angingen ließen,
heizte so mancher IM dem Turnier ordentlich ein. Boris Savchenko,

ein
junger, großer, eleganter Moskauer Meister, setzte sich vor der Schlussrunde mit
6,5 Punkten alleine an die Spitze, wobei er positionell gesundes Schach mit
einem scharfen Auge für taktische Möglichkeiten verband. Der erfahrene und
ruhige Sergey Sergienko

lag nur einen halben Punkt zurück, obwohl er ihre
direkte Begegnung verloren hatte.
Die Tschigorin-Gedenkturniere gelten als ideale Gelegenheit
für junge Spieler, um ihr Können gegen grundsolide alte Meister zu erproben.
Diese Aufgabe ist wirklich hart und am Ende des Turniers saßen viele junge
Herausforderer in den hinteren Spielreihen.

Manche von ihnen, wie WFM
Anastasia Bodnaruk,

hatten allerdings mehr Erfolg. Das 14-jährige Mädchen
erzielte eine Frauen-IM-Norm und schlug dabei Großmeister Tishin.

Es herrschte die typische, freundliche Stimmung. Niemand
versuchte eine Hexenjagd auszulösen, obwohl es einen Jungen gab, der jeden Tag
vor dem Spiellokal an seinem Laptop saß. Tatsächlich spielte er Computerspiele,
was gelegentlich die Aufmerksamkeit der Schachspieler auf sich zog.

Man
konnte Kaffee und einen kleinen Imbiss kaufen

GM Rauf Mamedov, links
und
natürlich Partien analysieren.

Ich habe Gerüchte über Partys, Saunas, usw.
gehört und halte das nicht für unwahrscheinlich. Starke Anspannung erfordert
ebenso starke Entspannung – Schachspieler zitieren diesen von Jan Ehlvest häufig
benutzten Ausspruch gerne …
Doch kommen wir zur Situation vor der letzten Runde zurück.
Neben Savchenko und Sergienko hatten noch andere Spieler gute Chancen im Kampf
um den ersten Preis (60.000 Rubel, etwa $2,200) –

Dmitry Bocharov

Andrey
Rytchagov

und Anton Shomoev,
alle mit 6 Punkten.

Belov hatte 5,5
Punkte und Weiß gegen Sergienko. Savchenko am Spitzenbrett Weiß gegen Bocharov,
während Rytchagov und Shomoev am zweiten Brett spielten.
Erwähnt werden sollte, dass das Tschigorin-Gedenkturnier
zugleich ein Qualifikationsturnier für den Russland-Pokal darstellt, ein
jährlich ausgetragenes K.O.-Turnier mit guten Preisen. So war es kein Wunder,
dass die Partien Rytchagov gegen Shomoev und Zontakh gegen S.Zhigalko schnell
mit Remis endeten.

Die Spieler sicherten sich nicht nur einen
ordentlichen Teil des Preisgeldes, sondern qualifizierten sich auch für den
Pokal.
Der Kampf an den Brettern 1 und 3 ging jedoch weiter.
Sergienko überraschte Belov mit 5…Ld6 im Modernen Benoni (25). Doch die
Überraschung des Meisters trug keine Früchte. Belov opferte einen Bauern, was
die schwarze Entwicklung behinderte und entwickelte kraftvollen Angriff. Nur ein
grober Fehler des Weißen hätte Sergienko retten können, weshalb das Schicksal
des ersten Preises ganz allein von der Partie Savchenko gegen Bocharov abhing.
Es war ein offener Sizilianer, Weiß hatte den typischen Raumvorteil und das
Ergebnis nach der Eröffnung vorher zu sagen war unmöglich. Savchenko bot Remis
an, was ihn zum alleinigen Sieger des Turniers gemacht hätte, aber Bocharov
lehnte auf seine einzigartige Weise ab. Er begegnet 99% solcher Angebote mit
einem raschen ‘Abgelehnt!’ und denkt weiter nach.
Während sich die Spitzenpaarungen einem Höhepunkt in der
dritten Stunde näherten (90 Minuten + 30 Sekunden für die ganze Partie machen
das unvermeidbar), machte ich einen Spaziergang durch den Saal. Julia Gromova,
die in einem früheren Tschigorin-Gedenkturnier den Schönheitspreis gewonnen
hatte, spielte gegen einen jungen Mann, der aussah wie ein Büroangestellter –
ein buntes Paar!

Simen Agdestein verfolgte begeistert Partien ihm
unbekannter russischer Kämpfer – ‘Diese russischen Spieler kennen vielleicht
nicht so viel Theorie, aber sie sind ausgezeichnete Kämpfer!’

Jon Ludwig
Hammer, ein viel versprechender norwegischer FM, der in Jugendtagen ein Rivale
von Carlsen war, überlegte in besserer Stellung seinen nächsten Zug.

Hammer
Der
Hauptschiedsrichter Herr Ivanov entfernte sich mit einem Laptop aus dem Saal, da
er ihn anschalten wollte, ohne die Spieler zu stören.

Ich stellte ihm eine
politische Frage: Warum steht auf dem Namensschild von Shavleg Shamugia der Name
eines Landes, das es offiziell gar nicht gibt – Abchasien?

‘Dies geschah auf Anfrage des Spielers, – antwortete der
Schiedsrichter. – Im offiziellen Bericht ist er natürlich Georgier. Und den
Namen des Landes zu ändern, hat sein Ergebnis nicht sehr verbessert…’ Stimmt –
der Mann saß am letzten, dem 47., Tisch.
Unterdessen erreichte Belov eine klar gewonnene Stellung
und die gegnerische Aufgabe war nur noch eine Frage der Zeit (31).

Savchenko
brachte seine Figuren zum Königsflügel und zwang Schwarz so, einen Bauern
herzugeben. Allerdings erhielt Bocharov dafür gewisse Kompensation.

Die
Stellung war hochkomplex und irgendwo ist Weiß vom rechten Weg abgekommen. Er
fand sich ohne Bauern in einem Turmendspiel wieder – eine enttäuschende Wendung
der Dinge! Möglich, dass Weiß das Endspiel retten konnte, aber er zu enttäuscht. Bocharov gewann ziemlich glatt und feierte den Alleinsieg im Gedenkturnier.

Die Abschlussfeier war recht kurz. Großmeister Alexey
Lugovoi, Vizepräsident des St. Petersburger Schachverbandes gratulierte den
Siegern und lud alle ein, im Sommer wiederzukommen, wenn St. Petersburg das
Festival der Weißen Nächte ausrichtet. Dann ergriff er einen Stempel und
zeichnete verschiedene Dokumente wie Normenbestätigungen und offizielle
Ergebnisse für die Spieler ab (35; 38 – Rauf Mamedov und Anna Ushenina).


Während sie auf das Preisgeld warteten, vergnügte sich eine
Gruppe von Spielern mit der Philidor-Stellung, T+L vs. T. Kein klarer Gewinn
wurde erinnert/gefunden, aber ich glaube, am Brett würden sie die Stellung mit
Weiß gewinnen…

GM Shomoev, GM Yevseev greift an, IM Maslak verteidigt;

Die GMs Kornev und Yandemirov beteiligen sich an der Analyse.
Leider standen die Partien während des Turniers nicht zur
Verfügung. Es gab auch kein Turnierbulletin. Die Berichterstattung war wie
üblich schlecht, obwohl nicht so schlecht wie in dem kürzlich gespielten
Jeder-gegen-jeden Turnier in Saratov – die Organisatoren in St. Petersburg
sorgten zumindest regelmäßig für Ergebnisse, Paarungen und Tabellenstände.
Außer dem Titel erinnerte in diesem Turnier nichts an
Tschigorin. Es ist auch nicht sehr besucherfreundlich (manche Westeuropäer waren
nicht glücklich über das Karelia, das sie für nicht sehr sauber
hielten und in dem das Personal kein Englisch sprach) – erwarten Sie nicht,
hierher zu kommen und Geld zu gewinnen. Wenn Sie aber damit zufrieden sind, im
schönen Stadtzentrum von St. Petersburg zu übernachten, Schachtourismus mögen
oder preiswerte Schachlektionen am Brett oder nach der Partie bekommen möchten,
dann ist dies Turnier das richtige für Sie!
Tabelle:
1. 6 Bocharov, Dmitry 7.0 51.0 38.75 33.5 2577 2720 +1.51
2. 13 Savchenko, Boris 6.5 49.5 33.25 38.5 2551 2676 +1.46
7 Rychagov, Andrey 6.5 47.0 32.50 35.5 2572 2655 +1.01
23 Shomoev, Anton 6.5 51.5 36.00 35.0 2528 2673 +1.73
3 Belov, Vladimir 6.5 46.0 32.00 32.0 2589 2646 +0.65
6. 47 Sergienko, Sergey 6.0 51.0 31.75 34.5 2441 2645 +2.49
38 Maiorov, Nikita 6.0 46.5 28.25 32.0 2481 2626 +1.77
31 Zhigalko, Sergei 6.0 48.0 30.25 31.5 2504 2641 +1.68
40 Yudin, Sergei 6.0 48.0 31.25 31.5 2470 2656 +2.22
9 Mamedov, Rauf 6.0 47.0 29.50 31.0 2563 2592 +0.33
21 Novikov, Stanislav 6.0 48.0 30.75 31.0 2532 2574 +0.51
18 Deviatkin, Andrei 6.0 45.5 28.75 30.0 2537 2591 +0.60
5 Kornev, Alexei 6.0 44.0 27.00 29.0 2578 2579 -0.03
8 Zontakh, Andrey 6.0 45.0 30.00 28.5 2569 2581 +0.15
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Tschigorin Gedenkturnier Partien der Runden 1 bis 8 (cbv)...