Das 13. oder 14. Tschigorin-Gedenkturnier

06.11.2006 – Am vorvergangenen Wochenende wurde in St. Petersburg das 13. oder 14. (je nach Zählweise) Tschigorin-Gedenkturnier ausgetragen. Zur Veranstaltung gehörten zwei Open, ein Blitz -und ein Schnellturnier. Zahlreiche starke Spieler waren zum Turnier angereist, darunter auch viele nichtrussische Spieler, u.a. eine norwegische Delegation mit jungen Talenten unter Leitung von Simen Agdestein. Anders als in früheren Jahren fand das Turnier nicht im Tschigorin Schachklub in der Innenstadt von St. Petersburg statt, sondern in einem Hotel am Stadtrand, was nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß. Sieger wurde Dmitry Bocharov (Foto). Misha Savinov berichtet. Bericht, Bilder, Partien...

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Das 13. oder 14. Tschigorin Gedenkturnier
Von Misha Savinov

Traditionell endet das Tschigorin-Gedenkturnier am Sonntag in St. Petersburg. Offiziell war es das 14. Gedenkturnier, obwohl manche Quellen darauf beharrten, es sei das ‘Unglück bringende’ 13. Die doppelte Zählung beeinflusste das ganze Turnier, das in mehr als einer Hinsicht sowohl typisch als auch ungewöhnlich war.

Es war das erste Mal, dass das Hauptturnier aus dem berühmten Tschigorin-Schachklub in ein Hotel namens Karelia umzog, das am Rande der Stadt lang. Zugleich wurde das U-2300 Turnier im Tschigorin-Schachklub gespielt, der nur zwei Schritte entfernt von den größten Touristenattraktionen der nördlichen Hauptstadt liegt. Dies geschah, wie die Organisatoren es formulierten, um den Teilnehmern entgegen zu kommen – da die meisten Titelträger einschließlich der lokalen Teilnehmer im Karelia wohnten.

Doch für die Spieler aus dem Ausland waren das enttäuschenden Neuigkeiten. Simen Agdestein, der mit seinen Schülern nach St. Petersburg  gekommen war, erklärte, dass er überlegt, am Gedenkturnier teilzunehmen, wenn das Spiellokal in der Innenstadt liegt. ‘St.Petersburg ist eine solch wunderbare Stadt, – bemerkte der Norweger, – und ich erkunde sie gerne.’ Ich sollte hinzufügen, dass Simen nicht im Karelia-Hotel übernachtete.

Um aus dem Zentrum ins Spiellokal zu kommen, brauchte ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln etwa eine halbe Stunde. Das Hotel liegt in einem Industriegebiet von St. Petersburg und ist ziemlich billig.

Darüber hinaus erhält die Schachförderation gewöhnlich Preisnachlässe, da Ende Oktober für Touristen nicht unbedingt die attraktivste Jahreszeit ist. Das Spiellokal wurde im ersten Stock eines Billardklubs eingerichtet, der mit dem Hotel in Verbindung steht.

Es gab keine Garderobe, weshalb diejenigen, die nicht im Hotel übernachteten, ihre Mäntel am Eingang des Spielsaals ablegen mussten

Der große Saal (der normalerweise als Restaurant genutzt wird) war nicht speziell ausgestattet, aber die Beleuchtung war viel besser als im alten Tschigorin-Schachklub (5).

Wie gewöhnlich nahmen zahlreiche starke Spieler an dem Turnier teil, viele davon mit wirklich zu niedriger Elo-Zahl. Um Agdestein zu zitieren, ‘es gibt so viele starke Spieler, über die wir nichts wissen!’ Nur ein einziger Spieler über 2600 war dabei, Großmeister Pavel Smirnov aus Mezhdurechensk. Er begann gut, aber erlitt in den Runden 6 bis 8 drei Niederlagen in Folge, was ihn fast aus dem Rennen warf. Ein Sieg in der Schlussrunde brachte ihm und den anderen Spielern mit +2 überraschenderweise ein Teil des letzten Preises, aber das war natürlich nicht zufrieden stellend für Smirnov, der direkt aus Österreich nach St. Petersburg kam und stolzer Träger des Europäischen Vereinsmeistertitels war.

Zwei andere Spieler mit hohen Elo-Zahlen, Vladimir Belov

und Alexander Lastin,

zeigten ihr Können in den Blitz- und Schnellschachturnieren, die dem Hauptturnier vorausgingen, aber im Hauptturnier erging es ihnen ganz unterschiedlich. Lastin verlor den Anschluss an die Spitze und damit auch das Interesse an den schachlichen Aspekten des Festivals, während Belov regelmäßig an den Spitzenbrettern spielte und am Ende zusammen mit drei anderen Spielern den zweiten Platz teilte. Vielleicht liegt das daran, dass Vladimir im Moment nicht im Ausland spielen kann – ein bürokratischer Fehler bei der Passbearbeitung – weshalb er bei den seltenen Turnieren in Russland das Maximum gibt …


Spitzenbretter: Großmeister Yandemirov und Belov

Während etliche Großmeister es ruhig angingen ließen, heizte so mancher IM dem Turnier ordentlich ein. Boris Savchenko,

ein junger, großer, eleganter Moskauer Meister, setzte sich vor der Schlussrunde mit 6,5 Punkten alleine an die Spitze, wobei er positionell gesundes Schach mit einem scharfen Auge für taktische Möglichkeiten verband. Der erfahrene und ruhige Sergey Sergienko

lag nur einen halben Punkt zurück, obwohl er ihre direkte Begegnung verloren hatte.

Die Tschigorin-Gedenkturniere gelten als ideale Gelegenheit für junge Spieler, um ihr Können gegen grundsolide alte Meister zu erproben. Diese Aufgabe ist wirklich hart und am Ende des Turniers saßen viele junge Herausforderer in den hinteren Spielreihen.

Manche von ihnen, wie WFM Anastasia Bodnaruk,

hatten allerdings mehr Erfolg. Das 14-jährige Mädchen erzielte eine Frauen-IM-Norm und schlug dabei Großmeister Tishin.

Es herrschte die typische, freundliche Stimmung. Niemand versuchte eine Hexenjagd auszulösen, obwohl es einen Jungen gab, der jeden Tag vor dem Spiellokal an seinem Laptop saß. Tatsächlich spielte er Computerspiele, was gelegentlich die Aufmerksamkeit der Schachspieler auf sich zog.

Man konnte Kaffee und einen kleinen Imbiss kaufen


GM Rauf Mamedov, links

und natürlich Partien analysieren.

Ich habe Gerüchte über Partys, Saunas, usw. gehört und halte das nicht für unwahrscheinlich. Starke Anspannung erfordert ebenso starke Entspannung – Schachspieler zitieren diesen von Jan Ehlvest häufig benutzten Ausspruch gerne …

Doch kommen wir zur Situation vor der letzten Runde zurück. Neben Savchenko und Sergienko hatten noch andere Spieler gute Chancen im Kampf um den ersten Preis (60.000 Rubel, etwa $2,200) –


Dmitry Bocharov


Andrey Rytchagov


und Anton Shomoev,

alle mit 6 Punkten.

Belov hatte 5,5 Punkte und Weiß gegen Sergienko. Savchenko am Spitzenbrett Weiß gegen Bocharov, während Rytchagov und Shomoev am zweiten Brett spielten.

Erwähnt werden sollte, dass das Tschigorin-Gedenkturnier zugleich ein Qualifikationsturnier für den Russland-Pokal darstellt, ein jährlich ausgetragenes K.O.-Turnier mit guten Preisen. So war es kein Wunder, dass die Partien Rytchagov gegen Shomoev und Zontakh gegen S.Zhigalko schnell mit Remis endeten.

Die Spieler sicherten sich nicht nur einen ordentlichen Teil des Preisgeldes, sondern qualifizierten sich auch für den Pokal.

Der Kampf an den Brettern 1 und 3 ging jedoch weiter. Sergienko überraschte Belov mit 5…Ld6 im Modernen Benoni (25). Doch die Überraschung des Meisters trug keine Früchte. Belov opferte einen Bauern, was die schwarze Entwicklung behinderte und entwickelte kraftvollen Angriff. Nur ein grober Fehler des Weißen hätte Sergienko retten können, weshalb das Schicksal des ersten Preises ganz allein von der Partie Savchenko gegen Bocharov abhing. Es war ein offener Sizilianer, Weiß hatte den typischen Raumvorteil und das Ergebnis nach der Eröffnung vorher zu sagen war unmöglich. Savchenko bot Remis an, was ihn zum alleinigen Sieger des Turniers gemacht hätte, aber Bocharov lehnte auf seine einzigartige Weise ab. Er begegnet 99% solcher Angebote mit einem raschen ‘Abgelehnt!’ und denkt weiter nach.

Während sich die Spitzenpaarungen einem Höhepunkt in der dritten Stunde näherten (90 Minuten + 30 Sekunden für die ganze Partie machen das unvermeidbar), machte ich einen Spaziergang durch den Saal. Julia Gromova, die in einem früheren Tschigorin-Gedenkturnier den Schönheitspreis gewonnen hatte, spielte gegen einen jungen Mann, der aussah wie ein Büroangestellter – ein buntes Paar! 

Simen Agdestein verfolgte begeistert Partien ihm unbekannter russischer Kämpfer – ‘Diese russischen Spieler kennen vielleicht nicht so viel Theorie, aber sie sind ausgezeichnete Kämpfer!’

Jon Ludwig Hammer, ein viel versprechender norwegischer FM, der in Jugendtagen ein Rivale von Carlsen war, überlegte in besserer Stellung seinen nächsten Zug.


Hammer

Der Hauptschiedsrichter Herr Ivanov entfernte sich mit einem Laptop aus dem Saal, da er ihn anschalten wollte, ohne die Spieler zu stören.

Ich stellte ihm eine politische Frage: Warum steht auf dem Namensschild von Shavleg Shamugia der Name eines Landes, das es offiziell gar nicht gibt – Abchasien?

‘Dies geschah auf Anfrage des Spielers, – antwortete der Schiedsrichter. – Im offiziellen Bericht ist er natürlich Georgier. Und den Namen des Landes zu ändern, hat sein Ergebnis nicht sehr verbessert…’ Stimmt – der Mann saß am letzten, dem 47., Tisch.

Unterdessen erreichte Belov eine klar gewonnene Stellung und die gegnerische Aufgabe war nur noch eine Frage der Zeit (31).

Savchenko brachte seine Figuren zum Königsflügel und zwang Schwarz so, einen Bauern herzugeben. Allerdings erhielt Bocharov dafür gewisse Kompensation.

Die Stellung war hochkomplex und irgendwo ist Weiß vom rechten Weg abgekommen. Er fand sich ohne Bauern in einem Turmendspiel wieder – eine enttäuschende Wendung der Dinge! Möglich, dass Weiß das Endspiel retten konnte, aber er zu enttäuscht. Bocharov gewann ziemlich glatt und feierte den Alleinsieg im Gedenkturnier.

Die Abschlussfeier war recht kurz. Großmeister Alexey Lugovoi, Vizepräsident des St. Petersburger Schachverbandes gratulierte den Siegern und lud alle ein, im Sommer wiederzukommen, wenn St. Petersburg das Festival der Weißen Nächte ausrichtet. Dann ergriff er einen Stempel und zeichnete verschiedene Dokumente wie Normenbestätigungen und offizielle Ergebnisse für die Spieler ab (35; 38 – Rauf Mamedov und Anna Ushenina).

Während sie auf das Preisgeld warteten, vergnügte sich eine Gruppe von Spielern mit der Philidor-Stellung, T+L vs. T. Kein klarer Gewinn wurde erinnert/gefunden, aber ich glaube, am Brett würden sie die Stellung mit Weiß gewinnen…


GM Shomoev, GM Yevseev greift an, IM Maslak verteidigt;


Die GMs Kornev und Yandemirov beteiligen sich an der Analyse.

Leider standen die Partien während des Turniers nicht zur Verfügung. Es gab auch kein Turnierbulletin. Die Berichterstattung war wie üblich schlecht, obwohl nicht so schlecht wie in dem kürzlich gespielten Jeder-gegen-jeden Turnier in Saratov – die Organisatoren in St. Petersburg sorgten zumindest regelmäßig für Ergebnisse, Paarungen und Tabellenstände.

Außer dem Titel erinnerte in diesem Turnier nichts an Tschigorin. Es ist auch nicht sehr besucherfreundlich (manche Westeuropäer waren nicht glücklich über das Karelia, das sie für nicht sehr sauber hielten und in dem das Personal kein Englisch sprach) – erwarten Sie nicht, hierher zu kommen und Geld zu gewinnen. Wenn Sie aber damit zufrieden sind, im schönen Stadtzentrum von St. Petersburg zu übernachten, Schachtourismus mögen oder preiswerte Schachlektionen am Brett oder nach der Partie bekommen möchten, dann ist dies Turnier das richtige für Sie!

 

Tabelle:

  1.    6  Bocharov, Dmitry            7.0  51.0  38.75  33.5  2577 2720 +1.51
  2.   13  Savchenko, Boris            6.5  49.5  33.25  38.5  2551 2676 +1.46
        7  Rychagov, Andrey            6.5  47.0  32.50  35.5  2572 2655 +1.01
       23  Shomoev, Anton              6.5  51.5  36.00  35.0  2528 2673 +1.73
        3  Belov, Vladimir             6.5  46.0  32.00  32.0  2589 2646 +0.65
  6.   47  Sergienko, Sergey           6.0  51.0  31.75  34.5  2441 2645 +2.49
       38  Maiorov, Nikita             6.0  46.5  28.25  32.0  2481 2626 +1.77
       31  Zhigalko, Sergei            6.0  48.0  30.25  31.5  2504 2641 +1.68
       40  Yudin, Sergei               6.0  48.0  31.25  31.5  2470 2656 +2.22
        9  Mamedov, Rauf               6.0  47.0  29.50  31.0  2563 2592 +0.33
       21  Novikov, Stanislav          6.0  48.0  30.75  31.0  2532 2574 +0.51
       18  Deviatkin, Andrei           6.0  45.5  28.75  30.0  2537 2591 +0.60
        5  Kornev, Alexei              6.0  44.0  27.00  29.0  2578 2579 -0.03
        8  Zontakh, Andrey             6.0  45.0  30.00  28.5  2569 2581 +0.15

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Tschigorin Gedenkturnier Partien der Runden 1 bis 8 (cbv)...

 

 

 

 

 

 

 



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