Das Internationale Turnier in Bamberg

von André Schulz
22.06.2020 – Anlässlich seine 100-jährigen Bestehens hat der SC Bamberg, 1868 gegründet, ein großes internationales Schachturnier organisiert. Die besten deutschen Spieler treffen auf internationale Weltklassespieler, darunter Weltmeister Tigran Petrosian und Paul Keres.

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Jubiläumsturnier in Bamberg

Nun gibt es wieder einmal ein großes Schachturnier in Deutschland. Organisiert wird es vom SC Bamberger, anlässlich seines 100sten Geburtstages. Der Bamberger Schachclub ist einer ältesten Schachvereine in Deutschland, gegründet 1868. Da man hier in Bamberg sehr gewissenhaft ist, ist auch das genaue Gründungdatum noch bekannt. Man schrieb den 12. Februar 1868. Es war ein Mittwoch, als sich 12 Schachfreunde im Wirtshaus "Wilde Rose" trafen und offiziell den ersten Schachclub in der Stadt Bamberg gründeten. Zum Vorsitzenden wurde der Kaufmann Josef Lippmann gewählt. Als Aufnahmebeitrag legte man 30 Kreuzer fest, was nicht besonders viel war. Der Monatsbeitrag betrug sechs Kreuzer. Falls die Mitgliederzahl unter vier sinken würde, so war die automatische Selbstauflösung des Klubs vorgesehen. Und da man anfangs noch nicht genug Geld für Spielmaterial hatte, wurden Anteilsscheine ausgegeben. Die erste Schach AG war gegründet.

1868 gab es noch kein Deutsches Reich, aber eine Zollunion der Deutschen Länder, die zusammen in ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft in der Welt hinter England und den USA immerhin schon den dritten Platz einnahm. Das Deutsche Reich wurde erst 1870 gegründet, unter preußischer Führung. Ludwig II., König von Bayern, war indes Anhänger eine "Großdeutschen Lösung" gewesen, hatte mit Bayern im so genannten deutschen Einigungskrieg Österreich gegen Preußen unterstützt und mit Österreich verloren. Dem Bemühen eine "Kleindeutsche Lösung" zu realisieren, ein geeintes Deutsches Reich ohne Österreich unter der Führung von Preußen, widersetzte sich Ludwig II schmollend. Der so genannte "Märchenkönig" war aber durch seine vielen repräsentative Bauten in seinem Bayrischen Reich so gut wie pleite und so konnte Preußen durch die Zahlung von etwas 6 Mio. Goldmark den bayrischen König doch noch überreden, dem neuen Deutschen Reich beizutreten. Bayern wurde also Teil des Deutschen Reiches, von der Zahlung erfuhr man erst sehr viel später.

In Deutschland lernt man das in der Schule, aber für die Leser außerhalb von Deutschland mag dieser Geschichte erhellend sein, um zu erklären, warum Bayern in seinem Selbstverständnis innerhalb von Deutschland eine Sonderrolle einnimmt. Von dem Geld beglich Ludwig II. seine Schulden und ließ zudem das Schloss Neuschwanstein bauen. Das Schloss kennt man auch außerhalb von Deutschland sehr gut, es diente als Vorlage für das Schloss im Walt Disney Film Cinderella ("Aschenputtel").

Neuschwanstein

Bamberg liegt allerdings recht weit von Neuschwanstein entfernt, am anderen Ende des Landes, und damit kommen wir zu einer anderen Besonderheit der deutschen Länder. Zwar gehört die Stadt Bamberg politisch zu Bayern, doch kulturell ist Bamberg ein Teil Frankens.

Alte Karte von Bamberg

Die bayrische und die fränkische Sprache sind beides Varianten der deutschen Sprache, aber doch sehr verschieden. Ursprünglich war das heutige Franken im Norden Bayerns im Mittelalter ein Teil des sehr viel größeren "Ostfrankens", das von Mainz bis Bamberg reichte. Im Laufe der Geschichte haben die vielen deutschen Länder, Königreiche und Herzogtümer, vielfach ihr Aussehen geändert. Bekanntlich hat der deutsche oder germanische Stamm der Franken auch dem Land Frankreich seinen Namen gegeben.

Nach diesem kleinen geschichtlichen Ausflug zurück in die Gegenwart. Das vom SC Bamberg organisierte Schachturnier wird in unseren heutigen unruhigen Zeiten einen besinnlichen und Völker verbindenden Gegenpol bilden. Die Jugend ist derzeit bekanntlich überall in Aufruhr. In vielen Ländern gehen die Studenten auf die Straße und protestieren gegen Krieg und Unfreiheit. Dies richtet sich gegen den seit dem Zweiten Weltkrieg andauernden Indochina-Krieg, den die USA seinerzeit von Frankreich geerbt haben und den sie im vermeintlichen Kampf gegen den sich ausbreitenden Kommunismus immer weiter führen. Es richtet sich aber auch gegen die verkrustete Strukturen in vielen Ländern. Eine neue Jugendkultur hat sich gebildet, die auch in neuen Formen der Musik ihren Ausdruck findet. Eine Szene des vor zwei Jahren erschienenen Films des italienischen Regisseurs Michelangelo Antonioni, "Blow Up" mag auch die Orientierungslosigkeit unserer Zeit widerspiegeln.

Der vielfach ausgezeichnete Film wurde im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ausgiebig gewürdigt.

Unserer Zeit hat aber auch freundlichere Lieder hervorgebracht, von denen man sich vorstellen kann, dass man sie noch in 50 Jahren gerne hört:

Das unser Schachspiel ausgesprochen modern oder "in" ist, wie man heutzutage sagt, beweist die folgende Schachszene in dem gerade produzierten Film "2001 - Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick.

Die Vorlage für die Szene bildet diese Partie:

 

14.Dxa6 Lxg2 15.Te1 Df3 0–1

Aber Schach kann auch sehr sexy sein, wie in dem neuen Film "Thomas Crown ist nicht zu fassen" zu sehen ist. Steve McQueen und Faye Dunaway eröffne ihre Liaison mit einer Schachpartie.

Alles gute Gründe, um Schach zu spielen. Im Bamberger Bootshaus am Hain, dem idyllischen Spiellokal, werden 16 Spieler zum Turnier antreten, darunter die deutschen Spitzenspieler GM Lothar Schmid, GM Wolfgang Unzicker und GM Helmut Pfleger. Außerdem der starke Meisterspieler Rudolf Teschner aus Berlin, der Deutsche Meister Hans-Günther Kestler, der Bayrische Meister Jürgen Teufel - beide aus Bamberg - und der Münchner Klaus Peter Klundt. Aus Österreich kommt Dr. Andreas Dückstein, aus Spanien Roman Toran, aus Finnland Heikki Westerinen, aus den Niederlanden Jan Hein Donner. Aus den Ostblockländern kommen GM Milo Bobozow (Bulgarien), Borislav Ivkov (Jugoslawien) und Lazlo Szabo (Ungarn). Und dann spielen noch die beiden Sowjet-Stars Paul Keres und Weltmeister Tigran Petrosian mit. Was für ein fantastisches internationales Feld auf deutschem Boden!

Dieses zusammen zu bekommen und das etwa 100.000 DM teuere Turnier zu finanzieren, war nicht einfach. Das konnte nur Lothar Schmid mit seinen ausgezeichneten Kontakten vollbringen. GM Lothar Schmid ist bekanntlich nicht nur einer der weltbesten Schachspieler. Er pflegt auch ausgezeichnete Beziehungen zu Spielern und Funktionsträgern in allen Ländern. Wie erinnern uns, wie er vor acht Jahren nach der Schacholympiade in Leipzig den jungen Bobby Fischer mitbrachte. Die Tür den Klubhauses ging auf, gerade wurde das Klubturnier gespielt, da spazierten Lothar Schmid, Helmut Pfleger und Bobby Fischer hinein. Mit seinen guten Kontakten, auch in das sowjetische Schach, hat Lothar Schmid dafür gesorgt, dass der Weltmeister Tigran Petrosian hier in Bamberg beim Jubiläumsturnier mitspielt, begleitet von Paul Keres.

Lothar Schmid ist aber auch als Geschäftsmann aktiv, als Leiter des Karl May Verlages. Wir haben alle als Kinder die Bücher gelesen und kennen die vielen spannenden Verfilmungen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Gerade wurde der allerneueste Film nach Motiven von Karl May abgedreht: "Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten"

Haben Winnetou und Old Shatterhand Schach gespielt? Nein, aber der Produzent des Filmes Artur Brauner spielt sehr gerne!

Wir dürfen uns auf ein tolles Turnier freuen. Tote wie in diesem Film wird es keine geben. Schach ist ein friedlicher Wettstreit des Geistes.

Heute Abend, ab 18.00 Uhr geht es los!

Turnierseite...



Themen: Bamberg 1968

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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