Das Leben von Sultan Khan: Ein Interview mit Daniel King

von Sagar Shah
18.04.2020 – Mir Sultan Khan wurde 1905 in Indien geboren und kam 1929 als Diener eines einflussreichen indischen Politikers nach England. Dort stieg er schnell zu einem der besten Spieler der Welt auf und schlug Spieler wie Capablanca, Tartakower, Flohr und andere. Doch 1933 kehrte Sultan Khan nach Indien zurück und verschwand aus der Schachszene. In seinem neuen Buch "Sultan Khan: The Indian Servant Who Became Chess Champion of the British Empire" erzählt Daniel King die faszinierende Geschichte dieses Ausnahmetalents. Sagar Shah hat mit King über das Buch und das Schicksal von Sultan Khan gesprochen.

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Sultan Khan: Ein Interview mit Daniel King

Sagar Shah: Daniel, vor kurzem ist dein Buch über Sultan Khan erschienen. Wann hattest du die Idee, ein Buch über Sultan Khan zu schreiben und wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Daniel King: 2013 hat mich ein Theaterregisseur, der die Geschichte von Sultan Khan interessant fand, angesprochen und gebeten, ein bisschen für ihn zu recherchieren. Und je mehr ich mich mit der Geschichte Sultan Khans beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass es noch viel zu entdecken gab, zum Beispiel neue Partien und eine faszinierende Hintergrundgeschichte aus der Politik. Aber ich habe immer eine ganze Reihe von Projekten, an denen ich arbeite, und es war nicht leicht, die Zeit zum Schreiben zu finden. Mit einer ganzen Reihe von Unterbrechungen hat mich das Projekt etwa sieben Jahre in Anspruch genommen.

SS: Wie hast du recherchiert, wo hast du Quellen und Information gefunden?

DK: Ich habe vor allem zeitgenössische Zeitungen und Schachzeitschriften aus den 1920ern und 1930ern ausgewertet – einschließlich indischer Zeitungen. Die konnte ich in der wunderbaren British Library in London einsehen. Da zu arbeiten, hat Spaß gemacht.

SS: Wie würdest du den Spielstil von Sultan Khan beschreiben?

DK: Sein Spiel war ziemlich uneinheitlich, denn er hat die Regeln des westlichen Schachs erst mit 21 gelernt. Im Prinzip war er ein strategischer Spieler. Im Endspiel war er stark. Und er war unglaublich zäh und hat viele seiner Partien nach stundenlangem Spiel noch herumgerissen. Aber manchmal ging er auch gleich von Anfang an so brutal wie nur möglich auf seinen Gegner los – mit gemischten Ergebnissen.

SS: Erzähl uns ein bisschen etwas über die Person Sultan Khan. Wie war er abseits des Schachbretts?

DK: Er wirkt, als sei er seinen Gegnern gegenüber bescheiden, charmant und großzügig gewesen. Nach einem seiner Turniersiege schrieb ein Journalist: "…es gibt keinen Spieler, der so bescheiden und beliebt ist". Ehrlich gesagt, hätte ich nicht Jahre lang über sein Leben recherchiert, wenn er kein angenehmer Mensch gewesen wäre!

Daniel King: Sultan Khan – The Indian Servant Who Became Chess Champion of the British Empire, New in Chess 2020

SS: Wie kann jemand, der mit den Regeln des indischen Schachs groß geworden ist und keine formelle Schachausbildung genossen hat, einen Spieler wie Capablanca schlagen?

DK: In der berühmten Partie gegen Capablanca hat Khan genau die geschlossene Mittelspielstellung erreicht, die seinem Stil perfekt entsprochen hat: er hat brillant manövriert, Gegenangriffe unterbunden und war geduldig genug, um auf den richtigen Moment für einen Durchbruch zu warten. Khan hat vor allem durch die Praxis gelernt, durchs Spielen, Schach studiert hat er kaum. Seine ersten Partien in England waren nicht besonders gut, aber er hat unglaublich schnell gelernt. Das zeigt, wie talentiert er war.

Die erste Partie zwischen Sultan Khan und Capablanca, bei einem Simultan 1929

SS: Was sind Sultan Khans größte Erfolge?

DK: Er wurde drei Mal Britischer Meister: 1929, 1932, 1933. Die erste Hälfte des Jahres 1931 war wahrscheinlich seine beste Zeit: er gewann gegen Capablanca in Hastings (wobei er im Turnier jedoch nur Dritter wurde, nachdem er eine Partie gegen Euwe weggeworfen hatte). Dann gewann er einen 12-Partien Wettkampf gegen Tartakower mit 6½-5½. Bei der Schacholympiade 1931 in Prag holte er 11½/17 und spielte dabei gegen viele der führenden Meister seiner Zeit. Gegen Weltmeister Aljechin spielte er Remis, aber gegen Flohr hat er gewonnen.

SS: Welche nicht-schachlichen Faktoren haben zum Erfolg von Sultan Khan beigetragen?

DK: Die Geschichte, wie Sultan Khan überhaupt nach London kam, ist außergewöhnlich. Im indischen Punjab wurde seine Talent von Colonel Nawab Sir Umar Hayat Khan erkannt – ein bekannter Politiker und Militärführer und außerordentlich loyaler Unterstützer der Briten. Er kontaktierte einige der besten indischen Spieler der damaligen Zeit, denn er wollte, dass sie Sultan Khan im westlichen Schach unterrichten. Damit wurde Sultan Khan praktisch ein Spieler bei Hofe, was an die Zeiten des Mogulenreichs erinnert. Und als Sir Umar auf politische Mission nach London reiste, nahm er Sultan Khan mit. Es besteht meiner Ansicht nach kein Zweifel daran, dass Sir Umar Sultan Khan und seine schachlichen Fähigkeiten für weiche Diplomatie genutzt hat, als sie nach London kamen: Sir Umar repräsentierte die so genannten kriegerischen Stämme; Sultan Khan zeigte, dass Inder den Briten auch intellektuell – mindestens – auf Augenhöhe begegnen konnten.

Diplomatie in Aktion: Sultan Khan am Schachbrett

In meinem Buch untersuche ich den politischen Hintergrund der Geschichte Sultan Khans – nur so lässt sich verstehen, wie er nach England kam und warum er wieder nach Indien zurückgekehrt ist. Sultan Khan selbst war allerdings nie politisch aktiv und hat auch nie politische Meinungen geäußert. Das wäre seiner Position nicht angemessen gewesen. Was das angeht, so hat sein Schutzpatron – aber vielleicht trifft der Ausdruck "Meister" es besser – Sir Umar Hayat Khan hier die Fäden in der Hand gehalten.

SS: Welche politischen Implikationen hatte es, als Sultan Khan nach England kam, und dort anfing, alle und jeden im Schach zu schlagen? Immerhin wurde Indien damals von den Briten regiert und jetzt kommt jemand nach England und schlägt alle ihre besten Spieler.

DK: Sultan Khan war in Großbritannien sehr beliebt! Nicht nur bei Schachspielern generell, sondern auch in der Nationalmannschaft. Ich glaube, besonders gut hat er sich mit dem führenden britschen Spieler Fred Yates verstanden, obwohl die beiden am Schachbrett einige großartige Kämpfe ausgefochten haben. Damals nahm die Unabhängigkeitsbewegung in Indien enorm an Fahrt auf, aber für die Leute in Großbritannien war das weit weg. Viele britische Kommentatoren meinten damals, die Erfolge von Sultan Khan "stärken die innere Verbindung des Empires". Aber die meisten Leute in Indien sahen das natürlich anders.

Khan wurde in die britische Nationalmannschaft berufen, und gar nicht erst Streit darüber aufkommen zu lassen, dass ein Inder für Großbritannien spielt, taufte man das britische Team kurzerhand um und nannte es Mannschaft des Britischen Empires! Allerdings nahm Indien damals noch nicht an internationalen Mannschaftsturnieren teil – zum großen Verdruss vieler in Indien. Khans Ergebnisse für die britische Mannschaft waren sehr gut.

SS: Warum konnte Sultan Khan nicht um die Weltmeisterschaft kämpfen? Wie endete seine Karriere?

DK: Sultan Khan erzielte ein paar ausgezeichnete Ergebnisse, aber ihm fehlte die Konstanz anderer Spieler. Ende 1933 ist er nach Indien zurückgekehrt. Sein Schirmherr, Sir Umar Hayat Khan, hatte die britische Regierung bei den "Round Table Conferences" mit Indien beraten, aber die waren vorbei und er wollte nach Indien zurück. Sultan Khan, der zu seinem Haushalt gehörte, hatte gar keine andere Wahl als ihn zu begleiten. Aber wie ich herausgefunden habe, wollte Sultan Khan auch zurück. Er war in Europa oft krank – er hatte oft Grippe und war erkältet und hatte sogar wiederkehrende Malariaanfälle – und freute sich deshalb, dem kalten Klima zu entkommen. Aber ich glaube, viel wichtiger für ihn war auch, dass er genug davon hatte, für seinen Herrn zu spielen.

Übrigens gibt es noch ein anderes interessantes Mitglied im Haushalt von Sir Umar, das wir noch gar nicht erwähnt haben: Miss Fatima. Sie lernte die Regeln des Schachs, als sie nach London kam, und anderthalb Jahre später gewann sie die Britischen Frauenmeisterschaften mit 10½/11! Eine weitere bemerkenswerte Geschichte, der ich in meinem Buch nachgehe.

SS: Was ist deine Lieblingspartie von Sultan Khan und warum?

DK: Seine berühmteste Partie ist natürlich sein Sieg gegen Capablanca in Hastings 1930/31. Eine Glanzpartie. Sie zeigt seinen geduldigen, strategischen Stil so gut. Aber diese Partie ist zu bekannt. Sultan Khan hat viele gute Endspiele gespielt, aber sein Sieg gegen Soultanbeieff in Lüttich 1930 gefällt mir besonders gut. Khan überspielt seinen Gegner strategisch und beendet die Partie dann mit einem hübschen Angriff.

 

Und hier ist Sultan Khans berühmtester Sieg: am 31. Dezember 1930 gewann er gegen Capablanca.

 

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SS: Würdest du sagen, dass Sultan Khan Indiens erster großer Schachspieler gewesen ist? _REPLACE_BY_ADV_2

DK: Wenn man bedenkt, dass er der erste war, der mit Erfolg gegen westliche Schachspieler angetreten ist, dann würde ich sagen, ja. Übrigens kann man auch sagen, dass Sultan Khan der erste Spieler Asiens war, der erfolgreich gegen westliche Spieler angetreten ist. Erstens, weil es stimmt! Und zweitens, weil verschiedene Länder ihn für sich reklamieren: er wurde in Britisch-Indien geboren und ist dort aufgewachsen, in einem Land, das es nicht mehr gibt. 1928 gewann er die All-Indischen Meisterschaften. Den Großteil seiner Schachkarriere hat er in Großbritannien verbracht und er hat für die Mannschaft des Britischen Empires gespielt. Er ist nach Indien zurückgekehrt, aber nach Teilung und Unabhängigkeit des Landes, hat er den Rest seines Lebens in Pakistan verbracht. Ich will keine Kontroversen schüren, aber das sind einfach Fakten.

Sultan Khan  | Photo: New in Chess

SS: Stehst du in Kontakt mit der Familie oder entfernten Verwandten von Sultan Khan?

DK: Ich habe keinen Kontakt zu Familienangehörigen von Sultan Khan. Ich hoffe sehr, dass einer von ihnen dieses Buch sieht, denn ich möchte sein Andenken ehren. Er war ein großartiger Spieler und ich glaube, er war auch ein freundlicher Mensch.

SS: Wer hat die beim Schreiben des Buches geholfen, wem möchtest du danken?

DK: Viele Leute haben mir bei der Recherche für das Buch geholfen und ich danke ihnen und habe ihnen bereits gedankt. Hier möchte ich jedoch zwei Inder erwähnen, Manuel Aaron und Vijay Pandit, die so freundlich waren, mir Partien zur Verfügung zu stellen, die Sultan Khan in Indien gespielt hat. Ihr wunderbares Buch Indian Chess History lieferte nützliches Hintergrundmaterial über die indische Schachszene. Danke Sagar, dass du es mir geschickt hast! Ich schulde dir ein Lassi! [Lächelt]

SS: Was können junge Spieler, die dem Computer und moderner Eröffnungsvorbereitung vertrauen, aus diesem Buch lernen?

DK: Es gibt so viel, was wir von Sultan Khan lernen können, als Mensch und als Spieler. Wie Vishy Anand in seinem Vorwort geschrieben hat:

Er sollte Inspiration für Schachspieler aus ganz Indien und dem Subkontinent sein, aber auch für jeden, der es als Außenseiter schwer hat. Er stammte aus bescheidenen Verhältnisse, aber spielte gegen die Besten der Welt und zeigte, dass er ihnen ebenbürtig ist.

Obwohl Khan Schwächen in der Eröffnung hatte, konnte er das durch seine außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeiten, seinen Kampfgeist und seine hervorragende Endspieltechnik kompensieren. Diese Fähigkeiten können einen weit bringen.

SS: Du bist Großmeister, einer der besten Kommentatoren der Schachwelt, ein erfolgreicher Schachlehrer und Autor - was steht als Nächstes auf dem Programm? 

DK: Es gibt immer etwas zu tun! Ich mache demnächst ein paar Aufnahmen und meine aktuelle ChessBase DVD ist gerade erschienen - ich werfe einen Blick auf das Königsgambit!

Es gibt immer etwas zu tun!

Übersetzung aus dem Englischen: Johannes Fischer



Sagar Shah ist ein junger Internationaler Meister aus Indien. Er ist zugleich ausgebildeter Wirtschaftsprüfer und würde gerne der erste indische Wirtschaftsprüfer sein, der Großmeister wird. Sagar berichtet leidenschaftlich gerne über Schachturniere, denn so begreift er das Spiel, das er so liebt, besser. Aus Leidenschaft für das Schach betreibt er auch einen eigenen Schachblog.