Das moderne Lehr-Medium

02.08.2013 – In der neuen Ausgabe der Zeitschrift SCHACH stellt FM Christoph Nogly, der für die Schachfreunde Berlin in der 2. Liga spielt, gleich vier ChessBase Trainingskurse vor. Mit Abstand am besten hat ihm die Trompowsky-DVD von Breutigam gefallen. Auch "wer bereits Trompowsky spielt, findet zahlreiche Anregungen für alternative Spielweisen, um frischen Wind in sein Repertoire zu bringen." Zur Rezension.

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ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

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Das moderne Lehr-Medium

Rezension von Christoph Nogly

 Neben den reinen Datenbanken nehmen in den letzten Jahren auch die Angebote an elektronischer Schach-»Literatur « stetig zu. Zu Beginn handelte es sich dabei um auf CD gebrannte Textdateien zuzüglich Partien-Datenbanken. Mit den immer größer werdenden Speicherkapazitäten (bzw. den beim Download schnelleren Internetverbindungen) sowie der immer einfacher zu handhabenden Videoproduktion nutzen diese Produkte zunehmend die multimedialen Möglichkeiten, so dass man sich den »persönlichen Trainer « problemlos auf den heimischen Rechner holen kann.

Bei den aktuellen ChessBase- DVDs teilt sich der Bildschirm in drei Abschnitte auf. Einmal das typische Schachbrett, wie man es von ChessBase oder verschiedenen Engines her kennt. Rechts daneben wird ein Video eingeblendet. Hier sieht man den Autor (Moderator?) vor einem Computer sitzen, auf dem er die Züge – Spalte 3 (die auf Wunsch ausgeblendet werden können) – eingibt, die auf dem Brett erscheinen. Mit farblichen Markierungen oder Pfeilen kann der Vortragende seinen Ausführungen zu der auf dem Brett befindlichen Stellung Nachdruck verleihen. Man muss nicht ChessBase oder Fritz etc. besitzen, um die DVDs zu nutzen. Im Lieferumfang ist der ChessBase Reader enthalten, mit dem man die Videolektionen konsumieren kann.
 Neben den rein schachlichen Inhalten drängt sich dem Rezensenten ein weiterer zu bewertender Aspekt auf. Damit meine ich weniger modische Accessoires (auch wenn ein schwarzes Sakko auf meinem Bildschirm mitunter zu merkwürdigen optischen Effekten führt), sondern vielmehr die rhetorischen und didaktischen Fähigkeiten der Verfasser. Um es vorweg zu nehmen: Alle Autoren der nachfolgend betrachteten DVDs machen einen guten Job. Sie sprechen frei, klar und deutlich, es gibt keine nervenden »ähs« und »öhs«.
Und noch ein weiteres Fazit vorweg: Im Vorteil gegenüber Büchern sind die Videos, wenn es darum geht, Pläne und Strategien zu beleuchten. Die verbale Erläuterung im Zusammenspiel mit markierten Feldern oder Pfeilen ist der reinen Prosa überlegen. Auch beschäftigt man sich automatisch länger mit einer Position, wenn ein Trainer ausführlich darüber spricht. Er zwingt einen geradezu, auf die kritische Stellung zu starren. Bei Büchern besteht die tendenzielle Gefahr, vieles zu schnell zu (über)lesen.
 Dafür punkten Bücher, wenn es um Tiefe und Umfang von Analysen geht. Eine Zugfolge in einem Video zu besprechen, dauert im Vergleich zum Abdruck unverhältnismäßig lange. Wollte man ein ganzes Buch visualisieren, wären mehrere DVDs von Nöten. Ganz abgesehen davon, dass sich niemand ein Video ansehen wollte, in dem der Autor wie folgt agiert: »Kommen wir nun zu Kapitel zwei in Variante römisch drei, Abschnitt eins d« ...

Trompowsky

Der Trompovsky-Angriff – 1. d4 Sf6 2. Lg5 – wird gern von Spielern angewandt, die sich nicht zu intensiv mit dem Pauken von Eröffnungstheorie beschäftigen wollen. Vor fünzehn, zwanzig Jahren waren die unerforschten Varianten und der Überraschungseffekt noch attraktiv genug, um selbst einen Weltklassespieler wie Michael Adams regelmäßig zu dieser Waffe greifen zu lassen. Aber auch, wenn sich inzwischen einiges an Theorie angesammelt hat und verlässliche Verteidigungskonzepte für Schwarz entwickelt wurden, nutzte kein Geringerer als der Weltranglistenerste Magnus Carlsen den »Tromp« jüngst in Moskau, um damit gegen Wladimir Kramnik zu punkten! In Deutschland ist Ilja Schneider ein bekannter Verfechter des frühen Läuferausflugs. IM Martin Breutigam sucht auf seiner DVD Trompowsky-Angriff – Ein Modernes Repertoire gezielt nach neuen Spielweisen für Weiß. Ein Beispiel: In der Variante 2... c5 3. L:f6 g:f6 4. d5 Db6 5. Dc1 f5 will der Schwarze seinen Lf8 aktivieren. Der Plan des Weißen – u. a. von Peter Wells in seinem Trompowsky-Buch propagiert – besteht häufig darin, die Wirkung dieses Läufers auf der langen Diagonale mit c2-c3 zu beschneiden. Der weißfeldrige Läufer wird meistens fianchettiert. Breutigam plädiert dagegen für einen Aufbau mit c2-c4, Sb1-c3 und Lf1-d3.
 Gegen das u. a. früher von Karpow bevorzugte 2... e6 empfiehlt Breutigam statt des prinzipiellen 3. e4 das trickreiche 3.Sd2. Nach dem naheliegenden 3... h6 4. Lh4 c5 bringt er mit 5. e4!? ein spannendes Bauernopfer. Dessen Idee ist es, nach 5... c:d4 6. e5 g5 7. Lg3 Sd5 8. h4 Druck auf der h-Linie und den schwarzen Feldern auszuüben. Es ist interessant, die entstehende Stellung mit der Variante 2... e6 3. e4 c5 4. e5 h6 zu vergleichen: Hier fahren die Weißen den Läufer nach c1 zurück, da auf 5. Lh4 g5 6. Lg3 gut 6... Se4 folgen könnte. Bei Breutigam wurde das Zugpaar Sb1-d2 c5:d4 eingeschaltet, was dem Schwarzen das Springerfeld e4 nimmt.
 Statt 3... h6 ist daher lt. Breutigam 3... c5 die bessere Wahl, da das analoge 4. e4 c:d4 5. e5 nunmehr an 5... Da5 scheitert (6. e:f6 D:g5; 6. Sgf3 Sg4). Der Autor offeriert zwei Ansätze: Einmal das ruhige 4. c3, um auf c5:d4 mit dem c-Bauern wiederzunehmen und in der Folge am Damenflügel zu spielen, und das schärfere 4. e3. Die (neue) weiße Idee ist es hier, die Rochade so lange zurückzustellen, bis Schwarz kurz rochiert hat, um dann selbst lang zu rochieren und am Königsflügel vorzustürmen. Ein ähnliches Konzept wurde jüngst von Iwantschuk gegen Aronjan beim Kandidatenturnier in London versucht. Breutigam bespricht diese Partie und bietet weiße Verbesserungsvorschläge an. Und auch gegen die allgegenwärtigen Repertoirevorschläge des vielerorts als Guru gehandelten Boris Awruch lässt Sie der Autor nicht allein.
 Die DVD beinhaltet 26 Videolektionen (davon eine Einleitung) von ca. 10-20 Minuten Länge und behandelt alle schwarzen Aufbauten nach 2. Lg5. Daneben finden sich auf der DVD auch Datenbanken mit 28 ausführlich kommentierten Modellpartien. 




 Fazit: Von allen Damenbauernspielen führt der »Tromp« zu den komplexesten Stellungen. Wer ein aktives, aber vom Umfang her überschaubares Weißrepertoire sucht und vor gelegentlichen Materialopfern nicht zurückscheut, bekommt von einem engagierten Verfechter des Systems für 27,90 EUR ein schönes Gerüst geliefert. Und wer bereits Trompowsky spielt, findet zahlreiche Anregungen für alternative Spielweisen, um frischen Wind in sein Repertoire zu bringen. 


60 Minuten

... ist eine relativ neue Produktlinie, die sich von den »normalen« Eröffnungs-DVDs wie folgt unterscheidet:
  1.  Es wird nur ein sehr eng begrenztes Themengebiet behandelt.
  2. Das Produkt ist nur als Download zu erwerben.
  3. Man bekommt nur Videolektionen und die dort gezeigten Varianten zum Nachspielen, keine weiterführenden Musterpartien oder gar Datenbanken.
  4. Bei i. d. R. 9,90 EUR ist die 60 Minuten-Reihe deutlich günstiger als die Produkte mit längerer Spieldauer.

60 Minuten: Vorstoß-Franzose

Mit einem für viele Vereinsspieler wichtigen Aufbau beschäftigt sich "Solide aufgebaut gegen die Vorstoß- Variante im Franzosen". Auffällig ist hier im Vergleich zu anderen DVDs, dass sich zwei Autoren die Bühne teilen: Jürgen Jordan (DWZ 2100) übernimmt die Rolle des »Schülers«, der vom »Lehrer«, GM Thomas Luther, in die Geheimnisse der jeweiligen Stellungen eingeführt wird. Ein Konzept, das durchaus zu überzeugen weiß. 
 Es geht um ein Schwarzrepertoire gegen die Französische Vorstoßvariante, konkret um die Stellung nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 (Db6). Neben der Einführung gibt es sieben Kapitel, drei davon behandeln die Stellung nach 6. a3, ebenfalls drei den Zug 6. Le2 und ein Kapitel 6. Ld3.
 Um mit der Kritik anzufangen: Letzteres ist für mich eine herbe Enttäuschung! Die »Analyse« endet nach ca. drei Minuten und den Zügen 6... Ld7 7. 0-0 c:d4 8. c:d4 S:d4 9. S:d4 D:d4 10. Sc3 mit der Aussage »Hier entsteht eine komplizierte Stellung, auf die wir nicht größer eingehen wollen«, gefolgt vom Verweis auf weiterführende Literatur. Schwarz soll keine Probleme haben, aber dann wird noch das Fragment einer Partie Schirow-Anand angeführt, welches das Baueropfer unter Einschub von 6. a3 a5 als sehr chancenreich darstellt. Gerade gegen diese auf Amateur-Niveau recht beliebte Variante wäre für ein »Repertoire« deutlich mehr gefordert! Die Autoren erwähnen nicht einmal den Hauptzug 10... a6.

 Die Ausführungen gegen 6. a3 und 6. Íe2 haben dagegen ein ganz anderes Niveau. Ich würde mir zutrauen, die empfohlenen Systeme nach reinem Anschauen der Videolektionen in der Praxis anzuwenden, so einleuchtend und lehrreich sind die Ausführungen zu den Plänen und Strategien.
 Gegen 6. a3 wird ein Aufbau mit 6... c4 empfohlen, gefolgt von Lc8-d7, Sc6-a5, Sg8-e7-c8-b6 und 0-0-0. Ziel ist es, den Damenflügel zu blockieren, den König auf a8 in Sicherheit zu bringen und dann zu schauen, was Weiß am Königsflügel unternimmt. Ein sehr sicheres, aber – wie Luther einräumt – auch passives System. Mehr verspricht der Titel jedoch mit »solide« auch nicht.
 Allerdings hapert es mit der Genauigkeit der Zugfolge: Das gleiche System hat Viktor Moskalenko in seinem Buch The fabolous French analysiert. Er weist darauf hin, dass nach 6... c4 7. Sbd2 sofort 7... Sa5! und erst dann Lc8- d7 usw. folgen muss, da auf 7... Ld7?! (wie Luther/Jordan spielen) stark 8. b3! geschehen kann.
 Umso präziser arbeiten die Autoren die Bedeutung der exakten Zugfolge gegen 6. Le2 heraus, nämlich, dass ihrer Meinung nach die Route des Sg8 nach f5 über h6 praktikabler sei als über e7 und dass dieser Weg mit dem frühzeitigen Tausch 6... c:d4 7. c:d4 deutlich besser spielbar sei, da Schwarz dann nach 7... Sh6 8. L:h6 auf b2 nehmen könne (der schwarze Aufbau mit g7:h6 gefällt Luther/Jordan nicht, obwohl ihn Watson in seiner Französisch-Bibel empfiehlt). Ohne den frühen Tausch auf d4 käme die schwarze Dame auf a1 in Bedrängnis, da Weiß bei späterem c5:d4 mit dem Springer auf d4 zurückschlagen könne, was den Bauern auf c3 und die Dame in ihrem Gefängnis beließe.
 Fazit: Für Französisch-Spieler bis ca. DWZ 2100, die ein Problem mit der Vorstoß-Variante haben, ist dieser Download eine Empfehlung. Nur das Null-Kapitel zu Ld3 schmälert den sonst ausgezeichneten Gesamteindruck.

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 60 Minuten: Fajarowicz

Auf Englisch präsentiert der holländische IM Robert Ris das nach 1. d4 Sf6 2. c4 e5 3. d:e5 Se4!? entstehende Fajarowicz-Gambit. Um ehrlich zu sein: Ich halte das ganze System für inkorrekt! Wenn Weiß sich auskennt, hat Schwarz entweder einen glatten Bauern weniger oder eine grauenhafte Stellung. Die lange bekannte »Widerlegung « ist der Zug 4. a3 (der u. a. auch von Awruch, Watson, Kaufmann und Schandorff in ihren kürzlich erschienenen Weißrepertoire- Büchern empfohlen wird). Dieser kleine Zug nimmt das in vielen Fällen störende Lf8- b4+ aus der Stellung. Weiß verbleibt danach i. d. R mit einem Mehrbauern, einer klar überlegenen Stellung – oder beidem.
 Vor einigen Jahren versuchte Lev Gutman die Variante mit 4... b6 wiederzubeleben. Meiner Meinung nach zwar erfolglos, aber natürlich muss Weiß bei vollem Brett Sorgfalt walten lassen. Ris empfiehlt stattdessen das altbekannte 4... d6 5. Dc2 d5, unterlässt es aber, darauf die Antworten 6. e3 bzw. 6. Sf3 zu betrachten. Interessanterweise votiert er nach 4. Sf3 Sc6 5. a3 für 5... a5, verliert aber kein Wort über das in obiges Abspiel übergehende 6. Dc2. Auf 4. a3 dagegen bleibt 4... a5 ungenannt.
 Positiv ist, das Ris sehr stark auf die typischen taktischen Motive der Eröffnung eingeht (von der dieses Gambit ja auch lebt). Er empfiehlt dem Konsumenten zum Beispiel regelmäßig, die Pause- Taste zu drücken, um nach der taktischen Lösung der aktuellen Stellung zu suchen.
 Fazit: Eine anrüchige Eröffnung, bei der die kritischen Varianten nicht angegeben werden und das Repertoire auch in sich nicht stringent aufgebaut ist.

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The Philidor Structure

Bei einer Spieldauer von dreieinhalb Stunden sind wir zurück bei den »normalen« DVDs (und bei 27,90 EUR). Diesmal geht es nicht um eine konkrete Eröffnung, sondern um eine bestimmte Struktur und eine Art »Strategie-Kompass « für selbige. Achtung! Die vorliegende hat nichts mit der Philidor-Verteidigung zu tun. Als »Philidor-Struktur« bezeichnet der irische IM Sam Collins (Sprache: Englisch) alle Formationen, in denen die weißen Bauern e4 und d4 den schwarzen auf e5 und d6 gegenüberstehen (mit der Einschränkung, dass kein weißer Bauer auf c4 steht; das würde u. a. den gesamten königsindischen Komplex mit einschließen).
 Diese Struktur taucht in der Praxis überwiegend in Offenen Partien auf und hier besonders im Spanier, der denn auch das Gros der 20 Musterpartien liefert.
 Im Detail untersucht Collins alle aus der Grundstruktur heraus möglichen Entwicklungen, also den weißen Tausch auf e5, das Abschließen des Zentrums mit d4- d5 (nach c7-c5), Schwarz schlägt auf d4 und Weiß nimmt mit dem Ïc3 bzw. auch mit einer Figur wieder, Weiß spielt f2-f4 usw.
 Ich habe große Probleme mit dieser DVD! Das liegt psychologisch sicher auch daran, dass mir in der Einleitung der Mund wässrig gemacht wird und dann gleich das erste und umfangreichste Kapitel (Weiß tauscht auf e5) das mit Abstand schwächste ist. Nirgendwo werden die grundlegenden Pläne in so einer Struktur erläutert. Welche Figuren gehören auf welche Felder, welche sollte man abtauschen, welche nicht?
 In der einen Partie spielt Schwarz gegen den schlechten weißfeldrigen Läufer, in der anderen ist eben dieser Läufer ein Angriffs- Monster (beide Male bei offenem Zentrum). An welchen Faktoren das aber liegt, wird ignoriert. Anhand der Musterpartie Davies-Adams wird der zentrale Abtausch als verfrüht kritisiert, aber warum er das in dieser Situation ist und in den anderen Musterpartien nicht, wird nicht thematisiert. Wann Weiß im Zentrum tauschen soll und wann nicht – eine Frage, die im Spanier bei der Bauernkonstellation c3, d4, e4 gegen c5, d6, e5 auf der Tagesordnung steht – wird überhaupt nicht beleuchtet.
 Mein Fazit lautet somit leider: Thema verfehlt.

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Nachdruck aus SCHACH 08/2013 laden (pdf)...

Zur Zeitschrift SCHACH...

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