Das Runde und das Eckige

24.06.2010 – Lässt man einmal Lukas Podolskis treffenden Vergleich zwischen Fußball und Schach beiseite ("Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel"), dann ist vielleicht ein auffälliger Unterschied, dass Fußball mit etwas Runden, Schach auf etwas Eckigen gespielt wird. Doch hoppla: Auch Schach kann zur runden Sache werden. Nachdem noch der arabische Philosoph und Historiker Abu al-Hasan Ali ibn al-Husayn al-Mas’udi im 10 Jh. in seinem Werk „Murudsch ad-dahab wa-ma’adin al-dschauhar“ eine Schachvariante auf rundem Spielfeld beschrieb, geriet diese irgendwann in Vergessenheit. Dann entdeckte der Amateurhistoriker David Reynolds 1982 jedoch eine Bild dieser Schachvariante und rekonstruierte das Spiel. Inzwischen wurden schon 14 Weltmeisterschaften ausgetragen - im Juli folgt nicht mehr ganz rechtzeitig zur Fußball-WM die Fünfzehnte. Dr. René Gralla weiß mehr. Mehr...

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RUNDES SCHACH – DAS SCHACH ZUR FUSSBALL-WM
Text: Dr. René Gralla
Fotoproduktion: Daniel Blank

WM-Zeit ist Hobbystrategenzeit. Und jeder darf sich mal wieder lautstark darüber auslassen, was wohl der bessere Plan sei für die Nationalelf bei den Welttitelkämpfen in Südafrika, leichtfüßig über die Flanken oder robust geradeaus durch die Mitte.

Ein Dauerbrenner – und zugleich eine Grundsatzfrage, die im 64-Felder-Szenario, auf das sich so mancher Fußballexperte, wenn er sich einen intellektuellen Anstrich geben möchte, unter dem Stichwort „Rasenschach“ gerne mal bezieht, seit vielen Generationen bereits entschieden ist. Allerdings überraschenderweise zu Gunsten einer – ausgerechnet! – eher schlichten Methode, nämlich im Sturkopp-Verfahren Richtung Zentrum rennen, obwohl man doch meinen sollte, ein geistig derart gehaltvolles Spiel müsste eigentlich denjenigen favorisieren, der weniger schablonenhaft denkt und agiert.

Tatsächlich aber haben über viele Jahrhunderte gesammelte Erfahrungswerte ergeben, dass eine reine Flügelstrategie, die das Zentrum ignoriert, sondern die wahlweise via Randzone links oder rechts voranzukommen sucht, in der schwarz-weißen Miniarena deswegen nicht funktioniert, weil das beengte Terrain dann, wenn der Kontrahent die Mitte erobert hat, einfach nicht genügend Platz lässt für Umfassungsmanöver längs der Peripherie. 

Ein unbefriedigender Tatbestand, der Tüftler schon in der ersten Goldenen Epoche des Denksports nicht hat ruhen lassen. Ihre Lösung: die Projektion der Schachquadranten auf vier geschlossene Ringe eines Spielfeldes, das Angriffe in zwei Richtungen und Überfälle von hinten möglich macht. Nun plötzlich sind ausgreifende Zangenoperationen möglich, weil jetzt die Mitte, da aus design- und spieltechnischen Gründen off limits, eben fröhlich ignoriert werden kann (und muss).

So beschreibt der in Bagdad geborene arabische Philosoph und Historiker Abu al-Hasan Ali ibn al-Husayn al-Mas’udi (um 895 – 957) …

… in seinem epochalen Werk „Murudsch ad-dahab wa-ma’adin al-dschauhar“, übersetzt: „Die Goldwiesen und Edelsteingruben“, unter anderem auch eine Rundversion des klassischen „Shatranj“, jener Originalversion des Schachsports, die damals am Sitz der Kalifen äußerst populär gewesen ist.

 

Später hat sich für das 360-Grad-Shatranj in der Fachwelt der Begriff „Byzantinisches Schach“ durchgesetzt, obwohl besagte Terminologie streng genommen irreführend ist.

In Wahrheit ist die spannende Variante keineswegs allein im östlichen Teilstaat des untergegangenen Römischen Reiches verbreitet gewesen, sondern, wie einige Quellen berichten, zum Beispiel noch um 1400 im Palast des Timur zu Samarkand gepflegt  worden.

In den Stürmen der Neuzeit verliert sich allerdings die Spur des Rundschachs. Bis 1982 der Amateurhistoriker David Reynolds im nordenglischen Lincoln ein Antiquariat betritt und dort den angestaubten Band „The Sports And Pastimes Of The People Of England“ entdeckt, eine Abhandlung, die 1801 ein gewisser Joseph Strutt publiziert hat. Reynolds kauft das Buch, und als er zu Hause ein wenig schmökert, stößt er auf das Bild eines runden Schachbretts aus dem Mittelalter.

Eine Illustration, die Reynolds sofort anmacht. Unbedingt möchte er wissen, wie dieses ominöse Rundschach funktioniert. Er malt auf Pappkarton einen Spielplan und überredet die Tresenfreunde im Pub nebenan zu einem Testmatch.

Das Foto zeigt Rundschach-Wiederentdecker David Reynolds (l.) am Brett mit dem zweimaligen Weltmeister Herman Kok (r.) aus den Niederlanden.

Misstrauisch und zögerlich zunächst, bald aber mit wachsender Begeisterung setzt sich einer nach dem anderen an das improvisierte Brett – und am Ende fröhlicher Stunden mit viel Ale und Überfällen aus dem Hinterhalt, weil sich wieder mal ganz fies ein Läufer über eine tückisch gedrehte Diagonale heran geschlichen hat, sind sich die Kumpels einig: Rundschach, englisch: „Circular Chess“, ist eine absolut unterhaltsame und zugleich herausfordernde Schachvariante, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Noch in dieser denkwürdigen Nacht beschließen die Anwesenden, die „Circular Chess Society“ zu gründen. Sie organisieren Turniere, über die bald auch die Medien berichten. Besonders attraktiv gerade auch für Leute, die Schach früher zäh und öde fanden: Das Spiel auf runden Brettern sieht nicht so langweilig und statisch aus wie das übliche Quadratschach. Ein visueller Effekt der ringförmig angeordneten Felder, die selbst bei regelunkundigen Zuschauern den Eindruck erwecken, einem höchst lebendigen Geschehen beizuwohnen.


Rundschach macht Spaß, das findet auch die Schach-Nachwuchsfachkraft Ana Adzic,
ein hoffnungsvolles zahnjähriges (!!) Jungtalent aus dem ungarischen Szegedin
(Foto: Daniel Blank).

Die erste Weltmeisterschaft im „Circular Chess“ wird 1996 ausgetragen. Spektakulär ist der äußere Rahmen der WM 2005: die Kathedrale von Lincoln, in der auch Schlüsselszenen gedreht worden sind für den Blockbuster „Sakrileg“, den Kinohit mit Tom Hanks über den mysteriösen Da Vinci-Code. Down to earth und im Stil der Gründerzeit ist der Spielort der diesjährigen 15. Welttitelkämpfe am 25. Juli 2010: der Pub „The Tap & Spile“, 21 Hungate, Lincoln.

Einer der Frontmänner im Rundschach ist der Geschäftsmann Herman Kok aus den Niederlanden, Weltturniersieger 2000 und 2006. Der ehemalige Jugendmeister von Amsterdam hat einen prominenten Kollegen: Großbritanniens Nachwuchsstar David Wei Liang Howell (19), der als 16-jähriger zum GM aufgestiegen ist, als jüngster Großmeister in der Geschichte des Vereinigten Königreiches.

Howell wird das Zeug zum Champ der Champs nachgesagt, und wie sich das anfühlt, hat er schon im zarten Alter von 11 (!) Jahren testen dürfen – als er 2002 in Lincoln die 7. Weltmeisterschaft im Circular Chess gewonnen hat.

Mal aus der Routine ausbrechen und seiner Kreativität freien Auslauf lassen, beim Bummeln über einen Rundkurs, das ist offenbar das ideale Training, um – David Howell hat die Messlatte vorgegeben – womöglich gar höhere Ziele anzupeilen. Hier ein paar Hinweise für das praktische Spiel, sei es, dass man Rundschach einfach bloß zum Spaß zocken möchte, sei es, dass man plant, am vierten Julisonntag 2010 in Lincoln einzufliegen und aus dem Stand nach der Krone zu greifen.

Auch auf dem runden Brett, das wie vertraut in 64 Felder unterteilt ist, gelten grundsätzlich die selben Regeln wie im Quadratschach. Nur wenige Besonderheiten sind zu beachten, die entweder aus der Entstehungsgeschichte des modernen Circular Chess zu erklären sind oder die mit den spezifischen Gegebenheiten des Rundkurses zusammenhängen.

Der Spielplan und die Startpositionen der Figuren sind das Ergebnis einer – selbstverständlich nur gedachten – Manipulation am Quadratbrett, indem nämlich Letzteres mit einem virtuellen Schnitt, der die d-Linie von der e-Linie trennt, mittig separiert worden ist. Die beiden 4x8-Hälften sind anschließend im Hyperraum derart gebogen worden, dass, bezogen auf das weiße Lager, die zwischen a1 und d1 postierten weißen Offiziere ihre Hinterteile den Rückenpartien der Kollegen von e1 bis h1 zuwenden.

 

Vergleichbares gilt für die schwarze Partei. Vor den dergestalt getrennten zwei Vierer-Blöcken der höheren Ränge reiht sich jeweils ein Bauernquartett, und diese Infanteristen marschieren, sobald das Angriffssignal ertönt, über die Felderhalbringe in gegenläufige Richtungen, das heißt, links- oder rechts rum nach vorne.

Die beschriebene fiktive Zweiteilung des Quadratbrettes, die anschließend mittels Krümmung und Verklammerung der beiden imaginären Bretthälften zu einer vierspurigen Rennstrecke das Gelände des Rundschachs hat entstehen lassen, führt zu entsprechenden Konsequenzen hinsichtlich der Partienotation. Schauen wir aus Sicht des Weißspielers auf das Brett, besteht die Außenbahn des Bonsaistadions aus dem linken a-Halbring und dem rechten h-Halbring; weiter nach innen schließen sich an die Halbringpaare b und g, c und f sowie d und e.

Die Nummerierung der Fehler folgt den aus dem Quadratschach bekannten Muster. Der weiße Linksaußenturm startet auf a1, der Rechtsaußenturm auf h1; Richtung Zentrum gruppieren sich die Springer auf b1 (links) und g1 (rechts) sowie die Läufer c1 (links) und f1 (rechts). Die schwarzen Koordinaten korrespondieren dieser Aufstellung.

Trotzdem wäre der Relaunch des Circular Chess kein echtes britisches Projekt ohne ein gerüttelt Maß an Exzentrik. Der Godfather des Rundschachs, David Reynolds, hat sich kompromisslos an alten Illustrationen orientiert, die noch, wie es im arabischen „Shatranj“ üblich war, den König links vom Wesir, dem Vorgänger der modernen Dame, und folglich auf d1 (Schwarz: d8) verortet haben. Das hat Reynolds auf das restaurierte Circular Chess übertragen: Der Monarch des Anziehenden zieht in das Match vom ersten Feld des linken Halbringes aus, das ist d1 (Schwarz: direkt gegenüber auf d8); rechts daneben rüstet sich die Dame auf e1 (Schwarz: e8) für das Duell.

 

Damit trotzdem die eherne Grundregel „Weiße Dame auf weißem Feld, schwarze Dame auf schwarzem Feld“ eingehalten werden kann, hat Rundschach-Guru Reynolds das Brett farbvertauscht auf die Weise koloriert, dass die linke weiße Turmposition a1 ausnahmsweise mal total legal in hellstem Hell strahlen darf – was ja ansonsten unter Anfängern, aber gerne auch unter Regisseuren, die Schachszenen in ihre Filme einbauen, ein nicht auszurottender Fehler ist, wenn sie ihre Figuren aufstellen.

Ansonsten ist alles wie gehabt. Die linke weiße Bauernhalbformation (a2 bis d2) kann am Ende der vier Halbringe befördert werden, sprich: auf a8 bis d8. Analog die Destination des rechten weißen Flügels, umgekehrt streben die schwarzen Infanteristen auf der linken Flanke nach e1 bis h1 beziehungsweise auf der rechten Flanke nach d1 bis a1.

Ferner wichtig: Im Rundschach ist keine Rochade möglich, sie würde schließlich auch kaum sinnvoll sein. Während der einleitende Doppelschritt der Bauern zulässig ist, hat sich Circular Chess-Daddy Reynolds noch eine spleenige Sonderschikane ausgedacht: Das Schlagen En-passant ist ausgeschlossen.

Zum Abschluss zwei muntere Kurzpartien, ausgetragen anlässlich von Weltmeisterschaften und exemplarisch dafür, wie Circular Chess funktioniert.

 

Weiß: Francis Bowers (United Kingdom)
Schwarz: Herman Kok (Niederlande)

5. Weltmeisterschaft im Circular Chess, 14. Mai 2000; Lincoln, United Kingdom

Randbauern-Eröffnung

1.a2-a4 …

Im Rundschach durchaus praktikabel, um für die Schwerfiguren, die bereits verdoppelt auf dem a-h-Halbringpaar lauern, rasch die Stellung zu öffnen.

1.... d7-d5 2.b2-b4 ...

Im Circular Chess darf experimentiert werden, für das Quadratschach entwickelte Eröffnungslehren helfen hier nicht weiter.

2.... Lc8-d7 3.a4-a5 ...

Will seinem schweren Gerät auf Biegen und Brechen freie Bahn verschaffen.

3.... Sb8-a6 4.Lc1-a3 b7-b6

Schwarz hat keine Angst vor der Linienöffnung.

5.a5xb6 …


5…. a7xb6 6.c2-c3 De8-c8 7.La3-b2 c7-c5

 

“Schwarz steht klar besser“, urteilt Rundschach-Analytiker John Beasley in „Variant Chess“, Volume 5, Issue 36; im Web unter www.chessvariants.com/columns.dir/vc-2000-autumn.html ). Hauptargument soll der Tempogesichtspunkt sein: Nach Zählung von Beasley hat Schwarz drei Einheiten jeweils einmal bewegt, Weiß dagegen bloß einen Offizier, nämlich den Läufer – und diese Figur obendrein gleich zweimal

8.Sg1-c2 c5xb4 9.Sc2xb4? ...

Sieht irgendwie normal aus, verliert aber glatt einen Bauern. Richtig war 9.cxb4 ... .

9.... Sa6xb4 10.c3xb4?? ...

Weiß wird auf dem falschen Fuß erwischt. Allein der sofortige Zwischentausch 10.Txa8! ... hätte Schlimmeres abgewendet.

10.... Ta8xa1 11.Th1xa1 Th8xa1 12.Lb2xa1 ...

Und nun der Knock-out: Offenbar hat der mehrfache Weltmeister Bowers übersehen, dass nach 10.cxb4?? ... das c-f-Halbringpaar geöffnet worden ist für die schwarze Dame, die eventuelle Fluchtversuche des weißen Königs via c1 oder c2 vereitelt.

 

12.... Ld7-a4# 0-1

 

Ein Blitzsieg von Herman Kok auf dem Weg zu seinem ersten WM-Titel 2000.  Noch schneller fertigt der Mann aus Amsterdam einen seiner Mitbewerber fünf Jahre später ab.

 

Weiß: Herman Kok (Niederlande)

Schwarz: N.N. (United Kingdom)

 

Larsen-Eröffnung – Circular Chess-style

 

1.b2-b3 c7-c5 2.d2-d3 a7-a6 3.Lc1-d2 Sg8-h6??

Verkennt, dass 1…. c5 und 2….a6 das Einfallstor aufgerissen hat für unerwünschte Besucher via der Kurzdiagonalen a5-d8.

4.Ld2-a5+ ...

Das Matt nach 4.... b6 5.Lxb6# ist programmiert.

4.... Aufgabe 1-0

 

Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte: Circular Chess ist offenbar ein großer Spaß. Und jeder kann damit ganz oben auf dem Siegertreppchen landen. Nach dem bewährten Rezept von Meister Herman Kok: „Circular Chess ist ganz einfach – Du musst bloß spielen – und dabei gleichzeitig Deinen Drink halten können.“

Wer sagt’s denn: Dank Rundschach ist das Schlauspiel – FAST!! – so schön wie Fußball.

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15. WM 2010 im Rundschach: Sonntag, 25. 07.2010, Lincoln/United Kingdom; Turnierort: Pub „The Tap & Spile“, 21 Hungate; weitere Infos: www.tapandspilelincoln.co.uk ; Regeln des Rundschach: www.chessvariants.com/shape.dir/circular.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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