Das Schicksal des Vladimir Petrovs

von André Schulz
26.08.2018 – Vladimir Petrovs gewann 1937 mit Reshevsky und Flohr das Turnier von Kemeri. Nach der Besetzung Lettlands wurde er Sowjetbürger und saß nach dem Angriff Deutschlands auf die UdSSR in Moskau fest. Nachdem er sich negativ über die kommunistische Machtübernahme in Lettland geäußert hatte, wurde er in ein Lager gesteckt und starb dort am 26. August 1943. | Foto: Vladimir Petrovs mit Frau Galina (Russkije.lv)

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Der lettische Meisterspieler Vladimir Petrovs ist außerhalb Lettlands weitgehend unbekannt geblieben, obwohl er zum Beispiel mit seinem geteilten ersten Platz beim Turnier in Kemeri 1937, zusammen mit Reshevsky und Flohr, vor Aljechin und Keres, bewiesen hatte, zu welchen großen Leistungen er im Schach fähig war. 

Petrovs wurde am 27. September 1907 (nach manchen Quellen 1908) in Riga geboren und wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und nach der Russischen Revolution hatte Lettland am 18. November 1918 seine Unabhängigkeit erklärt, nachdem es seit 1795 zum Russischen Reich gehört hatte. 1919 und 1920 tobte in Lettland ein Bürgerkrieg, in dem drei Fraktionen aktiv waren: Deutsche Freikorps, sowjetische Truppen und bürgerlich orientiere lettische Einheiten. Im Sommer 1920 konnte Lettland seine Unabhängigkeit mit Verträgen mit Deutschland und der Sowjetunion schließlich durchsetzen. 1921/22 wurde Lettland auch von England, Frankreich und den USA anerkannt und dann Mitglied des Völkerbundes.

Vladimir Petrovs' Vater hatte eine kleine Schusterwerkstatt, seine Mutter arbeitete als Haushälterin. Er selber genoss auf einer Höheren Schule eine gute Schulausbildung. In seiner Schulzeit lernte er mit einigen Freunden Schach von Viktors Rosenbergs. 1923 gewann Vladimir Petrovs die Schulmeisterschaft und schloss sich dem Schachclub von Riga an. 1924 siegte er beim Reserveturnier des 1. Lettischen Schachkongresses. Im folgenden Jahr begann er ein Jura-Studium an der Hochschule der Rechtswissenschaften in Riga, schloss dieses jedoch nie ab, da das Schachspiel mehr und mehr in den Mittelpunkt rückte.

1926 gewann Vladimir Petrovs die Schachmeisterschaft von Riga. Im Selbststudium verbesserte er sein Spielverständnis, studierte die Partien der starken lettischen Spieler Hermanis Karlovich Mattison und Fricis Apsenieks und entwickelte dabei einen positionell orientierten Spielstil. 1926 erreichte Petrovs den zweiten Platz beim 2. Lettischen Schachkongress und konnte das Turnier schließlich 1930- 1931 gewinnen. 1931 gewann er zudem die lettische Einzelmeisterschaft. 1934 wurde er zusammen mit Fricis Apsenieks geteilter Erster. Petrovs verzichtete auf einen Stichkampf und vereinbarte stattdessen mit dem Co-Sieger, dass Petrovs in den folgenden Schacholympiaden das Land jeweils am ersten Brett vertreten sollte, während Apsenieks auf dieses Brett verzichtete. 1935 gewann Petrovs den Landesmeistertitel ungeteilt.

Seit der ersten offiziellen Schacholympiade 1928 gehörte Petrovs der lettischen Nationalmannschaft an und nahm in der Folge an allen Schacholympiaden bis zur letzten vor dem Zweiten Weltkrieg, 1939 in Buenos Aires teil. Bei der Schacholympiade 1931 in Prag war er bester Spieler an Brett drei. 1939 gewann er Bronze in der Einzelwertung an Brett eins. Infolge seiner Siege bei der Schacholympiade 1935 in Warschau gegen Vladas Mikenas und Roberto Grau wurde Petrovs zum internationalen Turnier nach Podebrady in der Tschechoslowakei eingeladen, kam dort aber aber über den zehnten Platz nicht hinaus.

1937 gehörte er dann zum Teilnehmerkreis beim Turnier von Kemeri, dem Badevorort von Riga und erreichte hier mit dem geteilten ersten Platz seinen größten Erfolg.

Reshevsky und Flohr sprachen sich dafür aus, dass der Siegerpokal an Vladimr Petrovs überreicht werden sollte. Er erhielt ihn aus den Händen des lettischen Staatspräsidenten Karlis Ulmanis. Für seinen Sieg gegen Rellstab wurde Petrovs zudem mit einem Silberpokal geehrt, der von der Familie von Aaron Nimozwitsch gestiftet worden war - für die beste Leistung eines lettischen Spielers gegen einen der nicht-lettischen Meister.

 

Mit seinem Turniersieg wurde Vladimir Petrovs von nun an von der internationalen Schachpresse und den übrigen Spielern als "Großmeister" angesehen, obwohl der Titel zu jener Zeit noch keinen offiziellen Charakter hatte.

Bei seinen Turnierteilnahmen in den nächsten Jahren konnte Petrovs diesen großen Erfolg allerdings zunächst nicht wiederholen. Beim sehr stark besetzten Achter-Turnier auf dem Semmering und in Baden bei Wien, 1937 wurde er nur Letzter. Beim Wettkampf Lettland-Estland gelang Petrovs jedoch ein 1,5:0,5-Erfolg am ersten Brett gegen Paul Keres.

Petrovs, Keres

Im internationalen Schachturnier in Lodz 1938 wurde er geteilter Dritter zusammen mit Erich Eliskases und Gideon Stahlberg. Der drei Jahre jüngere Mieczysław Najdorf wurde dort Zehnter. 1938 belegte Petrovs in Margate hinter Alexander Aljechin und Rudolf Spielmann ebenfalls den dritten Platz. Dabei gelang ihm ein hübscher Sieg über den Schachweltmeister.

 

Stuart Milner-Barry, Harry Golombek und CHO'D Alexander nahmen die Plätze im Mittelfeld ein. Nach der Schacholympiade 1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges spielten diese drei englischen Spieler dann eine wichtige Rolle in der Dechiffrierabteilung des englischen Geheimdienstes in Bletchley Park. Petrovs spielte 1938 in Bad Harzburg (7.Platz) mit und kassierte bei einer Neuauflage des Wettkampf Lettland gegen Estland zwei Niederlagen gegen Pauls Keres. Auch beim 2. Internationalen Turnier von Kemeri, im März 1939 konnte er nicht voll überzeugen und landete "nur" im Mittelfeld. Bei der Schacholympiade 1939 in Buenos Aires war er dann aber einer der besten Spieler an Brett eins, gewann acht  Partien, spielte elfmal remis und blieb ohne Niederlage. Unmittelbar im Anschluss an die Schacholympiade gewann er noch ein Turnier des "Club Espanol" in Rosario (Argentinien).

Während der Schacholympiade hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Die englische Mannschaft war sofort nach Kriegsausbruch abgereist. Die meisten anderen Mannschaften waren dort geblieben und brachten die Schacholympiade irgendwie zu Ende. Danach bleiben viele Spieler in Argentinien. Petrovs reiste zurück und fand sein Heimatland Lettland bald dem Interessensgebiet der kommunistischen Sowjetunion zugeschlagen. Hitler und Stalin hatten in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt von Deutschland und der UdSSR Polen und das Baltikum in Interessensgebiete aufgeteilt. Im Oktober 1939 wurde die lettische Regierung nach einem Ultimatum gezwungen die Stationierung sowjetischer Truppen zuzulassen. Im Sommer 1940 marschierte die Rote Armee in Lettland ein und zwang die bürgerliche Regierung Ulmanis zum Rücktritt. Nach Scheinwahlen wurde eine Marionettenregierung eingesetzt. Mit Hilfe dieser trat Lettland formal der Sowjetunion bei und wurde am 5. August 1940 eine Sowjetische Republik. Die sowjetische Machtübernahme war mit umfangreichen "Säuberungen" und Deportationen der lettischen Bevölkerung verbunden.

Vladimir Petrovs uns seine Frau Galina waren gegenüber der kommunistischen Bewegung zwar skeptisch eingestellt, gehörten aber, obwohl sie sich als Letten betrachtetem, zur russisch-stämmigen Gemeinschaft des Landes. Als lettischer Landesmeister wurde Petrovs 1940 automatisch zu den Meisterschaften der UdSSR eingeladen und belegte dort im starken Feld der Sowjetspieler einen Mittelplatz. Nach seiner Rückkehr berichtete seine Frau von einer massiven Verschlechterung der Lebensbedingungen in Lettland infolge der kommunistischen Machtübernahme, von Deportationen und Hinrichtungen. Im Juni 1941 befand sich Petrovs beim Semifinale der sowjetischen Meisterschaft in Rostov-am Don als die Teilnehmer vom Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion überrascht wurden. Die Deutsche Wehrmacht besetzte auch Lettland. Das Turnier wurde abgebrochen. Petrovs und seine Landsleute Alexander Koblents and Janis Fride versuchten noch, in ihre Heimat zurückzukehren, doch ohne Erfolg. Petrovs begab sich schließlich nach Moskau. Im Winter 1941 spielte er noch die Moskauer Stadtmeisterschaft mit und wurde Zweiter. 1942 wiederholte er den Erfolg bei einem nationalen Turnier in Moskau. Danach wurde Petrovs nach Swerdlowsk (Jekaterinenburg) evakuiert, spielte dort ebenfalls noch ein Turnier mit und wurde erneut Zweiter hinter Ragoszin.

Während des Turniers muss sich Petrovs im Gespräch mit Spielerkollegen negativ über die Verhältnisse in Lettland nach der kommunistischen Machtübernahme geäußert haben und wurde denunziert. Am 31. August holten ihn Agenten des NKWD ab und brachten ihn nach Moskau ins Lubjanka-Gebäude, wo er zwei Wochen lang verhört und wegen antisowjetischer Äußerungen beschuldigt wurde. Danach hielt man Vladimir Petrovs weitere fünf Monate im Butyrka-Gefängnis fest. Am 3. Februar 1943 wurde er schließlich zu zehn Jahren Lager verurteilt und in ein Gulag in Workuta verfrachtet. Am 26. August 1943 starb er dort an eine Lungenentzündung. Seine Namen wurde in Russischen Schachmedien größtenteils gelöscht. Obwohl seine Frau Galina ein Leben lang nach dem Verbleib ihres Mannes forschte, blieb sein Schicksal unbekannt. Erst 1989 wurden die KGB-Akten zugänglich und er wurde rehabilitiert. 

2012 organisierte Alexei Shirov ihm zu Ehren in Riga ein Petrovs Gedenkturnier.

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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