Das schwere Los der Schachgroßmeister

06.10.2006 – Das Leben von Schachgroßmeistern ist nicht eben leicht - besonders dann nicht, wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht nur im Turnierschach erfolgreich zu sein, sondern auch noch mit Hilfe der eigenen Popularität etwas für das Schach zu leisten. Zu den beliebtesten Auftrittsmöglichkeiten von Schachgroßmeistern in der Öffentlichkeit gehört die Simultanvorstellung. 20-30 Amateure, darunter örtliche Prominenz aus Politik und Wirtschaft, werden im spektakulären Wettkampf gleichzeitig niedergeworfen. Nach der letzten Partie genießt der Großmeister beim Ausstellen von Autogrammen die Bewunderung der Schachfans. Doch nicht immer läuft alles ganz glatt, denn manchmal trifft man auf hartnäckigen Widerstand. Das bärenstarke jugendliche Talent mit dem verbissenen Blick ist leicht zu erkennen, was aber wenn... In einem besonders krassen Fall wurde GM Alexandra Kosteniuk kürzlich das Opfer einer heimtückischen Camouflage. Zu Alexandra Kosteniuk... Cofeemania...Protokoll...

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Das schwere Los der Schachgroßmeister
Von André Schulz

 

Garry Kasparov ist nicht nur am Brett ein Vordenker. Mit peinlicher Sorgfalt regelt er vertraglich z.B. auch  die maximale Spielstärke seiner Gegner beim Simultan. Diese sollte 2000 nicht wesentlich überschreiten. Die "0" muss stehen - auf der anderen Seite - und auch beim Simultan. Liegen die Dinge anders als erwartet, fordert dies den Unmut des einstigen Weltmeisters herauf.

 

 

In der Schachszene munkelte man schon hinter vorgehaltener Hand, der "Meister", von vielen Terminen getrieben, könne diese gar nicht mehr alle selbst wahr nehmen und schicke zum Simultan manchmal einen Doppelgänger. Dieser - vielleicht ein Schauspieler - habe aber nur eine für russische Verhältnisse sehr durchschnittliche Spielstärke - vielleicht 2400 oder so - und deshalb Mühe, Gegner über 2000 im Simultan zu bezwingen.

Doch so verhält es sich natürlich nicht. Simultan ist für Kasparov eine Angelegenheit, die zwischen Kaffeezeit und Abendbrot nebenbei erledigt wird und nicht zu lange dauern sollte. Natürlich könnte er auch gegen stärkere Spieler antreten. Doch dies erfordert Recherche und die Tätigkeit seines Mitarbeiters Dochojan - eine Gesamtleistung, die im Gebührenheft Kasparovs einfach an einer anderen Stelle aufgelistet ist.

Auch Kortschnoj gehörte früher zu den prinzipiellen Vertretern. Remis gab es nur, wenn es auch remis war. Berühmt ist die Anekdote, in der Kortschnoj in Kuba während der Schacholympiade 1966 gegen die Honoratioren des Landes spielte.

 


Ihm wurde bedeutet, dass er vielleicht gegen den damaligen Industrieminister Che Guevara (Bild oben) höflicherweise ein Remis abgeben könnte. Stattdessen pustete Kortschnoj den Schach begeisterten Politiker und Sponsor vom Brett mit der sprichwörtlich gewordenen Begründung :"Aber er hatte keine Ahnung von Katalanisch!" Anderseits lehnte Kortschnoj ein Remisangebot beim Simultan schon einmal deshalb ab, weil die Partie für ihn verloren war - und gab auf.

 

 

 

So geschehen bei einem Simultan in Berlin vor ein paar Jahren. Bei Kortschnoj hat sich jedoch keinesfalls nun Altersmilde eingestellt. In beiden Fällen geht es nur ums Schach. Der eine kann kein Katalanisch - dann gibt es auch kein Remis. Der andere hat eine Gewinnstellung - also gibt Kortschnoj auf, auch wenn da noch Remis angeboten wird.

 

Andere Spieler sind da weniger empfindsam und weniger prinzipiell. Anand z.B. hat keinerlei Probleme in seinen Simultanvorstellungen auch einmal ein Remis als Anerkennung für gute Leistungen abzutreten, selbst wenn er den Gegner in einem objektiv möglicherweise ausgeglichenen, aber komplizierten Endspiel mit Leichtigkeit ausdrücken könnte. Die meisten Spieler sehen Simultanvorstellungen eher so wie Anand.

Wie recht Kasparov jedoch mit seinen Vorkehrungen hat, und wie leicht man als gutmütiger Großmeister auch ausgenutzt werden kann, beweist der der folgende Vorfall:

 

Eine der bekanntesten Werbeträger des Schachs ist Alexandra Kosteniuk. Die junge Russin schaffte es als eine von ganz wenigen Frauen, auch den allgemeinen Großmeistertitel zu erwerben. Als 18-Jährige lieferte sie sich im Finale der Schachweltmeisterschaft ein packendes Finale mit Zhu Chen, bei dem sie knapp unterlag. Mit einem Schlag war sie weltbekannt. Nebenbei modelte sie für Werbe- und Modefotos und spielte sogar in einem Spielfilm mit.

 


Alexandra Kosteniuk

 



Als Protagonistin und Berichterstatterin für ihre Webseite begleitet sie die großen Turniere nicht nur im Frauenschach und rührt auf der ganzen Welt die Werbetrommel fürs den Schachsport. Alexandra Kosteniuk ist das "Charming Girl" des Weltschachs: Spielstark, eben charmant und außerordentlich beliebt. Gerne wird sie in aller Welt für Simultanvorstellungen gebucht und hat keinerlei Berührungsängste gegenüber dem normalen Schachvolk.

 

 

Ausgerechnet sie wurde das Opfer eines perfiden Täuschungsmanövers.

Vor zwei Wochen gab Alexandra Kosteniuk in dem beliebten und eleganten Moskauer In-Café und Restaurant Coffeemania ( www.coffeemania.ru ) eine Simultanvorstellung. Die Simultanplätze hatte das Café zuvor unter seinen Gästen verlost.

 



Einer dieser Gäste ist dieser Mann hier.

 


Alexander von Gleich, Banker

 

Bei oberflächlicher Nachforschung scheint es sich um einen Mitarbeiter eines Unternehmens der Weltbank zu handeln, das seinen Sitz in Moskau hat, ein Banker also, und gegen ein solchen glaubte die treuherzige Großmeisterin auch zu spielen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Unserer Recherche zeichnet nämlich ein ganz anders Bild.

So entdeckten wir zufällig in einem Fotoarchiv folgendes Foto:

 

 


Das brachte uns auf die richtige Spur. Tatsächlich, weitere Fotos kamen ans Tageslicht.




Hier unser Mann bei einem Vortrag - vor einem Bankerseminar? Keineswegs. Ist ihnen der Mann, unten rechts, im Bild aufgefallen?

 


Wenn das mal nicht ...genau!

 



Surab Asmaiparashvili, zusammen mit Alexander von Gleich, der eine silbernen Vogel hält. Wo er den wohl her hat?



Und hier steht er mit Großmeister Mikhail Gurevich - von wegen Banker...


Emil Sutovsky, Alexander von Gleich, Geurt Gijssen.

Doch kommen wir zurück zum Simultan im Coffeemania.

Die nichts ahnende Großmeisterin spielt gegen ein paar Amateure, wie sie glaubt, und mitten drin ist also auch unser Banker mit den seltsamen Kontakten:




Rechts: Alexander von Gleich. Sein Blick sagt, dass er keinen Pfifferling auf die Stellung des Gegners von Alexandra Kosteniuk setzten würde. Wieso glaubt er, das so genau beurteilen zu können. Wir wissen, warum.

 

 

 

 

"Schwierig, schwierig!", signalisiert der Gesichtausdruck des "Amateurs". Sein Nachbar zur Rechten scheint zu merken, dass hier etwas vor sich geht.

Kaum hat nämlich die Großmeisterin dem Spieler den  Rücken zugekehrt...

 

 




...hellt sich die Miene auf, die Arme werden offenbar zwecks Vorbereitung eines taktischen Schlages schnell noch einmal gelockert:

 



Auch der Nachbar zur Linken merkt nun, dass hier etwas nicht so ist, wie es eigentlich sein sollte.

 


Hier nun ein Protokoll der Ereignisse an diesem Tisch, notiert vom "Täter" selbst:

Die Partie zum Durchklicken...
 

"Das Caffeemania liegt direkt an dem Konservatorium, mitten im Zentrum von Moskau, ist 24 stunden geöffnet und bietet bei netter Bedienung Speisen und Getränke zu - im Moskauer Vergleich - sehr annehmbaren Preisen. Das scheint auch der Grund zu sein, warum der Platz von neureichen Russen gemieden wird, und man stattdessen hier vorwiegend junge Künstler, ein paar Westler und allenfalls angehende Neureiche trifft. Bei einem Besuch vor 2 Wochen drückte mir der Kellner zusammen mit der Rechnung ein Booklet über das Schachsimultan mit Alexandra Kosteniuk in die Hand. Meine Frau nutzte die Gelegenheit gleich, unseren Gästen von meiner Schachsucht zu erzählen. Die ganze Wohnung wäre voll von Büchern (sie kennt die Archive nicht), in denen immer das gleiche drinnen steht. Schlimmer noch: Ich würde immer wieder weitere Bände hinzuerwerben und wäre dann für Tage nicht ansprechbar. Natürlich stimmt dies nicht, denn ich habe dem Turnierschach seit Jahren abgeschworen. Unsere Gäste fragten uns dann, wie denn ein Simultan Spiel funktionieren würde, und ich erklärte, dass Alexandra Konsteniuk die beste russische Spielerin sein und sie es daher mit 20 schwachen Spielern zur gleichen Zeit aufnehmen könnte.

Na dann, sollte ich dort doch mitmachen, munterte man mich auf. Auf der Website des Caffee's ( www.caffeemania.ru ) erschienen alsbald 3 Aufgaben, die man loesen musste, um in den Kreis der erlesenen Kandidaten zu kommen. Nach der Benachrichtung um 2 Uhr nachts musste man schnell seine Teilnahme bestaetigen - zum Glueck war ich zu der Zeit in Almaty und konnte wg des Zeitvorsprungs von 2 h bereits als Zweiter zusagen.

Kosteniuk, Alexandra - von Gleich, Alexander
Simultan 27.9., 27.09.2006
Coffemania

Und so nahmen wir alle Platz, von dem es nicht allzu viel gab. 2 Bretter pro Tisch schufen eine Enge, aus der es kein Entkommen gab, ans Aufstehen vor Partieschluss war nicht zu denken. Ich verzichtete daher auf jegliche Getränke, da an einen Besuch der Toilette auch nicht zu denken war. Es würden übrigens auch hier während der Partie "getrennte" Toiletten benutzt: Alexandra stand die Damentoilette zur Verfügung, den anderen Spieler die Herrentoilette. Allerdings waren auch den übrigen Gästen beide Toiletten zugänglich. Auch ohne Entscheidung des Appellationskomitee war verfügt, dass ein unabhängige Instanz, vor der sich normalerweise selbst die Mitarbeiter im KGB fürchten, die Toiletten alle 30 Minuten einer gründlichen Inspektion unterziehen, und zwar die russische Putzfrau.

1.d4.Sf6 2.c4 c5

Ich wusste natürlich nicht, was ich spielen sollte und versuchte Sie mit Modernem Benoni aus dem Konzept zu bringen. Ich habe vor Jahren mal das Buch von John Watson gelesen, sehr zu empfehlen.

3.d5 e6 4.Sc3 exd5 5.cxd5 d6 6.g3 g6 7.Lg2 Lg7 8.e4

Huch, was ist das. Vielleicht ein bisschen früh?

 8...0–0 9.Sf3?!

Das passt nicht zusammen und Schwarz hat hier schon mehrere Wege, zu gutem Spiel zu kommen. [9.Sge2 Sa6]

 9...b5! 10.Lg5?!

Den Läufer wird Sie danach gegen den Springer f6 tauschen müssen, wonach die lange Diagonale schwach sein wird und Beute auf B2 lockt. [10.Sxb5 Da5+ 11.Sc3 11.Sxe4 ist besser für Schwarz; 10.Sd2 b4 11.Se2 La6=]

10...b4 11.Se2 Te8

[11...h6  12.Lc1 (12.Lxf6  12...Dxf6  13.Tb1  13...Te8 14.Sd2 14...La6 )]

12.Sd2 La6 13.0–0 h6 14.Lxf6 Lxf6

Der Bauer b2 kann nicht mehr gut gedeckt werden. [14...Dxf6  15.Da4 Te7.] Te7 hatte ich nicht gesehen und von daher von Dxf6 Abstand genommen.

15.f4 Sd7 16.Te1

[16.e5  16...dxe5 ] 17.f5 war die beste Chance 17...e4 ]

16...Lxb2 17.Tb1 Lg7 (Schwarz steht besser) 18.Da4 Ld3 19.Tbc1 Sb6 20.Dd1 c4–+ 21.Sf3

Schnell ausgeführt. Alexandra will mit dem Springer über d4 nach c6, um ein Gegenspiel zu starten, aber ich kann den Bauern e4 ja auch mit dem Turm nehmen.

21...Txe4 22.f5 Sxd5 23.fxg6 fxg6 24.Sd2

[24.Sf4  24...Sxf4]

24...Se3

[24...Db6+  25.Kh1 [25...Se3 [26.Sxe426...Sxd1  27.Tcxd1  27...Te8–+ war vielleicht ein bisschen genauer]

25.Lxe4 Sxd1 26.Ld5+ Kh7 27.Tcxd1 Db6+ 28.Kg2 Tf8

[28...Te8  29.Sf4]

29.Sf4 Txf4 30.gxf4 Dd4 31.Le4 c3 32.Sf3

Schnell ausgeführt: mit Angriff auf die Dame und der Läufer d3 hängt - die Wende? [32.Lxd3  32.Dxd3  33.Se4 Dc4 34.Sxd6 34.Dxa2+ 35.Kg1c2 36.Tc1 36.b3 (36...Ld4+  37.Kg2 37...Dd5+ [ 38.Kg3 b3 39.Te7+) ]

32...Dxe4! Nach einer Runde wieder am Brett angelangt, nun dies: Ich gebe die Dame zurück und habe ein leicht gewonnenes Endspiel. Glück in der Stellung!

33.Txe4 Lxe4–+

Der Bauer läuft durch

34.Kf2 c2

Hier nun fragte mich mein Tischnachbar, ob ich nicht Remis anbieten wolle. Quasi als Gentleman-Geste. "Nein", erwiderte ich, das ginge nicht, das würde sicherlich auch Alexandra nicht gefallen und womöglich als Beleidigung aufnehmen. Schließlich wäre es nur zu fair, wenn der Profi auch mal eine Partie gegen einen titellosen Spieler verlieren würde.

35.Te1 Lxf3 36.Kxf3 Lb2

Geschafft. Alexandra gab auf und signierte die tollen Geschenke für meine Söhne ( Schachbrett, Schirmmützen). Gerne hätte ich mich noch ein wenig über die Partie unterhalten, aber dazu fehlte die Zeit. Alexandra ist in Russland ein bekannter und gefragter Star. Sie hat sehr hohe Popularitätswerte, wird zu vielen Veranstaltungen eingeladen und macht eine professionelle PR-Arbeit ( www.Kosteniuk.ru) Noch dazu hat sie gerade eine Schachschule für kleine Kinder ( 3-6 Jahre ) eingerichtet. Dank für die schöne Veranstaltung geht an das Caffeemania und den Sponsor, die " Sudostroitelnye Bank ", eine mittelgroße russische Bank, die sich auf die Vergabe von Hypothekenkrediten spezialisiert hat.

0–1 (Alexander von Gleich)"

Soweit der Bericht des stolzen Bankmannes. Aber lassen wir die Katze aus dem Sack: Was die gutgläubige Großmeisterin nicht wusste, war, dass es sich beim vermeintlichen Amateur um einen ehemaligen Bundesliga-Spieler handelt. Anfang der Neunziger spielte von Gleich als Student für Godesberg und Bochum in der Zweiten und Ersten Liga. Hier und da nahm er auch an verschiedenen Open teil. Dann wurde er Banker, zunächst in Georgien, wo er sich als Sponsor 2001 beim Wettkampf Europa-Asien beteiligte, nun treibt er in Moskau sein "Unwesen". Bei der FIDE ist er noch als Spieler mit recht ansehnlicher Elozahl registriert.

 

 

 

 

Zum Schach spielen lassen ihm Familie und Beruf keine Zeit. Nur bei Simultanvorstellungen und Diplomatenturnieren, zu denen er als Weltbankmitarbeiter auch Zugang hat, ist er ab und zu noch aktiv und verblüffte die Gegner mit starken Zügen, für die er auf Anfrage auch keine Erklärung abzugeben weiß.

Nach dem Simultan fragten ihn Angehörige von Kosteniuk, ob er er denn einen der in Russland üblichen Meistergrade besäße, was er wahrheitsgemäß verneinte. Und auf die Frage, ob er regelmäßig Schach spiele, konnte er ebenfalls der Wahrheit entsprechend antworten, dass seine letzte Turnierpartie neun Jahre zurück liege. So blieb der Großmeisterin ihr eigenes "schwaches" Spiel ein Rätsel. Vielleicht erfährt sie ja auf diesem Wege die Wahrheit.

 

 

 

 

 

 

 


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