"Das Turnier, an das ich mich am liebsten erinnere": Interview mit Gerald Hertneck

von André Schulz
05.05.2021 – Am 4. Mai 1991 begann in München das SKA-Mephisto-Turnier als Auftakt einer ganzen Reihe von starken GM-Turnieren in München. Für die meisten Schlagzeilen sorgte keiner der Weltstars, sondern Gerald Hertneck, der als Außenseiter Judit Polgar und Vishy Anand schlug und am Ende geteilter Zweiter wurde. Auf das Turnier blickt der Münchner gerne zurück. Zum Interview: | Foto: David Llada

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SKA-Mephisto-Turnier München 1991

Zu Beginn der 1990er Jahre wurden in München eine Reihe von ausgezeichnet besetzten GM-Turnieren durchgeführt. Der Macher dieser Turniere war Heinrich Jellissen, zugleich Mannschaftskapitän der vielfachen Meistermannschaft von Bayern München. Die Münchner Firma Hegener und Glaser (heute: Millenium), seit den 1980er Jahren mit ihren Mephisto-Computern sehr erfolgreich, und die Schweizerische Kreditanstalt SKA (heute: Credit Suisse) mit ihrem schachbegeisterten Direktor William Wirth, sorgten für die Finanzierung. Bei diesen Turnieren trafen internationale Spitzengroßmeister auf auf die besten deutsche Spieler.

Den Anfang der Turnierreihe machte das SKA-Mephisto-Turnier von 1991. Ausgetragen wurde das Turnier im Garden Hotel in der Münchener Leopoldstraße. Hier traten einige Spieler an, die am Anfang einer großartigen Karriere standen. Boris Gelfand, 1991 hinter Kasparov und Karpov schon die Nummer drei in der Welt; Viswanathan Anand, der vier Jahre später zum ersten Mal um die Weltmeisterschaft spielen sollte; Szusza Polgar, die spätere Frauenweltmeisterin; ihre Schwester Judit, die bald die beste Frau im Schach werden sollte; außerdem Weltklassespieler wie Alexander Beliavsky, Larry Christiansen, John Nunn oder Leonid Yudasin. Und dann die besten deutschen Spieler, angeführt von Robert Hübner und Vlastimil Hort, dazu Stefan Kindermann, Eric Lobron, Gerald Hertneck und Matthias Wahls.

Das Turnier fand großes Zuschauerinteresse und begann am 4. Mai 1991, fast auf den Tag genau vor 30 Jahren mit einem Paukenschlag: Der Außenseiter Gerald Hertneck schlug in der ersten Runde gleich Judit Polgar. In der dritten Runde besiegte Hertneck dann auch noch Anand. 

Das Turnier endete schließlich mit einem Sieg von Larry Christiansen. Hertneck reihte sich in die Verfolgergruppe mit Robert Hübner, Alexander Beliavsky und Boris Gelfand ein. Nach Feinwertung wurde er Dritter.

Den Schwung aus diesem Turnier nahm Gerald Hertneck mit und katapultierte sich in den nächsten Jahren mit einem deutlichen Elozuwachs bis in die erweiterte Weltspitze, auf Rang 36 der Weltrangliste. Wie das zu erklären ist, weiß Gerald Hertneck im Interview auch nicht recht zu erklären. Aber an das Turnier erinnert er sich sehr gerne und hat neben seinen Antworten auf die Fragen auch noch drei kommentierte Partien aus dem Turnier mitgeliefert.

 

Interview mit Gerald Hertneck

Vor 30 Jahren fand in München ein bedeutendes GM-Turnier statt, das SKA-Mephisto 1991. Wer hatte die Idee dazu?

Die Idee kam von Heinrich Jellissen, dem damaligen Mentor der Bundesligamannschaft vom FC Bayern. Die Pläne wurden damals natürlich ausgiebig im Kreis der Bundesligaspieler besprochen. Ich hatte Glück, dass ich zum Turnier zugelassen wurde, weil meine Elozahl mit 2535 schon hoch genug war. Und natürlich dachte ich vor dem Turnier, dass ich als „Novize“ irgendwo auf den letzten drei Plätzen landen würde.

Das Turnier wurde von Hegener und Glaser, Hersteller der Mephisto-Schachcomputer, und von der SKA-Bank gesponsert. Welches Kostenvolumen hatte das Turnier, wie konnte man die Sponsoren dafür gewinnen und welche Rolle spielt William Wirth?

Natürlich konnte so ein Turnier nicht ohne hochklassige Sponsoren organisiert werden. Allein das Preisgeld lag bei rund 30.000 Mark, und dazu kamen natürlich noch die Reise- und Übernachtungskosten, sowie die Eröffnungs- und Abschlussfeier. Und dann vermute ich mal, dass die Polgars oder Gelfand nicht ohne Startgeld gespielt haben. Insgesamt kann man wohl von einem Budget von mindestens 75.000 Mark ausgehen, vielleicht auch mehr. William Wirth spielte sicherlich die entscheidende Rolle, um das Turnier zu ermöglichen, aber man sollte auch Manfred Hegener, den Firmeninhaber von Hegener und Glaser bei der Betrachtung nicht vergessen. Ohne die freundschaftliche Beziehung zwischen Jellissen und Wirth wäre das Turnier sicherlich nicht möglich gewesen!

Das Turnierfeld war ausgesprochen attraktiv besetzt, unter anderem mit dem jungen Anand, dem jungen Boris Gelfand  und den Polgar-Schwestern Zsuzsa und Judit. Wie war es möglich, so ein interessantes Feld zusammen zu bekommen? Wer hatte die Kontakte?

Die Einladungen liefen ausschließlich über Heinrich Jellissen. Oder vielleicht haben auch die Sponsoren Wünsche geäußert, die er berücksichtigt hat. Wie er die Spieler kontaktiert hat, weiß ich nicht. Aber jeder, der eingeladen war, hat sicher sofort gerne zugesagt, denn das Turnier war ja sehr attraktiv, nicht nur vom Preisfonds, sondern auch von den Spielbedingungen. So wurden die Partien über Mephisto-Bretter automatisch in den Analyseraum übertragen, was für die damalige Zeit ziemlich innovativ war. Ein Kuriosum war übrigens, dass es noch Hängepartien gab, die gerade aus der Mode kamen, weil Jellissen aus Nostalgie nicht darauf verzichten wollte.

Neben den internationalen Spielern nahmen die besten deutschen Spieler teil. Die Mannschaft der Schachabteilung Bayern München spielte dabei eine große Rolle. War Bayern München als Verein auch involviert?

Ich weiß nicht, ob die Frage so eindeutig zu beantworten ist. Jellissen war ja Mannschaftsführer der 1. Mannschaft vom FC Bayern und wir Spieler waren zum Teil auch vom FC Bayern (übrigens ehemals Anderssen Bavaria). Aber ich glaube er hat das eher als Privatprojekt organisiert, also zum Beispiel das Finanzielle ganz aus dem Verein rausgehalten. Aber genau weiß ich es nicht, denn über Geld wurde wenig gesprochen damals. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, dass der Verein in der Planung oder Umsetzung des Turniers eine große Rolle gespielt hat.

Sie kamen vermutlich als Spieler von Bayern München ins Turnier. Welche der Teilnehmer spielten damals noch für Bayern?

GM Stefan Kindermann natürlich, mit dem ich heute noch zusammen die Münchner Schachakademie und die Münchner Schachstiftung betreibe. Ich bin nicht ganz sicher, ob Robert Hübner 1991 schon für Bayern spielte, aber ich glaube schon. Und woran ich gar keine Erinnerung mehr habe, weshalb Klaus Bischoff nicht zum Zuge kam. Habe ich ihm vielleicht den Platz weggenommen? Das ist nicht auszuschließen. Jedenfalls hat er dann zusammen mit Ralf Lau die Partien im Analyseraum kommentiert.

Zum Zeitpunkt des Turniers waren Sie Ende 20, also nicht unbedingt mehr ein Talent. Mit 2535 hatten Sie eine ordentliche Spielstärke – um es mit heute zu vergleichen, müsste man wohl 100 Elopunkte dazurechnen. Sie spielten dann ein sensationell gutes Turnier und zeigten auch danach noch ausgezeichnete Ergebnisse. In der ELO-Liste vom Januar 1994 standen sie dann mit 2615 zu Buche – damit waren sie damals die Nummer 36 der Weltrangliste. Wie erklärt sich diese gewaltige Leistungsexplosion?

Ich war tatsächlich 1991 schon 27, also Spätzünder. Die Ursache meines Erfolgs ist tatsächlich die Frage, die ich am schwersten beantworten kann, denn es ist mir selbst nie ganz klar geworden, wie diese „Singularität“ möglich wurde. Zum einen zahlte sich wohl die jahrelange harte Arbeit am Schach mit einem Sprung aus. Dann hatte ich zum ersten und einzigen Mal in meiner Turnierlaufbahn einen Sekundanten, nämlich meinen Freund Jonathan Levitt, der gerade von einem Turnier in Augsburg kam. Und schließlich erinnere ich mich noch, dass es mich damals befruchtete, dass ich schon fest bei der Stadt München gearbeitet habe, und auch die finanzielle Sicherheit im Rücken hatte. All diese Faktoren reichen aber nicht aus, um den Gesamterfolg zu erklären. Ich glaube ich war in dem Turnier einfach mental unglaublich stark! Natürlich beflügelte mich auch zusätzlich die Aussicht, mit der bereits erzielten „11er Norm“ aus Budapest 1990 und der hier erreichbaren „13er Norm“ die erforderlichen 24 Partien (heute sind es ja laut FIDE-Regularien 27 Partien) für den GM-Titel zu sammeln – und so kam es dann ja auch!

Und der spätere Sprung auf 2600 ist auch nicht leicht zu erklären. Für so „genial“ hielt ich mich eigentlich nicht, und ich habe ja in meiner Laufbahn auch immer wieder schmerzhafte Niederlagen einstecken müssen. Schon im selben Jahr 1991 spielte ich ein GM-Turnier in Bad Lauterberg, wo ich völlig versagte, und an das ich lieber nicht mehr zurückdenken möchte. Heute denke ich mir, dass die Jahre 1991 bis 1994 in meiner Schachlaufbahn nur ein vorübergehender Höhenflug war. Aber natürlich sehr angenehm für mich, denn ich war damals wirklich wer im Schach, ich hatte auf einmal einen Namen und viele Fans. Doch später kam es mir dann so vor, als ob ich zu viel für den Erfolg geopfert hätte.

Das Turnier fällt zeitlich mit dem politischen Umbruch in Europa zusammen. Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der UdSSR wurden die Grenzen zwischen Ost und West durchlässiger, auch für unzählige Schachspieler aus dem Osten. Wie haben Sie das erlebt?

Ehrlich gesagt überhaupt nicht positiv. Die Konditionen für die einheimischen Spieler gingen von Jahr zu Jahr runter, und bald gab es auf Turnieren gar keine Konditionen für deutsche Großmeister mehr. Bis dahin bekam man oft noch Anreise und Übernachtung frei. Und in die Preisgelder kam man natürlich auch viel schwerer als zuvor. Das ist meine persönliche Tragik: genau in dem Moment wo ich Großmeister wurde, entschied sich die Weltgeschichte zu meinen Ungunsten! Und das habe ich dann natürlich auch an der Entwicklung meiner Schacheinnahmen gemerkt. Besonders erbost war ich dann aber, wenn die Eingewanderten auch noch die Föderation wechselten und in die Nationalmannschaft drängten! Dagegen habe ich in der 90er Jahren fleißig angeschrieben, aber letztlich wenig bewirkt. Gewisse Entwicklungen kann man eben nicht aufhalten.

Im Dezember 1994 starb der Macher der Schachabteilung von Bayern München, Heinrich Jellissen. Die Honorare der Großmeister seiner Mannschaft hatte der Kunsthändler „angelegt“. Mit seinem Tod wurde klar, dass die Gelder irgendwo verschwunden waren.  Wie habe Sie das wahrgenommen. Gehörten Sie auch zu den Geschädigten? Welche Erinnerungen haben Sie an Jellissen?

Ich gehörte zum Glück nicht zu den Geschädigten und möchte das unrühmliche Thema an dieser Stelle ruhen lassen. Heinrich Jellissen war eigentlich Germanist und wenn man so will, auch Geschäftsmann, wenn auch zuletzt kein erfolgreicher. Als Mensch war er, wie Klaus Darga ihn gerne bezeichnete „Gottvater“ im Beisein der Mannschaft. Tatsächlich habe manche von uns ihn auch als Vaterersatz gesehen. Das schönste waren die Abende, wenn er im kleinen Kreis in ein Gourmet-Restaurant in Schwabing einlud… Man muss sich das vorstellen: als junger Mann, der wenig Geld hat, wird man auf einmal in die feinsten Restaurants eingeladen. Ich weiß noch, wie er mich bei einem dieser Abendessen – Mitte der 80er Jahre – beraten hat, es doch lieber als Schachprofi zu versuchen. Zum Glück bin ich seinem Rat nicht gefolgt, das hätte ich später bitter bereut…

Zurück zum SKA-Mephisto-Turnier. Sie hatten dort einen sensationellen Start mit einem Sieg über Judit Polgar, die ja schon ein echter Star war und auf dem Weg weit nach oben. In den nächsten Runden folgten Siege gegen Eric Lobron und Anand, der immerhin auf dem Weg war, Weltmeister zu werden. Das Turnierbuch nannte Sie den „teuflischen Hertneck“. Was machte Sie denn so teuflisch? Und wie haben die Besiegten ihre Niederlagen gegen den Außenseiter verkraftet.

Foto: Bas Bakhuizen (Turnierbuch)

Tja, ich war doch eigentlich ein ganz harmloser Mensch, ein aufstrebender Internationaler Meister, der überhaupt keine Erfahrung gegen diese Koryphäen hatte (lacht). Also Teil meines Erfolgs war wohl auch, dass ich gegen Nunn und Anand zwei wichtige Französisch-Partien gewann. Oder zum Beispiel dass ich gegen die Taktikerin Judit Polgar Weiß hatte. Dann auch die herrliche Schluss-Kombination gegen Wahls. Oder der scharfe Wolga-Sieg gegen Lobron. Meine Eröffnungen kamen in dem Turnier definitiv aufs Brett! Gegen Anand kamen dann meine guten Endspielkenntnisse zum Tragen, denn meinen Awerbach hatte ich über die Jahre intensiv studiert, und der theoretische Teil des Läuferendspiels war mir bekannt. Da kamen also viele Faktoren zusammen. Aber nicht zu unterschätzen war, dass ich völlig angstfrei spielte. Und wie meine Gegner die Niederlagen verkraftet habe, weiß ich natürlich nicht so genau, aber ich denke mal, der eine besser und der andere weniger gut.

 

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Am Ende wurden Sie geteilter 2. bis 5., zusammen mit Weltklassespielern wie Alexander Beliavsky, Robert Hübner und Boris Gelfand, vor anderen Stars wie John Nunn, Judit Polgar und Vishy Anand. Schwebt man da nicht auf Wolke Sieben? Haben Sie an eine Profikarriere gedacht?

Zum Glück habe ich zu keinem Zeitpunkt an eine Profikarriere gedacht, sondern bin ganz brav Beamter bei der Stadt München geblieben. Als Berufsanfänger hat man da übrigens gar nicht so viel verdient, aber es ist im Lauf der Jahre dann immer besser geworden. Heute freue ich mich schon auf meinen Ruhestand hoffentlich mit 64, nachdem ich inkl. Ausbildung bereits seit 35 Jahren im öffentlichen Dienst tätig bin.

Über Spieler wie Gelfand, Anand und Polgar muss man ganz deutlich sagen, dass sie damals erst ganz am Anfang ihrer Karriere standen. Judit wurde dann ja die mit Abstand stärkste Spielerin der Welt und landete sogar unter den Top 10. Anand wurde sogar Weltmeister und Gelfand mischte auch dauernd in der Weltspitze mit und spielte auch um die WM. Bis heute höre ich meine Fans staunend fragen, wie ich mit Schwarz gegen Anand gewinnen konnte. Nun - es war der 2600er Anand und nicht der 2800er Anand! Und ich war (inflationsbereinigt) der 2600er Hertneck und nicht der 2500er Hertneck, der ich heute bin.

Wie war die Turnieratmosphäre unter den Spielern? Wie war der Kontakt mit den beiden damals noch so jungen Polgar-Schwestern und den anderen internationalen Stars?

Engere Kontakte hatte ich zu den Spielern nicht, auch weil ich nicht im Turnierhotel übernachtete, sondern zu Hause. Ich hatte das so beschlossen, als mich Jellissen nach meinen Wünschen fragte. Die beiden Polgar-Schwestern waren natürlich ein Erlebnis, vor allem Judit, die ich bewundert aber auch ein bisschen gefürchtet habe. Generell achte ich bei Turnieren eher darauf, den Spielern nicht zu Nahe zu kommen, denn man steht ja auch in Konkurrenz. Es ist dann schon ein bisschen so, dass man in der Partie denkt, der ist der Böse, den will ich bezwingen. Oft analysiere ich meine Partien auch gar nicht so gerne mit dem Gegner, sondern genieße sie lieber im Stillen.

Was war das schönste Erlebnis bei dem Turnier?

Also natürlich war jeder Sieg süß. Vor allem die beiden Siege gegen Vishy und Judit. Und der Moment der Siegerehrung, als klar war, dass ich nach Wertung Dritter war. In dem Weltklassefeld!

Der schrecklichste Moment war übrigens, als ich gegen Beliavsky aufgeben musste, nachdem ich zuvor überoptimistisch auf Sieg gespielt hatte, und dem Remis durch Zugwiederholung ausgewichen war (die Engine zeigte mehrfach völligen Ausgleich an).

 

1991 gab es noch kein Internet. Wie wurde über das Turnier berichtet? Im Turnierbuch steht, dass zu manchen Runden 600 Zuschauer gezählt wurden – das Interesse war also riesig.

Ehrlich gesagt erinnere ich mich gar nicht so stark an die Zuschauerresonanz. Natürlich waren viele Münchner Schachspieler da, aber vor allem im Analyseraum. Damals wurde natürlich hauptsächlich in den Schachzeitungen von den Turnieren berichtet. Aber ich erinnere mich noch, dass ich auf einmal in der Zeitung stand, und so sogar kurz in den lokalen Fernsehnachrichten vorkam. Meine Eltern waren mächtig stolz auf mich! Oder ein zwei Jahre später. Ich komme nichtsahnend in die Arbeit, und da meint ein Abteilungsleiter zu mir: Herr Hertneck, wissen Sie, dass Sie heute in der Süddeutschen in einem großen Artikel mit Bild erwähnt sind? Nein, ich wusste es nicht. Aber das sind so die Freuden des Lebens…

Foto: Bas Bakhuizen (Turnierbuch)

Gab es nach dem Turnier noch Kontakte zu den anderen Turnierteilnehmern?

Nun, man hat sich ab und zu auf Turnieren gesehen und sich nett begrüßt oder auch ein bisschen gequatscht. Und Judit Polgar ah ich dann ja in der Fernsehpartie bei „Schach der Großmeister“ wieder, wo ich sie erneut bezwingen konnte, und zwar wieder mit meinem geliebten Französisch. Was anderes kann ich ja nicht gegen e4. Mit dieser Partie bin ich dann noch mal berühmt geworden. Die Einladung hatte ich Helmut Pfleger zu verdanken, der mich wiederum aufgrund des Erfolgs im Münchner GM-Turnier ansprach.

 

Im Blick zurück über die vergangenen 30 Jahr auf dieses Turnier. Wie fällt ihr Fazit aus?

So ein schönes uns erfolgreiches Turnier kommt jedenfalls für mich nicht wieder! Es kamen ja dann noch die Münchner GM-Turniere der Jahre 1992, 1993 und 1994, die zum Teil noch etwas stärker besetzt waren. Auch da habe ich nicht schlecht abgeschnitten, aber eher in der zweiten Turnierhälfte, was ja auch meiner Stärke entsprach. Aber für mich wird München 1991 immer das Turnier bleiben, an das ich mich am liebsten zurückerinnere, denn dort fand mein internationaler Durchbruch statt, dort gewann ich die unglaublichsten Partien, und danach wurde mein Traum wahr: ich wurde zum Großmeister ernannt. (München, den 29.04. G. Hertneck.)

Die Fragen stellte André Schulz.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Quaoar Quaoar 08.05.2021 04:35
Dem "Vorschreiber" kann ich nur beipflichten. Auch ich lese solche Berichte gern. Vor allem interessiert es mich, etwas über die damaligen Beteiligten zu erfahren, über die man in der Folge und vor allem heute wenig bis nichts lesen konnte/kann. So würde ich gerne einen ähnlichen Bericht, möglicherweise ein Interview, über Larry Christiansen, Leonid Yudasin und Matthias Wahls lesen. Wie war ihr weiterer Werdegang - nicht nur schachlich gesehen.
DoktorM DoktorM 07.05.2021 02:46
Ein schöner Bericht. Ich lese gerne solche Rückblicke, bei denen es um mehr als um die Partien geht.
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