Der (wahrscheinlich) erfolgreichste Trainer der Welt: RB Ramesh (I)

von Thorsten Cmiel
09.09.2019 – Kennen Sie R.B. Ramesh? Er trainiert weltweit etwa 500 Schachschüler. Seine Schützlinge gewannen bisher 31 (Jugend-) Weltmeistertitel, 40 Titel bei Asienmeisterschaften und 34 nationale Titel. Damit ist er wohl der erfolgreichste Trainer der Welt. Ein Portrait von Thorsten Cmiel (Teil 1). | Fotos: Thorsten Cmiel

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"Als ich meinen sicheren Job kündigte, haben mich viele für verrückt erklärt." (R.B. Ramesh)

Zuerst traf ich Ramesh im Mai 2019 anlässlich eines Trainingscamps für die Quality Chess Academy auf Kreta. Dann konnte ich ihn in Abu Dhabi etwas genauer befragen. Es war ein Gespräch mit dem Coach der indischen Nationalmannschaft über indische Ambitionen, die explodierende Entwicklung des Schachs in Indien, die Bedeutung von Vorbildern, Erfolgsfaktoren beim Schach, Talente, die Nationalmannschaft, seinen Schützling Praggnanandhaa und dessen Schwester.

Ramesh ist ein freundlicher Mensch, der ständig sein Lachen zeigt. Hier ist jemand erkennbar zufrieden mit dem was er macht und mit seinen bisherigen Entscheidungen im Leben. Aber wer ist dieser Ramesh eigentlich?

Ramachandran Ramesh, kurz R.B. Ramesh, geboren 1976, ist seit 1996 Internationaler Meister und seit 2003 Großmeister. Er gewann 2002 die britische Meisterschaft und wurde 2007 Commonwealth-Meister. Verheiratet ist Ramesh mit Aarthie Ramaswamy, die einen erheblichen Einfluss auf seine Karriere als Trainer nahm. Aarthie ist heute in der gemeinsam betriebenen Schachschule "Gurukul" in Chennai vor allem für das Anfängertraining, die Organisation und den Umgang mit den Eltern verantwortlich. Während Ramesh sich neben Online-Trainings am liebsten auf das Training von indischen Top-Talenten unter seinen Schülern konzentriert.

Ramesh wurde 1998 erstmals als Coach für Indien zu einer Jugendweltmeisterschaft geschickt. "Ich weiß nicht, weshalb sie mich als Coach ausgewählt haben (lacht). Meine Inspiration war Anand. Ich wollte werden wie er, ein Schachgroßmeister. 1998 war ich Internationaler Meister und mein erster Student war Aarthie Ramaswarmy, die später meine Frau wurde. Damals gab es in Indien keine Trainer. Es gab natürlich Spieler, die auch Schach unterrichteten. Aber Trainer war damals kein eigenes Berufsbild. 1999 gewann Aarthie die U18-Weltmeisterschaft. Sie war nicht die Favoritin, aber sie gewann das Turnier sehr überzeugend und das gab mir die Zuversicht, dass ich ein guter Trainer sein könnte. Danach begann ich mit vielen Spielern zu arbeiten, die oft in meinem eigenen Alter waren. Auch bei dieser Arbeit hatte ich Erfolg und das bestärkte mich darin, die Aufgabe als Trainer noch seriöser anzugehen."

Eine eigene Schachschule

Gesellschaftlich ging und geht es in Indien darum, positive Rollenbilder zu schaffen, die andere Inder inspirieren zu besseren eigenen Leistungen. Das bezog sich auf verschiedene Gebiete, auch auf Sport. Wer etwas Außergewöhnliches im Schach erreichte, erhielt die Chance, einen gut bezahlten, lebenslangen Job zu bekommen, vergleichbar mit einem Sponsorenvertrag. Inzwischen hat sich natürlich etwas verändert (Anmerkung: Indien hat im August 2019 insgesamt 64 Großmeister). Aber immer noch übernehmen öffentliche Unternehmen, die Reise- und Unterkunftskosten von jungen Spielern bei internationalen Turnieren als Teil einer Art Sportförderung. Die Branchen der Unternehmen, die Sport fördern, haben sich mit der Zeit allerdings etwas verändert: Banken und Energiefirmen, oft in mehrheitlich öffentlichem Eigentum, sind noch als Sponsoren aktiv. So ist beispielsweise Karthikeyan Murali, einer der Schüler von Ramesh bei der teilstaatlichen Öl- und Gasgesellschaft ONGC beschäftigt.

Ramesh selbst hatte als einer der ersten Großmeister Indiens noch einen garantierten Job bei einem dieser staatlichen Unternehmen erhalten. 2008 entschied er sich jedoch dafür, seinen Halbtagsjob zu kündigen. Ramesh konnte sich nicht vollends auf das konzentrieren, was er am liebsten macht, Schach unterrichten. Er war unzufrieden mit seiner Situation. Nach Absprache mit Aarthie kündigte der damals junge Familienvater seinen Job und gründete gemeinsam mit seiner Frau eine Schachschule in Chennai. "Als ich meinen sicheren Job kündigte, haben mich viele für verrückt erklärt." Heute, in der Rückschau, ist diese Entscheidung ohne Zweifel richtig gewesen.

Schach für Kinder

Ramesh ist aktuell der vielleicht erfolgreichste Nachwuchstrainer der Welt. Seine Schützlinge kommen auf über 31 Titel bei Weltmeisterschaften, 40 Titel bei Asienmeisterschaften und 34 nationale Titel. Falls sein Eintrag bei Twitter aktuell ist, denn er pflegt seine Onlinepräsenzen nicht intensiv. Der Andrang von neuen Schülern ist ohnehin groß. 500 Schüler betreut er zurzeit weltweit. Die meisten davon sind Kinder, die von ihren Eltern angemeldet wurden.

Das beste Einstiegsalter sei zwischen 5 und 6, zumindest wenn man den großen Erfolg will. Um Großmeister zu werden sei es ideal, jeden Schultag zwei Stunden zu trainieren und an Wochenenden vier Stunden am Tag aufzuwenden. Das ist vergleichbar mit anderen Sportarten. Eltern sollten ihre Kinder unterstützen und sind insofern ein wichtiger Faktor beim Prozess der Entwicklung ihres Kindes. Im besten Fall engagieren sie den richtigen Trainer für die jeweilige Entwicklungsstufe des Kindes. Da Schach ein Sport ist, gehört der Umgang mit guten und schlechten Phasen dazu und das müssen auch Eltern akzeptieren.

Wie trainiert man richtig

Wer Ramesh aufmerksam zuhört, der versteht, dass Erfolge im Schach das Ergebnis harter, regelmäßiger Arbeit und kein Zufall sind. Es geht nicht um den schnellen Erfolg, um Abkürzungen. Die harte Arbeit am eigenen Können wird sich letztlich auszahlen und in Ergebnissen sichtbar werden. Jeder könne im Schach Erfolge erzielen. Zudem gibt es natürlich außergewöhnliche Talente. Diese Wunderkinder müssen jedoch genauso seriös an ihrem Schach arbeiten, um ihr Potenzial zu heben. Bei Praggnanandhaa beispielsweise gehört zu seinem Talent sein Wissensdurst, ein hervorragendes Erinnerungsvermögen, überragende Rechenfähigkeiten und die Bereitschaft, sehr aufmerksam am Training teilzunehmen.

Ramesh vertritt die Auffassung, dass das Training schwierigere Probleme enthalten sollte als das Spiel im Turnier. Dort sollte man dann den "Flow" nutzen und Turnierpartien sollten relativ leicht von der Hand gehen. Damit meint Ramesh übrigens nicht, dass sich die Kinder mit Eröffnungstraining beschäftigen und damit einfache Punkte einfahren sollten. Im Gegenteil: Gerade zu Beginn sollte das Training nur zu maximal 20 Prozent auf diese erste Spielphase besonderen Wert legen. beim Training mit Praggnanandhaa hat er beispielsweise vor einigen Jahren gar keine Aufmerksamkeit auf die Eröffnungsphase gelegt. Wichtiger sei es, die Basis für ein erfolgreiches Spiel zu begründen. Die Bedeutung des Eröffnungstrainings wird sich dann später, beim fertigen Spieler, ohnehin auf etwa 60 Prozent oder sogar mehr, im Selbststudium erhöhen.

Praggnanadhaa

Ein Teil des typischen Trainingsplans ist das Lösen von Taktikaufgaben, Mittelspielstellungen, Endspielen und Studien. Das Nachspielen von aktuellen Großmeisterpartien gehört ebenfalls zu dem täglichen Trainingspensum, das jeder Spieler mit Ambitionen absolvieren sollte. Ramesh empfiehlt jeden Tag fünf bis zehn Partien der besten Spieler der Welt beispielsweise online zu verfolgen. Dabei sollte man nicht nur die Züge nachspielen, sondern die Ideen der Züge zu verstehen suchen. Praggnanandhaa ist noch fleißiger und nutzt sein sehr gutes Erinnerungsvermögen, um täglich bis zu 50 Partien und Besonderheiten der verfügbaren Partien der Topspieler zu memorieren.

Blindschach-Training

Zu der "Methode Ramesh" gehört es, seinen Schützlingen immer wieder Aufgaben ohne Ansicht des Brettes vorzulegen. Komplexe Mittelspielstellungen oder Studien werden dann im Kopf analysiert, in Gruppen besprochen und bestenfalls gelöst. Etwas schelmisch erzählt er mir eine Episode aus dem Trainingslager der indischen Nationalmannschaft: Es war ausgerechnet Vishy Anand, der nach einer ungelösten, komplizierten Aufgabe als erster Spieler die Figuren auf einem Brett aufbaute. Es ist wohl kaum als Kritik zu verstehen, denn Anand ist das Idol von Ramesh, der wie "Vishy" auch aus Chennai stammt. Vielleicht ist es das Alter, denke ich mir. Es folgt das typische Ramesh-Lachen, welches das gesamte Gesicht nutzt und bei dem man nie genau weiß was er gerade denkt. Aber ansteckend ist sein Lachen allemal. Sehr.

Ramesh legt großen Wert auf eine gute Stimmung und wenn man seine Schützlinge in Abu Dhabi beim Abendessen beobachtet, dann sieht man sogar Praggnanandhaa gelegentlich lächeln und aktiv Geschichten erzählen. Das ist für einen Jungen seines Alters - er wird während des Turniers in Abu Dhabi im August 2019 14 Jahre alt - keine Selbstverständlichkeit in Anwesenheit von älteren und bereits etablierten Spielern.

Die kleine Delegation aus Chennai bestand in Abu Dhabi aus Murali Karthikeyan, Chitambaram Aravindh, Vaishali Rameshbabu, Praggnanandhaa Rameshbabu und Ramesh.

 

Ramesh bietet weltweit Online-Kurse an

Am 16. Februar 2019 beispielsweise startete ein Kurs von Ramesh, der zunächst 500 US-Dollar kostete für ein Jahr mit 52 Trainingseinheiten (jeden Samstag). Nachdem 100 Plätze vergeben waren, stieg der Preis auf 600 US-Dollar. Das ist für indische Verhältnisse recht teuer, erlaubt es Ramesh aber besonders talentierte Jugendliche intensiver zu betreuen.

Ich vermute, diese Spieler werden die Intensivbetreuung vor Ort zu Beginn kaum selbst bezahlen können. Insofern gehe ich von einer Art "Crossfinanzierung" von Talenten aus. Besonders talentierte Kids, die nach Chennai kommen, können natürlich am Präsenzunterricht teilnehmen.

Dafür gibt es Kurse, die beispielsweise eine Woche dauern, sofern Ramesh nicht unterwegs ist. Teil aller Kurse sind Hausaufgaben. Ramesh erzählt mir von früheren Online-Kursen, die er vor allem für indische Kinder in den USA gibt, in den frühen Morgenstunden per Skype. Ramesh begann seinen Unterricht bereits um 3.30 Uhr morgens und hatte einen verrückten Tageszeitplan. Der Erfolgstrainer unterrichtet in Englisch und dem Heimatdialekt Tamil und arbeitet scheinbar unermüdlich daran, sein Wissen an Jugendliche und Kinder weiterzugeben, indem er die technischen Möglichkeiten unserer Zeit nutzt.

Für die Zukunft stehen mehr Videos und Bücher auf dem Plan. Wer schon jetzt mehr über den Verbesserungsprozess beim Schach und die Methodik von Ramesh wissen will, dem sei sein Buch "Fundamental Chess: Logical Decision Making", 2017 empfohlen.

Eine unvollständige Liste bekannte Schützlinge von Ramesh

Aarthie Ramaswamy, geboren 1981, gewann 1999 die U18-Mädchenweltmeisterschaft in Spanien und ist Frauengroßmeisterin. Die Frau von Ramesh und Mutter seiner zwei Kinder.

Pentala Harikrishna, geboren 1986, gewann 1996 die U10-Weltmeisterschaft, wurde 2001 mit 15 Jahren der jüngste indische Großmeister und 2004 Juniorenweltmeister.

Adhiban Baskaran, geboren 1992, Großmeister seit 2010, war ebenfalls früher ein Schützling von Ramesh.

Murali Karthikeyan, geboren 1999, ist seit 2015 Großmeister, ehemaliger U12 und U16-Weltmeister. Er wurde 2019 Zweiter beim Gibraltar-Open hinter Artemiev und Zweiter bei der Asienmeisterschaft. Dort qualifizierte er sich für den Worldcup 2019.

Chitambaram Aravindh, geboren 1999, gewann 2013 als 13jähriger ein Großmeisterturnier (Open) in Indien. Seit 2015 ist er Großmeister und qualifizierte sich als indischer Landesmeister 2018 für den Worldcup 2019.

Praggnanandahaa Rameshbabu, geboren 2005 in Chennai, kurz "Pragg" genannt, ist zurzeit eines größten Talente der Schachwelt. 2013 U8-Weltmeister und 2015 holte er den U10-Titel. 2019 gewann Pragg das Xtracon-Open. Seit 2018 ist er Schachgroßmeister.

Vaishali Rameshbabu, geboren 2001, war zweimal Mädchenweltmeisterin (U12 und U14). Sie ist die ältere Schwester von Pragg. Beim Xtracon-Open 2019 erzielte Vaishali eine Großmeisternorm mit 7,5 aus 10, die ihr einen Ratingzuwachs von 58 Punkten brachte. Sie ist momentan auf Platz 10 der Juniorinnen weltweit und nach aktueller Rating Zweitbeste ihres Jahrgangs.

Die Frau von Ramesh, Aarthie Ramaswamy, im Interview über ihre eigene Karriere, Schach in Indien, die Bedeutung eines Trainers, über ihre Aufgaben in der gemeinsamen Schachschule, über Ramesh und seine Philosophie, über Eltern und ihre eigene Rolle als Mutter und über Praggnanandhaa (2018):

Portrait von Ramesh in einem älteren Beitrag von Chessbase India (2017):

Hier kann man sich noch weitere Informationen holen: http://www.chessgurukul.com/

 




Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.
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