Der FIDE Schachgipfel 1926 in Budapest

von André Schulz
17.07.2026 – Im September wird in Samarkand die 46te Schacholympiade der Geschichte ausgetragen. Nachdem die FIDE sich 1924 gegründet, wurde im Sommer 1926 in Budapest das erste internationale Mannschaftsturnier ausgetragen, allerdings nur mit wenigen Mannschaften. Aus diesem bescheidenen Beginn entwickelte sich die Tradition der Schacholympiaden.

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Am Rande der Olympischen Sommerspiele in Paris fand vom 13. bis 24. Juli 1924 im Hotel Majestic auch ein Schachturnier statt, mit einem Einzelwettbewerb und einem Mannschaftswettbewerb, wenn auch nicht als offizieller Wettbewerb der Olympischen Spiele. Am 20. Juli gründeten die Delegierten von 15 nationalen Verbänden den Weltschachbund, die Fédération Internationale des Échecs (FIDE). Die FIDE feiert deshalb alljährlich den 20. Juli als "internationalen Schachtag".

Der Weltschachbund hat es im Laufe der folgenden Jahrzehnte nie geschafft ein offizieller olympischer Wettbewerb zu werden, so sehr er sich auch bemühte. Aber er organisierte bald eigene olympische Spiele, die Schacholympiaden. Heute gehören diese mit ihrer Vielzahl an teilnehmenden Verbänden, Teams, Spielern und Spielerinnen zu den größten Sportevents der Welt, gemessen an der Teilnehmerzahl. Aber aller Anfang ist mühsam. So war das auch bei der Entwicklung der Schacholympiaden.

Nach dem Gründungsjahr trafen sich 1925 neun Abgeordnete von nationalen Landesverbänden in Zürich. Das bereits in Paris gewählte Führungspersonal mit Alexander Rueb als Präsident wurde dort für drei weitere Jahre im Amt bestätigt. 

Das Hotel Gellert

Im Sommer 2026, vom 26. Juni bis 15. Juli, kamen die Delegierten zum 3. FIDE-Kongress in Budapest zusammen. Der Ort des Geschehens war das ehrwürdige Gellert Hotel. Am Rande der Zusammenkunft wurden mehrere Turniere gespielt, als Einzelturniere ein Meisterturnier mit vielen prominenten Teilnehmern, ein offenes Turnier und ein Frauenturnier. Zum Ende des Kongresses wurde auch ein Mannschaftsturnier ausgetragen. 

Das Meisterturnier mit 16 Teilnehmern gewannen punktgleich Ernst Grünfeld und Mario Monticelli (1902-1995). 

Ernst Grünfeld 1921 | Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Monticelli ist der fünfte v. li. in der vorderen Reihe. | Foto via https://unoscacchista.com/

Monticelli, von Beruf Journalist bei verschiedenen großen italienischen Tageszeitungen, war in den 1920er und 1930er Jahren einer der beste Spieler seines Landes. Dreimal wurde er Landesmeister von Italien - 1929, 1934 und 1939. Als Monticello während des Zweiten Weltkrieges als Soldat die Kollaboration mit den Nationalsozialisten verweigerte, wurde er in ein Konzentrationslager deportiert, überlebte aber. 1950 ernannte ihn die FIDE ehrenhalber zum Internationalen Meister. Monticelli war noch viele Jahre als Schachpublizist aktiv.

Im geschlagenen Feld des Meisterturniers befanden sich so starke Spieler wie Akiba Rubinstein, Richard Reti, Savielly Tartakower, Edgar Colle oder Hans Kmoch.

Das Frauenturnier gewann die Engländerin Edith Holloway. Sie hatte auch schon zwei Jahre zuvor in Paris beim offenen Turnier der FIDE mitgespielt und gehörte damals zur internationalen Spitzenklasse bei den Frauen. In den Jahren 1927, 1935 und 1937 war sie jeweils eine der Teilnehmerin bei den Frauen-Weltmeisterschaften. 

Für das Mannschaftsturnier am Ende des Kongresses im Juli hatten sich ursprünglich sechs Teams mit je vier Spielern angemeldet. Am Ende nahmen aber nur vier Teams teil, da Österreich und die Tschechoslowakei ihre Meldung zurückzogen. Eine der vier Mannschaften stellte der Deutsche Schachbund, der 1924 noch nicht zu den Gründungsmitgliedern der FIDE gehörte, aber 1926 beitreten durfte. 

Ungarn stellte mit Endre Steiner und Arpad Vajda zwei bekannteste und starke Spieler und war damit auch der Favorit auf den Sieg. Auch Jugoslawien mit Boris Kostic an Brett eins wurde hoch eingeschätzt. Die deutsche Mannschaft war schwach besetzt, was finanzielle Gründe hatte. Die Namen der deutschen Auswahlspieler bei diesem Turnier sind heute kaum noch bekannt.

Am ersten Brett spielte Bruno Moritz, der aus Neuwarp in Westpommern stammte.

Bruno Moritz | Foto: DSB

Er nahm in den 1920er Jahren an einer Reihe von Turnieren, vor allem DSB-Kongressen teil. Als Jude floh er 1939 nach Südamerika und wurde in Ecuador einer der bedeutendsten Buchhändler. 1964 trat er im Alter von 67 Jahren noch für Ecuador bei der Schacholympiade in Tel Aviv an. 

Brett zwei nahm der Hamburger Wilhelm Schönmann ein. Er hatte bei einer Reihe von DSB-Kongressen mitgespielt, in den Hauptturnieren. 

Wilhelm Schönmann | Foto: Privatbesitz der Familie Schönmann, via Wikipedia

1928 gewann Schönmann die Hamburger Meisterschaft. Später verlegte er sich aufs Fernschach und wurde 1935 bei der Fernschach-Europameisterschaft Dritter hinter Ekström und Keres.

An Brett drei der deutschen Auswahl spielte Gottlieb Machate, der aus Breslau stammte und mit 22 Jahren damals zu den jüngsten Teilnehmern des Mannschaftsturniers gehörte. Machate war 1926 erst 24 Jahre alt.

Foto: Schachbezirk Frankfurt

In den 1920er und 1930er Jahren spielte Machate bei den Schlesischen Schachkongressen und den Deutschen Schachkongressen mit und gab gelegentlich auch Blindvorstellungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Machate in Stuttgart-Feuerbach, wurde Württembergischer Meister und war bis 1950 viermal Teilnehmer an den Gesamtdeutschen Meisterschaften. Seine beste Platzierung war 1947 und 1948 jeweils der dritte Platz, 1948 hinter Unzicker und Kieninger aber vor Lothar Schmid.

Bis 1971 spielte er für die Schachgemeinschaft Stuttgart. Er starb am 27. Mai 1974 in Feuerbach.

Am vierten Brett schließlich trat Otto Rüster an, der auch aus Schlesien stammte. 1925 hatte er das Turnier beim Schlesischen Schachkongress gewonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in der DDR, war Teilnehmer der DDR-Meisterschaft von 1953, hatte sich aber inzwischen ebenfalls vor allem aufs Fernschach verlegt.

Das Mannschaftsturnier wurde souverän vom Favoritenteam aus Ungarn gewonnen. Jugoslawien und Rumänien belegten die Plätze. Der prominenteste Spieler im jugoslawischen Team war Stevan Ćirić, Bildungsminister und Parlamentspräsident von Jugoslawien. Die deutsche Mannschaft kam nur als Vierte ins Ziel.

Vom Mannschaftsturnier sind alle Ergebnisse, aber nur einige der Partien überliefert. 

Auf dem eigentlichen Kongress, der vom 15. bis 17. Juli durchgeführt wurde, hatte der junge Schachverband einige politisch heikle Tagesordnungspunkte zu erledigen. So gab es eine Reihe von Aufnahmeanträgen, von denen die meisten unkritisch waren. Neu aufgenommen wurden Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland. Auch die Verlierer des Ersten Weltkrieges Deutschland und Österreich durften jetzt Mitglieder des Weltschachbundes werden. Abgelehnt wurde ein Antrag des Flämischen Schachbundes, weil Belgien Einspruch erhob. Katalonien wurde vorübergehend aufgenommen, da es noch keinen Spanischen Schachverband gab. Es gab auch einige russische Exilanten-Schachverbände, die in den Kreis der FIDE aufgenommen wurden, da Sowjetrussland dem Weltschachbund ablehnend gegenüberstand. In der noch jungen Tschechoslowakei existierte ein Schachverband der deutschstämmigen Bürger, der ebenfalls in die FIDE integriert werden wollte. Hier wurde ein Kompromiss gefunden. Die deutschen Spieler in der Tschechoslowakei sollten am Tschechoslowakischen Schachverband beteiligt und durch ihn vertreten werden. Größere Probleme bereitete die Aufnahme Jugoslawiens, da es dort zwei nationale Verbände gab.

Der Kongress behandelte auch verschiedene Regelfragen und beschloss zudem, beim kommenden Kongress in London 1927 ein großes Länderturnier durchzuführen. Das Londoner Turnier wird heute als erste Schacholympiade gezählt. 16 Verbände nahmen dort mit ihren Mannschaften teil. Ungarn gewann erneut. Mit Siegbert Tarrasch, Jacques Mieses, Carl Carls und Heinrich Wagner war die deutsche Mannschaft diesmal prominenter besetzt als in Budapest und wurde Sechste.

Auch 2026 wird es wieder eine Schacholympiade geben, zum 46ten Mal. Der Weltschachbund hat inzwischen 203 Mitgliedsverbände, von denen die meisten vom 15.-28. September in Samarkand (Usbekistan) mit Teams im offenen Turnier und im Frauenturnier vertreten sein werden.

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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