Der talentierte Mr. Judd

von André Schulz
23.06.2021 – Einer der besten Spieler der USA zum Ausgang des 19. Jahrhunderts war Max Judd, eigentlich Maximilian Judkiewicz. Er war mit seinem Bruder aus Galizien eingewandert und wurde als Fabrikant von Mänteln erfolgreich. Wenn die Zeit es erlaubte, spielte er Wettkämpfe und Turniere und förderte das Schach in den USA. Zeitweise war er US-Konsul in Wien.

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Schachzentrum St. Louis

Die USA verzeichnen seit einigen Jahren schon einen gewaltigen Aufschwung in Bezug auf das Schachspiel. Schach ist extrem populär, die US-Nationalmannschaft ist inzwischen wieder eine der besten der Welt, auch dank Zuwanderung aus anderen Verbänden, und Schach ist anerkannter Sport an den Universitäten und High Schools. Ein wichtiger Motor dieser Bewegung ist der 2008 gegründete Saint Louis Chess Club mit seinem Mäzen Rex Sinquefield. Saint Louis ist inzwischen ohne Zweifel die Schachhauptstadt der USA. 

Die Geschichte des Schachs in Saint Louis reicht weit zurück. Vom 5. bis 10. Februar 1886 spielten Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort in Saint Louis die 6., 7., 8. und 9. Partie des ersten so genannten "Wettkampfes um die Weltmeisterschaft im Schach". Zukertort reiste noch mit einem Vorsprung von 4:1 vom ersten Wettkampfort New York nach Saint Louis. Hier verlor er jedoch drei Partien und erreichte nur in der achten Partie ein Remis. Es war wohl schon der Beginn seines Zusammenbruchs, der sich dann in New Orleans fortsetzte.

Größter Grundstückskauf der Geschichte

1904 war Saint Louis Gastgeber einer Weltausstellung, die vom 30. April bis 1. Dezember anlässlich des 100sten Jahrestages des Verkaufs der französischen Kolonie Louisiana an die Vereinigten Staaten von Amerika organisiert wurde. Der "Louisiana Purchase" geschah allerdings schon 1803 und gilt als größtes Grundstücksgeschäft der Weltgeschichte. Die Kolonie der Franzosen umfasste fast den ganzen Mittelteil der heutigen USA und ging für 15 Mio. US-Dollar in den Besitz der USA über. 

Im Rahmen der Weltausstellung wurden vom 1. Juli bis 23. November 1904 die Olympischen Sommerspiele in Saint Louis durchgeführt und vom 11. bis 26. Oktober zudem ein bedeutendes Schachturnier, der 7. American Chess Congress. 

Der 7. American Chess Congress

Am Turnier, das in dem ein Jahr zuvor gegründeten Missouri Athletic Club ausgetragen wurde, nahmen zehn Spieler teil, die im Modus jeder gegen jeden spielten, mit der besonderen Regel, dass die Partie bei einem Remis wiederholt wurde. Erst, wenn auch die zweite Partie Remis endete, wurde der Punkt geteilt. Die Regel ist gar nicht so schlecht. Man zwingt die Remisspieler quasi zum "Nachsitzen."

In Abwesenheit von Henry Nelson Pillsbury, der zu diesem Zeitpunkt schon schwer erkrankt war und zwei Jahre später starb, gewann Frank Marshall das Turnier und wurde mit diesem Turniersieg zum "US-Meister" ausgerufen. Bis dahin waren die US-Meisterschaften in Wettkämpfen ermittelt worden und Pillsbury war 1904 noch amtierender Meister. Er protestierte auch gegen die Idee, den American Chess Congress als Meisterturnier zu deklarieren, aber vergeblich.

Die Teilnehmer des 7. American Chess Congress

Die Idee dazu stammte vom Vorsitzenden des Organisationskomitees, Max Judd. Judd spielte das Turnier auch selber mit und wurde mit nur einem Rückstand Zweiter vor dem aus dem Münsterland eingewanderten Louis Uedemann.

 

Zum Zeitpunkt des Turnier war Max Judd schon 54 Jahre alt und blickte auf eine lange und erfolgreiche Schachkarriere zurück. 

Max Judd, 1904

Schach durch Zuschauen gelernt

Max Judd war als Maximilian Judkiewicz am 27. Dezember 1851 in Tenczynek, einem Dorf in der Nähe von Krakau zur Welt gekommen. Der Ort liegt in Galizien, das zum Zeitpunkt von Max Judds Geburt politisch ein Teil Österreich-Ungarns war. Sein älterer Bruder Maurice (Morris) Judkiewicz (eigentlich: Moyzesz Jakob Judkiewicz) hatte war in die USA ausgewandert und nahm nach einem Europabesuch im Winter 1863/64 seinen 13-jährigen Bruder in die USA mit. Maximilian Judkiewicz war der jüngste einer Reihe von Geschwistern zu denen auch noch ein Bruder,  Izrael, und drei Schwestern, Ewa, Rosa und Augusta, gehörten.

Maurice Judd war ein recht guter Schachspieler und lebte zu dieser Zeit in Washington D.C. Er war hier als Juwelier und Silberschmied erfolgreich. Später zog er nach Toledo, Ohio, und führte dort eine viel gelobte Schachspalte im "Toledo Commercial".

Max Judd ging in Washington zwei Jahre lang zur Schule und lernte außerdem von seinem älteren Bruder Schach, indem er diesem beim Spielen zusah. Nach der Schulzeit zog Max Judd zu einem Onkel in Cleveland und lebte dann einige Zeit in Chicago. Sein erstes Schachturnier spielte Max Judd 1869 im Michigan State Tournament, wo er bereits den dritten Platz belegte. Die frühesten überlieferten Partien stammten laut Mega Database aus dem Jahr 1870, darunter eine Partie zwischen Max Judd und seinem älteren Bruder Maurice. Anfang der 1870er Jahre ließ Max Judd sich in St. Louis nieder und begründete hier ein Geschäft als Hersteller von Mänteln. 1877 heiratete er.

Erfolgreicher Geschäftsmann und erfolgreicher Turnierspieler

Max Judd blieb Zeit seines Lebens Amateur, spielte aber unter anderem regelmäßig bei den Turnieren des American Chess Congress mit. 1871, beim 2. American Chess Congress in Cleveland wurde er Vierter. 1874 nahm er auch am 3. American Chess Congress in Chicago teil, landete im Mittelfeld. Beim 4. American Chess Congress 1876 in Philadelphia wurde er Zweiter hinter James Mason. Der 5. American Chess Congress fand 1880 in New York. Auch hier war Max Judd wieder am Start und landete im Mittelfeld, ebenso wie beim 6. American Chess Congress, der erst neun Jahre später wieder in New York ausgetragen wurde.

 

 

 

 

 

 

Neben diesen Wettbewerben spielte Max Judd einige weitere Turniere und Wettkämpfe und gehörte trotz seiner Unternehmungen als erfolgreicher Geschäftsmann in seiner Zeit sicher zu den besten Spielern des Landes. Zusammen mit dem neun Jahre jüngeren Jackson Showalter, einem Lehrer, der wie Adolf Anderssen nur in den Ferien Turniere spielen konnte, galt er als bester Spieler der westlichen USA. Mit Showalter lieferte Max Judd sich in den 1880er Jahren mehrere Wettkämpfe.

Max Judd konnte dem Schach nur einen kleinen Teil seiner Zeit widmen, da er als Unternehmer und  Fabrikant von Mänteln wirtschaftlich sehr erfolgreich war. Er belieferte unter anderem die US-Army, die in den Kriegen gegen Spanien ab 1899 und daran anschließen auf den Philippinen einen großen Bedarf hatte.

Gelegentlich hielt Max Judd sich offenbar in Europa auf. Aus dem Jahr 1889 sind zwei Partien gegen Jean Taubenhaus bekannt, die Max Judd im Pariser Café de la Régence spielte.

US-Konsul in Wien

1893, zu Beginn seiner zweiten Amtszeit (1893-1897), ernannte Präsident Grover Cleveland Max Judd zum US-Konsul für Österreich. Laut zeitgenössischen Berichten in der US-Presse stieß die Ernennung in Wien bei antisemitischen Kreisen auf wenig Gegenliebe, da sie Max Judd wegen seiner jüdischen Abstammung als "unerwünschte Person in diesem Amt" betrachteten. Gegen den Widerstand füllte Judd das Amt jedoch vier Jahre lang aus.

Aus dem Jahr 1895 und dem Jahreswechsel 1895/96 sind Partien von ihm aus Turnieren der Wiener Schachgesellschaft überliefert. 

1897 wurde Judd nach dem Wechsel im Präsidentenamt abberufen und organisierte zu seinem Abschied im Wiener Schachklub selber ein Meisterturnier, an dem sich neben ihm noch Hugo Fähndrich, Max Hamlich, Jaap Eden, Albert Mandelbaum, Georg Marco, Karl Schlechter und S.R. Wolf beteiligten.

Endstand: 1.Schlechter (6.5), 2. Judd (5.5), 3. Marco (5), 4. Fähndrich (4) ..."

Mitte September verließ Max Judd Wien und kehrte in die USA zurück. Max Judd lebte in den USA nun wieder in Saint Louis mit einer Adresse am Washington Boulevard. 1904 gründete Max Judd in Saint Louis einen Schachclub, dessen Vorsitzender er noch wurde. Der 7. American Chess Congress 1904 war Max Judds letztes Turnier. Max Judd starb am 7. oder 8. Mai 1906 in Saint Louis.

Kürzlich wurde Max Judd in die in Saint Louis ansässige Hall of Fame of Chess aufgenommen, zusammen mit William Lombardy und Susan Polgar.

World Chess Hall of Fame...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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