Deutsch-russischer Jugendaustausch

22.08.2008 – Die Deutsche Schachjugend wurde von der Deutschen Sportjugend gefragt, ob sie sich nicht am Aufbau eines regelmäßigen Jugendaustauschs mit Russland beteiligen wollten. Gesagt - getan. So brach ausgerechnet am 8. August eine Delegation der Deutschen Schachjugend unter der Leitung von Jörg Schulz nach Russland auf. Dort hatte die Russische Sportjugend den Auftrag zur Durchführung des Austausches an die Schachschule in Obninsk weiter geleitet. Die Reise verlief zwar abenteuerlich, aber die Gastfreundschaft in Obninsk war groß. Besuchsprogramme im Raumfahrtzentrum von Kaluga und auf dem Roten Platz in Moskau sorgten für viele Aha-Erlebnisse bei den deutschen Jugendlichen. Unter den Schachorganisatoren auf beiden Seiten gab es einen regen Informationsaustausch. Für das nächste Jahr wurde ein Gegenbesuch aus Russland vereinbart. Jörg Schulz (Foto - eine Reise, die niemanden unverändert ließ) berichtet. Bericht und Bilder...

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Deutsch – russischer Jugendaustausch

Da baut sich was auf!
Von Jörg Schulz 

Der 8. August 2008. Die Olympischen Spiele in Peking werden eröffnet, Georgien überfällt Südossetien und Russland bombardiert als Antwort darauf Georgien und marschiert in das Nachbarland ein. Gleichzeitig auf dem Berliner Flughafen Tegel versammeln sich dreizehn Jugendliche und ein Vertreter der Deutschen Schachjugend, um zum ersten deutsch-russischen Jugendaustausch über Moskau nach Obninsk aufzubrechen. Jugendaustausch steht für Freundschaft zwischen den Völkern, Verständigung zwischen den Kulturen.

Als die Deutsche Sportjugend zu Beginn diesen Jahres die Deutsche Schachjugend bat, Vorreiter beim neu aufzubauenden Jugendaustausch zu werden und den Kontakt zur russischen Sportjugend aufzubauen, konnte keiner wissen, welche Aktualität dieser beginnende Jugendaustausch erhalten sollte.

Die Verständigung mit der Russischen Sportjugend und ihrem Ansprechpartner Ilja Baksalyar verlief problemlos und einvernehmlich. Schnell wurden Altersgrenzen und Programme eines Jugendaustausches festgelegt. Nicht wissen konnten wir zu dem Zeitpunkt, dass gar nicht die Russische Sportjugend den Jugendaustausch durchführte, sondern damit eine Schachschule in Obninsk, einer Stadt mit ca. 100.000 Einwohnern, ungefähr 100 km von Moskau entfernt gelegen, beauftragte, allerdings dabei vergaß die getroffenen Absprachen weiterzuleiten. So hatten wir zwar ein interessantes Programm in den Händen, wussten ansonsten weder, wer unsere Partner sein würden, wo wir hin sollten, wo wir wohnen würden. Eine Reise ins Ungewisse.

Dies trübte die Erwartungshaltung der dreizehn Jugendlichen aus Bayern, Sachsen, NRW, Hessen, Niedersachsen und Berlin nicht. Sie alle hatten sich über die offene Ausschreibung für den Austausch beworben und bestiegen nun voller Spannung den Flieger nach Moskau.

Die erste Überraschung erwartete uns bei der Abholung. Warum auch immer unsere russischen Partner hatten ein zu kleines Automobil mitgebracht. Der Kleintransporter reichte eventuell für zwölf Personen ohne Gepäck aus. Wir waren aber dreizehn mit Koffern, hinzu kamen die beiden Abholer. Bequem wurde die Fahrt so nicht. Dafür aufregend.

Denn der Fahrer zeigte uns gleich bei total überfüllten Straßen, wir  kamen am Freitagabend an, wo alle Moskauer raus aus der Stadt in ihre Wochenendhäuser fahren, wie man in Russland Auto fährt auf Straßen, die in keinem guten Zustand sind. Die so genannten Schnellstraßen hatten kaum Markierungen außer einem Mittelsteifen, aber auch den nicht immer. Im Prinzip passen auf eine Fahrbahn zwei Autos neben einander. In unserem Fall wurden die Spuren aber gleichzeitig in Dreierreihen befahren und überholen tut man links, rechts und in der Mitte, oder aber über den Seitenstreifen, also der vierten Spur.

Und ist einem die Schlange des Staus zu lang, dann schert man aus und überholt auf der Spur des Gegenverkehrs. Da nun aber auch dort ab und an ein Auto fährt, wird dann scharf abgebremst  und das Steuer scharf nach rechts gedreht, man muss ja in die Schlange zurück. Irgendwie hat es unser Fahrer auch immer wieder geschafft. Wer schwache Nerven hat, sollte in Russland beim Autofahren nicht vorne auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, sondern Augen zu und auf die Rückbank!

Nach gut vier Stunden waren wir am Ziel. Am Ziel? Es war nichts zu erkennen als Wald. Wo war Obninsk? Noch ungefähr 10 km entfernt. Untergebracht wurden wir in einem eigenen Haus in einer Ferienanlage mitten im Wald, in dem sich auch die Mücken sehr wohl gefühlt haben.

Von außen und im Dunkeln sah alles etwas trübe aus. Innen aber fanden wir eine gute Unterkunft vor. Mit viel Holz gestaltet, einer Sauna und einem kleinen Schwimmbecken war unsere Unterkunft gut ausgestattet. In dem Haus wurden auch das Frühstück und das Abendessen eingenommen. Die russische Küche  bereitete unseren Geschmacksnerven einige Probleme, vor allem der warme Griesbrei und andere Breivarianten am Morgen wussten nicht zu gefallen.

Obninsk, wo wir uns bis zum Abreisetermin am 16. August aufhielten, ist in den fünfziger Jahren in die Wälder Russland hinein gebaut worden. Eine dementsprechend leblose Stadt ohne Herz und Geschichte mit vorwiegend monotonen Plattenbauten und kaputten Straßen, übersäht mit Schlaglöchern. Sieht man davon ab, dass dort die sowjetischen Wissenschaftler an der Atomwirtschaft forschten und das weltweit erste Atomkraftwerk für die Stromerzeugung ans Netz brachten. Dementsprechend heißt Obninsk auch Stadt der Wissenschaft. Heutzutage widmet man sich der Wettererforschung und hat dort einen der höchsten Forschungsmasten der Welt installiert, um dem Wetter auf die Spur zu kommen.

Aber auch der Sport wird in Obninsk groß geschrieben. Wir waren mit unseren Schachaktivitäten in der Sportschule von Obninsk angebunden. Mit sehr modernen Sportstätten ist die Schule ausgestattet, wobei der Schwerpunkt auf den Kampfsportarten liegt. Geist und Körper sollen dort geformt werden, weshalb auch alle Schüler in den ersten beiden Klassen Schach lernen müssen als reguläres Schulfach. Danach ist Schach ein freiwilliges Angebot und mit Interesse vernahm ich, dass es auch in Russland immer schwerer fällt, ältere Jugendliche für Schach zu gewinnen beziehungsweise beim Schach zu halten. Immer mehr andere Freizeitaktivitäten drängen in den Vordergrund, weshalb versucht wird, immer früher mit Schach zu beginnen, um überhaupt Nachwuchs zu bekommen.

Der Jugendaustausch erfuhr große Aufmerksamkeit. Der Schulleiter der Sportschule führte ebenso Gespräche mit uns über einen langfristigen Austausch wie das Fernsehen zu Gast war und die Printmedien. Und alle berichteten mit Erstaunen, dass die deutschen Gäste den Vergleichskampf und auch den Schnellschachvergleich jeder gegen jeden gewannen. Sehr zum Ärger des russischen Schachtrainers Igor Sokrustov, der uns die ganze Zeit über betreute. Er gehört zum Trainerstab der Karpow Schachschule und ist Leiter der Obninsker Schachschule sowie Schachlehrer an der Sportschule. Das mit den schachlichen Vergleich hatte er sich anders vorgestellt, vor allem da unsere Spielstärke im Team von DWZ 1020 bis 2183 reichte, wir also nicht unbedingt unschlagbar schienen.

Das durch ihn vorgenommene Training verlief, wie man es erwarten konnte. Vorne am Demobrett wurden Partien in Reihe vorgestellt, wobei Technik nicht genutzt wurde, vielmehr arbeitete er mit alten Kladden, wie man es von früher in der Sowjetunion gewohnt war.

Dafür war der Schachraum vom feinsten ausgestattet. Lauter Schachtische fanden wir vor, allerdings mit recht abgewetzten alten Schachfiguren, die Weltmeister mit Porträts an der Wand und Merksätze für die Schüler.

Neben Igor kümmerte sich rund um die Uhr Boris Borisov um uns. Er ist der Vorsitzende der Obninsker Schachspieler und hauptberuflich Immobilienmakler, ein derzeit einträglicher Beruf in Russland, da die neuen Reichen im Land alle nach Eigentum auf dem Land trachten. Nebenbei betreibt er weitere Geschäfte und so erzählte man sich, dass ihm auch die Ferienanlage mitgehören sollte.

Ein weiterer Besuch galt dem Museum der Weltraumforschung in Kaluga, der Hauptstadt der Region, in der wir uns aufhielten.

Dort war in  der Sowjetunion die Weltraumforschung angesiedelt und von dort machte sich Juri Gagarin auf in den Weltraum!

Für die deutschen Teilnehmer war natürlich der Höhepunkt des Austausches der Besuch in Moskau. Für mich eher eine nervenaufreibende Sache, denn ich wollte so gerne mit dreizehn Jugendlichen nach Moskau fahren und auch mit dreizehn zurück kommen, was in der Millionenmetropole  nicht so  einfach ist, vor allem nicht wenn man die örtliche Metro  benutzt. Ein wahnsinniges Verkehrsmittel. Wir nutzten gleich die erste Chance der ersten Fahrt, um ein Drittel unserer Gruppe zu verlieren. Doch schon eine Stadion später fanden wir zusammen und blieben es fortan auch. Zuvor hatten wir schon in Obninsk an einem Supermarkt einen Teilnehmer stehen lassen und vermissten ihn erst später. Doch er behielt die Ruhe und wartete geduldig, bis wir ihn wieder eingefangen hatten.

Einmal auf dem Roten Platz stehen vor dem Kreml, vor dem Mausoleum von Lenin und all den anderen Sehenswürdigkeiten, das war es wert nach Moskau gefahren zu sein.


Das Historische Museum





Das Auferstehungstor


Die Basiliuskathedrale


Lenin und Zar Nikolaus

Welchen Stellenwert dem Jugendaustausch beigemessen wurde, zeigte auch der Besuch von GM Igor Glek, der extra aus Moskau zu uns gefahren kam. Vor allem aber zeigte dies der Besuch des Vorsitzenden der Russischen Sportjugend. Mit ihm verhandelten wir zwei, drei Stunden lang den weiteren Fortgang des Austausches. Es bahnt sich eine langfristige Zusammenarbeit an. Die russische Seite möchte aus dem ersten Besuch eine regelmäßige Begegnung machen. Jährlich soll die Deutsche Schachjugend mit Jugendlichen  nach Russland kommen und natürlich auch Russen nach Deutschland einladen. Wenn die deutschen Geldgeber mitspielen, warum nicht?

Der erste Jugendaustausch hatte hier und da noch seine Anfangsprobleme, vieles wurde improvisiert, doch die Gespräche versprechen Besserung für die nächsten Jahre. Die Jugendlichen waren begeistert und wollen unbedingt weiter dabei bleiben.

Und vielleicht denken die Russen im nächsten Jahr daran, dass nicht alle Deutschen Russisch sprechen. Denn wir stießen nur auf Russen, die bestimmt gut Russisch sprachen, sonst aber nichts. Und einen Dolmetscher gab es auch nicht. Zum Glück hatten wir drei gebürtige Russen beziehungsweise Usbeken im Team, die die Dolmetscherarbeit übernahmen. Noch mal vielen herzlichen Dank an Valeria Pantusenko, Leonid Zeldin und Jürgen Mazarov, ohne euch wären wir verloren gewesen!

Vom Krieg zwischen Georgien und Russland blieben wir unbehelligt und vielleicht, wenn der internationale Jugendaustausch weiter ausgebaut wird, verzichtet die Welt ja irgendwann einmal auf kriegerische Problemlösungsstrategien.

Russland wir kommen wieder!

Jörg Schulz


 

 

 

 

 

 

 


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