Die Anatomie des Erfolgs (II)

von Gennadi Sosonko
07.05.2017 – Im ersten Teil seines Essays berichtete Gennadi Sosonko über verschiedene Stimulantien, die beim Schach mit mehr oder weniger - meist weniger - Erfolg ausprobiert wurde. Im Zweiten Teil denkt der niederländische Großmeister nun über Sinn und Unsinn von Dopingtests beim Schach nach.

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Für sein Scheitern im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen Kortschnoi (+1-5=7, Evian 1978) konnte Lev Polugajevsky keine andere Erklärung finden, als die Verwendung von Stimulantien seitens des Gegners. "Es ist erstaunlich. In diesem Alter kann man so etwas nicht bringen. Wahrscheinlich nimmt er Doping- oder irgendwelche Kräftigungsmittel, immerhin gibt es im Schach keine Doping-Kontrollen. Zu Beginn der Partie sieht er immer verschlafen aus, danach kommt er allmählich zu sich, um nach fünf Stunden so frisch wie eine Gurke auszusehen, während sein Gegner am Ende ist." 

Ende des 1. Teils.

Teil 2:

"Die Herren Lasker und Steinitz bitte zur Dopingprobe..."

Seit dieser Zeit ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen. Im Jahr 2000 veröffentlichte das Olympische Komitee einen Bericht über Doping bei intellektuellen Sportarten. In seinem Bestreben, Schach als Olympische Disziplin aufnehmen zu lassen, nahm die FIDE alle Verpflichtungen auf sich, der andere olympische Sportarten ebenso unterlagen. Die Doping-Kontrolle im Schach wurde Realität.

Die ersten Schritte waren wackelig. Vor dem Beginn der Olympiade in Bled (2002) hat der Hauptschiedsrichter Geurt Gijssen auf der Konferenz der Team-Kapitäne eine Neuerung bekanntgegeben: die Einführung der Dopingkontrolle. Gijssen fügte übrigens noch hinzu, dass diejenigen, die diese Kontrolle verweigern, keine Sanktionen zu befürchten haben. Ich kann mich an die Bewegung im Saal erinnern: Wo ist dann der Sinn dieser Kontrolle? In Bled hat ein Spieler den Test verweigert: Am Tag vor der Partie rauchte er eine Wasserpfeife und befürchtete nun, dass man dies herausfindet. Verständlicherweise folgten keine Sanktionen gegen den Verweigerer.   
 
Sechs Jahre später war alles anders. Bei der Olympiade in Dresden (2008) war Vassily Ivanchuk nach einer Niederlage so schlecht drauf, dass er die Dopingkontrolle ignorierte. Ihm drohte eine zweijährige Sperre. Die Medien berichteten kontrovers darüber und die FIDE berief einen Sonderausschuss ein, auf dessen Sitzung der ukrainische Großmeister mit seinem Anwalt erschien. Aufgrund "organisatorischer Fehler" in Deutschland wurde die Angelegenheit schließlich ad acta gelegt. Davon abgesehen lautet der erste Absatz des 6. Artikels: "Der Spieler ist freizusprechen, wenn er seine Unschuld beweisen kann oder wenn er fahrlässig gehandelt hat."     
 
Ein paar Jahre zuvor weigerte sich Jan Timman, an der niederländischen Meisterschaft teilzunehmen, da er die Dopingkontrolle als erniedrigend empfand. Timman sagte, dass er niemals auf die Motive der Erfinder dieses Schwachsinns kommen würde. Nach dem Fall "Ivanchuk" dachte er anders darüber. "Das Risiko ist zu hoch", sagte der Holländer. "Eine Test-Verweigerung gleicht, wie in anderen Sportarten auch, einem Doping-Eingeständnis und führt automatisch zu einer zweijährigen Sperre. Ich muss damit rechnen, also wenn ich zum Test aufgefordert werde, würde ich protestieren, mich aber in den kleinen Raum hinter den Kulissen begeben …"
 
Der nicht kompromissbereite deutsche Großmeister Robert Hübner dagegen weigerte sich aus Protest gegen die für das Schach unwürdigen Maßnahmen, für die Nationalmannschaft zu spielen. 
 
Heute müssen die Schachspieler mit einer Dopingkontrolle rechnen, auch wenn diese nicht bei jedem Turnier durchgeführt wird. Selbstverständlich müssen sich auch die Teilnehmer der Weltmeisterschaften diesem Verfahren unterziehen und soweit mir bekannt gab es bislang keine Proteste.   
 
Carlsen und Karjakin haben sich während ihres Wettkampfes (2016) nach der neunten Partie einer Dopingkontrolle unterzogen. Getestet wurde auch auf Meldonium. "Ein Dopingtest im Schach ist nicht sehr sinnvoll, aber wenn es sein muss, dann bitte", sagte der Weltmeister. "Für mich persönlich ist es undenkbar, auf irgendwelche Dopingmittel zurückzugreifen."
 
Die Dopingkontrolle ist natürlich nicht mit dem Image zu vereinbaren, den das Schach sich im Laufe der Jahrhunderte erkämpft hat. Ich kann mir schlecht Steinitz oder Lasker vorstellen, wie sie nach ihrer gerade beendeten Partie in ein Glas urinieren.

Emanuel Lasker

Fast hätte ich Botvinnik in diese Aufzählung genommen, doch Achtung: die Hängepartien in dem Kampf Botvinnik-Tal (1960) wurden im Gogol Club gespielt. Der Weltmeister, der nichts verpassen wollte, war der Auffassung, dass der Gang zur Toilette viel zu zeitraubend sei, sodass in einem kleinen Raum hinter dem Saal ein spezieller Behälter für seine Bedürfnisse bereitstand. Böse Zungen behaupten, dass es gar keinen "Behälter" gab, sondern einen der Hamilton Russel-Pokale, die man für Olympische Siege bekam und die damals dauerhaft die Wände der Moskauer Clubs schmückten. Weitere böse Zungen behaupten, dass sich die Ehre, den Behälter zu halten, abwechselnd die Club-Methodisten Gregor Ravinski und Oleg Moiseev teilten.

Tal und Botvinnik

Master Class Band 2: Mihail Tal

Dorian Rogozenco, Mihail Marin, Oliver Reeh und Karsten Müller stellen den 8. Schachweltmeister und seine Eröffnungen, sein Verständnis der Schachstrategie, seine Endspielkunst und nicht zuletzt seine unsterblichen Kombinationen in Videolektionen vor.

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Spaß beiseite. Hier möchte ich dem Gegenargument zustimmen: Was Steinitz und Lasker damals nicht hätten machen müssen, wird heute verlangt. Andere Zeiten – andere Sitten! Vor hundert Jahren wurde in Hotelzimmern die Musik auch nicht so laut wie möglich aufgedreht, nur um ein mögliches Belauschen während der Partie-Vorbereitung mit dem Trainer auszuschließen.        
 
Die Einführung der Doping-Kontrolle wird offenbar nicht dazu beitragen, das Schach in das Programm der Olympischen Spiele aufzunehmen. Versuchen wir also einen anderen Aspekt zu beleuchten: Gibt es Medikamente, mit denen sich die Leistung der Schachspieler steigern ließe, so wie dies in anderen Sportarten der Fall ist? Gerade in der heutigen Zeit gibt es doch viele Mittel, die sich normalisierend und verbessernd auf die Gehirnfunktion auswirken. Schließlich ist die körperliche Kondition nicht so wichtig. Nicht Muskulatur oder Bizeps, sondern das Gehirn ist die wichtigste Waffe eines Schachspielers.

Der Artikel erschien in russischer Sprache bei Chess-news.ru. Nachdruck in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.

Quelle: http://chess-news.ru/node/23031?_utl_t=fb



Gennadi Sosonko ist ein niederländischer Großmeister russsicher Herkunft. Er spielte zwischen 1974 und 1996 an elf Schacholympiaden für die Niederlande. Später hat er mehrer Schachbücher mit biographischen Aufsätzen veröffentlicht.
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WolfgangR WolfgangR 09.05.2017 09:02
Ebensowenig, wie Neurologen zeigen können, an welchen Stellen des Hirns Patient „Müller“ zu dem Ergebnis 2+2=4 erscheint, kann man schachliches Denken eindeutig „lokalisieren“.
Schmerzmittel haben u.U. die Nebenwirkung, dass zugleich auch Zahnschmerzen verschwinden, wenn eigentlich das Kniegelenk „beruhigt“ werden soll. Geht das dann so gezielt mit „Hirndoping“? Hilft dann die Wirbelsäule beim Denken?
Nicht nur Hübner, Timman und Ivanchuk haben sich diesem Unsinn zu Recht gesperrt; alle Meister und Amateure sollten sich weigern! Wollen die Turnierveranstalter und die FIDE dann alle Spieler sperren?
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