Die BBC präsentiert: Ein Interview mit Alexander Aljechin

von Johannes Fischer
27.05.2019 – Heute stehen Spitzenspieler bei großen Turnieren nach jeder Runde Rede und Antwort, doch Film- und Tonaufnahmen früherer Spitzenspieler sind selten. Aber es gibt sie. So hat die BBC 1938 ein Interview mit Alexander Aljechin geführt, das der englische Großmeister Neil McDonald wieder entdeckt hat.

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Ein BBC-Interview mit Alexander Aljechin

Was ARD und ZDF für Deutschland ist die BBC, die British Broadcasting Corporation, für das Vereinigte Königreich: eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt. Die BBC wurde am 18. Oktober 1922 gegründet und das legendäre Archiv des Senders umfasst über 1 Million Beiträge. Darunter ist so mancher Schatz. Einen davon hat der englische Großmeister Neil McDonald wiederentdeckt: ein etwa vier Minuten langes Interview mit Alexander Aljechin.

Zum Glück fand das Interview mit dem Schachweltmeister den Weg aus dem Archiv der BBC zu YouTube.

Das Interview stammt aus dem Jahre 1938, der Name des Interviewers ist nicht bekannt. Aufgenommen wurde das Gespräch wahrscheinlich im Januar 1938, kurz nachdem Aljechin 1937 durch seinen Sieg im Revanchewettkampf um die Weltmeisterschaft gegen Max Euwe wieder Weltmeister geworden war, denn im Laufe des Interviews spricht Aljechin auch über seinen Wettkampf gegen Euwe, der vom 5. Oktober bis zum 4. Dezember 1937 stattfand.

Außerdem war Aljechin zu Beginn des Jahres 1938 in England und spielte im Londoner Charing Cross Hotel am 22. Januar 1938 simultan gegen 30 Gegner – und eine solche Simultanveranstaltung erwähnt der Interviewer in einer seiner Fragen.

Im Interview erklärt Aljechin, dass er Schach für Kunst hält und glaubt, dass man Talent haben müsste, um wirklich gut im Schach zu werden, harte Arbeit allein reiche nicht aus. "Ich bin seit über 30 Jahren Schachmeister, aber weiß nicht, wie man Schach lernt. Ein Leben reicht nicht aus, um Schach zu lernen."

Auch ein gutes Gedächtnis hält Aljechin für weniger wichtig als die künstlerische "Vision", die man braucht, um gut zu spielen.

Aljechin betont in dem Interview zudem, wie wichtig es für Schachspieler ist, körperlich gut in Form zu sein. Außerdem behauptet er, dass er sich auf seine Wettkämpfe durch "ruhiges, gesundes Landleben" vorbereitet, eine Aussage, die verblüfft, denn ein Grund, warum Aljechin den ersten Weltmeisterschaftskampf gegen Euwe 1935 überraschend verloren hat, war Aljechins ungesunde Lebensweise und vor allem sein großer Alkoholkonsum.

In dem Interview verrät Aljechin auch, dass er leidenschaftlich gern Tischtennis spielt, um fit zu sein. Tischtennis, so Aljechin, "ist eines meiner größten Hobbies".




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Krennwurzn Krennwurzn 28.05.2019 08:16
Seit dem Interview hat sich die Welt ein wenig weitergedreht und es gab zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, die man nicht so leicht vom Tisch wischen kann.
Uwe Lauer Uwe Lauer 28.05.2019 10:03
Vielen Dank! Das ist hochinteressant. Eine glasklare Sprache, sehr akzentuiert und stark.
Die Bemerkung zur Bedeutung des Gedächtnisses interessant, aber wohl nicht korrekt, sieht man sich die umfangreichen Vorbereitungen menschlicher Spieler/innen in Wettkämpfen an. Aber irgendwie packt mich da auch eine Sehnsucht nach einer Zeit, in der der Computer noch nicht das Maß aller Dinge war.
ir77 ir77 27.05.2019 10:17
Und er heißt Alechin, nicht Aljechin.
rgorn rgorn 27.05.2019 06:43
Dieses Interview steht schon seit fast 12 Jahren bei Youtube rum: https://www.youtube.com/watch?v=QrH-tcDTU48
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