Die Insel, auf der die Zeit stehen blieb

16.03.2012 – Eine Reise nach Island ist eine Reise in die Vergangenheit - in mancherlei Hinsicht. Die isländische Sprache hat sich vom einstigen Altnordischen nur wenig entfernt und die Natur bietet auf der Insel immer noch einen so urtümlichen Anblick, als wären hier nie irgendwelche Menschen aufgetaucht. Als die Wikinger die eisbedeckten Flächen und Berge sahen, nannten sie die Insel Eisland, während die größere Insel im Westen den Namen "Grünland" bekam. Irgendetwas war damals anders mit dem Klima. Besonders Schachspieler denken an "damals", wenn sie auf Island sind, und zwar an 1972. Als Bobby Fischer selbst nach über 30 Jahren zurückkehrte, war er wieder an der Stelle, wo er seinen Zenit erlebt hatte. Er blieb - für immer. Alina L'Ami berichtet vom Ende des Reykjavik Opens, der Ausstellung zum Wettkampf von 1972 und hat außerdem die Natur der Insel in einzigartigen Bildern Fest gehalten. Die Uhr zeigt übrigens genau die Bedenkzeit nach dem Ende der letzten WM-Partie von 1972 an. Bericht aus Island, alle Partien...

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Der Ruf des Nordens…

Von Alina L'Ami

Ein Turnier an einem Ort und in einem Land zu spielen, das man noch nicht kennt, um dessen Reize und Sehenswürdigkeiten zu entdecken und sich an den Unterschieden zu seinem eigenen Land zu erfreuen, ist immer ein besonderes Erlebnis. Die Leute, die Kultur, die Schönheit der Landschaft, alles kommt zusammen und inspiriert einen zu ein paar wirklich kreativen Partien; wenn man Augen hat, zu sehen, und Ohren, um zu hören. Zumindest geht es mir so und ich bin froh, Island durch das Reykjavik Open kennen gelernt zu haben.

 

 

Reykjavik Open: Alle Partien

 

 

 

 


 

Ich möchte mich hier nicht allzu lange mit den Ergebnissen aufhalten, die Sie sicher schon kennen.

 



Die Spieler, die sich mit 7 Punkten aus 9 Partien Platz 2 teilten. Von links nach rechts: Henrik Danielsen, Sebastien Maze, Gawain Jones, David Navara, Ivan Sokolov, Boris Avrukh und Hou Yifan

 


Mit 7,5 Punkten aus 9 Partien spielte Fabiano Caruana weiter eindrucksvoll und wurde Alleinsieger des sehr starken und berühmten Turniers, das jedes Jahr in der nördlichsten Hauptstadt der Welt stattfindet. Doch wie Sie wahrscheinlich wissen, war bis zum letzten Moment alles offen und das Turnier wurde erst entschieden, als sich die amtierende Frauenweltmeisterin Hou Yifan und der italienische GM in der letzten Runde nach hartem Kampf Remis trennten.


Caruana, Yifan Hou



So jung und so stark! Hou Yifans Partien sind ein Genuss und ein Vorbild für uns Frauenschachspielerinnen. Und nicht nur für uns!

 

Manch einer sagt vielleicht, dass Fabiano Glück hatte, da das chinesische Ausnahmetalent in der letzten Runde klar auf Gewinn stand, aber ganz egal, wie die Dinge von außen betrachtet wirken, am Brett sieht das immer ganz anders aus. Da kommen Emotionen ins Spiel, man ist müde und erschöpft, man denkt an das Preisgeld, um das es geht, und dann ist das menschliche Gehirn eben keine Maschine. Um Erster zu werden, braucht man immer ein bisschen Glück, vor allem in so einem starken Turnier wie dem Reykjavik Open, in dem viele starke Spieler um die Spitzenplätze kämpfen: Losglück, die richtige Farbe zur richtigen Zeit, die richtigen Eröffnungen usw. 



Die Schlussrundenbegegnung zwischen Ivan Sokolov und Boris Avrukh endete friedlich, allerdings erst nach langem Kampf!



David Navara und Ivan Cheparinov.



Cheparinov kiebitzt bei Yifan Hou!

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Eine andere Partie von David Navara.



Schachturnier mit Aussicht



Yifan Hou: Schafft sie einmal die 2700?





Schach ist ein Spiel für jedes Alter: Ich fand es wunderbar, wie der Junge konzentriert die Partien seiner Idole verfolgt hat...

 



...nichts konnte ihn davon abbringen, seinen Lieblingsplatz zu verlassen, der so nah an der Bühne war, wie es nur ging; weder die Ermahnungen seiner Mutter noch seine immer schwerer werdenden Augenlider.

 

Heutzutage muss man extrem zäh sein, bereit, unter allen Bedingungen Schach zu spielen – schließlich ist Schach unser Beruf. So gab es in Reykjavik eine Doppelrunde, was ein bisschen ungewöhnlich ist: die Runden 6 und 7 wurden am gleichen Tag gespielt; das verlangt nicht nur einen frischen Geist, sondern auch einen fitten Körper, denn Sie wissen ja: “Mens sana in corpore sano”. An diesem Tag holte Fabiano zwei volle Punkte und er ist im Moment die Nummer sechs auf der Live-Rating-Liste!

 



Der Turniersaal morgens um 9.30 Uhr.




Die Figuren am Spitzenbrett warten noch auf die Spieler: Ivan gegen Ivan:) Zu diesem Zeitpunkt hatten beide 5 aus 5.


Spitzenschach an einem schönen Ort verfolgen zu können ist nicht der einzige Grund für die stetig wachsende Beliebtheit dieses besonderen Turniers. Die Organisatoren des Reykjavik-Open ruhen einfach nicht, bevor die Dinge geklärt sind, bevor sie wissen, dass man zufrieden ist. Und sie lernen stets aus dem Turnier des Vorjahres, damit das nächste Turnier noch besser wird. Auf mich wirkt es so, als ob die ganze Nation, die Offiziellen vor Ort, die Sponsoren und die Politiker alle dazu beitragen, eine Atmosphäre zu schaffen, die einzigartig und nur schwer zu beschreiben ist.

 



Der italienische Botschafter, Antono Bandini, war bei der Abschlussfeier zu Gast.





Der chinesische Botschafter Su Ge unterhielt die Schachspieler mit seinem feinen Humor. 
 

Das Einzige, was die empfindsameren Spieler vielleicht hätte stören können, waren die Musikeinlagen…

 


 

Nach Stunden angestrengten Schachs und tiefer Konzentration macht sich die Anspannung bemerkbar... diese Partie war von jeder Menge intensiver Gefühle begleitet.

 



Und nachher: ... Schach!

 

Harpa ist ein phantastisches Gebäude, aber auch ein Konzertsaal und manchmal drangen hohe Gesangsstimmen in den Turniersaal. Aber ziehen Sie jetzt keine voreiligen Schlüsse: auf dem Schiedsrichtertisch stand ein Karton mit Ohrenstöpseln, und wenn man die störende Außenwelt fernhalten wollte, konnte man sich dort bedienen. Wie ich gehört habe, soll das Turnier nächstes Jahr in einem schalldichten Saal stattfinden – und da frage ich mich doch, wen oder was wir dann für unser schlechtes Ergebnis verantwortlich machen wollen?!

Vielleicht sollten wir etwas lernen... von den Besten :) 



Die Ausstellung: Fischer gegen Spasski, 1972

 



Vom 2. März bis 15. Juni wurde uns Schachspielern ein besonderes Geschenk bereitet: eine wunderbare Ausstellung im Isländischen Nationalmuseum, die an den Schachwettkampf des Jahrhunderts erinnert! 

 



Der Ort, an dem ich vielleicht nicht endlos lang, aber doch sehr lange meinem Vergnügen gefrönt habe :)



Der publikumsträchtigste Wettkampf aller Zeiten: der Kalte Krieg auf dem Schachbrett: 1972 Fischer-Spassky!

 

 

Man kann sich vorstellen, wie viel Spannung damals herrschte, ja, tatsächlich ein wenig viel. So kam es während des Wettkampfs zu einer ganzen Reihe seltsamer Dinge. Einmal forderte Fischer, das Material der Stühle, auf denen die beiden Teilnehmer saßen, solle entfernt werden. Damit sollte sichergestellt werden, dass keine versteckten Hilfsmittel in die Stühle eingebaut worden waren. Eines Abends präsentierte der Leiter der technischen Abteilung der Polizei in Reykjavik einen Computerausdruck, um zu zeigen, dass mit einem der Stühle etwas nicht in Ordnung war.

Das Sitzleder wurde entfernt und eine gründliche Untersuchung fand statt. Doch nichts Verdächtiges wurde gefunden. Allerdings brach während der Untersuchung ein Stück des Sessels ab und wurde von einem der Offiziere, die während des Wettkampfs für die Sicherheit verantwortlich waren, als Souvenir aufbewahrt.
 

Diese Anekdote basiert auf Angaben von Kristinn Oskarsson, Polizistin im Ruhestand.



Spasskys Unterschrift. Kann mir irgendjemand sagen, was unter seinem Namen steht?


 

Fischers Unterschrift. Leider kümmert sich niemand um die Museumsvorschriften, die klar darauf hinweisen, dass es nicht erlaubt ist, die Exponate zu berühren oder sich über sie zu beugen. Trotzdem macht das jeder und deshalb ist das Autogramm mittlerweile auch nicht mehr so gut zu sehen.

 



Glauben Sie, die Uhr zeigt tatsächlich die Bedenkzeit am Ende der letzten Partie des Wettkampfs?!

 



Die Figuren, mit denen der Wettkampf gespielt wurde.



Postkarten mit den Schlussstellungen jeder Partie.

 



Postkarten zum Wettkampf.

 



Die
Eintrittskarten.

 



Die Speisekarte für das Abschlussessen. Serviert wurde unter anderem Lamm sowie andere Leckereien, die nach Wikingerart zubereitet wurden.

 


Gedenkmedaillen

 



Briefmarken

 


 

Fischers Partieformular der 11. Partie

 

Für die schlechte Qualität der Fotos bitte ich um Entschuldigung; ich konnte die Exponate nur durch das sie schützende Glas fotografieren. 

 

 

 



Spasskys Formular der 11. Partie.


 

Schachfiguren aus dem Mittelalter, ebenfalls im Nationalmuseum zu sehen



Fischers letzte Ruhestätte



Nach so viel Schach ist es Zeit für Entspannung :)




Die Perle (Perlan) ist ein bemerkenswertes Bauwerk, das 1988 errichtet wurde und in Island und wahrscheinlich auch der ganzen Welt einzigartig ist. Auf dem Oskjuhlid-Hügel hat man auf den riesigen Behältern, in denen Wasser aus den heißen Quellen gespeichert wird, um die Stadt zu heizen, eine Glaskuppel errichtet: unter der Glaskuppel befindet sich ein rotierendes Feinschmeckerrestaurant. 



Fast jeder in Reykjavik weiß, wo das älteste Haus der Stadt steht und mittlerweile aus wirklich gutem Grund: Es beherbergt ein Schokoladengeschäft :)



Das Innere alter Traditionshäuser.



Ich habe noch nie so farbenfrohe Häuser wie in Reykjavik gesehen – zwei Farben an zwei Wänden!


Ein Traum in Blau!



Stand der Schachwettkampf des Jahrhunderts 1972 im Zeichen des Kalten Krieges, so wurde dieses kleine weiße Haus 1986 zum Ort weitreichender Verhandlungen von internationaler Bedeutung. Zwei der mächtigsten Männer der Welt, Ronald Reagan und Mihail Gorbatschow, haben sich hier getroffen, um einen Prozess einzuleiten, der mittlerweile als Anfang vom Ende des Kalten Krieges gilt.

 

Island

"Ich bin auf dem Mond gelandet", ist das einzig wahre Klischee über Island. Krater, erstarrte Lava auf den Kohlebergen, auf denen eine schüchterne Vegetation darum kämpft, wahrgenommen zu werden…Gletscher, Berge, Vulkane und Wasserfälle, heiße Quellen und seltsame Strände… Die glücklichen Isländer haben alles!

Halb im Scherz, halb im Ernst, sagen die Isländer, sie hätten keine Wälder, weil sie nichts zu verbergen haben. Und wirklich! So harte Burschen und doch voller Lebensfreude und Lebendigkeit – es fällt schwer das zu glauben, wenn man bedenkt, gegen welche Naturgewalten sie seit Jahrhunderten ankämpfen.





Ich habe in Island Farben und Landschaften gesehen, die nur ein Maler mit außergewöhnlicher Vorstellungskraft hervorbringen könnte…das Türkis des Wassers in der Blauen Lagune, den Seen oder dem Meer: einfach eine kostenlose Glückspille, die die Natur einem anbietet. 

 











Unverbaubare Sicht auf die nahen Berge

 

 


Der Skógafoss Wasserfall


Pechschwarzer Strand!


Schneebedeckte Berge


Deshalb nannten die Wikinger...


... die Insel...


...  also Eisland!

 






Hafnarfjörður: berühmt, weil sich hier eine der größten Ansiedlungen von 'Huldufolk' (Verborgenes Volk) befinden soll. Dazu zählen: Elfen, Zwerge und andere Fabelwesen.

 










Holzpfähle, auf denen Fisch getrocknet wird. In Island gilt getrockneter Fisch (hardfiskur) als Delikatesse. Manch einer ersetzt Chips oder Süßigkeiten beim Fernsehen – beide ungesund – durch getrockneten Fisch. Verschiedene Fischarten werden getrocknet, vor allem Schellfisch, Seewolf und Flunder. Das habe ich noch nicht probiert, aber ich habe vor, noch einmal nach Island zu kommen!

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Ich denke bereits ernsthaft darüber nach, den Organisatoren zu schreiben, um zu fragen, wie es mit dem Turnier im nächsten Jahr aussieht...

 

 

 

 

 

 

 



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