Die neue Wiener Schachkultur

von André Schulz
06.02.2020 – Das Schach hat sich in Wien in den letzten Jahren wieder den öffentlichen Raum erobert. Jetzt wird regelmäßig auf den Straßen und Plätzen, in der Hauptbücherei, im 48-Tandler und sogar in Kaffees wieder Schach gespielt. Motor der Bewegung ist die niederländische Schachaktvistin Kineke Mulder. Ihre Jahresbilanz kann sich sehen lassen.

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Das Kaffeehaus ist die Wiege der europäischen Schachklubkultur. Viele Klubs wurden einst in Kaffees gegründet und die meisten blieben dort auch. Zumindest eine lange Zeit. Das Wiener Kaffeehaus lieferte wohl den Archetypus gepflegter Atmosphäre bei einer Tasse Kaffee, geistigen Gesprächen und ein paar Partien Schach. Man kann Schach auch schön um die Wette spielen, den Besitz von Geld dabei wechseln und sich bei der Analyse in hitzigen Rechthabereien um den besten Zug ergehen. Neben Billard und Dart ist es wohl der einzige Sport (doch, doch), bei dem man keinen Sportplatz braucht, nichts kaputt macht und kein Lebewesen zu Schaden kommen.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde das Schach aber doch mehr und mehr aus seiner Heimat, den Kaffeehäusern vertrieben, verschwand ein wenig im Privaten, in den Mitglieder-Klubs und wurde damit aber auch unsichtbarer. 

In Wien, der einstigen Hochburg des Spiels und der Kaffeehauskultur, ist das Schach aber dabei, sich den öffentlichen Raum wieder zurückzuerobern. Dafür sorgt witzigerweise eine Frau - Kineke Mulder. Und sie stammt aus den Niederlanden, aus Groningen. Auch eine Schachhochburg. Das passt, denn in den Hochzeiten der Wiener Schachkultur war es hier auch sehr international. 

Die Idee entstand 2015/16. Zu dieser Zeit waren viele Menschen in Europa unterwegs, waren aus ihrer Heimat geflüchtet und suchten eine Bleibe. Viele waren in Wien gestrandet, wussten nicht wohin und saßen buchstäblich auf der Straße. Kineke Mulder sah dies und kam auf die Idee, ihnen mit Schach wenigstens eine Beschäftigung zu geben. Schach ist leicht zu lernen und verbindet. Selbst wenn die Menschen keine gemeinsame Sprache sprechen, können sie doch schnell eine Partie Schach miteinander spielen. "Beim Spielen sind wir alle gleich", lautet Kineke Mulders Motto.

Bald fand Kineke Mulder Unterstützer und das Projekt wurde immer umfangreicher. Auf den Plätzen und in den Straßen in Wien wird nun regelmäßig Schach gespielt, bei Straßenfesten oder einfach so. Aber nicht nur dort.

Auch in der Wiener Hauptbücherei herrscht nun regelmäßig Kaffeehausatmosphäre  - einmal im Monat gibt es hier ein Schachturnier.

In der Wiener Hauptbücherei

Und im Altwarenmarkt 48-Tandler wird nun ebenfalls Schach gespielt. Zum Blitzturnier kam sogar fast das ganze österreichische Frauen-Nationalteam von 1996, nämlich WIM Helene Mira, WFM Jutta Borek und WFM Maria Horvath.

Das Dreigestirn

Beim Simultan war auch ÖSB Präsident LAbg. Christian Hursky mit dabei. In diesem Jahr feiert der ÖSB übrigens seinen 100sten Geburtstag. 

Und selbst die letzte Bastion ist inzwischen wieder gefallen - die Kaffeehäuser. Noch nicht alle, doch es entwickelt sich.

Schachcafé

Zum Beispiel mit dem "Chess Unlimited Krampusturnier" in Café Ritter, mit dem geselligen Dieter Chmelar (Journalist, Fernsehmoderator, Kabarettist), Nikolo und Alma Zadic (Justizministerin, Grüne).

Prominenz beim Krampusturnier

Und ein volles Haus

Umlagerte Bretter

Mit Kineke Mulder und ihren Freundinnen ist das Schach in Wien aber auch weiblicher, und damit geselliger geworden. In Wien gibt es ja sogar einen Frauenschachclub, schon seit ein paar Jahren. Für alle Frauen, die mit Schach anfangen wollen, sich aber noch nicht recht an die richtigen Figuren rantrauen, hat Mitstreiterin Eva Husar einen Tipp von Frau zu Frau: Schach kann man sich auch erst einmal häkeln.

Fotos: Little hussar chrochet, P.s: Alle Werkstoffe sind recycled. Der besondere Pfiff: Das Brett ist gleichzeitig die Tasche für die Figuren

Als gelernte Werbegrafikerin ist Kineke Mulder übrigens auch in der Lage zu zeigen, was sie und ihre Schachfreunde alles auf die Beine stellen und veröffentlichte kürzlich eine Broschüre mit den Schach-Ereignissen im letzten Jahr. Davon gab es reichlich.

 

Zum Flyer 2019...

Inzwischen haben die Schachspalten, z.B. Ruf & Ehn im Standard, Kenntnis von der neuen Wiener Schachkultur erlangt und ihrer Freude in einigen Beiträgen Ausdruck gegeben.

Ein Video über die neue Schachbewegung gibt es auch:

 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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André André 10.02.2020 10:59
@ WolfPaul: Hinweis von Kineke Mulder: Freitag, 22. Mai einplanen, dann wird am Platz der Menschenrechte geblitzt, gegen Wien und gegen https://uedemer-schachklub.de/ und beste Grüße!
hodgkin hodgkin 08.02.2020 01:08
Die Realität schaut anders aus:
Wenn man eine beachtliche Spielstärke entwickelt hat, kommen die ganz schmutzigen Charakter Eigenschaften bei deinem Gegner zum Vorschein. Sehr unschön. Jeder gute Schachspieler kennt das. Wenn du keinen Dr. Titel oder gesellschaftlich höher stehst, wird es um so schlimmer. Schach verbindet weniger, als man denkt.
Ich erinnere mich noch an einen Kiebitz den ich mal fragte ob er nicht mitspielen möge: Er sagte: Wenn du gut spielst wirst du verachtet, gemieden und gemobbt, und wenn du schlecht spielst wirst du verarscht. Das stimmt.
Elektrosmog Elektrosmog 08.02.2020 12:59
Wien ist groß und wenn an irgendeiner stelle, wenns wetter paßt, einmal im monat schachbretter aufgestellt werden ist das zwar sehr schön, kann aber keine ganze schachkultur wieder zum leben erwecken. Es gibt keine schachcafés denn bewirtungsbetriebe brauchen umsatz und keine stundenlang rumsitzenden nix konsumierenden leute. Stichwort Cafe Museum. Ich kenn den Joe, er hat hier vor jahren mal so ein schachevent in meinem gemeindebau organisiert. Das war schön. Gibts leider seit jahren nicht mehr. Wer den tatsächlichen stellenwert von schach in wien erleben will, soll einmal versuchen irgendwo im spielwarenhandel ein richtiges schachset, also groß und mit filz und blei und polierten statt lackierten figuren usw. aufzutreiben. Das existiert nicht bzw. nur online. Man gehe in eine große buchhandlung und schaue sich die schachliteratur, sofern überhaupt vorhanden, an und man wird weinen. Also ich muß leider sagen, der artikel bildet nicht die realität ab sondern zeichnet ein obzwar wünschenswertes, aber nicht vorhandenes idealbild.
WolfPaul WolfPaul 07.02.2020 04:19
Sehr feiner Artikel, hat wirklich Spaß gemacht zu lesen. Danke dafür! Meine Wiener Lebensgefährtin will mir im Mai d. J. alle genannten und gezeigten Adressen besuchen. Freu mich schon! Hatten wir in Hamburg auch einmal so tolle Cafés!

Gruß Wolf Paul
Martin Erik Martin Erik 07.02.2020 11:50
Ich möchte mich maxmurdoch anschließen:

Mir macht es Freude, neben den Berichten über die Top-Turniere auch Beiträge zu lesen über "Feld-Wald-und-Wiesen-Schachspieler" (zu denen ich selbst gehöre!).

Danke für den Artikel!

Mit freundlichen Grüßen aus München

Martin Erik Lerch
maxmurdoch maxmurdoch 07.02.2020 09:46
Was für ein schöner Beitrag, wohl gesetzt und mit manch interessanter Neuigkeit. Wieder aufkommende Schachcafé-Kultur, gewürzt mit etwas Fauenpower, diesem super niedlichen Strickschachspiel (wow, das geht zu häkeln!?!). Ich hab ihn gern gelesen. Danke dafür! Felix Austria.
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