„Der 100.000-Dollar-Zug“
Carmen Kass auch vom 10. Bis 14. August 2005 in Mainz
Von Hartmut Metz (Pressechef CCM)
Von Pakistan bis
Uruguay – die Schachspieler rund um den Globus starrten fünf Tage auf ihre
nationalen Schach-Webseiten, um die Partien bei den Chess Classic Mainz (CCM)
live zu verfolgen oder zum Nachspielen herunterzuladen. Die insgesamt rund 2.500
Zuschauer vor Ort sind dabei eher Nebensache. „Das Turnier ist weltweit eine
Werbung für unsere Stadt, vor allem über das Internet“, freut sich
Oberbürgermeister Jens Beutel. Geradezu ins Schwärmen gerät Hans-Walter Schmitt:
„Unglaublich, alle Rekorde gebrochen!“, jubilierte der CCM-Organisator.
Die Rheingoldhalle platzte am
Wochenende aus allen Nähten. 542 Spieler nahmen am Ordix Open teil, darunter 156
Spieler mit einem Meister-Titel des Schach-Weltverbandes FIDE. Von den Top 100
weilten 31 Großmeister in Mainz. „Dass die Rheingoldhalle erweitert wird,
entspricht auch der Notwendigkeit des Schachturniers“, erklärte Beutel
verschmitzt mit Blick auf die anstehenden baulichen Veränderungen.

OB Jens Beutel
Der OB durfte auch selbst mit
seinem Abschneiden in beiden Open zufrieden sein. Im Chess960-Wettbewerb, bei
dem die Grundstellung der Figuren ausgelost wird, landete er mit 5,5:5,5 Punkten
ebenso im Mittelfeld wie mit 5:6 Punkten im Ordix Open. Das Turnier gewann
erneut Alexander Grischuk. Der Weltranglistensechste war überglücklich: „Das
gibt es selten, dass man solch ein starkes Turnier – dazu mit 500 Teilnehmern -
zweimal in Folge gewinnt!“ Der Gedanke, dass man seinen Open-Hattrick 2005 nur
verhindern könne, wenn er im nächsten Jahr gegen Viswanathan Anand einen
Zweikampf spielt, gefiel dem Russen: „Das wäre eine besondere Herausforderung,
die mir gefiele!“ In beiden Jahren blieb Grischuk ungeschlagen und gab insgesamt
lediglich sechs Remis ab! Gleich neun Großmeister folgten mit einem halben
Zähler Rückstand, nur getrennt durch die Buchholz-Wertung: Rafael Waganjan,
Sergej Rublewski, Rustem Dautov, Wadim Swagintsew, Yasser Seirawan, Alexander
Morosewitsch und Alon Greenfeld. Die Kombinationswertung gewann Chess960-Sieger
Zoltan Almasi (18 Punkte) vor Grischuk, Rublewski und Morosewitsch (alle 17,5).
Bei den Senioren gewann Vlastimil Hort (7,5 im Ordix Open wie im Chess 960)
alle Wertungen. Bei den Damen setzte sich Alexej Schirows Ehefrau Viktorija
Cmilyte (8,5 Punkte im Ordix Open und gesamt 15) vor Weltmeisterin Antoaneta
Stefanowa (7,5/14,5) und Inna Gaponenko (7,5/14) durch. Die Jugendwertung ging
an Sergej Karjakin (8/15,5) vor dem Deutschen David Baramidse (7/13,5).
Für die laut
Schmitt „gigantische Resonanz der Medien“ – sogar ein TV-Team aus Indien
berichtete über die Heldentaten des weltbesten Schachspielers Viswanathan Anand
– sorgte eine Dame. Allerdings keine auf dem Brett, sondern die estnische
Verbandspräsidentin Carmen Kass. Mit stoischer Ruhe absolvierte das Super-Model
kostenlos einen PR-Termin nach dem anderen für das königliche Spiel. Mainz und
die Bootsfahrten über den Rhein haben der 25-Jährigen so gut gefallen, dass sie
vom 10. bis 14. August 2005 wieder mit von der Partie sein will.

Carmen Kass
Foto: Kiseleva
Mit einem
„100.000-Dollar-Zug“ sicherte sich Organisator Schmitt auch im nächsten Jahr die
kostenlose Werbung durch Carmen Kass. In einer Freundschaftspartie im Chess960
hatte der Bad Sodener bereits eine Figur mehr. Als sie entdeckte, dass Schmitt
sich mit einem Patzerzug matt setzen lassen konnte, drohte ihm das Super-Model
„Ich komme nur nächstes Jahr wieder, wenn du jetzt den Springer nach g5 ziehst!“
Schmitt zögerte keine Sekunde und haute den „100.000-Dollar-Zug“, wie er auf
Grund des Werbewerts von Kass erklärte, aufs Brett. Die Schöne aus Los Angeles
setzte anschließend unter großem Gelächter mit der Dame auf g2 matt. „Das war
der stärkste Zug der Chess Classic!“, frohlockte Schmitt angesichts seines
erneuten Coups.
Spektakulärer Abschluss
Anand verteidigt mit 5:3 Titel gegen Schirow

Viswanathan Anand hat gestern zum fünften Mal in Folge die Chess
Classic gewonnen. In der Mainzer Rheingoldhalle stand der Sieg des weltbesten
Schachspielers über Alexej Schirow bereits nach der siebten von acht Partien
fest. Dank eines Remis lag der Inder uneinholbar mit 4,5:2,5 in Front und gewann
nach einem spektakulären Schlussrunden-Unentschieden letztlich souverän mit 5:3.
Mit Weiß riskierte Anand zunächst nichts. „Ich konnte in der ersten Partie nur
den Fingerfehler korrigieren“, meinte Schirow, „ich stand aber auch diesmal
schlechter und profitierte davon, dass Vishy mit dem Remis den Gesamtsieg
abzusichern gedachte.“
In der letzten Begegnung ging der Wahl-Spanier aber nochmals aufs Ganze.
Unbedingt wollte er seinen Mannschaftskameraden beim SC Baden-Oos bezwingen.
Dabei machte der 32-Jährige erstmals richtig seinem Kampfnamen „Hexer von Riga“
alle Ehre. „Da Alexander Morosewitsch im Publikum saß, wollte ich ihn nicht
langweilen und spielte wie er“, scherzte Schirow mit Blick auf die wild
verwickelte Partie. „Ich besaß Initiative, aber ich sah leider keinen Gewinn.“
Mit erneut lediglich ein paar Sekunden auf der Uhr musste sich Schirow mit einem
Dauerschach bescheiden, nachdem er zuvor den schwarzen König vom Damen- zum
Königsflügel gejagt hatte. Schirow hatte zuvor bei der Siegerehrung auf der
Bühne zu Organisator Hans-Walter Schmitt geraunt: „Vishy ist einfach der Beste!“
Der derartig Gepriesene gab sich gewohnt bescheiden, nachdem er zum siebten Mal
das schwarze Jackett des Siegers übergestreift hatte. „Das Match war knapper,
als es schien. Die zwei Fingerfehler von Alexej entschieden den Zweikampf. Fast
alle anderen Partien waren irgendwie verrückt. Vom Niveau her möchte ich das
Duell mit dem des Vorjahres mit Judit Polgar vergleichen, in dem es auch in den
Partien hin und her ging. Auf jeden Fall stand es auf einem deutlich höheren
Niveau als das gegen Wladimir Kramnik, als wir ständig patzten.“ Bei der
abschließenden Treibjagd, in der sein König im Mittelpunkt stand, glaubte sich
Anand verloren. Die von dem Inder angegebene Variante hielt Schirow indes nicht
für ausreichend. Trotz des Remis strahlte der Herausforderer erstmals nach einer
Partie. Der „Hexer“ war doch noch ein bisschen glücklich geworden in Mainz.
Swidler bleibt Chess960-Weltmeister
Aronjan begriff zu langsam beim 3,5:4,5

Bei der Gerling
Chess960-Weltmeisterschaft, bei der die Grundstellung der Schachfiguren vor der
Partie ausgelost wird, hat Peter Swidler seinen Titel gegen Levon Aronjan
verteidigt. In einem knappen Match behielt der Russe dank des Sieges in der
letzten Partie mit 4,5:3,5 die Oberhand über den Armenier. Herausforderer
Swidlers wird nächstes Jahr der Ungar Zoltan Almasi sein, der das Chess960 Open
gewann.
Aronjan brachte seine
Niederlage kurz und bündig auf den Punkt: „Peter sah alles viel schneller als
ich – deshalb kam ich ständig in Zeitnot.“ Swidler pflichtete bei: „Levon
spielte besser, ich aber schneller.“ Nur in zwei der acht Begegnungen sei er gut
gestanden. „Und diese beiden in der ersten und achten Runde habe ich auch
gewonnen. Das gab den Ausschlag für den Gesamtsieg“, urteilte der 28-Jährige.
Wieder war Aronjans Uhr bis auf zehn Sekunden im 34. Zug heruntergetickt. Auch
wenn immer wieder zehn Sekunden für einen Zug dazukamen (zu den anfänglichen 25
Minuten), reichte das nicht, um irgendwann länger in die Stellung zu schauen.
Swidler pflückte (dank seiner fünf, sechs Minuten auf der Uhr) immer mehr
Bauern, weshalb der künftige Kreuzberger Bundesligaspieler entnervt die Waffen
streckte.
Das siebte Duell hatte zuvor
das erste friedliche Ende gebracht! Eine positive Tendenz, für die Chess960
sorgt. „Ich stand auch da miserabel. In einem Moment hatte keiner meiner 14
Steine die Möglichkeit, mehr als ein, zwei Felder zu kontrollieren!
Erstaunlicherweise entkam ich noch in ein ausgeglichenes Turmendspiel“, wunderte
sich der Chess960-Weltmeister und schloss, „ich hatte Glück in diesem
Wettkampf.“