Die Zauberwelt der Offenen Spiele: Eine Sammelrezension (Teil 1)

22.08.2018 – Die Offenen Spiele sind in der Welt der Schacheröffnungen eine Welt für sich. In vielen Bereichen ausführlich erforscht, bieten sie Praktikern und Theoretikern eine Zauberwelt mit einer scheinbar unendlichen Vielfalt an Ideen. Eine Reihe von Fritztrainer-DVDs beschäftigt sich mit den Offenen Spielen. Christian Höhte hat sich einige angesehen.

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Rezension zu den offenen Spielen (Teil 1)

von Christian Höhte

Inspiriert von einem Buch über Paul Morphy und einem anderen über mein grosses Idol Emanuel Lasker offenbarte sich mir einmal wieder die wunderbare Welt der offenen Spiele. Charakterisiert durch die Eröffnungszüge 1. e4 e5 ergibt sich vom ersten Zug das, was Schachanfängern stets gelehrt und selbst noch von fortgeschrittenen Spielern so oft ignoriert wird: schnelle Figurenentwicklung, eine flotte Rochade zur Sicherung des eigenen Königs, das Öffnen von Linien im Sinne eines schnellen Angriffs auf den gegnerischen König, nicht selten unter Hergabe von eigenem Figurenmaterial für ein spektakuläres Finale.

Schnell stellte ich fest, welch immense theoretischen Lücken ich als eingefleischter Najdorf-Sizilianer hatte, wenn es um die offenen Spiele geht. Natürlich kannte ich mich hier und da ein wenig aus, stellte aber schnell fest, dass das, was viele Eröffnungswerke als die besten Abspiele propagierten, so gar nicht meinem Stil entsprach. Und da ich bei steigenden Aussentemperaturen so gar keine Lust verspürte, mich schweisstreibend durch langweile Eröffnungsliteratur zu arbeiten, stellte ich mir die Frage, was Chessbase denn an interessanten Eröffnungs-DVDs zu den offenen Spielen zu bieten hat. Schnell waren einige interessante Highlights gefunden und so liess ich mich - oft gemütlich bei einem kühlen Getränk - von folgenden DVDs begeistern:

 

Gustafsson: Offene Spiele 1 und 2

Mikhalchishin: Arkhangelsk 

Ris: Scharfe Konter gegen Italienisch - ein Schwarzrepertoire

So: My black secrets in the modern Italian

Breutigam: Aronian-Variante - ein modernes Repertoire gegen Spanisch

Collins: Open Games with ...Bc5

Shirov: How to crack the Berlin Wall with 5. Re1

 

Wow - eine Menge Input zu den offenen Spielen!

Um es gleich vorwegzunehmen: bei all diesen hochkarätigen DVDs von starken Internationalen Meistern und Grossmeistern ist es mir leider unmöglich, detailliert auf jede einzelne Untervariante einzugehen, die sich mir hier - oft zum allerersten Mal - offenbarte! Kurz gesagt: ich war zutiefst beeindruckt, was die Zauberwelt der offenen Spiele inhaltlich für mich bereit hielt und zugegebenermassen auch etwas peinlich berührt darüber, wie wenig ich über diese Welt doch wusste.

Was die Autoren betrifft, so ist es mir zum Glück unmöglich, einen bestimmten zu favorisieren. Jeder hat seine Eigenarten und das ist auch gut so. Los geht's!

 

Mikhalchishin macht sich für die Variante stark, die nach 1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lb5 a6, 4. La4 Sf6, 5. O-O b5, 6. Lb3 Lb7 entsteht, die sogenannte Archangelsker Variante. Er fliegt manchmal nur so durch einzelne Abspiele, so dass ich optisch nur teils folgen konnte. Aber hier zeigt sich schnell der Vorteil des Mediums DVD: man kann sich die Videos so oft ansehen, wie man es möchte. Mikhalchishin bespricht sein Lieblings-Abspiel, das häufig von seinem Freund Beliavsky angewandt wird, sehr detailreich und zeigt, wieviel aktives Potenzial die schwarze Figurenaufstellung inne hat, die häufig mit einem schwarzen Läufer auf c5 kombiniert wird. Wer sich früh aktives Gegenspiel gegen die spanische Folter wünscht, wird hier vorbildlich bedient. Oft sind Anziehende auf frühes Konterspiel im Spanier nicht so gut vorbereitet wie auf die Hauptvarianten, was einen weiteren Pluspunkt für diese DVD ausmacht! 

New Developments in the Arkhangelsk Variation

Mikhalchishin's new work sheds light on fresh ideas in the hyper-sharp c3 variation, the classical line, which is specially well played by Caruana, as well as further entertaining developments in the Semi-Arkhangelsk with a temporarily delayed b7-b5.

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Unvergesslich für mich ist natürlich auch Großmeister Gustafsson: sehr sympathisch, rhetorisch ungemein bewandert und so cool, bei dem Video zur Wiener Partie (glaube ich jedenfalls) mit Hut zu moderieren, um damit eine Wette zu gewinnen. Das sollten Sie unbedingt gesehen haben! Gustafsson erklärt didaktisch hervorragend, warum er sich für welches Abspiel entschieden hat und weshalb er andere meidet. Beispielsweise traut er dem Zweispringerspiel nach 1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lc4 Sf6!? wegen 4. Sg5 nicht so recht über den Weg und empfiehlt stattdessen 3. ...Lc5. Er ergänzt jedoch auch, dass er nicht überrascht wäre, würde sich der Springerzug im dritten Zug doch als korrekt erweisen, da 4. Sg5 ja minimal die Eröffnungsgesetze verletzen würde, nicht eine entwickelte Figur gleich ein zweites Mal zu ziehen. Letztlich hat er natürlich Recht, dass die Wahl der jeweiligen Abspiele eine Frage des Geschmacks ist, denn weltweit verteidigen Großmeister sowohl 3. ...Sf6 als auch 3. ...Lc5. Seine DVD zum Marshall-Angriff gibt jedem Interessierten ein starkes, aktives Repertoire in die Hand. Aber auch im Anti-Marshall zeigt der Hamburger Großmeister, dass Schwarz gut steht. Die auf der zweiten DVD vorgestellten Varianten zu den restlichen offenen Spielen abseits von Spanisch hat mich nicht weniger begeistert: Hier konnte ich besonders zu den Nebenabspielen, z.B. im Vierspringerspiel oder Königsgambit eine Unmenge lernen. Hier möchte ich eine ganz klare Empfehlung aussprechen!

Schwarzrepertoire Band 1 und 2: Der Marshall-Angriff und Offene Spiele

Auf seinen zwei DVDs stellt Jan Gustaffson ein koplettes Repertoire für Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 vor, das in der Spanischen Partie auf dem Marshall-Gambit basiert.

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Shirov, der die Variante 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. Te1 bespricht, lässt vielleicht an der einen oder anderen Stelle die Leidenschaft in der Darstellung vermissen, aber das ist lediglich eine Frage des Charakters. Wie sein Kollege Bologan macht er das mehr als wett durch qualitativ hochwertige Einblicke in seinen Denkprozess, insbesondere zu seiner Partie gegen Kramnik, in der es ihm gelang, den "Meister der Berliner Mauer" zu besiegen - etwas, das Kasparov 2000 im WM-Kampf gegen Kramnik nicht gelungen ist.  Wer bei seine Vorteilssuche in den offenen Spielen nach wie vor auf den Spanier setzt und keine Lust auf das damenlose Mittelspiel hat, das häufig aus der Berliner Hauptvariante entsteht, für den mag Shirov der ideale Begleiter auf der Suche nach Vorteil in komplexen Mittelspiel-Stellungen mit Dame sein. Er zeigt auf vorbildliche Weise, wie auch andere Top-Grossmeister heute immer öfter 5. Te1 wählen, um die Berliner Mauer zu knacken - versuchen Sie es auch!

How to crack the Berlin Wall with 5.Re1

Alexei Shirov zeigt auf dieser DVD mit 5.Te1 gegen die Berliner Mauer eine Alternative zu 5.d4, in der Weiß Druck entwickeln und die Initiative an sich reißen kann.

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Top-Grossmeister Wesley So und der internationale Meister Rober Ris zeigen auf ihren jeweiligen DVDs interessante Abspiele aus Schwarzer Sicht auf, die häufig als etwas fade beschriebene italienische Partie aktiv zu beleben. Gerade die oben genannte Berliner Mauer hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass Italienisch wieder relativ groß in Mode gekommen ist, nachdem es lange Zeit ein eher stiefmütterliches Dasein gefristet hat. Wenn also das Arsenal an weissen Ideen im Italiener aktuell wieder erweitert wurde, ist es nur zu verständlich, dass sich die Nachziehenden auf die Suche nach Gegengift machen - dies ist ein nur zu natürlicher Prozess in der Eröffnungstheorie! Ein Plan, der beispielsweise für Weiss wieder in Mode gekommen ist, ist das frühe Lg5. GM Delchev hat diesen in seinem Buch "Bc4 against the open games" gründlich unter die Lupe genommen.

Top-Grossmeister So zeigt gute Wege auf, diesem Plan entsprechend zu begegnen und kommt auf der DVD womöglich etwas sympathisch-zurückhaltend, aber nicht allzu überraschend auch super kompetent daher. Auch das scharfe Abspiel nach 3...Nf6 4.d3 h6 5.0-0 d6 6.a4 g5 7.Nc3 Bg7 and 6.c3 g5 wird detailliert untersucht, etwas, das ich bisher nur in Johnsens "Beat the Open Games" gesehen hatte. Insofern kann man hier durchaus von "Secrets" sprechen, ein Wort, das sich leider zu Unrecht in zu vielen Titeln findet. Hier jedoch ist es angebracht!  

My Black Secrets in the Modern Italian

Italienisch gilt als gediegener Partieanfang, bei dem wenig Figuren getauscht werden und gehaltvolle Stellungen entstehen, in denen es mehr auf Pläne ankommt als auf forcierte Varianten. So zeigt hier die Pläne aus schwarzer Sicht.

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Zum zweiten Teil der Sammelrezension...

 



Themen: Rezension
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