Die Zukunft von Alireza Firouzja

von André Schulz
02.01.2020 – Alireza Firouzja ist der jüngste Spieler in der Weltklasse und wird als möglicher kommender Weltmeister gehandelt. Bei der Rapid- und Blitz-WM spielte er unter FIDE-Flagge und ist auch in der FIDE-Liste nicht mehr als Iraner geführt. Offenbar steht ein Verbandwechsel bevor. | Fotos: FIDE/ Maria Emelianova

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Selbstboykott

Die Schachwelt blick derzeit auf eine Reihe von hochtalentierten jungen Schachspielern. Sie kommen zum größten Teil aus Asien, die meisten aus Indien, dem Iran oder Usbekistan. Das größte Talent ist ohne Zweifel Alireza Firouzja, am 18. Juni 2003 in Babol (Iran) geboren. Mit seinen 16 Jahren ist er der jüngste Spieler, der jemals die 2700-Elomarke überschritt. Alireza Firouzja ist der derzeit weltbeste Junior und außerdem mit seinen 2723 Elo Siebzehnter der absoluten Weltrangliste. Gelernt hat Firouzja das Schach beim Blitzen mit den weltbesten Spielern auf diversen Online-Schachportalen. Dort hat er auch schon manches Gefecht mit Magnus Carlsen ausgetragen. Als der Weltmeister bei der Bilitzweltmeisterschaft in Moskau dem Aufsteiger "face to face" gegenüber saß, wusste er von verschiedenen Begegnungen im Internet schon ganz genau, was der junge Iraner auf dem Kasten hat.

Carlsen wurde überspielt, aber im Läuferendpiel mit ungleichfarbigen Läufern und 3:0 Bauern zugunsten von Firouzja überschritt der junge Mann die Zeit und verlor die zuvor einmal gewonnene Partie. Noch fehlt es ihm an Erfahrung. Beim nächsten Mal wird ihm das nicht passieren.

Mangel an Erfahrung

Manch einer fühlte sich an das Schnellschachturnier 2004 in Reykjavik erinnert, als der damals erst 13-jährige Magnus Carlsen fast Garry Kasparov aus dem Turnier geworfen hätte, am Mangel seiner Erfahrung scheiterte und das Geschehen hinterher einsichtig und punktgenau mit den Worten kommentierte: "Ich habe gespielt wie ein Kind!"

Noch ist die Zeit für einen Generationswechsel nicht gekommen. Dafür ist Magnus Carlsen, der in der Blüte seiner Schaffenskraft steht, derzeit viel zu übermächtig und es sieht auch nicht so aus, als ob er in nächster Zeit einmal schwächeln wird. Magnus Carlsen ist im Moment der unumstrittene Herrscher auf (fast) allen Gebieten - Weltmeister im klassischen Schach, im Schnellschach und im Blitzschach. Nur im Fischerschach musste er sich von Wesley So besiegen lassen - er wird damit leben können.

Alireza Firouzja ist ein Supertalent - ja, aber der Abstand zur Weltspitze ist noch gut messbar. Zwischen ihm und Carlsen liegen immerhin noch etwa 150 Elopunkte - das ist im Spitzenschach eine Menge. Und die Luft am Gipfel der Leistungspyramide wird immer dünner. Das musste beispielsweise Wei Yi erkennen, der auch ein Supertalent war, dann aber nicht recht vorwärts kam. Zudem gibt es noch einen Unterschied in der Auffassungsgabe und Fingerfertigkeit beim Blitzschach und der Leistungsfähigkeit im klassischen Schach. Wer hier gut ist, muss dort noch lange nicht genauso gut sein.

Alireza Firouzja bei der Blitz- und Rapid-WM

Zum Aufstieg in die absolute Weltspitze gehört aber auch noch etwas anderes: gute Arbeits- und Lebensbedingungen und ein positives Umfeld. Ohne seine harmonische Familie wäre Magnus Carlsen vielleicht nicht da, wo er heute ist. Und in Norwegen gab es seinerzeit wohl keine herausragende Unterstützung, aber sicher hat man dem aufstrebenden Schachstar auch keine Steine in den Weg gelegt. Das ist in Firouzjas Heimat, dem Iran, anders. Die islamische Republik Iran ist formal eine präsidentielle Theokratie. Seit dem Sturz des Schahs (auf diese Herrscherbezeichnung geht das Wort "Schach" zurück) im Jahr 1979 wird Israel vom Iran als Staat nicht mehr anerkannt und auf allen Ebenen des internationalen Austauschs, und das gilt besonders für den Sport, boykottiert - auch im Schach. Früher war das ohne große Bedeutung, weil es kaum iranische Schachspieler der Weltklasse gab, aber in den letzten Jahren hat sich das geändert. Das Land besitzt mehrere große Schachtalente, männliche und weibliche. 

Gens una sumus

Es gibt auf der Welt einige politische Konflikte, die aber von der großen Schachfamilie auf ihren Turnieren üblicherweise ohne große Emotionen absorbiert werden. Ukrainer spielen wie selbstverständlich gegen Russen, Armenier ebenso gegen Aseris und umgekehrt. Im Konflikt der arabischen Welt gegen Israel ist das anders und der Iran versteht sich als Speerspitze dieses Konflikts.

Iranischen Schachspielern ist es von zuhause aus nicht gestattet, gegen Schachspieler aus Israel anzutreten. Auf vielen Turnieren umging man diesen Konflikt bisher einigermaßen tonlos, indem man in Offenen Turnieren, wo die Auslosung Runde für Runde neu durchgeführt wurde, Paarungen zwischen Iranern und Israelis stillschweigend vermied. Die neue FIDE-Führung hat aber nach ihrer Amtsübernahme darauf hingewiesen, dass sie diese Praxis nicht mehr gut heißt und nicht mehr dulden möchte. Die iranischen Spieler sind nun häufiger gezwungen, ihre Partien wegen Nichtantretens verloren zu geben. 

Zur Rapid- und Blitzweltmeisterschaft zog der Iranische Verband seine Spieler aus dem offenen Turnier zurück, um diesen Konflikt zu vermeiden. Die FIDE hatte dem Iranischen Schachverband mit Sanktionen gedroht, falls dieser seine Boykottpraxis fortsetzten würde. Die iranischen Frauen durften mitspielen, da keine israelischen Frauen am Start waren.

Der iranische Schachverband schadet mit dem ihm von Staats wegen auferlegten Spielboykott den israelischen Spielern kaum, seinen eigenen Spielern und damit letzten Endes sich selbst aber erheblich. Nachdem schon einige andere iranische Spieler das Land und den Verband verlassen haben, scheint nun auch Alireza Firouzja diesen Weg zu gehen. Dem Aufruf zum Rückzug aus der Rapid- und Blitzweltmeisterschaft in Moskau folgte der 16-Jährige nicht, sondern nahm dort unter der Flagge der FIDE teil. Auf diese Weise war es ihm möglich, die Vizeweltmeisterschaft im Schnellschach zu gewinnen.

Verbandswechsel?

Auch sonst scheint der junge Schach-Großmeister Nägel mit Köpfen zu machen. Mit seiner Familie ist er im letzten Sommer nach Chartres, in die Nähe von Paris, umgezogen. Ein Verbandswechsel liegt nahe, wahrscheinlich in den französischen Verband. Wenn Alireza ernsthaft daran denkt, einmal um die Weltmeisterschaft mitzuspielen, geht es auch nicht anders. Sonst würde er ja auf dem Qualifikationsweg jedesmal kampflos verlieren, wenn ein Spieler aus Israel seinen Weg kreuzt. Zudem gibt es eine Reihe von praktischen Gesichtspunkten. Der Iran steht unter US-amerikanischem Wirtschaftsboykott. Iraner erhalten beispielsweise keine Kreditkarte, müssen also alles bar bezahlen, was bei Internetbuchungen (Hotel, Flüge) gar nicht möglich ist. 

Im Moment sieht es so aus, als ob Alireza Firouzja gute Chancen hat, später einmal um die Weltmeisterschaft spielen zu können, dann aber möglicherweise nicht mehr unter der Flagge seines Heimatlandes. 

Beitrag im Deutschlandfunk: Firouzja wendet sich vom Iran ab...



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.