Ding Liren gewinnt Vierer-Turnier in Hangzhou

von Carlos Colodro
06.04.2022 – Sergey Karjakin kann wegen seiner Sperre (noch nicht rechtskräftig) wohl nicht am Kandidatenturnier teilnehmen. Ding Liren könnte als Elo-bester Spieler nachrücken, wenn er im Laufe der letzten 12 Monate 30 Turnierpartien nachweisen kann. Es fehlen 26 Partien, die er nun in drei vom Chinesischen Verband organisierten Turnieren spielen soll. | Foto: Lennart Ootes

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Eine unglückliche Notwendigkeit

Eine Reihe eher unvorhersehbarer Ereignisse hatte erhebliche Auswirkungen auf Ding Lirens mögliche Teilnahme am Kandidatenturnier 2022. Der stets bescheidene chinesische Star konnte weder zum World Cup noch nach Berlin/Belgrad (Grand-Prix-Serie) reisen, da in China aufgrund der Covid-19-Pandemie strenge Reisebeschränkungen auferlegt wurden. Er verpasste auch das Grand Swiss in Riga, während sein Landsmann Yu Yangyi es in die lettische Hauptstadt schaffte.

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Außerdem beschloss die FIDE zum ersten Mal seit der Rückkehr zum Rundenturnierformat beim Kandidatenturnier im Jahr 2013, keine Plätze auf der Grundlage der Ratings der Spieler zu vergeben. Für Ding, dessen niedrigste Wertungszahl seit Mai 2018 bei 2791 liegt, bedeutete dies, dass er keine Chance hatte, sich für das 8-Spieler-Turnier zu qualifizieren. Die Schachgemeinschaft weiß, dass er es am meisten verdient hat, einen Platz zu bekommen, aber die Regeln sind die Regeln.

FIDEs General-Direktor Emil Sutovsky erklärte es auf Twitter:

Eine plötzliche Wendung gab dem 29-Jährigen Chinesen jedoch eine zweite Chance. Sergey Karjakin, der sich durch das Erreichen des Finales des Weltpokals für das Kandidatenturnier qualifiziert hatte, wurde von der Ethik- und Disziplinarkommission der FIDE wegen seiner Äußerungen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine mit einer sechsmonatigen Sperre belegt, die ihn (bis zu einem möglichen Einspruch) an der Teilnahme am Turnier in Madrid hindert.

Laut Reglement soll der Platz, der frei wird, mit dem höchstgewerteten Spieler der offiziellen Elo- Rangliste vom Mai 2022 besetzt werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass er zwischen Juni 2021 und Ende April 2022 mindestens 30 gewertete klassische Partien gespielt hat. Auch dieses Kriterium erfüllte Ding als Folge der Reisebeschränkungen nicht, da er in diesem Zeitraum nur vier Partien spielte - alle gegen Lu Shanglei in einem im Dezember organisierten Match. 

Karjakins Sperre wurde am 21. März bekannt gegeben, was bedeutete, dass Dings einzige Chance, das Kandidatenturnier zu erreichen, darin bestand, die erforderlichen 26 klassischen Partien in nur etwas mehr als einem Monat zu spielen und dabei die höchste Wertungszahl aller teilnahmeberechtigten Spieler zu halten - Levon Aronian ist der nächste Verfolger, da Alireza Firouzja und Fabiano Caruana bereits qualifiziert sind.

Der chinesische Schachverband fand eine rasche Lösung für das Problem. Zunächst wurde in Hangzhou ein Vierer-Rundenturnier mit 4 Spielern (12 Partien) organisiert, dann ein Match mit 6 Partien gegen Wei Yi (6 Partien) und schließlich ein 10-Runden-Qualifikationsturnier für die Asienspiele (10 Partien), das am 24. April endet. Ding gewann das Vierer-Turnier und holte gegen Wei Yi im ersten Spiel ein Unentschieden. 

Das ist zweifellos eine etwas spezielle Methode, um Ding noch ins Kandidatenturnier zu hieven, aber angesichts der Vorgeschichte ist es wohl eine gerechtfertigte - wenn auch unglückliche - Entscheidung. Allerdings hat Ding über die Jahre hinweg bewiesen, dass er nicht nur ein extrem starker Spieler, sondern auch ein fairer, wohlmeinender Konkurrent ist.
 

Ding Liren, Magnus Carlsen

Ding Liren gewann den Sinquefield Cup 2019, nachdem er Magnus Carlsen im Schnellschach besiegt hatte | Foto: Lennart Ootes / Grand Chess Tour

Hangzhou: 9 Siege in 12 Partien

Dings Rating von 2799 war mehr als 200 Punkte höher als die Ratings aller drei seiner Gegner beim Vierer-Rundenturnier in Hangzhou. Am Ende gewann Ding 9 seiner 12 Partien und gewann 9,8 Ratingpunkte dank seiner Ausbeute von 10½/12 Punkte.

Allerdings geriet er auch ein paar Mal in Schwierigkeiten. Zum Beispiel in Runde 1 gegen Li Di.

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Schwarz ist klar im Vorteil, da sein Turm in der Verteidigung gegen den Läufer auf der d-Linie feststeckt und die Springer zu langsam sind, um mit einem weiteren potenziellen Freibauern am Damenflügel fertig zu werden. Li musste sich auf diese beiden Faktoren konzentrieren, wobei Züge wie 35...Tb8 oder 35...Td8 gut waren, um seinen Vorteil zu behalten. Außerdem war 35...b5 der zwingendste Gewinnzug in dieser Stellung.

Li scheiterte jedoch mit 35...f6, was Weiß ein paar wichtige Tempi zum Umgruppieren gab - 36.Sd6 Te6 37.Sg6 fxe5 38.fxe5
 

 

Erst jetzt entschied sich Li für 38...b5, aber Weiß ist bereits zu aktiv und hat einen klaren Vorteil. Dings Technik war nicht sauber, aber es gelang ihm trotzdem, sechs Züge später den vollen Punkt zu holen.

Ding hat nicht nur 75 % seiner Partien gewonnen, sondern kurioserweise haben die drei verbleibenden Teilnehmer jede einzelne Partie, in der Ding nicht gespielt hat, remis gegeben.


Endstand

 

Alle Partien

 

 


Carlos Colodro stammt aus Bolivien und ist Spanisch-Philologe. Seit 2012 arbeitet er als freier Übersetzer und Autor. Schach, Literatur und Musik sind seine großen Leidenschaften.
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toni1 toni1 08.04.2022 04:17
Vom sportlichen Aspekt gehört Ding Liren sicherlich ins Kandidatenturnier. Der chinesische Schachverband wird es schon schaffen, ihn auf die erforderlichen Partien zu bringen. Im letzten Jahrhundert haben die Russen alles zurechtgemauschelt, jetzt eben die Chinesen.
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