Diskussion um Wettkampfbedingungen Kramnik-Deep Fritz

09.09.2001 – Kasparov.com hat durch einen Beitrag "A Few Questions for ChessBase" (Ein paar Fragen an ChessBase) eine Diskussion um die Bedingungen des Wettkampfes Kramnik gegen Deep Fritz (Bahrein, 13.Oktober bis 1.November 2001) in Gang gesetzt. Mittels eines Fragenkatalogs weisen der/die Autor(en) darauf hin, dass Kramnik eine Reihe von weit gehenden Zugeständnissen seitens des Organisators BrainGames eingeräumt wurden. Inzwischen haben Raymond Keene (Direktor) und Eric Schiller (Regel-Kommitee) von BrainGames in einer Pressererklärung dazu Stellung genommen. Zum Thema berichtete außerdem Heise-online. Dort äußerte sich ChessBase Geschäftsführer Matthias Wüllenweber: "Wir fühlen uns geschmeichelt, dass BrainGames Fritz für so stark hält". Mehr...

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9.9.2001/as

Als der BGN-Weltmeister Vladimir Kramnik gefragt wurde, ob und unter welchen Bedingungen er einen Wettkampf gegen das momentan beste Schachprogramm spielen würde, hat er eine Reihe von Bedingungen gestellt. Diese wurden ihm von BrainGames vertraglich eingeräumt. Die wichtigste Forderung war, dass er vor dem Wettkampf die Wettkampfengine des betreffenden Programms zwecks Studiums des Spielverhalten zur einige Zeit vorher zur Verfügung gestellt bekommen würde.

Dies war ohne jeden Zweifel eine Reaktion auf die Wettkampfbedingungen zwischen Kasparov und Deep Blue 1997 in New York. Kasparov war damals recht blauäugig in den Wettkampf gegangen, weil er die Spielstärke von Deep Blue, den er ein Jahr zuvor noch recht klar geschlagen hatte, unterschätzt hatte. Er spielte gegen einen Gegner, gegen den er zuvor noch nie gespielt hatte und von dem es praktisch keine Partien gab. Zum damaligen Beraterstab von IBM gehörte übrigens auch der Großmeister Miguel Illescas Cordoba. Heute ist der Spanier Kramniks Sekundant. 

Auf Kasparov.com wurde durch einen Fragenkatalog auf die ganz anderen Bedingungen des kommenden Wettkampfes zwischen Kramnik und Deep Fritz hingewiesen. Es ist völlig richtig, dass die beiden Matches nicht miteinander verglichen werden können. Falls Kramnik mehr oder weniger deutlich gewinnt, kann man daraus keinerlei Rückschlüsse auf die Spielstärke von Kasparov gegen Computer oder auf die Spielstärke des damaligen Großrechners Deep Blue ziehen. 

Selbst wenn Kramnik die tatsächliche Wettkampfengine nicht hätte einsehen dürfen, wäre er gegenüber Kasparov gegen Deep Blue dennoch in Vorteil gewesen. Fritz (die Mehrprozessorversion heißt Deep Fritz) spielt seit fast 10 Jahren regelmäßig bei Internationalen Turnieren mit. Allein in der Mega Database sind 333 Partien gespeichert. Darüber hinaus lassen sich Tausende zusätzliche Fritz-Partien gegen andere Programme im Internet finden.

Nicht nur das: Fritz ist auch in Großmeisterkreisen das meist verwendetet Analysewerkzeug. Viele der Spitzenspieler kennen das Verhalten des Programms über die verschiedenen Versionen hinweg  in- und auswendig und wissen genau, in welchen Stellungstypen Fritz eine gute oder weniger gute Analysehilfe ist.

Mit jeder neuen Version macht ein Programm Fortschritte in der Spielstärke. Aber: Es ändert seinen Spielcharakter nicht wesentlich. Das heißt, selbst wenn einem die neueste Version eines Programms nicht vorliegt, kann man aus den veröffentlichten Partien der zurückliegenden Versionen einige Rückschlüsse ziehen.

Kasparov hatte 1997 nullkommanull Informationen über Deep Blue, seine Spielstärke oder Spielcharakteristik. Dementsprechend gab es auch keinerlei konkrete Vorbereitung, höchstens ein paar allgemeine Überlegungen. Nach dem Wettkampf hat IBM die Maschine, die gegen Kasparov gewonnen hatte, rasch bei Seite geschafft und so den Mythos Deep Blue geschaffen. Niemand konnte danach die Spielstärke von Deep Blue überprüfen. Alle Aussagen dazu sind wissenschaftlich so relevant wie mittelalterliche Gottesbeweise. Als einziger Maßstab für ein Urteil existieren die Partien gegen Kasparov. Und hier muss man sich immer vor Augen halten, dass der damalige Weltmeister aus (falscher?) Wettkampftaktik seine normalen Eröffnungen vermied und statt dessen Varianten spielte, die er nie zuvor im Leben gesehen hatte. In der letzten Partie griff er zudem zu einer bekannten Verlustvariante in der Caro-Kann Verteidigung, die vermutlich sogar Heumas (Eingabehilfe von ChessBase) widerlegt hätte. 

Wenn Kramnik am 13. Oktober 2001 auf Deep Fritz trifft, wird er in einer sehr viel besseren Situation sein, als Kasparov damals. Aber genau das ist es ja, was menschliche Intelligenz auszeichnet: Nämlich aus Fehlern zu lernen - und am besten noch aus denen, die andere gemacht haben. 

 


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