9.9.2001/as
Als der BGN-Weltmeister Vladimir Kramnik gefragt wurde, ob und unter welchen
Bedingungen er einen Wettkampf gegen das momentan beste Schachprogramm spielen
würde, hat er eine Reihe von Bedingungen gestellt. Diese wurden ihm von
BrainGames vertraglich eingeräumt. Die wichtigste Forderung war, dass er vor
dem Wettkampf die Wettkampfengine des betreffenden Programms zwecks Studiums des
Spielverhalten zur einige Zeit vorher zur Verfügung gestellt bekommen würde.
Dies war ohne jeden Zweifel eine Reaktion auf die
Wettkampfbedingungen zwischen Kasparov und Deep Blue 1997 in New York. Kasparov
war damals recht blauäugig in den Wettkampf gegangen, weil er die Spielstärke
von Deep Blue, den er ein Jahr zuvor noch recht klar geschlagen hatte,
unterschätzt hatte. Er spielte gegen einen Gegner, gegen den er zuvor noch nie
gespielt hatte und von dem es praktisch keine Partien gab. Zum damaligen
Beraterstab von IBM gehörte übrigens auch der Großmeister Miguel Illescas
Cordoba. Heute ist der Spanier Kramniks Sekundant.
Auf Kasparov.com wurde durch einen Fragenkatalog
auf die ganz anderen Bedingungen des kommenden Wettkampfes zwischen Kramnik und
Deep Fritz hingewiesen. Es ist völlig richtig, dass die beiden Matches nicht
miteinander verglichen werden können. Falls Kramnik mehr oder weniger deutlich
gewinnt, kann man daraus keinerlei Rückschlüsse auf die Spielstärke von
Kasparov gegen Computer oder auf die Spielstärke des damaligen Großrechners
Deep Blue ziehen.
Selbst wenn Kramnik die tatsächliche
Wettkampfengine nicht hätte einsehen dürfen, wäre er gegenüber Kasparov
gegen Deep Blue dennoch in Vorteil gewesen. Fritz (die Mehrprozessorversion
heißt Deep Fritz) spielt seit fast 10 Jahren regelmäßig bei Internationalen
Turnieren mit. Allein in der Mega Database sind 333 Partien gespeichert.
Darüber hinaus lassen sich Tausende zusätzliche Fritz-Partien gegen andere
Programme im Internet finden.
Nicht nur das: Fritz ist auch in
Großmeisterkreisen das meist verwendetet Analysewerkzeug. Viele der
Spitzenspieler kennen das Verhalten des Programms über die verschiedenen
Versionen hinweg in- und auswendig und wissen genau, in welchen
Stellungstypen Fritz eine gute oder weniger gute Analysehilfe ist.
Mit jeder neuen Version macht ein Programm
Fortschritte in der Spielstärke. Aber: Es ändert seinen Spielcharakter nicht
wesentlich. Das heißt, selbst wenn einem die neueste Version eines Programms
nicht vorliegt, kann man aus den veröffentlichten Partien der zurückliegenden
Versionen einige Rückschlüsse ziehen.
Kasparov hatte 1997 nullkommanull Informationen
über Deep Blue, seine Spielstärke oder Spielcharakteristik. Dementsprechend
gab es auch keinerlei konkrete Vorbereitung, höchstens ein paar allgemeine
Überlegungen. Nach dem Wettkampf hat IBM die Maschine, die gegen Kasparov
gewonnen hatte, rasch bei Seite geschafft und so den Mythos Deep Blue
geschaffen. Niemand konnte danach die Spielstärke von Deep Blue überprüfen.
Alle Aussagen dazu sind wissenschaftlich so relevant wie mittelalterliche
Gottesbeweise. Als einziger Maßstab für ein Urteil existieren die Partien
gegen Kasparov. Und hier muss man sich immer vor Augen halten, dass der damalige
Weltmeister aus (falscher?) Wettkampftaktik seine normalen Eröffnungen vermied
und statt dessen Varianten spielte, die er nie zuvor im Leben gesehen hatte. In
der letzten Partie griff er zudem zu einer bekannten Verlustvariante in der
Caro-Kann Verteidigung, die vermutlich sogar Heumas (Eingabehilfe von ChessBase)
widerlegt hätte.
Wenn Kramnik am 13. Oktober 2001 auf Deep Fritz
trifft, wird er in einer sehr viel besseren Situation sein, als Kasparov damals.
Aber genau das ist es ja, was menschliche Intelligenz auszeichnet: Nämlich aus
Fehlern zu lernen - und am besten noch aus denen, die andere gemacht
haben.