Dmitrij Kollars: Schachprofi

von Jonathan Carlstedt
08.03.2018 – Dmitrij Kollars, 18 Jahre alt, hat sich für eine Karriere als Schachprofi entschieden. Letzten Freitag war der Hamburger zu Gast bei TV ChessBase, zeigte Partien und sprach über seine Karriere. Sein Trainer und Manager Jonathan Carlstedt erzählt, wie es zu dem Entschluss kam, Schachprofi zu werden.

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Ein aufregendes Jahr!

Vor ungefähr einem Jahr machte sich Dmitrij von Riga aus auf den Weg nach Budapest, während ich noch einige Tage länger nahe der lettischen Hauptstadt im Städtchen Jurmala blieb. Die Anreise von Dmitrij versprach nicht, dass das anstehende First Saturday-Turnier in Budapest ein Erfolg werden würde. Zwar hatte ich in den Transport vom Flughafen zum Spiellokal in Budapest organisiert, wo er auf meine Eltern, inklusive meines im IM-Turnier antretenden Vaters FM Matthias Bach, treffen würde. Aber klar war, dass eine Anreise nach dem Motto "vom Flughafen ans Brett" nicht die optimalen Vorbedingungen für ein erfolgreiches Abschneiden im GM-Turnier sein würde.

Ohnehin war in den letzten Monaten Dmitrijs Fortschritt ein wenig ins Stocken geraten, er verteidigte zwar stetig die 2500, konnte nach seiner 1.GM-Norm (bei eben jenem Turnier in Jurmala 2016), keine weitere Norm hinzufügen. Mir machte das weniger Sorgen, denn in der Laufbahn eines jungen Talentes wie Dmitrij ist Stagnation an dem einen oder anderen Punkt normal. Doch für selber Dmitrij war die Durststrecke wenig angenehm, mit dem Druck im Rücken, dass er sich entschieden hatte die Schule im Jahr 2015 abzubrechen und sich voll dem Schach zu widmen.

Doch in Budapest sollte sich der Wind drehen. Zwar nicht mit seinem besten Schach, aber dank einer großartigen kämpferischen Leistung und einem Sieg in der letzten Runde brachte Dmitrij die 2.Norm nach Hause.

Wenige Monate später im Mai machte er seine finale Norm perfekt, dank eines starken Abschneidens beim Zalakaros Open, ebenfalls in Ungarn. Es war also an der Zeit zu feiern. Dazu lud uns einer von Dmitrijs wichtigsten Sponsoren, Patrick Stenner mit der Stenner AG, in seinen Laden „Slife“ in der Hamburger Innenstadt ein. Patrick ist auf vielen Feldern aktiv, selber ein sehr starker Schachspieler und das „Slife“ wird ohnehin unter anderem als Veranstaltungs-Location von großen Firmen genutzt. Innerhalb von 5 Tagen nach dem Erreichen der letzten Norm stellten wir die „GM-Party“ auf die Beine, natürlich mit einem kleinen Blitzturnier (ChessBase berichtete).

Die Entscheidung im Jahr 2015 voll auf Schach zu setzen, war für Dmitrij nicht einfach. Mein Versprechen war es über 2 Jahre für die komplette Finanzierung zu sorgen, sei es Miete für unsere Wohnung in Hamburg, Reise, Trainer oder ähnliche Kosten. Im September 2017 nach 2,5 Jahren, nach der Jugend-WM in Uruguay, musste Dmitrij entscheiden, ob er diesen Weg weitergehen möchte, allerdings gleichzeitig mit der Änderung, dass er ab Oktober die Finanzierung seines Lebens selber stemmen musste, natürlich mit meiner organisatorischen Unterstützung als Manager. Dmitrij zögerte nicht lange, als ich mit ihm im April 2017 das entsprechende Gespräch führte. Er wollte weitermachen! Während also meine Aufgabe 2,5 Jahre vom Mai 2015 bis September 2017 vor allem darin bestand Geld zu sammeln, Turniere zu finden die er/wir spielen würden, lagen meine Aufgaben nun anders. Dmitrij dabei zu helfen selber Geld zu verdienen ohne seine Kreativität zu töten, weitere schachliche Fortschritte zu machen. Bisher waren wir damit aus meiner Sicht erfolgreich.

6. Platz bei der Jugend-WM in Uruguay, starker 2. Platz in Hoogeveen, vorderer Platz beim Heusenstammer Sparkassen Open. Vizemeister bei der DVM U20, Turniersieg beim Aarhus Chesshouse GM-Turnier, eine Elo von 2534 und damit TOP 30 in Deutschland. Zudem hat er einige neue Schüler, einen Buchvertrag mit Thinkers Publishing, für ein Buch, das wir zusammen schreiben und seinen Weg hin zum Großmeister beschreibt und gleichzeitig als Leitfaden für Trainingswillige dienen soll, sowie regelmäßige Publikationen in der ROCHADE.

Jetzt ist Dmitrij mit seiner eigenen Internetseite www.gm-dmitrijkollars.de online gegangen. Dies und sein Sieg gegen Sergei Movsesian beim 4:4 des Hamburger SK gegen Baden Baden, waren Grund genug unsere Freunde von ChessBase zu fragen, ob man nicht mal wieder etwas zusammen machen könnte. Gesagt, getan. Am 2.3. ging Dmitrij mit TV Chessbase auf Sendung und gab Auskunft über seinen Lebensweg, aber auch über die Internetseite. Damit die Zuschauer auch schachlich etwas lernen konnten, wurden zudem einige Aufgaben aus seiner Praxis präsentiert.

Dmitrij Kollars bei TV ChessBase, mit André Schulz und Oliver Reeh (Zugang zum Videoportal mit einem ChessBase Account)

 

Oliver Reeh machte zurecht darauf aufmerksam, dass Dmitrijs Weg ungewöhnlich ist und er ist mit Sicherheit nicht für jeden zu empfehlen. Doch für Dmitrij war es genau die richtige Entscheidung und als sein Trainer, Manager und Wegbegleiter bin ich sehr stolz auf das was wir zusammen, mit der Hilfe unserer Freunde und Sponsoren, erreicht haben. Aber der Weg ist nicht zu Ende. Dmitrij will weiter nach vorne, derzeit fehlt die große finanzielle Unterstützung, um einen starken Trainer zu beschäftigen und ausschließlich zu starken Turnieren zu fahren. Aber auch hier werden wir Fortschritte machen. Wir freuen uns über den zahlreichen Zuspruch und vor allem über die große Unterstützung aus so vielen Ecken des Schachsports!




Jonathan Carlstedt ist Internationaler Meister, Autor und Schachtrainer. Außerdem organisiert er Schachturniere.
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DoktorM DoktorM 08.03.2018 07:48
Ein ordentlicher Schulabschluss und anschließend eine Ausbildung oder ein Studium sind mehr wert als in einigen Jahren als durchschnittlicher GM die Tingeltour durch die Opens gehen zu müssen. Ich glaube sogar, dass es etlichen Spielern spielstärkemäßig hilft, wenn sie nicht ganz auf Schach setzen, sondern ihren Kopf auch für andere Dinge verwenden. Und wenn es nicht hilft, hat man ein paar Elopunkte weniger, dafür aber deutlich mehr Lebenserfahrung und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt genügend abschreckende Beispiele von Spielern, die den Absprung nicht geschafft haben, und nun Schach spielen müssen, um zumindest die laufenden Kosten zu decken. Für die Rente bleibt da nichts mehr übrig.
Krennwurzn Krennwurzn 08.03.2018 04:37
Ein mutiger Schritt, denn die Krennwurznregel besagt, wer mit 18 nicht an der 2700 kratzt, erreicht keinen Topplatz mehr im Schach. Zur Zeit Rang 38 in der U-20 Rangliste und davor sind schon 15 jüngere Spieler platziert - eine gute Prognose schaut anders aus.

Dennoch viel Glück und den richtigen Riecher zum Absprung!!
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