Dortmunder Höhepunkte - eine Zeitreise

von Dagobert Kohlmeyer
19.07.2016 – Die Tradition des Dortmunder Sparkassen Chess-Meetings reicht bis in das Jahr 1973 zurück. Nicht ganz so lange, aber doch sehr lange, hat Dagobert Kohlmeyer das Turnier als "Hausjournalist" begleitet - 27 Jahre lang. Nun hat er sich von seinem Job in Dortmund verabschiedet und erinnert sich in seiner persönlichen Zeitreise an viele Höhepunkte. Mehr...

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​Zeitreise durch die Schachhochburg Dortmund

Eine Stadt engagiert sich seit Jahrzehnten für das edle Spiel und schreibt Geschichte

Das Sparkassen Chess-Meeting 2016 ist zu Ende und fand in Maxime Vachier-Lagrave einen überlegenen Sieger. Gleich bei seiner Premiere dominierte der französische Großmeister das Klassefeld mit 5,5 Punkten aus sieben Partien und kletterte auf den 2. Platz der Weltrangliste – Respekt!

Maxime Vachier-Lagrave

Der Chronist hat dort vor wenigen Tagen an Wladimir Kramniks Brett seinen letzten Zug als Reporter getan. Er kommt gern dem Wunsch der ChessBase-Kollegen nach und blickt auf mehr als zweieinhalb Jahrzehnte eigenen Erlebens in Dortmund zurück.

DKs Abschiedszug, Foto: G. Souleidis

Wenn man seit 1990 ohne Unterbrechung hautnah dabei war, wird die Revierstadt unwillkürlich zur zweiten Heimat. Ich erinnere mich mit Freude an viele interessante Begegnungen mit den Supergroßmeistern und engagierten Schachfreunden. Dabei ging es nicht nur um möglichst raffinierte Züge auf dem Brett.

Ganz wenige Städte weltweit haben eine solche Turniertradition. Bereits zum 44. Male fanden jetzt die internationalen Dortmunder Schachtage statt. Alle großen Figurenkünstler der Welt gaben hier in den vergangenen Jahrzehnten ihre Visitenkarte ab. Erster Sieger im Westfalenpark war 1973 der Finne Heikki Westerinen. Aus den bescheidenen Anfängen mauserte sich ein Superturnier, das aus dem internationalen Schachkalender nicht mehr wegzudenken ist. Es gab in diesem langen Zeitraum viele Höhepunkte, hier soll in Wort und Bild an die markantesten Ereignisse erinnert werden.

Vor allem seit 1992 liegt Dortmund jedes Jahr im Fokus der internationalen Schachszene und wird dann zum Nabel der Schachwelt. Vor 24 Jahren spielte der damalige Weltmeister Garri Kasparow im Revier und gewann das unvergessene Sparkassen Chess-Meeting in der Westfalenhalle. Er kassierte aber im Turnierverlauf auch zwei Niederlagen: gegen den jungen Gata Kamsky und gegen Robert Hübner. Die Halle stand Kopf, der sieggewohnte Champion war geschockt.

Der Doc besiegt den Schachzaren

Am spielfreien Tag wurden die Großmeister vom legendären Oberbürgermeister Günter Samtlebe empfangen. Kasparow durfte sich als erster Schachstar ins Goldene Buch der Stadt Dortmund eintragen.

Empfang im Rathaus

Im Open, das immer zum Schachfestival gehört, spielte damals der 16-jährige Wladimir Kramnik. Er wurde Co-Sieger und sogleich für das russische Olympiade-Team nominiert. Ab 1993 startete er dann im A-Turnier von Dortmund, das schlicht zu seiner Domäne werden sollte.

Ebenfalls 1992 machte ein 12-jähriger Knirps in der Westfalenhalle auf sich aufmerksam, als er den späteren Weltmeister Viswanathan Anand am Rande des Turniers mit meiner Hilfe zum Blitzspiel herausforderte. Der kecke Junge hieß Peter Leko und knöpfte Vishy in einem Spiel ein Remis ab. Schnell wurde der Ungar zum Publikumsliebling. Auch er gewann später mehrmals in Dortmund und fand hier seine heutige Ehefrau Sofia.

Anand – Little Leko

1993 gewann Anatoli Karpow, es war sein einziger Sieg in Dortmund bei fünf Starts. Ein Jahr später verbuchte der Holländer Jeroen Piket einen Überraschungserfolg. 1995 begann Wladimir Kramniks unvergleichliche Siegesserie. Er gewann das Turnier viermal in Folge und dann bis 2011 noch sechsmal, kann also auf insgesamt zehn Siege in seinem Revier verweisen. Mit diesem einsamen Rekord steht er im Guinnessbuch der Rekorde.

Im Juli 1997 schrieb Dortmund wieder Schachgeschichte. Zum 25. Mal gab es das Chess-Meeting, und Kramnik landete seinen Hattrick. Damals wurde noch im Opernhaus gespielt. Der große Saal fasst über 1000 Zuschauer; den bekam man seinerzeit voll! – Liveübertragungen im Internet waren noch nicht selbstverständlich. Zwei Turnierbücher erschienen, und ich lichtete Wladimir für die Rückseite der eigenen Publikation mit einem überdimensionalen Krug ab, die Bierstadt Dortmund ehrte den Schachstar auch auf diese Weise. In jenem Jahr spielte Judit Polgar mit und belegte den 5. Platz. Hauptschiedsrichter war Lothar Schmid.

Kramnik mit historischem Bierkrug

1999 gewann der Ungar Peter Leko zum ersten Mal, und zwar nebenan im Dortmunder Stadttheater, wo auch die meisten Turniere über die Bühne gingen. Doch ungleich wertvoller war sein Sieg drei Jahre später. Denn 2002 wurde das Chess-Meeting als WM-Kandidatenturnier ausgetragen. Es waren die 30. Schachtage, sie fanden unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder statt. Innen- und Sportminister Otto Schily kam, er führte den symbolischen ersten Zug aus. Acht Großmeister spielten im Goldsaal der Westfalenhalle, und Leko wurde nach spannendem Verlauf WM-Herausforderer von Wladimir Kramnik. Beim Match in Brissago spielte er dann 7:7 gegen den Russen und hätte ihn beinahe entthront.

Peter Leko wird WM-Finalist

Kramnik war Ehrengast des Ausscheidungsturniers in Dortmund. In jenem Juli 2002 spielte der Seriensieger in seinem Revier mit dem Box-Champion Vitali Klitschko eine Freundschaftspartie. Der 2.02-m-Hüne passte kaum durch die Tür, am Brett jedoch trafen sich beide auf Augenhöhe.

Schachfreund Vitali Klitschko

„Dr. Eisenfaust“ wählte eine völlig unbekannte Eröffnung, worauf Kramnik so nett war, ihm frühzeitig Remis anzubieten. Klitschko zögerte nicht lange, es anzunehmen. Ein Jahr später kam der ältere der beiden Box-Brüder noch einmal zu den Dortmunder Schachtagen, wobei ihn große Hitze und ein langer Stau auf der Autobahn nicht daran hinderten, den Großmeistern seine Reverenz zu erweisen.

Vitali Klitschko mit Margarita Bologan und Sofia Leko

Viele andere namhafte Sportler, darunter Olympiasieger, gaben sich bei den Schachspielern die Ehre. Unter ihnen war auch Sprintstar Sina Schielke. Die attraktive Leichtathletin führte 2002 den ersten Zug aus und war anschließend auf Bitten des Schachreporters auch zu einem Start auf der grünen Wiese vor der Westfalenhalle bereit.

Erster Zug von Sina Schielke

Sina Schielke am Start

Nach dem Kandidatenturnier, es waren die 30. Schachtage, nahm der damalige Turnierdirektor Jürgen Grastat seinen Hut. Er übergab sein Amt in die jüngeren Hände von Stefan Koth, der es bis heute ausführt. Jedes Jahr stellt er ein interessantes und starkes Teilnehmerfeld zusammen. Veranstaltungsleiter des Chess-Meetings ist seit einem Vierteljahrhundert Gerd Kolbe. Der ehemalige Pressesprecher hat einen sehr engen Draht zur Stadt und zum Titelsponsor Sparkasse, was für die Existenz des Events sehr wichtig ist. Auch der Dortmunder Carsten Hensel spielte über viele Jahre hinweg eine zentrale Rolle bei der Organisation und Durchführung des Chess-Meetings und darüber hinaus als Manager von Kramnik und Leko.

Kramnik, Hensel, Leko

Der Jahrgang 2003 bleibt mir ebenfalls in nachhaltiger Erinnerung. Es war ein Jahrhundertsommer mit tropischen Temperaturen. Mit Viorel Bologan erlebten wir einen Sieger, den keiner auf der Rechnung hatte. Der moldauische Großmeister hatte das Aeroflot Open in Moskau gewonnen und sich dadurch für Dortmund qualifiziert. Seither wird jedes Jahr so verfahren, dass der Sieger dieses renommierten Turniers in der russischen Hauptstadt einen Startplatz in Dortmund erhält. Diesmal löste Jewgeni Najer das Ticket, agierte aber nicht mit Erfolg.

Kramnik, Bologan

2003 residierten auch noch andere illustre Gäste im Spielerhotel, zum Beispiel die Radsportstars Jan Ullrich und Erik Zabel, die ein Rundstreckenrennen in Dortmund bestritten. Zu bewundern waren auch zahlreiche Schönheiten, die zu einer Misswahl in der Stadt weilten.

Beautys in Dortmund

Beim Sparkassen Chess-Meeting 2005 gab es wieder eine große Überraschung, als Arkadij Naiditsch, ein Eigengewächs der Dortmunder Schachschule, gewann. Mit 19 Jahren war er bis dato jüngster Sieger im Großmeisterturnier.

Arkadij Naiditsch

Ein überaus stolzer Erfolg, denn im bärenstarken Feld waren immerhin solche etablierten Stars wie Kramnik, Topalow und Leko. Der Russe und der Bulgare mochten sich damals noch, ihr WM-Kampf (Toilettengate in Elista) war erst ein Jahr später.

Kramnik und Topalow 2005

Magnus Carlsen spielte 2007 zum ersten Mal in Dortmund. Damals zahlte er noch Lehrgeld und belegte mit 3,0 aus 7 den sechsten Rang.

Magnus und sein Vorgänger Anand

Zwei Jahre später wurde der Norweger bereits Dritter im Revier, eine klare Steigerung, ehe dann in den Monaten darauf eine wahre Leistungsexplosion erfolgte. Die Ursache: Carlsen hatte Kasparow als Trainer verpflichtet.

Carlsen 2009 im Dortmunder Rathaus

2010 wurde Ruslan Ponomarjow zum Chess-Meeting eingeladen, und der FIDE-Exweltmeister feierte gleich bei seiner Premiere einen Sieg, nachdem er Wladimir Kramnik in dessen Revier eindrucksvoll bezwungen hatte. 2012 begann Fabiano Caruanas Erfolgsgeschichte in Dortmund. Der Italo-Amerikaner gewann bislang dreimal: bei seinem ersten Start im Revier und auch 2014 sowie im vorigen Sommer.

Fabiano Caruana 2015

2013 war nicht Fabianos Jahr, da gewann der unverwüstliche Engländer Michael Adams, der ab 1992 oft in Dortmund spielte. Seit zwei Jahren ist übrigens das Orchesterzentrum NRW Austragungsstätte des Großmeisterturniers, das Stadttheater wird im Sommer immer rekonstruiert.

Diesmal erlebten wir nun mit Maxime Vachier-Lagrave einen neuen Schachhelden. Nächstes Jahr feiert Wladimir Kramnik „Silberhochzeit“ in seinem Revier (1992-2017). Das Sparkassen Chess-Meeting wird dann ihm gewidmet. Wir dürfen gespannt sein, was für ein erlesenes Teilnehmerfeld Gerd Kolbe, Stefan Koth und ihre Mitstreiter zu diesem Jubiläum präsentieren werden.

Kramnik gegen Drillinge

Im Laufe der Jahre kam viel Prominenz beim Chess-Meeting vorbei, so der Schriftsteller Ephraim Kishon oder Aljechins einziger Sohn Alexander. Beide leben nicht mehr, doch die freundschaftlichen Begegnungen mit ihnen bleiben unvergessen. Schachlegende Vlastimil Hort, Dortmund-Sieger von 1982, kommt zu jedem Chess-Meeting und besucht dabei immer das Pressezentrum.

Koth - Hort

Seit vielen Jahren unverzichtbar sind die Großmeister-Kommentatoren, die den Zuschauern im Saal über Kopfhörer die Züge der Geistesriesen auf der Bühne erklären. Helmut Pfleger hat es sehr lange getan, die heutigen Schachflüsterer sind Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht. Sie gehen erst, wenn der letzte (und sei es der 146.) Zug von Kramnik & Co getan ist!

Dieser Rückblick im Zeitraffer ist natürlich nicht vollständig. Nicht jeder konnte erwähnt oder im Foto gezeigt werden, der es verdient hätte. Die kleine Chronik sollte einfach die Erinnerung an markante Schach-Ereignisse der letzten Jahrzehnte in Dortmund wach halten.

Ich danke allen Kollegen und Helfern, die mich in der Schachmetropole ein Vierteljahrhundert lang tatkräftig bei meiner Arbeit unterstützt haben. Dazu gehört auch der Pressesprecher der Stadt Dortmund, Michael Meinders. Er mailte mir freundliche Worte nach Hause:

Lieber Dago,


Ich möchte mich herzlich für die stets gute Zusammenarbeit bei dir bedanken. Auch wenn ich vermutlich immer ein Schachlaie bleiben werde, habe ich unter anderem durch dich gelernt, wie spannend, interessant und auch unterhaltsam diese Schachwelt sein kann. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und bin überzeugt, dass wir uns in Dortmund noch mal wiedersehen werden.

Beste Grüße nach Berlin, Michael

 

Vielen Dank nach Dortmund! Ich wünsche dem einzigen Turnier von Weltgeltung auf deutschem Boden eine lange Lebensdauer!

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer
 

 



Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 25 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.
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Wosch Wosch 19.07.2016 03:19
Danke Herr Kohlmeyer.
Hat Spaß gemacht Ihren Artikel zu lesen und sich auf eine leider viel zu kurze Zeitreise zu begeben. Einige alte Pics sind amüsant zum Anschauen. Ja, ja der Zahn der Zeit, der nagt an uns allen

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