Dortmunder Schachtage: Spiel, Weib und Gesang

11.07.2005 – Das Sparkassen Chess-Meeting 2005 in Dortmund wird ganz sicher als Turnier der Überraschungen in die Schachgeschichte eingehen. Wohl kaum einer hätte vorher gedacht, dass es bereits im ersten Drittel so viele Siegpartien (9 mal für Weiß, einmal für Schwarz) geben und dass alle Favoriten schon frühzeitig Federn lassen würden. Als ersten erwischte es Weltmeister Wladimir Kramnik (Russland), der in Runde 2 gegen Turnierneuling Emil Sutowski aus Israel eine Niederlage kassierte. Aber auch der Ungar Peter Leko und der Bulgare Weselin Topalow fanden schon ihre Meister. Dagobert Kohlmeyer berichtet, was sich bisher auf der Bühne des Schauspielhauses und hinter den Kulissen getan hat. Mehr...

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Schauspielhaus Dortmund


Noch lachen sie


Das Zehnerfeld


Die Liebeserklärung

Das stärkste Schachturnier auf deutschem Boden begann, noch ehe der erste Zug getan wurde, mit einer Liebeserklärung Wladimir Kramniks an Dortmund. Der Weltmeister sprach sie zum Eröffnungsbankett beim Titelsponsor Sparkasse aus. In seiner Rede, die nicht im Protokoll vorgesehen war, erinnerte der Moskauer daran, dass er schon zum 12. Mal im Revier die Figuren setzt. 1992 bei seinem Sieg im Open habe alles begonnen. Es folgten sechs Triumphe des Russen im Hauptturnier, - eine Rekordmarke, die wohl kaum zu verbessern ist. Beim stärksten Schachevent auf deutschem Boden fühlen sich alle Spieler sehr wohl, betonte Kramnik. In Dortmund habe er Freunde gefunden und komme deshalb auch gern privat hierher, etwa zu BVB-Spielen oder Boxkämpfen der Klitschkos. „Wenn ich alle Besuche zusammenrechne, habe ich schon ein ganzes Jahr meines Lebens (Kramnik ist 30) in dieser Stadt verbracht.“ Der Großmeister dankte der Sparkasse und ihrem Chef Uwe Samulewicz für ihr beständiges Engagement, ohne das die internationalen Schachtage über drei Jahrzehnte lang nicht möglich wären. Für seine Hommage an die gastfreundliche Sportstadt Dortmund erhielt der Champion, der auch dieses Jahr um den Sieg spielen will, viel Beifall.


Die Favoriten Kramnik und Topalow

Kramnik trifft in dem Turnier auf stärkste Konkurrenz. Mitfavoriten sind Weselin Topalow, der im Frühjahr die beiden Superturniere von Linares und Sofia gewann oder Peter Leko, der Dortmund schon zweimal als Sieger verließ und vor ein paar Monaten im holländischen Wijk aan Zee erfolgreich war. Zum Auftakt spielte Kramnik gegen seinen russischen Landsmann Peter Swidler remis. Es war das einzige Unentschieden zu Beginn, viermal standen die Weißspieler als Sieger von den Brettern auf.

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Die Zuschauer im Dortmunder Schauspielhaus verfolgen auf einer großen Videowand die Partien. Hinter der Bühne erläutern die Großmeister Helmut Pfleger und Klaus Bischoff wie gewohnt die Züge der Geistesriesen. Schon in der ersten Runde hatten beide Schachplauderer prominenten Besuch. Das Publikum staunte nicht schlecht, als es über Kopfhörer plötzlich die Stimme des ehemaligen Landesvaters Peer Steinbrück hörte, der sich zu Pfleger gesellte und fachkundige Kommentare zu den fünf Partien abgab. Dass der SPD-Politiker selbst ein starker Schachspieler ist, hatte er im März gezeigt. Noch heute ist er stolz darauf, in Bonn eine Partie gegen Kramnik gespielt und dem Weltmeister 37 Züge lang standgehalten zu haben.
„Jetzt habe ich ja mehr Zeit für mein Hobby. Solche Besuche wie beim Chess-Meeting in Dortmund bereiten mir viel Freude“, sagte Steinbrück dem Schachreporter. Wie Millionen Fans in Deutschland und in aller Welt will der Ex-Ministerpräsident das bis zum 17. Juli dauernde Turnier aufmerksam verfolgen. Und in den Urlaub nimmt er seinen Schachcomputer mit. Nach der Partie traf Peer Steinbrück Weltmeister Kramnik. Der Politiker und der Schachprofi führten im Theatercafe ein langes, angeregtes Gespräch.


Peer Steinbrück und Helmut Pfleger kommentieren


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Großmeister Emil Sutowski ist ein Kämpfer am Brett und eine Frohnatur. Er gewann im Februar das starke Aeroflot Open in Moskau, was ihm die Einladung nach Dortmund bescherte. Neben dem Schachspiel hat der 27-Jährige noch eine zweite Leidenschaft, das Singen. Nachdem seine Mutter, eine Musikpädagogin, das Talent ihres Sohnes entdeckt hatte, nahm Emil Gesangsunterricht. Mit solchem Erfolg, dass er am Rande von Schachturnieren nicht selten seinen wohltönenden Bass-Bariton erklingen lässt. Dies tat er auch bei der Eröffnung des Chess-Meetings zur großen Freude von Mitspielern, Sponsoren und Gästen, als Sutowski das russische Volkslied „Stenka Rasin“ sowie das beschwingte „Funiculi funicula“ des Italieners Denza vortrug. Der Großmeister wurde dabei vom Dortmunder Pianisten Jochen Hartmann-Hilter begleitet.


Emil Sutowski singt

Auch wenn Sutowski in der Startrunde bei den internationalen Schachtagen gegen den Dortmunder Arkadij Naiditsch verlor, trübte dies seine Laune nicht. Schon tags darauf sorgte der schwergewichtige Großmeister mit seiner erfolgreichen Attacke gegen Kramnik für den bisher größten Paukenschlag im Wettbewerb.
Sutowski hat seine Frau Viktoria nach Dortmund mitgebracht, mit der er seit 2002 verheiratet ist. Das Schach ABC erlernte Emil einst in seiner Geburtsstadt Baku, woher auch Garri Kasparow stammt. „Ihn habe ich in jungen Jahren gern besucht“, erzählte uns der heutige israelische Nationalspieler. Seit der Schacholympiade 1996 verstärkt Sutowski das Team des Landes, das von Supergroßmeister Boris Gelfand angeführt wird, der beim Chess-Meeting ebenfalls schon gespielt hat.
Auch andere Schachgrößen erhalten in Dortmund Verstärkung von ihrer besseren Hälfte. Seit fünf Jahren kommt Peter Lekos Frau Sofia mit ins Revier, die er 1999 in seiner zweiten Heimat Dortmund kennen lernte. Damals gewann der Großmeister aus Szeged zum ersten Mal beim Sparkassen Chess-Meeting. An der Seite des Engländers Michael Adams ist seine langjährige Lebensgefährtin Tara, und Loek van Wely aus Holland wird bei seiner Premiere im Revier von seiner attraktiven Ehefrau Marion begleitet. Während „King Loek“, wie er in der Schachszene genannt wird, auf der Bühne des Schauspielhauses die Figuren setzt, sondiert Marion im Pressezentrum alle wichtigen Schachnachrichten aus dem Internet. Dabei wirft sie auch einen Blick auf die zahlreichen E-Mails, die der lange Großmeister aus Tilburg von überall her bekommt. Alle vier Spieler des Topturniers, die hier in Dortmund weibliche Unterstützung erfahren, haben an den ersten Tagen mindestens schon eine Partie gewonnen.


Marion und Loek van Wely,

Wladimir Kramnik ist ohne Freundin hier. Und nach seinem Fehlstart lag der Seriensieger von Dortmund plötzlich mit dem Franzosen Etienne Bacrot am Tabellenende. Das wurmte ihn natürlich sehr. Am dritten Spieltag traf er auf Mitfavorit Weselin Topalow. In der Sizilianischen Partie drückte der Moskauer lange Zeit kraftvoll auf die Stellung des Weltranglisten-Zweiten und erspielte sich materiellen Vorteil. Sein Gegner wehrte sich nach Kräften, aber Kramnik stellte ihm immer neue Probleme. Im Endspiel mit einer Qualität mehr hatte Wladimir dann keine Mühe, seine Gewinnstellung zu realisieren. Der Weltmeister konnte damit wieder den Anschluss im Turnier herstellen und möglicherweise auch zu seiner normalen Spielstärke zurückfinden. Hinterher war Kramnik jedenfalls erleichtert und froh, aber auch sehr müde. „Ich möchte jetzt am liebsten schlafen gehen. Denn am Montag steht meine schwere Schwarzpartie gegen Peter Leko an“, beschrieb er uns seine Gefühle.


Kramnik besiegt Topalow

Der Ungar hatte einen glänzenden Start, verlor aber am Sonntag überraschend gegen den Dortmunder Arkadij Naiditsch, der auch in diesem Jahr nicht gewillt ist, nur Punktelieferant der Großen zu sein. Nachdem sich der 19-jährige Lokalmatador großen Stellungsvorteil erarbeitet hatte, ließ er sich im Damenendspiel mit einem Mehrbauern nicht mehr vom Gewinnweg abbringen. Genau wie Naiditsch sorgen hier mit den Dortmund-Neulingen Loek van Wely und Peter Heine Nielsen (Dänemark) zwei weitere Außenseiter für Paukenschläge. Dieses Trio führt nach Runde 3 mit je 2 Punkten überraschend die Tabelle an, erst dann folgen mit je 1,5 die etablierten Stars Kramnik, Leko, Adams und Swidler. Es bleibt spannend in Dortmund.


Arkadij Naiditsch sorgt für Schlagzeilen

Während die Großmeister bei hohen Temperaturen am ersten Turnierwochenende im Schauspielhaus über ihren Zügen brüteten, gingen Jordanka Micic und ihr Lebensgefährte Robert Belic ins Rathaus und ließen sich trauen. Die Internationale Meisterin betreibt seit vielen Jahren die bekannte Schach-Szenekneipe „Bisplinghof“ in Dortmund, wo alle Schachgrößen schon mal vorbeigeschaut haben. Wir gratulieren und wünschen dem Paar alles Gute! Tags darauf kam Jordanka schon wieder ins Schauspielhaus, um die Partien der Kollegen live zu verfolgen. Mehr Interesse am Schach kann man nun wirklich nicht zeigen!


Jordanka Micic - nach der Hochzeit zum Schach

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer




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