Drei Bücher aus Olmütz

von André Schulz
09.07.2020 – Vlastimil Fialas zweite Liebe, neben seinen Aufgaben als Professor für Politikwissenschaft, gilt der Schachgeschichte. In seinem Moravian Chess Publishing House veröffentlicht er in verschiedenen Reihen schachhistorische Publikationen von erstaunlicher Tiefe.

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Das Moravian Publishing House

Der Moravia Schachverlag in Olmütz oder tschechisch Olomouc widmet sein Verlagsprogramm der Pflege der Schachgeschichte. Hinter dem Verlag steckt Vlastimil Fiala. Eigentlich ist Fiala Professor für Politikwissenschaft, 1959 geboren und nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Grafiker, Maler und Kunsthistoriker (1920-1993). Prof. Dr. Fiala studierte Geschichte und Philosophie und promovierte 1985 in Geschichte an der Palacky Universität Olomouc. Er arbeitete als wissenschaftlicher Assistent, dann als Dozent an den Universitäten in Prag und Olomouc mit dem Spezialgebiet Orientalistik und Neuere Afrikanische Geschichte. Seit 2006 ist er Dozent für Afrikanische Studien an der Universität von Hradec Kralove (Königsgrätz). Im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere hatte Vlastimil Fiala eine Reihe von Forschungsaufträgen und übernahm Gastprofessuren an Universitäten England, den Niederlanden, USA und Ghana.

Neben seinen Aufgaben als Wissenschaftler und  Dozent ist Prof. Fiala journalistisch aktiv und war und ist Mitarbeiter in den Redaktionen von "International Comparative Law Review (seit 2003), Politologické revue (2003 to 2017), Současná Evropa (2008 to 2017) und Modern Africa: Politics, Society and History (seit 2013). 

Schachgeschichte als Wissenschaft

Seine zweite Liebe gehört jedoch dem Schach, genauer der Schachgeschichte. Hier forscht Prof. Fiala mit der gleichen wissenschaftlichen Genauigkeit wie in der Politikwissenschaft und veröffentlicht seine Ergebnisse vor allem im eigenen Verlagsprogramm. Von 1991 bis 1997 war Fiala Redakteur des Czechoslovak Chess Bulletin. 1998 übernahm er diese Aufgabe beim Magazin Chess Monthly und seit 1999 ist er Redakteur und Herausgeber des Periodikums Quarterly for Chess History, das vierteljährlich Artikel, Beiträge und Partien zur Schachgeschichte veröffentlicht. 

Zu Fialas bedeutenden Buchveröffentlichungen zur Schachgeschichte gehört unter anderem die mehrbändige Biografie über die Schachkarriere von Marcel Duchamp, außerdem mehrbändige Biografien zu Alexander Aljechin und Mikhail Botvinnik.

Wer sich also einmal etwas vom schnelllebigen Tagesgeschehen im Schach lösen möchte, der findet im Verlagsprogramm vom Moravian Chess ausgezeichneten und erhellenden Lesestoff. Zu den jüngeren Publikationen gehören drei kleine Bände, zwei Biografien und ein Turnierbuch, die sich auf zeitgenössische, den meisten Schachfreunden unzugängliche Quellen stützt.

George Henry Mackenzie

Die umfangreichere der beiden Biografien, 164 Seiten stark, hat die Schachkarriere von George Henry Mackenzie zum Inhalt. Mackenzie wurde 1837 in Schottland geboren, war Berufssoldat und ein recht talentierte Schachspieler. 1862 gewann er in London ein Handicap-Turnier und schlug dabei Adolf Anderssen, wobei Anderssen allerdings den Bauern f7 vorgab, mit 2:0. Als Teilnehmer der Sessionskriege ging Mackenzie in die USA. Nachdem er 1865 wegen Fahnenflucht degradiert und entlassen wurde, betätigte sich Mackenzie als Berufsschachspieler und hatte bemerkenswerte Erfolge. Er lebte inzwischen in New York und galt in der Nachfolge von Paul Morphy seit 1866 als bester Spieler der USA. 

Fialas Monografie konzentriert sich allerdings einzig und allein auf Mackenzies Schachaktivitäten des Jahres 1870 (!). Die intensive, aber nur ausschnittsweise Betrachtung eines historischen Schachspielers und seiner Karriere ist das Konzept der neuen Verlagsserie "Great Chess Player's Career". 

So setzt dieses Buch am Neujahrstag des Jahres 1870 ein, den George Mackenzie mit anderen Schachfreunden im "Europe Chess Room" erlebt. Das Jahr 1870 markiert in New York und den USA den Beginn eines größeren Schachbooms mit vielen Aktivitäten, an denen auch Mackenzie beteiligt intensivwar. Aus den Schachaktivitäten von George Mackenzie im Jahr 1870 sind 52 Partien erhalten und in diesem Buch in kommentierter Form abgedruckt. Die Partienotationen werden von ausführlichen einleitenden Texten begleitet, in denen die Gelegenheiten und Umstände beschrieben werden, unter denen die Partien gespielt wurden. Auch Tabellen gibt es.

Vlastimil Fiala setzt mit diese Abschnittsbiografie ein wirklich großes Vergrößerungsglas auf einen relativ kurzen Zeitabschnitt - ein Jahr. Aber es ist ganz erstaunlich, wie viel es hier zu berichten gibt. Spannend und erbaulich.

George Henry Mackenzie: Third US Chess Champion, 1870

19 Euro

Arthur Towle Marriot

In einer anderen Serie zu historischen Schachspielern hat Fabrizio Zavatarelli sich der (ganzen) Schachkarriere von Arthur Towle Marriott gewidmet. Während einigen historisch interessierten Schachfreunden der Name von Mackenzie vielleicht noch einigermaßen geläufig ist, ist die Zahl derjenigen, die auch schon einmal etwas von Marriott gehört haben, vermutlich sehr gering. Er war zu seiner Zeit ein recht bekannter Spieler, wurde aber mehr oder weniger vergessen, was sicher daran liegt, dass sein Leben schon in sehr jungen Jahren endete. 1859 geboren starb Arthur Marriott bereits im Alter von nur 24 Jahren an einer Lungentzündung, Folge einer Tuberkulose, die er sich wohl 1880 zugezogen hatte - ein tragisches Schicksal.

Da Arthur Marriott jedoch Schach gespielt hat, hinterließ er in den wenigen Jahren, die er dazu Zeit hatte, eine ansehnliche Reihe von Partien. Die Partiensammlung des 150-Seiten starken Buches umfasst Partien der Jahre 1876 bis zum Todesjahr 1884. Arthur Marriott stammte aus einer bekannten Familie in Nottingham und außer ihm spielten noch eine Reihe weiterer Familienmitglieder Schach und waren für ihre Spielstärke bekannt. Sein Bruder Edwin war der beste Spieler von Nottinghams, als er dem 15-jährigen Arthur das Spiel beibrachte. 

Arthur Marriott nahm an Städtewettkämpfen teil. Er spielte Fernschach, freie Partien und gab auch Blindschach-Simultanvorstellungen. Fabrizio Zavatarelli ist es tatsächlich gelungen 152 Partien des heute unbekannten Meisters zu sammeln und in diesem Buch kommentiert zu veröffentlichen. Was an biografischen Informationen zu finden war, hat der fleißige Autor ebenfalls hinzugefügt. Ein unterhaltsames Buch, das den Leser über das Schach mit einem jungen Menschen in einer ganz anderen Zeit verbindet. 

The Gloomy Fate and Romantic Chess of Arthur Towle Marriott

19 Euro

The Meeting of the British Chess Association at Cambridge 1860

Das dritte Büchlein ist ein kleines Turnierbuch über ein Meeting der jungen British Chess Association. Dieses fand vom 28. August bis 1. September 1860 in Cambridge im Red Lion Hotel statt. Es war das achte Meeting in der Geschichte des BCA. Dieser Kongress diente dem Austausch und der Geselligkeit, aber natürlich wurden Schachturniere, ein Einzelturnier und Mannschaftskämpfe, und auch ein Problemturnier durchgeführt. Auch Vorträge der anwesenden Meister über verschiedene Aspekte des Schachs gehörten zum Programm. Ebenso Simultanvorstellungen. 

Howard Staunton wollte eigentlich am Turnier teilnehmen, war aber zunächst in London unabkömmlich und traf erst später ein. Er maß sich mit den anderen Spielern in freien Partien. Das Turnier, in Wettkämpfen im K.o.-System ausgetragen, endete mit einem Sieg von Ignaz Kolisch.

Das Büchlein umfasst 60 Seite, enthält 29 kommentierte Partien, dazu Aufgaben des Problemturniers und öffnet zum kleinen Preis (9 Euro) ein Fenster in den Schachsommer 1860 in Cambridge.

The Meeting of the British Chess Association at Cambridge 1860

9 Euro

Webseite von Moravian Chess...



Themen: Buchrezensionen

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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