Drei Medaillen für deutsche Schachboxer bei Weltmeisterschaft in Antalya

von Pressemitteilung
25.11.2022 – Bei der Schachbox-Weltmeisterschaft, die letzte Woche in Antalya stattfand, gewannen deutsche Schachboxer dreimal Edelmetall. Sandra Schmidt beobachtete das Geschehen aus nächster Nähe und hat für den Deutschen Schachbund einen Bericht verfasst. | Foto: Silber für Juliana Baron (li.) und Gold für Alina Rath (re., Foto: Sandra Schmidt)

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Von Sandra Schmidt (Referentin für Breiten- und Freizeitsport im DSB)

Schachbox-WM: Bronze, Silber und Gold in Antalya

Vom 12. bis 17. November trafen sich die besten Schachboxerinnen und Schachboxer der Welt in Antalya. Bei der WM in dieser noch sehr jungen Sportart gingen fünf Athletinnen und Athleten aus Deutschland an den Start. Und das überaus erfolgreich: Ganze vier Medaillen konnte die deutsche Delegation mit nach Hause bringen! DSB-Breitenschachreferentin Sandra Schmidt stellt die Sportart Schachboxen vor und berichtet von der WM:

Vor wenigen Monaten berichtete ich über eine Community aus Köln, die sich mehrmals wöchentlich zum Schach spielen am Grüngürtel trifft. Am Ende des Berichts stand in einem kleinen Nebensatz, dass eine Einladung zur Schachbox-WM vorliege. Und nun, nach weiteren 5 Monaten, darf ich von Bronze, Silber und Gold in Antalya berichten.

Bevor der Flieger nach Antalya startete, lud mich Denno Probst zu einem Schnuppertraining nach Köln in die Trainingshalle von „Noch3Functionaltraining“ ein. Jeden Dienstag wird hier die Halle für die Schachboxer kostenlos zur Verfügung gestellt und ab und zu geht es auch in die Fight Lounge in Dortmund. Ich bin recht sportaffin, renne einmal im Jahr einen Marathon, mehrmals jährlich einen Halbmarathon und mach auch vor 100 km Wanderungen in 24 Stunden keinen Halt. Auch an diesem Wochenende, vor dem Training, hatte ich bereits eine 100 km Wanderung hinter mir. Das ist jedoch nur ein kleiner Grund, warum ich selbst das Schachboxtraining als sehr intensiv empfunden habe. Nach einer Aufwärmrunde kamen kleine Übungen des Fokustrainings mit einem Partner hinzu. Wer sich auf die Schulter tippen lässt, muss Liegestütze machen. Danach kamen die Boxhandschuhe zum Einsatz. Eine Boxrunde dauerte 3 Minuten und dann ging es ans Brett. Ich habe noch nie in meinem Leben so verschwitzt am Brett gesessen. Es gibt Phasen, da konzentriere ich mich auf Ausdauersport und es gibt Phasen, da fokussiere ich mich auf Schach. Aber Schach mitten im physischen Trainingsprozess ist eine ganz andere Situation. Man spürt förmlich, wie die geminderten kognitiven Fähigkeiten den eigentlichen Spielverlauf nun auf eine komische Art und Weise beeinflussen. Die Partie ging verloren für mich. Als kultivierte Schachspielerin habe ich natürlich eine Ausrede parat: Intervalltraining ist anstrengend und ich war nicht in Form.

Training auch am Brett

Nichtsdestotrotz möchte ich jedem empfehlen, der Interesse daran hat, sich auszupowern, es schätzt, in guter Gesellschaft zu sein und schachaffin ist, diesen Sport einmal auszuprobieren. Kontaktdaten finden sich am Ende des Berichtes.

Die 4. Schachbox-WM fand dieses Jahr vom 12.-17.11 in Antalya statt. Für Deutschland gingen zwei Clubs mit zunächst fünf Kämpferinnen und Kämpfern an den Start - Chessboxing Cologne und Chessboxing Berlin.

Insgesamt bestand die deutsche Delegation aus:

Denno Probst (90kg, Chessboxing Cologne)
Marc Meier (85kg, Chessboxing Cologne)
Hasan Celik (80kg, Chessboxing Cologne)
Alina Rath (70kg, Chess Boxing Club Berlin)
Juliana Baron (65kg, Chess Boxing Club Berlin)
Mark Buchforst (Trainer, Chessboxing Cologne)
Josef Gallert (Chess Boxing Club Berlin)

Sandra Schmidt und Denno Probst, Foto: Gregor Johann

Im Interview erklärte Denno mir, dass Schachboxen noch eine sehr junge Disziplin ist. Erst zum vierten Mal gab es eine Weltmeisterschaft und es sei die erste nach den Anfängen von Corona gewesen. Am ersten Tag fand das Wiegen statt. Alle Kämpferinnen und Kämpfer wurden auf einer Haushaltswaage (!) gewogen und final den entsprechenden Klassen zugeordnet. Anschließend kam es in einem Meeting zu einem eher undurchsichtigen Auslosungsverfahren. Zum Beispiel wurden die gezogenen Nummern nicht für die Gegnerzuordnung genutzt. Denno entschied sich aufgrund der Intransparenz, nicht aktiv am Wettkampf teilzunehmen. Mit diesem Statement und dem zukünftigen Wunsch nach mehr Transparenz, verabschiedete sich Denno von der Hoffnung, einen Weltmeistertitel zu erlangen. Dies ist ihm sichtlich schwergefallen, denn die Chancen waren durchaus real und greifbar. Stattdessen übernahm er nun die Trainerrolle von Chessboxing Cologne. Mark Buchforst, der eigentliche Trainer von Chessboxing Cologne, übernahm dafür die Trainerrolle von Chessboxing Berlin.

Wie läuft so ein Schachboxkampf eigentlich ab?

Ein Kampf besteht aus insgesamt 5 Runden, wobei Schach und Boxen alternierend ausgeführt werden. Gestartet wird mit Schach. Eine Runde Schach sowie eine Runde Boxen dauern je 3 Minuten. Jeder Spieler hat auf seiner Uhr 4:30 Minuten ohne Inkrement. Gewinnen kann man wie üblich beim Schach entweder durch Schachmatt, Aufgabe, durch irreguläre Züge des Gegners (2 pro Runde, 4 pro Partie) oder auf Zeit und beim Boxen entweder durch K.O. oder durch Anzählen (2x pro Runde o. 3x während des Kampfes). Insgesamt nahmen mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus neun Nationen in drei unterschiedlichen Gruppen (adult men, adult women, male junior), welche wiederum in unterschiedliche Gewichtsklassen unterteilt wurden, teil. Eine Teilnehmerliste mit genaueren Angaben gibt es nicht.

Gold für Alina Rath

Als ehemalige Deutsche Blitzmeisterin im Schach ließ sie ihrer Gegnerin in der ersten Runde nicht den Hauch einer Chance. Kommentator FM Carl Strugnell, der selbst passionierter Schachboxer ist, fragte Alina nach dem Kampf, ob sie zufrieden sei, dass es nicht zum Boxkampf gekommen ist. Daraufhin antwortete Alina „Als Schachspielerin nehme ich das einzügige Matt gerne mit und lasse es nicht darauf ankommen“. Im Interview verriet mir Alina, dass die Boxvideos ihrer indischen Gegnerin Kushi Lakra schon einen aggressiven Eindruck erweckten: „Natürlich kann dies nur ein psychologischer Trick sein, der einen aus der Fassung bringen soll, aber vielleicht auch eben nicht.“

Ein Interview von Schachgeflüster mit Alina Rath und Josef Galert gibt es hier: #21 | Weltmeisterin im Schachboxen | Alina Rath - Schachgeflüster (schachgefluester.de).

Spannend wurde es in der Runde zwischen Doğukan Çınar (Türkei) und Marc Meier.

Die 1. Runde im Schach verlief wie folgt:

 

Im 22. Zug stand Marc Meier bereits überragend auf dem Brett. Er ist offensichtlich der bessere Schachspieler und muss nun in den Ring. Hier wird deutlich, dass Doğukan Çınar sich jetzt in seinem Element bewegt. Mit geschickten Manövern zeigt er Marc Meier seine Grenzen auf und Meier wurde sogar das erste Mal angezählt.  Für einen K.O. sollte es aber in den 3 Minuten nicht reichen. Erschöpft, verschwitzt und mit voller Adrenalin ging es zurück ans Brett. Am Ende der 3. Runde fehlten Marc Meier lediglich 2 Züge bis zum Matt. Sollte er die nächste Boxrunde irgendwie überstehen, könnte er weiter um den Weltmeistertitel kämpfen. Doğukan Çınar teilte ordentlich aus und Marc Meier wurde ein weiteres Mal vom Schiedsrichter angezählt. Nur noch 10 Sekunden und dann ist die Runde vorbei. 10…, 9…, 8…, 7…,  6…, 5… und hier wird Marc ein weiteres Mal angezählt. Eigentlich sollte der Kampf an dieser Stelle beendet sein. Hier gab es eine weitere intransparente und dubiose Entscheidung des Schiedsrichters. Nach kurzer Beratung entschied man sich für eine Verlängerung um eine Minute des Boxkampfes. Wenn Marc diese übersteht, kann er immer noch sein 2-zügiges Matt auf das Brett bringen. So weit kam es leider nicht. In der letzten Minute zog er sich noch eine gebrochene Nase zu. Es war unglaublich knapp, Doğukan Çınar wurde am Ende verdient zum Weltmeister ernannt, aber beide Kämpfer können sehr stolz auf sich sein.

Weitere Medaillen gab es für Juliana Baron (Silber) und Hasan Celik (Bronze). Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle an alle Medaillengewinner!

Denno Probst betonte, dass die Türkei ein guter Ausrichter für dieses Event war. Ein 5-Sterne Hotel direkt am Strand besitzt alles, was das Schachboxerherz begehrt. Eine perfekte Atmosphäre, um Menschen aus aller Welt kennen und schätzen zu lernen. Denno Probst ist der festen Überzeugung, dass Sport das perfekte Kommunikationsmittel ist, um zueinander zu finden.

Competition, Kooperation und Wachstum sind die Stichworte, die in unserm Treffen immer wieder gefallen sind.  Schachboxen ist noch eine sehr junge Disziplin und wurde im Jahr 2003 von Iepe Rubingh geboren. Dadurch fehlt es bislang noch an internationalen Standards und Transparenz. Hier gibt es in den kommenden Jahren noch viel Verbesserungsbedarf. Aber wie bei jeder Disziplin wird sich auch hier mit jedem Wettkampf der Sport und dessen Regelwerk mit Standards entwickeln und stetig verbessern.

Es ist noch nicht ganz offiziell, aber voraussichtlich wird Italien der nächste Ausrichter für die Schachbox-WM 2023 sein. Bis dahin haben unsere Schachboxerinnen und Schachboxer noch viel Zeit, sich in weiteren Events zu beweisen und die Community zu erweitern. Wer selbst mal am Training teilnehmen möchte, der sendet einfach eine Mail an breitenschach@schachbund.de und bekommt einen Kontakt vermittelt.

Live-Video von der Veranstaltung

Bericht beim Deutschen Schachbund...


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