Drei Weltmeisterschaften in London

von André Schulz
17.11.2018 – Das Match zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana ist schon die vierte Schachweltmeisterschaft, die in London stattfindet. 1986, 1993 und 2000 wurde in der englischen Hauptstadt bereits um den Titel gespielt. | Foto: Ben Bartels

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Die Weltmeisterschaften in der Schachstadt London

London spielt in der Geschichte des modernen Turnierschachs eine herausragende Rolle, denn hier fand 1851 das erste große internationale Schachturnier statt. Der Shakespeare-Forscher Howard Staunton, gleichzeitig einer der weltbesten Schachspieler, organisierte es, lud die besten Spieler der Welt ein und hatte eigentlich sich selber als Sieger vorgesehen. Es gewann dann aber der Breslauer Gymnasiallehrer Adolf Anderssen.

In der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts war London ohne Zweifel die Hauptstadt der Schachwelt mit unzähligen Top-Turnieren. Viele Berufsspieler schlugen hier ihre Zelte auf, darunter Wilhelm Steinitz, der erste offiziell so genannte Schachweltmeister und auch sein Nachfolger Emanuel Lasker. Dann verlagerte sich das Zentrum der Schachwelt mehr und mehr in die USA. Die beiden Weltkriege hatten England wirtschaftlich stark geschwächt und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurden kaum noch bedeutende Schachturniere auf britischem Boden organisiert, auch weil es keine englischen Weltklassespieler gab.

In den 1970er Jahren begann sich dies zu ändern. Der englische Millionär und Schachmäzen James Slater hatte 5000 Pfund ausgelobt für den ersten Engländer, der den Großmeistertitel gewinnen würde. Anthony Miles gelang dies und mit seinen Erfolgen wurde Schach in England wieder populärer. Zweiter englischer Großmeister wurde kurz danach Raymond Keene.

Als Garry Kasparov seinen Angriff auf den Weltmeistertitel unternahm, sollte er 1983 in den so genannten Kandidatenkämpfen gegen den Dissidenten Viktor Kortschnoj spielen. Als Austragungsort war Pasadena, USA, vorgesehen, doch die Sowjets wollten ihren Spieler nicht in den USA antreten lassen. Kasparov fühlte sich ausgetrickst und lärmte. Sein Mentor Heydar Aliev, erst KGB-Chef in Aserbaidschan, dann Mitglied im Politbüro, kam ihm zu Hilfe und sorgte dafür, dass der Kandidatenkampf gegen Kortschnoj doch noch zustande kam – in London.

Raymond Keene, inzwischen als Funktionär im Weltschachbund unterwegs, spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. 1984 trat Kasparov dann gegen Weltmeister Karpov an. Da der Wettkampf kein Ende nahm, weil keiner der Spieler die erforderliche Anzahl von sechs Partien gewinnen konnte, wurde das Match vom damaligen FIDE-Präsidenten Campomanes abgebrochen und mit veränderten Regeln neu angesetzt. Nach 24 Partien hatte Kasparov das Wiederholungsmatch mit 5:3 bei 16 Remisen gewonnen und war der neue Weltmeister. Allerdings besaß der entthronte Weltmeister Karpov nach damaligem Reglement ein Revancherecht und so musste Kasparov seinen gerade gewonnenen Titel  schon gleich wieder verteidigen, so sehr er sich auch dagegen sträubte.

London, erneut mit Raymond Keene als Organisator, war Gastgeber der ersten Hälfte dieses Revanchematches. Die zweite Hälfte wurde in Leningrad gespielt. Es war das erste Mal überhaupt, dass zwei sowjetische Schach-Großmeister einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft außerhalb der Sowjetunion spielten. Möglich war dies, weil seit der Machtübernahme durch Michail Gorbatschov 1985 in der Sowjetunion ein neuer Wind wehte. Entsprechend groß war das Interesse im Westen.

Der Wettkampf wurde am 27. Juli 1986 feierlich im Prince Edward Theatre eröffnet, wo seit der Uraufführung am 16. Mai des gleichen Jahres das Musical „Chess“ von Tim Rice gezeigt wurde. Die Musik dafür hatten die Abba-Musiker Benny Andersson und Björn Ulvaeus komponiert. Tim Rice choreografierte auch die Eröffnungsfeier des Schachweltmeisterschaftskampfes. Die Feier soll 100.000 Pfund gekostet haben. Prominenter Ehrengast war die englische Premierministerin Margret Thatcher. Sie begrüßte die Teilnehmer mit einer Rede und nahm später die Auslosung der Farben vor. Die Partien wurden im Park Lane Hotel gespielt, einem 1927 eröffneten Haus im Art Deco Stil am Piccadilly gegenüber vom Green Park.

 

An jedem Spieltag bildeten sich vor dem Eingang lange Schlangen mit Schachfreunden, die für Eintrittskarten anstanden. Nach zwölf Partien führte Kasparov mit 2:1 nach Siegen. Die Spieler zogen nun nach Leningrad um. Am Ende gewann Kasparov diesen Revanche-Wettkampf mit 12;5:11,5. Ihr Preisgeld mussten die Spieler übrigens für die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe spenden. Das Kernkraftwerk in der Ukraine war am 26. April 1986 in die Luft geflogen.

Karpov-Kasparov | Foto: Kasparov

1993 kehrte Garry Kasparov nach London zurück. 1987 und 1990 hatte er zwei weitere WM-Kämpfe gegen Karpov spielen müssen. 1993 qualifizierte sich mit Nigel Short endlich jemand anderes als Herausforderer. Im Streit mit dem Weltschachbund um die Höhe der Preisgelder beschlossen Short und Kasparov den WM-Kampf ohne Beteiligung der FIDE zu spielen. Wieder war Raymond Keene der Organisator. Hauptsponsor war die Times, in der Keene eine Schachkolumne hatte. Kasparov und Short hatten vor ihrem WM-Kampf eine „Professional Chess Association“ gegründet, mit deren Hilfe sie die Schachweltmeisterschaften nun "viel professioneller" durchführen wollten. Die Organisation erwies sich dann aber jedoch als recht kurzlebig.

Der Wettkampf wurde vom 7. September bis 21. Oktober 1993 im alten Savoy Theatre am Trafalgar Square gespielt und verlief ziemlich einseitig. Zur 7. Partie am 21. September 1993 besuchte Lady Diana den Wettkampf. Vor der Partie wünschte sie Nigel Short persönlich viel Glück. Dann schaute sie der Partie in der königlichen Loge zu. Kasparov hatte sich so sehr auf die Partie konzentriert, dass er vom Besuch der Prinzessin überhaupt nichts bekommen hatte. Die guten Wünsche der Princess of Wales für Nigel Short halfen nicht. Zu ungleich waren die Kräfteverhältnisse. Kasparov gewann an diesem Tag bereits seine vierte Partie.

 

Nach 20 von eigentlich 24 angesetzten Partien war Kasparov bei sechs Siegen und einer Niederlage nicht mehr einzuholen und der Wettkampf endete vorzeitig.

Sieben Jahre vergingen, dann spielte Kasparov in London einen weiteren Wettkampf um die Weltmeisterschaft – seinen letzten. Vom Glanz vergangener Tage war nicht mehr viel übrig geblieben. Der Streit von Kasparov mit der FIDE hatte dem Ansehen des Profischachs geschadet. Die FIDE und Kasparov führten rivalisierende Weltmeisterschaften durch und verwirrten damit die Öffentlichkeit. Die Schachwelt war geteilt. Es war schwierig geworden Sponsorengelder zu beschaffen.

Wieder war es Raymond Keene, der als Organisator für die Finanzierung sorgte. Kasparovs Gegner war nun sein junger Landsmann Wladimir Kramnik. Die Schachweltmeisterschaft 2000 wurde in den Riverside Studios im Londoner Stadtteil Hammersmith gespielt. 1933 ursprünglich als Filmstudio eröffnet hatten die Riverside Studios schon eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Das BBC produzierte nach dem Krieg hier TV-Sendungen. 1980 inszenierte Samuel Beckett, auch ein großer Schachliebhaber, hier seine Stücke „Endgame“ und „Waiting for Godot“. Zeitweise wurde das Haus als Kino genutzt.

Als Kasparov und Kramnik hier ihren Wettkampf spielten, war das Haus schon etwas heruntergekommen.

Riverside Studios in Hammersmith, Blick von der Themse | Foto: Ben Bartels

Riverside Studios, Eingang | Foto: Ben Bartels

Keene gründete für den Wettkampf eine eigene Firma, „Braingames“, und glaubte mit einer exklusiven Live-Übertragung der Partienotationen der WM-Partien im recht neuen Medium „Internet“ reich zu werden. Einige britische Investoren glaubten das auch. Doch 2000 hatten noch nicht viele Schachfreunde dieses „Internet“ und das von Braingames beanspruchte exklusive Recht an der Partienotation ließ sich juristisch nicht durchsetzen. Der Preisfonds für die beiden Spieler war mit 2 Mio. Dollar aber noch recht ansehnlich.

Im Match gegen den jungen Kramnik war Kasparov dann überraschenderweise völlig chancenlos. Kasparov hatte seinen Zenit überschritten. Kramniks „Berliner Verteidigung“ erwies sich für Kasparov als unüberwindbar und erhielt in Schachkreisen deshalb nun den Spitznamen „Berliner Mauer.“ Der Titelverteidiger konnte nicht eine einzige Partie gewinnen, verlor aber zweimal. Kramnik wurde der 14. Schachweltmeister. Kasparov zog sich fünf Jahre später vom Profischach zurück.

 

 

 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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