"Duell"

von Johannes Fischer
07.02.2014 – Im Sommer 1972 ist Reykjavik voller Agenten - der Schachwettkampf zwischen Spassky und Fischer beginnt. Da wird ein Junge erstochen, der gerne im Kino mit seinem Kassetten-Rekorder Dialoge von Filmen mitschnitt. Hat er etwas aufgenommen, was niemand hören sollte? Der WM-Kampf liefert die Kulisse für einen Krimi. Johannes Fischer hat ihn gelesen. Mehr...

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Schach-WM im Krimi: „Duell“ von Arnaldur Indridason


Reykjavik im Sommer 1972. Kurz vor Beginn der Schach-WM zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer entdeckt man im kleinen Kino Hafnarbíó am Ende der Nachmittagsvorstellung die Leiche eines 15-jährigen Jungen. Er wurde erstochen. Doch wer tötet einen unschuldigen Jungen? Im Laufe ihrer Ermittlungen erfahren Kommissarin Marian Briem und ihr Mitarbeiter Albert, dass der Junge gerne ins Kino ging, um dabei die Geräusche und Dialoge der Filme auf einem kleinen Kassettenrekorder mit Mikrofon aufzunehmen. Zufällig wohl auch etwas, das er nicht hätte hören sollen, das geheim und gefährlich war. So führt die Suche nach dem Mörder zu den zahlreichen amerikanischen und sowjetischen Geheimdienstmitarbeitern und Politikern, die sich wegen des WM-Kampfs in Reykjavik aufhalten.



Arnaldur Indridason, Jahrgang 1961, war früher Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung und gilt heute als der erfolgreichste Krimiautor Islands. In Duell folgt er den klassischen Regeln des Genres. Marian Briem und ihr Mitarbeiter befragen Tatverdächtige und Zeugen, sie suchen Spuren, Motive und Anhaltspunkte, verdächtigen und gehen in die Irre. Unspektakulär, aber fesselnd.

Zugleich erzählt Indridason in Rückblenden die Geschichte der Kommissarin Marian Briem, die er bereits in vorherigen Romanen auf Mörderjagd geschickt hatte. Marian ist das uneheliche Kind des ältesten Sohnes einer reichen isländischen Familie und Dagmar, einer Angestellten dieser Familie, die nach Geburt der Tochter vom Hof gejagt wurde. Als Marian drei ist, stirbt ihre Mutter bei einem Unfall, und Athanasius, Faktotum auf dem Hof der Familie, nimmt sie zu sich und kümmert sich um das Kind, auf das noch weitere Schicksalsschläge warten. Marian erkrankt an Tuberkulose und muss in ein Lungensanatorium, in dem sie immer wieder erlebt, wie andere Kinder, Freunde und Freundinnen, qualvoll sterben.

Den Kontrast zu dieser tragischen Lebensgeschichte und der Fahndung nach dem Mörder des Jungen bildet der geschickt in die Handlung integrierte Weltmeisterschaftskampf zwischen Fischer und Spasski, den die Weltpresse zum Kampf der politischen Systeme stilisiert, und der durch die endlosen Eskapaden und Launen des Herausforderers Fischer sowie den Langmut und die Geduld des Titelverteidigers Spasski geprägt wird. Immer wieder wird der Wettkampf im Verlauf der Geschichte erwähnt und er beeinflusst die Fahndung nach dem Mörder, nicht zuletzt, weil die Polizei zu wenig Personal hat, da alle verfügbaren Polizisten für den Personenschutz von Fischer und Spasski abgestellt werden. Und weil der Mord mit dem Schachwettkampf zusammen hängen könnte. So spekulieren die Ermittler kurzzeitig, dass Fischer Opfer einer sowjetischen Verschwörung werden könnte oder die im Hinterzimmer ausgetragene berühmte dritte Partie des Wettkampfs, Fischers erster Sieg gegen Spasski überhaupt, eigentlich gar nicht stattgefunden hat.


Fischer und Spasski haben sogar einen Kurzauftritt in dem Roman, Fischer beim nächtlichen Bad im Hotel-Swimmingpool, Spasski bei einem Restaurantbesuch. Und während sich die beiden Schachgroßmeister ein Duell liefern, das die Welt bewegt, obwohl es eigentlich nur um die Frage geht, wer besser Schach spielt, kommen die Kommissare dem Mörder immer näher und verfangen sich dabei in den politischen Wirrungen des Falls. Als der Wettkampf zwischen Fischer und Spasski mit der dramatischen und entscheidenden 13. Partie seinen Höhepunkt erreicht, kommt es auch bei der Jagd nach dem Mörder zum Showdown.

Das Nebeneinander dieser drei Handlungsstränge erlaubt es Indridason, Fragen zu stellen, die weit über die Schilderung der Suche nach dem Mörder hinausgehen: Was bedeutet Menschlichkeit, was zählt im Leben, vertraut man seinen Mitmenschen, wie weit geht man für eine Idee oder die Liebe, was bedeuten Freundschaft und Loyalität? Sogar die Frage nach der Existenz Gottes taucht auf. Die beantwortet Kommissarin Marian Briem mit dem rätselhaften Satz „Es ist leichter an Gott zu glauben, wenn man weiß, dass er nicht existiert“.

Indridason integriert diese existenziellen Fragen unauffällig in die Handlung seiner Geschichte und macht Duell so zu einem gut erzählten, spannenden Roman, der mehr ist als ein routiniert geschriebener Krimi.

Doch als Schachspieler ist man Kummer gewohnt und stolpert bei der Darstellung des Schachspiels in Film und Literatur immer wieder über „Königinnen“, die eigentlich „Damen“ heißen müssten, die fortwährende Verwechslung von „Matches“, „Wettkämpfen“ und „Partien“, von falsch aufgebauten Brettern, absurden Partiestellungen, unmöglichen Zügen, kuriosem Zeitverbrauch, Weltmeistern, die ziehen, als hätten sie noch nie einen Springer in der Hand gehabt, sowie schachhistorischen Ungenauigkeiten ganz zu schweigen. Doch auch hier zeigen sich Indridason und seine Übersetzerin Coletta Bürling als sattelfest – von einigen kleinen Ausrutschern abgesehen.

Zum Beispiel scheint auf Seite 313 bei der Schilderung der 13. Partie des Wettkampfs Unklarheit über die unterschiedliche Bedeutung der Wörter „Partie“ und „Match“ zu herrschen, was zu folgender diffuser Beschreibung führt: „Alle waren sich einig, dass es in diesem Duell keine vergleichbar hochklassige Partie gegeben hatte, es sollte wohl ein historisches Weltmeisterschaftsmatch werden.“ Oder auf Seite 379, wo man lesen kann, wie die 13. Partie, die einen Tag zuvor als Hängepartie abgebrochen wurde, wieder aufgenommen wird und die typische Terminologie des zum Glück veralteten Brauchs von Hängepartien für Verwirrung sorgt: „Auf der Bühne saßen Boris Spasski und Bobby Fischer, anscheinend tief in Gedanken versunken. … Beide Duellanten hatten die Zeit genutzt, um über die Stellung nachzudenken, Bobby Fischer bis morgens um acht. Spasski hatte zwei Bauern weniger und nahm sich fünfundzwanzig Minuten Zeit, bevor er den nächsten Zug eingab.“

Aber diese kleinen Ungenauigkeiten sollte man nicht überbewerten. Schließlich zeigt der Roman, dass es wichtigere Dinge gibt als Schach, das in diesem spannenden und lesenswerten Roman geschickt als reizvolles Hintergrundmotiv genutzt wird.
 

Foto: Luebbe Verlag
 



Arnaldur Indridason: Duell
Übersetzung aus dem Isländischen von Coletta Bürling
Bastei Lübbe Verlag, 428 Seiten, 19,99 Euro
 

 

 



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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