Für das
Guinness-Buch der Rekorde
Von
Aljona Grafchikova
Über
das Aeroflot-Open redet man seit drei Jahren nur in Superlativen. Und warum
eigentlich auch nicht: die größte Fluggesellschaft der Welt organisiert im
größten Hotel der Welt das repräsentativste offene Schachturnier. Nun ist die
Zeit gekommen, um auf der Pressekonferenz vor Turnierbeginn Vertreter des
weltbekannten Guinness-Buch der Rekorde einzuladen. Genau dies machten dann auch
die Turnierorganisatoren in weiser Voraussicht...
Tradition entsteht unauffällig. Seit Jahren gehört der Monat Februar im
Schachkalender Linares. Keinem Organisator kam es bisher in den Sinn sich mit
diesem Turnier der Turniere messen zu wollen. Eigentlich eine hoffnungslose
Sache – dort wo Kasparov spielt, ist die Aufmerksamkeit der gesamten Presse
gerichtet, dorthin schauen alle Schachliebhaber. Doch Konkurrenz belebt das
Geschäft. Diesmal lag der „Aeroflot“ – Termin genau mit Linares zusammen – und
die Bitte, einen anderen Zeitpunkt zu wählen, kam keineswegs aus Moskau...
Gewisse Befürchtungen der Spanier sind nur zu verständlich, die Teilnahme von
150 GMs, egal was man über die Inflation des höchsten Schachtitel denkt, ist
doch einiges wert. Außerdem solch ein Turnier zu verlegen, dessen Termin sich
nach vielen europäischen Ligen richtet und des Opens in Capelle, ist eine
Aufgabe, die nur schwer zu lösen ist. Offen gesagt, die Organisatoren von
Aeroflot, hatten es auch nicht unbedingt nötig, sie zu lösen.
Dieses Mal verliefen die Vorbereitungen zum Turnier irgendwie ruhig, fast hätte
man denken können, dass die Organisatoren etwas übersättig waren. Ich erinnere
mich, mit welchem Eifer Bach und Co. das erste Aeroflot durchgeführt hatten,
welche Probleme sie lösen mussten, um solch ein großes Ereignis vorzubereiten,
es wurde damals viel improvisiert, die notwendige Erfahrung kam dann später. Wie
pompös, mit welch interessanten Neurungen, wie Scanner für Partieformulare oder
die Dortmund-Einladung für den Sieger, wurde das zweites Turnier durchgeführt.
Und
nun? Alle haben sich gewöhnt, haben entschieden, dass es besser als im vorigen
Jahr nicht mehr geht, und haben dann auf den Autopiloten umgeschaltet. Viele
Spieler haben sich dann auch abgekühlt, so als ob sie diese Laune mitbekommen
haben.
Und
jetzt ist „Aeroflot“ nicht mehr das große Schachfest, auch kein Roulett, wo
jeder sein Geld hinlegt, und nur einer die Bank knackt (um diese einmalige
Chance zu ergreifen, waren viele starke GM bereit ihre Rating und Geld zu
riskieren), jetzt ist es ein gewöhnliches Schachturnier geworden. Zweifellos ein
Turnier, dass viel besser organisiert ist, als einige andere Opens, doch aber
nichts besonderes. Deshalb haben Großmeister massenhaft ihre Teilnahme am
dritten „Aeroflot“ abgesagt. Spieler, die nicht nur die Anzahl der GMs noch
höher hätten machen können (fürs Guinness-Buch der Rekorde), sondern durchaus
auch um den ersten Preis hätten kämpfen können...


Doch
während der Eröffnungszeremonie waren keine Schatten auf den Gesichtern zu
sehen... Wahrscheinlich waren die Organisatoren mit ihren Gedanken schon in der
schönen Zukunft – z. B. die Organisation einer Reihe solch großer Open-Turniere
unter dem Sponsoring der größten Fluggesellschaften der Welt. Man munkelt, dass
Air France solch ein Wunsch schon geäußert hat. Die andere kommen dann
vermutlich auch bald da zu. Ist das nicht eine tolle Werbung für die ewige
Wanderer – die Großmeister? Und wir haben so viele Jahre die Köpfe zerbrochen,
wo kann man Geld für Schach finden?
Als
stummer Hinweis flog drei Meter über dem Parkett im „goldenen“ Bankett/Spielsaal
des Hotels „Rossija“, ein aus Hunderten von Luftballons geformtes Flugzeug.

Übrigens betraten wir etwas zu früh den Saal, in dem traditionell die
Eröffnungsfeier und die Auslosung statt findet, in dem die Tische voll mit
verschiedensten Leckereien sind, wo die Anzahl starker Spieler pro Quadratmeter
alle Normen überschreiten...
Gehen
wir zurück in den „Ankleideraum“, wo sich ein paar Minuten vor Zeremoniebeginn
ein richtiges Haifischbecken aus VIP´s gemischt mit Journalisten, Fotografen und
Fernsehleuten gebildet hat. Häufig wird genau hier, zwischen beiläufigen
Gesprächen und Visitenkartenaustausch, die große Politik, Schachpolitik
eingeschlossen, gemacht.

Worüber die beiden Alexander (Bach und Zukov) sprechen, ist ein Geheimnis.
Vermutlich etwas geschäftliches, die russische Schachföderation, und natürlich
auch ihr Direktor und Präsident, hat viele Sorgen. Vielleicht aber auch darüber,
wie glücklich sich die Föderation schätzen kann, die Organisation des „Aeroflot-Opens“
übernehmen zu können? Noch vor zwei Jahren hatten sie damit nämlich gar nichts
zu tun gehabt, und Bach war dem damaligen Föderationsdirektor Selivanov gar
nicht wohl gesonnen.

Zwei
andere bekannte Gesichter, Alexander Zurabov, dem die Gesellschaft „Aeroflot“
praktisch gehört und der Hauptschiedsrichter Gijssen, haben auch einiges zu
besprechen.

Und
um so mehr, wenn sich zu den anderen dreien noch der Hauptredakteur des „64 –
Schachmagazin“ Alexander Roschal, gleichzeitig Leiter des Pressezentrum, dazu
gesellt.
Auch
alle lebenden Weltmeister, ausgenommen der in Linares weilenden Kasparov und
Kramnik, und Fischer, der sich irgendwo im Land der aufgehenden Sonne in Luft
aufgelöst hat, waren hier.

Vasili Smyslov (mit Ehefrau Nadezda Andreevna), Anatoli Karpov...

...
Boris Spassky und auch der ewige Herausforderer Viktor Korchnoj.

Metaphysisch gesehen, war sogar Michail Tal hier, vertreten durch seine erste
Ehefrau Sali Lindau und Sohn Georgij (sie kamen nach Moskau um das neue Buch
„Elegie von Michail Tal“ zu präsentieren).
Es
wurde auch Lajos Portisch erwartet, er sollte selbst mitspielen, doch leider
vergeblich.
Die
Rolle der Vertreter der „königlichen Familien“ haben übernommen: Carsten Hensel
(als Manager von Kramnik und Leko) und der unersetzliche Helfer Iljumzinovs und
der FIDE, Berik Balgabaev.

Carsten Hensel (li.) und
Berik Balgabaev.
Diese
Herrschaften hatten den ganzen Abend etwas zu bereden, vermutlich haben sie sich
noch einmal den Frühling 2002 ins Gedächtnis gerufen.
Später wurden dann endlich die Türen des „goldenen“ Saals geöffnet und das
Publikum bekam das vertraute Bild zu sehen. Traditionell standen alle
Schiedsrichter mit strahlendem Lächeln in einer Reihe vor der Bühne.
Selbstverständlich in Uniformen von „Aeroflot“-Piloten.

Hinter ihnen, ebenso traditionell, die wichtigen Herrschaften. Ich weiß nicht,
ob es ein Sinn macht, noch einmal diese bekannten Gesichter zu nennen?!
Und
nach den ganzen Reden kam jemand auf die Bühne geflogen... Carlson. Ja ja,
genau der, nur ohne Motor, aber bei weitem nicht so mollig und erwachsen.

Das
norwegische Wunderkind Magnus Carlsen, der mit seinen 13 Jahren das C-Turnier in
Wijk aan Zee glänzend gewonnen hatte. Ein einfache Junge, der die ganze Zeit
steif da stand und vor Schüchternheit die Worte verschluckte, die er ansagte.

Ich
möchte anmerken, dass die Elo- Favoriten des Turniers, Vladimir Malakhov und
Alexej Dreev, dieses Prozedere ohne großen Enthusiasmus über sich haben ergehen
lassen. Carlsen ist natürlich Carlsen, doch Rating sollte man den Vortritt
geben.

Und
nun, es ist angerichtet!