Echo auf das Aeroflot-Open

03.03.2004 – Das Aeroflot-Open hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der bedeutendsten Turniere im Kalender entwickelt und lässt im Moskauer Hotel Rossija die alten Zeiten wieder aufleben. Nun ist das Turnier zwar schon seit einigen Tagen erfolgreich gelandet, aber dennoch gibt es immer noch viel zu erzählen. Aljona Grafichenko war beim Start dabei und hat einiges eingefangen und aufgeschnappt. Hier ihr Bericht. Ein Rekord-Turnier...

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Für das Guinness-Buch der Rekorde
Von Aljona Grafchikova

Über das Aeroflot-Open redet man seit drei Jahren nur in Superlativen. Und warum eigentlich auch nicht: die größte Fluggesellschaft der Welt organisiert im größten Hotel der Welt das repräsentativste offene Schachturnier. Nun ist die Zeit gekommen, um auf der Pressekonferenz vor Turnierbeginn Vertreter des weltbekannten Guinness-Buch der Rekorde einzuladen. Genau dies machten dann auch die  Turnierorganisatoren in weiser Voraussicht...

Tradition entsteht unauffällig. Seit Jahren gehört der Monat Februar im Schachkalender Linares. Keinem Organisator kam es bisher in den Sinn sich mit diesem Turnier der Turniere messen zu wollen. Eigentlich eine hoffnungslose Sache – dort wo Kasparov spielt, ist die Aufmerksamkeit der gesamten Presse gerichtet, dorthin schauen alle Schachliebhaber. Doch Konkurrenz belebt das Geschäft. Diesmal lag der „Aeroflot“ – Termin genau mit Linares zusammen – und die Bitte, einen anderen Zeitpunkt zu wählen, kam keineswegs aus Moskau...

Gewisse Befürchtungen der Spanier sind nur zu verständlich, die Teilnahme von 150 GMs, egal was man über die Inflation des höchsten Schachtitel denkt, ist doch einiges wert. Außerdem solch ein Turnier zu verlegen, dessen Termin sich nach vielen europäischen Ligen richtet und des Opens in Capelle, ist eine Aufgabe, die nur schwer zu lösen ist. Offen gesagt, die Organisatoren von Aeroflot, hatten es auch nicht unbedingt nötig, sie zu lösen.

Dieses Mal verliefen die Vorbereitungen zum Turnier irgendwie ruhig, fast hätte man denken können, dass die Organisatoren etwas übersättig waren. Ich erinnere mich, mit welchem Eifer Bach und Co. das erste Aeroflot durchgeführt hatten, welche Probleme sie lösen mussten, um solch ein großes Ereignis vorzubereiten, es wurde damals viel improvisiert, die notwendige Erfahrung kam dann später. Wie pompös, mit welch interessanten Neurungen, wie Scanner für Partieformulare oder die Dortmund-Einladung für den Sieger, wurde das zweites Turnier durchgeführt.

Und nun? Alle haben sich gewöhnt, haben entschieden, dass es besser als im vorigen Jahr nicht mehr geht, und haben dann auf den Autopiloten umgeschaltet. Viele Spieler haben sich dann auch abgekühlt, so als ob sie diese Laune mitbekommen haben.

 Und jetzt ist „Aeroflot“ nicht mehr das große Schachfest, auch kein Roulett, wo jeder sein Geld hinlegt, und nur einer die Bank knackt (um diese einmalige Chance zu ergreifen, waren viele starke GM bereit ihre Rating und Geld zu riskieren), jetzt ist es ein gewöhnliches Schachturnier geworden. Zweifellos ein Turnier, dass viel besser organisiert ist, als einige andere Opens, doch aber nichts besonderes. Deshalb haben Großmeister massenhaft ihre Teilnahme am dritten „Aeroflot“ abgesagt. Spieler, die nicht nur die Anzahl der GMs noch höher hätten machen können (fürs Guinness-Buch der Rekorde), sondern durchaus auch um den ersten Preis hätten kämpfen können...

Doch während der Eröffnungszeremonie waren keine Schatten auf den Gesichtern zu sehen... Wahrscheinlich waren die Organisatoren mit ihren Gedanken schon in der schönen Zukunft – z. B. die Organisation einer Reihe solch großer Open-Turniere unter dem Sponsoring der größten Fluggesellschaften der Welt. Man munkelt, dass Air France solch ein Wunsch schon geäußert hat. Die andere kommen dann vermutlich auch bald da zu. Ist das nicht eine tolle Werbung für die ewige Wanderer – die Großmeister? Und wir haben so viele Jahre die Köpfe zerbrochen, wo kann man Geld für Schach finden?

Als stummer Hinweis flog drei Meter über dem Parkett im „goldenen“ Bankett/Spielsaal des Hotels „Rossija“, ein aus Hunderten von Luftballons geformtes Flugzeug.

Übrigens betraten wir etwas zu früh den Saal, in dem traditionell die Eröffnungsfeier und die Auslosung statt findet, in dem die Tische voll mit verschiedensten Leckereien sind, wo die Anzahl starker Spieler pro Quadratmeter alle Normen überschreiten...

Gehen wir zurück in den „Ankleideraum“, wo sich ein paar Minuten vor Zeremoniebeginn ein richtiges Haifischbecken aus VIP´s gemischt mit Journalisten, Fotografen und Fernsehleuten gebildet hat. Häufig wird genau hier, zwischen beiläufigen Gesprächen und Visitenkartenaustausch, die große Politik, Schachpolitik eingeschlossen, gemacht.

Worüber die beiden Alexander (Bach und Zukov) sprechen, ist ein Geheimnis. Vermutlich etwas geschäftliches, die russische Schachföderation, und natürlich auch ihr Direktor und Präsident, hat viele Sorgen. Vielleicht aber auch darüber, wie glücklich sich die Föderation schätzen kann, die Organisation des „Aeroflot-Opens“ übernehmen zu können? Noch vor zwei Jahren hatten sie damit nämlich gar nichts zu tun gehabt, und Bach war dem damaligen Föderationsdirektor Selivanov gar nicht wohl gesonnen.

Zwei andere bekannte Gesichter, Alexander Zurabov, dem die Gesellschaft „Aeroflot“ praktisch gehört und der Hauptschiedsrichter Gijssen, haben auch einiges zu besprechen.

Und um so mehr, wenn sich zu den anderen dreien noch der Hauptredakteur des „64 – Schachmagazin“ Alexander Roschal, gleichzeitig Leiter des Pressezentrum, dazu gesellt.

Auch alle lebenden Weltmeister, ausgenommen der in Linares weilenden Kasparov und Kramnik, und Fischer, der sich irgendwo im Land der aufgehenden Sonne in Luft aufgelöst hat, waren hier.

Vasili Smyslov (mit Ehefrau Nadezda Andreevna), Anatoli Karpov...

... Boris Spassky und auch der ewige Herausforderer Viktor Korchnoj.

Metaphysisch gesehen, war sogar Michail Tal hier, vertreten durch seine erste Ehefrau Sali Lindau und Sohn Georgij (sie kamen nach Moskau um das neue Buch „Elegie von Michail Tal“ zu präsentieren).

Es wurde auch Lajos Portisch erwartet, er sollte selbst mitspielen, doch leider vergeblich.   

Die Rolle der Vertreter der „königlichen Familien“ haben übernommen: Carsten Hensel (als Manager von Kramnik und Leko) und der unersetzliche Helfer Iljumzinovs und der FIDE, Berik Balgabaev.


Carsten Hensel (li.) und Berik Balgabaev.

Diese Herrschaften hatten den ganzen Abend etwas zu bereden, vermutlich haben sie sich noch einmal den Frühling 2002 ins Gedächtnis gerufen.

Später wurden dann endlich die Türen des „goldenen“ Saals geöffnet und das Publikum bekam das vertraute Bild zu sehen. Traditionell standen alle Schiedsrichter mit strahlendem Lächeln in einer Reihe vor der Bühne. Selbstverständlich in Uniformen von „Aeroflot“-Piloten.

Hinter ihnen, ebenso traditionell, die wichtigen Herrschaften. Ich weiß nicht, ob es ein Sinn macht, noch einmal diese bekannten Gesichter zu nennen?!

Und nach den ganzen Reden kam jemand auf die Bühne geflogen...  Carlson. Ja ja, genau der, nur ohne Motor, aber bei weitem nicht so mollig und erwachsen.

Das norwegische Wunderkind Magnus Carlsen, der mit seinen 13 Jahren das C-Turnier in Wijk aan Zee glänzend gewonnen hatte. Ein einfache Junge, der die ganze Zeit steif da stand und vor Schüchternheit die Worte verschluckte, die er ansagte.

Ich möchte anmerken, dass die Elo- Favoriten des Turniers, Vladimir Malakhov und Alexej Dreev, dieses Prozedere ohne großen Enthusiasmus über sich haben ergehen lassen. Carlsen ist natürlich Carlsen, doch Rating sollte man den Vortritt geben.

Und nun, es ist angerichtet!

 

 

 


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