Ein Brief, ein Wunderkind und ein verarmter Millionär

von André Schulz
21.10.2019 – Der Fernschachspieler und Sammler Juan Morgado veröffentlichte kürzlich einen Brief von Aristide Gromer an Juan Piazzini. Aristide Gromer? Juan Piazzini? Ein vergessenes Wunderkind, ein verarmter Millionär. Die Zeitreise beginnt vor dem Zweiten Weltkrieg...

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Das vergessene "Wunderkind": Aristide Gromer

Der Name Aristide Gromer tauchte erstmals in dem französischen Schachmagazin "La Stratégie", Ausgabe vom Januar 1922 auf. Die Leser erfuhren dort in einer Notiz, dass Gromer im Dezember 1921 bei einem Thematurnier zum Königsgambit, organisiert vom Pariser Schachclub im Palais Royal, den zweiten Platz belegt hatte. Aristide Gromer, am 4. April 1908 in Dünkirchen geboren, war zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt. 

Seine Eltern waren der Mathematiker Isaac (*1879) und Ida Gromer (*1881). Beide hatten ihre Wurzeln in Litauen, stammten aus Vilnius, das zu jener Zeit Teil des russischen Zarenreiches war. Ihre Heirat feierte das Paar 1906 aber in in Berlin-Charlottenburg, wo Ida Gromers Vater als Rabbiner tätig war. Nach der Heirat zogen Isaac und Ida Gromer jedoch nach Dünkirchen.

Der Name Gromer hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Klang in der Schachwelt. Ein Onkel von Aristide Gromer war Professor Jacques Grommer (mit zwei "m" geschrieben), 1877 geboren und Pariser Meister im Schach. Jacques Grommer war einige Zeit der offizielle Schachmeister im Café de la Régence, bevor er 1912 in die USA emigrierte, wo er 1928 starb. Von ihm ist unter anderem eine Partie aus einem Blindsimultan von Henry Pillsbury in Paris überliefert.

 

Aristide Gromer war zu jung, um noch von den Schachkenntnissen seines Onkels profitieren zu können. Seine Schach-Lehrerin wird seine Mutter Ida gewesen sein, die immerhin so gut spielte, dass sie 1924 an der Vorrunde zur Französischen Meisterschaft der Frauen teilnehmen konnte.

Am 4. März 1923 gab Aristide Gromer in Paris eine Simultanvorstellung, die wegen seines jungen Alters erst in den Gazetten der französischen Hauptstadt, dann auch in der internationalen Presse für Aufsehen sorgte. Er war erst 15 Jahre alt, sah aber in seinem Matrosenanzug noch jünger aus. Das Bild erinnert an eine Simultanvorstellung des jungen Samuel Reshevsky. Die Zeitungen gaben das Alter des Wunderjungen fälschlicherweise mit 13 Jahren an. Als Zuschauer der Vorstellung waren unter anderem Alexander Aljechin und der französische Schachmeister André Muffang anwesend.

Aristide Gromer war nicht nur im Schach das, was man zu Anfang des 20. Jahrhunderts als "Wunderkind" bezeichnete. Auch in seiner allgemeinen geistigen Entwicklung scheint er ein Überflieger gewesen zu sein. Mit 13 Jahren besuchte er bereits die zweite Klasse im Lycée Chaptal und war damit dem üblichen Ausbildungsgang in Frankreich um drei Jahre voraus.

Nach Ende der Schulausbildung wurde Aristide Gromer Schachprofi. Als der große französische Schachpatron Leonard Tauber Präsident des Französischen Schachverbandes (von 1928 bis 1932) war, bestellte er Aristide Gromer als Sekretär des Verbandes und gab ihm so ein Einkommen. 1933 war Gromer zudem Präsident des Schach- und Bridge Clubs Le Palamède in der 10 avenue d'Iéna in Paris.

Aristide Gromer nahm regelmäßig an den französischen Landesmeisterschaften teil und konnte diese dreimal für sich entscheiden, 1933, 1937 und 1938. Zu seinen weiteren Erfolgen gehört der geteilte 2. Platz bei den Internationalen Pariser Meisterschaften 1930 (hinter Znosko-Borovsky, zusammen mit Savielly Tartakower) und der geteilte 1. Platz beim Madrider Turnier von 1934. Im Anschluss an dieses Turnier reiste Gromer zwei Jahre durch Spanien und gab dort Simultanvorstellungen. "El Ajedrez Espanol" berichtete in seiner Ausgabe vom Januar 1935 von einem Simultan, das Gromer an 128 Brettern gegeben hatte (+105 – 6 =179), mit zehn Stunden Spielzeit.

In Wettkämpfen besiegte Gromer die Spanier Jose Sanz Aguado und Ortueta. Später belegte er beim Internationalen Turnier in Paris 1938 den 2. Platz hinter Baldur Hönlinger. 1939 veröffentlichte Aristide Gromer mit Hilfe des belgischen Verlegers Edmond Lancel ein kleines Schachlehrbuch, "Les Echecs par la Joie".

1930 und 1931 hatte Aristide Gromer, zusammen mit Weltmeister Alexander Aljechin und dem Künstler Marcel Duchamp, als Mitglied der französischen Nationalmannschaft an den Schacholympiaden in Hamburg und Prag teilgenommen.

 

 

 

Bei den folgenden drei Schacholympiaden fehlte er. Erst 1939 in Buenos Aires ist Gromer wieder einer der Spieler in der französischen Nationalmannschaft.

Begegnung in Buenos Aires

Bei der Schacholympiade in Buenos Aires traf er in einer seiner Partien auf Luis Piazzini.

Die argentinische Mannschaft bei der Schacholympiade 1939

Die französische Mannschaft bei der Schacholympiade 1939 (Aljechin fehlt)

 

 

Mit Luis Piazzini hielt Gromer auch nach der Schacholympiade noch Kontakt.

Während der Schacholympiade in Buenos Aires begann am 1. September 1939 in Europa der Zweite Weltkrieg und wie viele andere Teilnehmer an der Olympiade entschied sich Aristide Gromer dafür, auch nach der Olympiade in Argentinien zu bleiben. Da Gromer Jude war, schien es besonders ratsam, den Lauf der Ereignisse in Europa abzuwarten. Gromer gab Simultanvorstellungen und spielte Wettkämpfe gegen eine Reihe argentinischer Meister. Er gewann gegen Juan Villegas und Juan Iliesco und verlor gegen Roberto Grau. 1940 spielte Gromer beim Hauptturnier der argentinischen Meisterschaft mit und qualifizierte sich für das Finalturnier. Dort teilte er den ersten Platz mit Carlos Guimard und Franciszek Sulik, unterlag aber im Stichkampf Guimard.

1941 hielt Aristide Gromer sich in Brasilien auf und nahm hier am Turnier von Aguas de Sao Pedro teil, wo er im Mittelfeld landete. Überraschenderweise kehrte er aber 1942 nach Frankreich zurück. Die Umstände der Rückkehr sind unbekannt. 1947 taucht er noch einmal als Teilnehmer der Französischen Meisterschaften in Rouen auf. Dann verliert sich seine Spur. Aristide Gromer wurde vergessen. 

Luis Piazzini, vom Millionär zum Briefverkäufer

Kürzlich tauchte nun in Argentinien ein Brief auf, den Aristide Gromer 1945 an den argentinischen Meisterspieler Luis Piazzini geschrieben hatte. Gefunden hat diesen Brief der argentinische Fernschachspieler und Sammler Juan Morgado.

In den 1970er Jahren kaufte Juan Morgado regelmäßig Schachbücher im Auftrag des Schachenthusiasten und Sammlers Gregorio Lastra. In den Jahren 1947-48 war Laastra Präsident des berühmten Club Argentino de Ajedrez und und mit vielen Schachspielern gut bekannt, unter anderem auch mit Luis Roberto Piazzini.

Piazzini hatte von seinem Vater Edmundo Piazzini, einem Musikmanager und Theaterbesitzer, ein riesiges Vermögen geerbt. Auch die Liebe zum Schach hatte er wohl von seinem Vater übernommen. In den Annalen ist ein Sieg von Edmundo Piazzini gegen Capablanca aus einer Simultanvorstellung überliefert, gespielt am 29. Juni 1911 in Buenos Aires.

 

Luis Roberto Piazzini war durch sein Millionenerbe so reich, dass er sich in den 1930er und 1940er Jahren in einem Luxusauto mit Chauffeur zu den Turnieren fahren lassen konnte.

Als Schachspieler war er nicht unbegabt, wie z. B. folgende Partie gegen Reshevsky zeigt.

 

Piazzini korrespondierte mit vielen berühmten Spielern jener Zeit, darunter Aljechin und Capablanca. Im Laufe der Zeit brachte Luis Roberto Piazzini das Vermögen seines Vaters jedoch völlig durch. In den 1970er Jahren war er nur noch ein Schatten seiner selbst und versorgte sich mit dem Nötigsten, indem er seine Besitztümer nach und nach verkaufte, um Geld zum Kauf von Essen zu haben. In dieser Zeit hat Piazzini junior wohl auch seine Korrespondenz, darunter einen an ihn gerichteten Brief von Aristide Gromer, für ein paar Peso an Gregorio Lastra verhökert.

Lastra starb 1978 und hinterließ eine gewaltige Sammlung von über 5000 zumeist alten Büchern, Magazinen und Handschriften. Morgado kaufte diese Sammlung zusammen mit einem Partner auf und verkaufte die Bücher dann nach und nach an verschiedene Sammler. Aus dem Verkauf der Sammlung entwickelte sich für Juan Morgado ein gut gehendes Schachbuchgeschäft. 

Etwa 300 Bücher und Dokumente der Sammlung blieben zunächst unverkauft. Sie wurden für einige Jahre eingelagert und fast vergessen. Dann erinnerte sich Juan Morgado etwa 2010 wieder an diesen Restbestand und konnte einen Großteil an neue Sammler verkaufen. 

Da Juan Morgado eine Buchreihe über die Geschichte des argentinischen Schachs plante, digitalisierte er einige der Dokumente, darunter auch den Brief von Aristide Gromer. Inzwischen ist die Enzyklopädische Geschichte des Argentinischen Schach fast fertiggestellt und wird mindestens zehn Bände umfassen. Das Bild von Gromers Brief ist dort auch enthalten.  

Der Brief

Gromer an Piazzini

Der Text des Briefes lautet:

Le 23 octobre 1945

Cher Monsieur Piazzini,

Voici bien longtemps que je voulais vous écrire et puis jusqu'à présent je n'avais pu trouver les circonstances favorables à la réalisation de ce projet!

Voici ce dont il s'agit: le Président de la République du Brésil, Gitulio Varga, en récompense de services que je lui ai rendus, m'a fait don de splendides propriétés situées en République argentine. Je sais que les clubs de Buenos Aires s'occupent de l'administration de mes biens.

Voulez-vous me faire connaître dès que possible l'inventaire présent de mes propriétés.

Vous connaissez les événements qui ont secoué l'Europe ces dernières années; que dire de l'avenir si ce n'est que notre vieux continent envisage le futur avec beaucoup de gravité!

À bientôt de vos nouvelles et veuillez croire ainsi que tous nos amis du club à mes amicaux souvenirs.

Aristide Gromer

 

Den 23. Oktober 1945

Sehr geehrter Herr Piazzini,

ich wollte Ihnen schon lange schreiben, aber ich fand bis jetzt keine gute Gelegenheit!

Es geht um Folgendes: der Präsident der Republik Brasilien, Gitulio Varga, hat mir in Anerkennung meiner Dienste prächtige Immobilien überlassen, die in der argentinischen Republik liegen. Ich weiß, dass die Clubs in Buenos Aires für die Verwaltung meines Eigentums zuständig sind.

Könnten Sie mir bitte so schnell wie möglich das aktuelle Inventar meiner Immobilien zur Kenntnis geben.

Sie kennen die Ereignisse, die Europa in den letzten Jahren erschüttert haben; wie die Zukunft aussehen wird, ist ungewiss, aber sicher ist, dass unser alter Kontinent schweren Zeiten entgegen sieht!

Ich freue mich darauf, bald wieder von Ihnen zu hören und behalte Sie und alle unsere Freunde aus dem Club in freundlicher Erinnerung.

Aristide Gromer

Die Umstände der in dem Brief angedeuteten Geschäfte bleiben jedoch im Dunkel. Getulio Vargas war eine sehr ambivalente Figur in der Geschichte Brasiliens und von 1930-1945 und von 1950-1954 Präsident des Landes. An die Regierung war er 1930 nach einem Militärputsch gekommen und er regierte das Land zeitweise als Diktator, brachte es aber auch wirtschaftlich und gesellschaftlich voran. Vargas unterstützte anfangs die nach Südamerika geflohenen Juden aus Europa, darunter auch Stefan Zweig, der seine berühmte Schachnovelle in den Jahren 1938 bis 1941 in Brasilien schrieb.

Stefan Zweig (Mitte), links daneben Getulio Vargas

Es ist durchaus möglich, dass auch Aristide Gromer in den Jahren seines Exils Vargas persönlich getroffen hat. Anfang der 1940er Jahre änderte sich die Stimmung in Brasilien jedoch gegenüber den Deutschen und auch gegenüber den Juden. 

Französische Schachfreunde, die Ende der 1970er Jahre dem Lebenslauf von Aristide Gromer nachspürten, vermuteten er sei mit unbekanntem Todesdatum im "hôpital Sainte-Anne" (heute: centre hospitalier Sainte-Anne), einer Spezialklinik für Psychiatrie und Neurologie in Paris, gestorben. Dominique Thimognier gibt auf seiner Seite "Heritage des echecs francais" den 6. Juni 1966 als Todesdatum an. Aristide Gromer starb an diesem Tag in Plouguernével in der Bretagne. Möglicherweise war er dort auch in psychiatrischer Behandlung.


Mit bestem Dank an Juan Morgado für seine Hinweise




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Rheingauer Rheingauer 21.10.2019 10:35
Die Partie Capablanca - Piazzini sieht mir stark nach einer Gefälligkeit des Cubaners aus!? ;-)
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