Ein Hoch auf die Klassiker: Interview mit Verleger Jens-Erik Rudolph

23.02.2011 – "Ich konnte deswegen weiter blicken, weil ich auf den Schultern von Giganten stand", erklärte Isaak Newton gerne seine Erfolge mit einem bescheidenen Hinweis auf seine wissenschaftlichen Vorgänger. Schach hat ohne Zweifel wissenschaftliche Aspekte und die Klassiker der Schachliteratur bilden in diesem Sinne den Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der Schachtheorie. Viele klassische Schachbücher sind jedoch vergriffen und nur noch zu hohen Preisen antiquarisch erhältlich. Der Hamburger Jens-Erik Rudolph hat als Bewunderer klassischer Schachwerke deshalb einen Verlag gegründet und dort inzwischen wieder zehn große Werke für Jedermann zugänglich gemacht. Weitere Bücher werden in Kürze erscheinen. Andreas Albers sprach mit dem Diplom-Mathematiker über die Liebe zum Buch.Zu den Schachklassikern...Zum Interview...

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Ein Hoch auf die Schachklassiker!
Interview mit Jens-Erik Rudolph
Von Andreas Albers

 

Wie kommt man auf die Idee alte Schachbücher neu aufzulegen?

Schon in der Schule konnte ich sehr gut abschreiben, vor allem bei Klassenarbeiten. Und da man dort ja bekanntlich für das Leben lernt, habe ich nun aus den erworbenen Fertigkeiten einen Job gemacht. Zudem sind viele alte Schachbücher derzeit nur noch antiquarisch erhältlich und kosten teilweise ein Vermögen. Es gibt hier also ein ideales Betätigungsfeld. Das Ziel des Projektes „Schachklassiker“ besteht letztlich darin, die bedeutendsten Werke der Schachliteratur in einer erschwinglichen und zeitgemäßen Neuausgabe wieder verfügbar zu machen.



Warum dann im Originaltext und nicht in einer "modernen" Fassung?

Zunächst einmal aus Respekt vor der Leistung der Autoren, deren Aussagen man m.M.n. nicht ohne entsprechende Hinweise verändern darf. Man müsste also beispielsweise Original und überarbeitete Passagen nebeneinander stellen oder mit erläuternden Fußnoten oder Anhängen arbeiten. Dies würde aber den Lesefluss nachhaltig beeinträchtigen.

Darüber hinaus erhält man z.B. in den Lehrbüchern von Réti und Nimzowitsch die Gelegenheit, den Entstehungsprozess bahnbrechender neuer Ideen und Theorien „live“ mitzuerleben. Diesen Schöpfungsprozess kann man aber nur anhand der Originalwerke nachvollziehen. In einer modernisierten, geglätteten oder gestrafften Fassung würden zwangsläufig wesentliche Inhalte auf der Strecke bleiben. Das Studium der Originalfassungen kann daher zu einem tieferen Schachverständnis beitragen.

Ältere Turnier- oder Wettkampfbücher, die ja in der Regel von Teilnehmern oder Organisatoren der jeweiligen Veranstaltungen verfasst wurden, atmen den Geist der damaligen Zeit. Dies gilt z.B. auch für die Morphy-Biografie von Dr. Max Lange, einem Zeitgenossen des amerikanischen Schachgenies. Die Lektüre versetzt einen in die Frühzeit des Turnierschachs zurück und die Schachhelden der Vergangenheit erstehen wieder auf. Auch bei diesen Büchern verbieten sich nachträgliche Eingriffe, will man die Darstellungen nicht ihrer Authentizität berauben. Etwaige Unzulänglichkeiten in den Analysen (z.B. taktische Überseher) sind dabei hinzunehmen, hatte man damals eben noch nicht die Möglichkeit einer computergestützten Überprüfung der Varianten.



Was ist eigentlich anders im Vergleich zum Original?

Zunächst einmal die Optik. Die Bände der Schachklassiker-Reihe sind nämlich keine fotomechanischen Nachdrucke der Originale. Alle Texte wurden für die Neuausgaben in aufwendiger Weise neu gesetzt, typografisch modernisiert und einem augenfreundlichen Layout zugeführt. Hierzu gehört auch die Verwendung zeitgemäßer Diagramme und der durchgängige Einsatz der figurinen Partienotation. Man kann die „Schachklassiker“ also als „moderne Originale“ bezeichnen. Außerdem wurde in den meisten Fällen die Anzahl der Diagramme deutlich erhöht, da in vielen älteren Schachbüchern hiermit sehr sparsam umgegangen wurde. In Rétis „Die neuen Ideen im Schachspiel“ finden sich fast keine und in dem 1803 erschienenen Werk „Anastasia und das Schachspiel“ gar keine Diagramme. Der „Anastasia“ fehlte übrigens auch die heute übliche symbolische Partienotation. Stattdessen wurden die Züge sehr wortreich beschrieben, z.B. : „Der Läufer des Königs auf das vierte Feld des andern“ (statt Lf1-c4). In der Neuausgabe findet sich daneben nun auch die heute übliche abkürzende Schreibweise. Offensichtliche Fehler in den Partienotationen oder Diagrammen wurden bei der Neugestaltung übrigens gleich mitbereinigt.

In einigen Fällen habe ich den Originaltexten Ergänzungen hinzugefügt. So wurden beispielsweise der „Anastasia“ zahlreiche erläuternde Anmerkungen in einem Anhang beigegeben. Dieses mehr als 200 Jahre alte Werk enthält nämlich sehr viele historische Namen und Ereignisse, die für die meisten heutigen Schachfreunde erklärungsbedürftig sein dürften.

Welchen Nutzen hat der "moderne Schachspieler" von heute von diesen Büchern?

Den Mehrwert, den die Originalquellen gegenüber vereinfachenden modernen Lehrbuchdarstellungen bieten können, habe ich ja bereits erwähnt. Aber auch aus didaktischer Sicht finden sich unter den Klassikern wahre Perlen, wozu die Gnade der frühen (prädigitalen) Geburt der Verfasser beigetragen haben mag. Hierzu gehört beispielsweise Richard Rétis „Die Meister des Schachbretts“. Ein wunderbares Lehrbuch, welches leider etwas in Vergessenheit geraten ist, möglicherweise weil es erst posthum erschienen ist. In seinen hervorragenden Partiekommentaren erläutert Réti sehr ausführlich und verständlich die Ideen und Pläne hinter den Zügen. Auch für heutige Vereinsspieler sind solche Erklärungen viel hilfreicher als computergenerierte Variantenbäume.

Hikaru Nakamura hat vor kurzem gesagt, ihn interessieren die alten Meister nicht, was ist Deine Meinung?

Ich kontere mit Wladimir Kramnik, welcher in einem Interview mit Wladimir Barsky Folgendes sagte: „In my view, if you want to reach the heights, you should study the entire history of chess. I can't give any clear logical explanation for it, but I think it is absolutely essential to soak up the whole of chess history.“ (Quelle: www.kramnik.com )

Vielleicht sollte Herr Nakamura zur Vorbereitung der nächsten Partie gegen Kramnik probeweise z.B. auch einmal in Nimzowitschs „Mein System“ gucken, anstatt nach einer Verbesserung im 25. Zuge gegen Russisch zu suchen. Möglicherweise würde ihm dies dabei helfen, die Pläne seines Gegenübers noch besser zu verstehen.

In Anlehnung an einen Ausspruch von Isaac Newton („If I have been able to see further, it is because I have stood on the shoulders of giants“) kann man sicherlich festhalten, dass auch die heutigen Spitzenspieler auf den Schultern von früheren Schachgiganten stehen, auch wenn dies dem einen oder anderen nicht bewusst sein mag. Ein weiterer Ex-Weltmeister, der dies sehr wohl erkannt hatte, ist Garri Kasparow, wie man z.B. dem Tenor seiner großartigen Vorkämpfer-Serie entnehmen kann.



Wer ist der Mann hinter dem Jens-Erik Rudolph Verlag?

Ein Nachteil bei Ein-Mann-Unternehmen ist es, dass man die Beantwortung solcher Fragen nicht delegieren kann. Um die Leser nicht mit einer durch Verdrehungen und Verdrängungen geprägten Selbstwahrnehmung zu langweilen, hier nur die wichtigsten Fakten in Kürze: Geburtsjahr > aktuelle DWZ; Schulzeit siehe erste Frage (Lieblingsfach: Pause); danach kfm. Ausbildung und Hochschulstudium mit Abschluss Dipl.-Informatiker (Diplomarbeitsthema: „Blunder - Entwicklung eines Sch(w)achprogramms basierend auf Methoden der Künstlichen Dummheit“ oder so ähnlich); anschließend verschiedene Tätigkeiten im IT-Bereich; seit Anfang 2009 Herausgeber von Schachbüchern; Hobby-Schachspieler; Büchermessi (nein, das hat nichts mit Fußball zu tun); Bigamist (eine Dame ist natürlich aus Holz).

10 Bücher sind jetzt erschienen, eine kurze Zwischenbilanz...

Mit dem zehnten 10 Band („Mein System“ von Nimzowitsch) ist die Eröffnungs- bzw. Entwicklungsphase des Verlages erfolgreich abgeschlossen und glücklicherweise habe ich noch kein Material eingestellt. Allerdings war der Bedenkzeitverbrauch etwas zu hoch. Im Mittelspiel sollten die nächsten Züge daher schneller erfolgen, mindestens 6-8 pro Jahr. Dann besteht eine gute Chance eine echte Seeschlange zu produzieren.



Bleiben die Klassiker unter sich oder wird es auch neue Bücher in Deinem Verlag geben?

Die Schachklassiker werden auch weiterhin den Kern des Verlages bilden. Es gibt aber bereits konkrete Planungen auch für neue Titel. Übrigens werde ich neben den Schachbüchern zukünftig auch noch mit anderen meiner Steckenpferde über den Buchmarkt reiten.

Welches ist Dein persönliches Lieblingsschachbuch? - vielleicht auch aus der neueren Zeit?

Hmm ... nur eine Nennung möglich, das ist sehr schwierig!? Einige Kandidaten habe ich ja schon bei früheren Fragen ins Spiel gebracht, die muss ich hier nicht noch einmal erwähnen. Auch „die üblichen Verdächtigen“, die sich natürlich auch in meinem Bücherregal finden, sollen hier hier nicht zum x-ten Male genannt werden. Stattdessen möchte ich ein ausgefallenes Schachbuch anführen, welches mir insbesondere in der Aufbauphase nach Niederlagen immer wieder hilft, weil es eben noch Schlimmeres gibt, als chancenlos zusammengeschoben zu werden: eine gewonnene Stellung aufzugeben! In „Der letzte Fehler - 128 irrtümlich aufgegebene Schachpartien“ von Klaus Trautmann (Schachverlag Kania) findet sich eine amüsante Sammlung solcher Unglücksfälle. Wie man bei der Lektüre erfährt, ist dieses Phänomen gar nicht so selten, wie man vielleicht glauben mag. Das Buch ist zudem sehr humorvoll geschrieben, was bei Schachbüchern leider eine seltene Ausnahme darstellt.


Links:
www.schachklassiker.de
www.rudolph-verlag.de


 



 

 

 



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