Ein Lied für Martha

13.09.2004 – Von Geburt an ist Patrick Schönbach durch eine Behinderung in seinen motorischen Möglichkeiten sehr stark eingeschränkt. Dies gleicht der heute 33-Jährige durch eine große geistige Beweglichkeit so gut es geht aus. Er studierte Musik und brachte sich im Selbststudium das Programmieren bei. Als die ACP im April 2004 auf dem Fritzserver ihr Blitzturnier für Frauen ausrichtete, war der passionierte Hobbyschachspieler als Zuschauer online und wünschte den Teilnehmern viel Glück. Martha ("Martica") Fierro, WGM aus Equador, nahm die Botschaft auf und im Nu entwickelte sich eine innige Online-Freundschaft. Als Martha Anfang September Geburtstag feierte, hatte Patrick ein Geschenk vorbereitet, zu dem nur ganz wenige die Fähigkeiten besitzen. Ein Lied für Martha...

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Patrick Schönbach: Musiker, Programmierer und Schachspieler

Patrick Schönbach leidet seit seiner Geburt an Zerebralparese (engl. cerebral palsy). Im ursprünglichen Sinne bedeutet dies "Hirnlähmung", was diese Behinderung aber nicht richtig beschreibt. Heute übersetzt man den medizinischen Begriff meist mit "Zerebraler Bewegungsstörung": Das Gehirn ist nicht in der Lage, die Muskeln des Bewegungsapparat zu kontrollieren. Doch es wäre ganz falsch, aus dieser Unterfunktion des Gehirns bei den betroffenen Personen automatisch auch auf weiter Defekte zu schließen, wie Patricks Fall deutlich zeigt.

Als Patrick Schönborns Eltern ihn im Alter von vier Jahren wegen der Behinderung untersuchen ließen, wurde auch ein IQ-Test durchgeführt und ein Wert von 170 festgestellt. Dies war nicht das einzige, was die untersuchenden Ärzte verblüffte. Patricks Bruder, der 18 Jahre älter ist, studierte zu jener Zeit Medizin und lernte gerade die lateinischen Fachbegriffe der Anatomie, wobei der kleine Patrick ihm öfters über die Schulter geschaut hatte. Und während der Untersuchung benannte der Vierjährige die Körperteile, die gerade untersucht wurden - mit ihren lateinischen Begriffen.

Bei sehr schweren Zerebralen Bewegungsstörungen, so wie Patrick sie hat, kommt es allerdings nur sehr selten vor, dass nicht auch der mentale Bereich in Mitleidenschaft gezogen hat. Bei allem Unglück hat Patrick Schönbach noch Glück gehabt. Heute ist Patrick Schönbach 33 Jahre alt und hat gelernt, seine Lebenssituation zu bewältigen: "Darf ich mich über die Ungerechtigkeit meines Lebens beklagen? In der Tat ist mein Leben heute nicht leicht und ist es auch zuvor nie gewesen. Aber hat jemand schon einmal jemanden getroffen, dessen Leben wirklich immer einfach ist? Ich nicht", ist seine Auffassung.


Der junge Patrick entdeckt seine Begabung

Mit sechs Jahren lernte Patrick das Schachspiel und spielte gelegentlich Partien. Allerdings wurde er nie Mitglied in einem Schachclub, obwohl ihn das Spiel faszinierte. Wenn er Zeit hatte, versuchte er mit Hilfe von Büchern sein Spiel zu verbessern. Natürlich kennt er auch Fritz und weitere der "wundervollen ChessBase-Produkte." Patrick ging auf ein normales Gymnasium und entdeckte dort sein größtes Talent: die Musik. Schon in jungen Jahren begann er auf dem Keyboard zu musizieren, hatte wegen seiner eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten nur wenig Übung. 


Patrick mit Mitschülern in der 11.Klasse

Als Patrick 12 Jahre alt war, erschienen die ersten Musik-Computer. Der Anwender kann auf diesen die Noten eingeben und der Rechner gibt die entsprechenden Töne an einem Syntheziser aus. Nun war Patrick in der Lage, Musikstücke zu schreiben (einen Stift konnte er zuvor nicht zum Schreiben nicht führen) und auch in gewissem Maß zu spielen. Nach einigen Versuchen mit Pop-Musik ("ziemlich albern") entdeckte er die klassische Musik. Diese fand er bald so interessant, dass er begann, sie ernsthaft zu studieren. Er unterrichtete sich selbst mit Hilfe von Büchern im Komponieren und damit verwandten Themen wie Harmonielehre, Kontrapunkt, Orchestrierung, Musikformen usw. "Ich frage mich heute, wie all diese teils recht komplexen Bücher als Teenager verdauten konnte", meint Schönbach. "Ich glaube, Johann Sebastian Bach war irgendwie mein erster Kompositionslehrer."


Patrick Schönbach (re.), heute, mit einem Freund

Nach dem Abitur studierte Patrick Schönbach Musikwissenschaften und Musiktheorie. Das war eigentlich gar nicht möglich, denn vom Studenten wird erwartet, dass er mindestens zwei Instrumente spielt. Nach einem Jahr "bürokratischen Ping-Pongs" mit dem bayrischen Kultusministerium durfte er schließlich studieren. Er begann sein Studium 1992 und schloss es nach einigen Rückschlägen und Mühsalen 1999 ab.

Da Patrick sowieso viel mit dem Computer gearbeitet hatte ("mein Füller, nur etwas größer") begann er schließlich auch zu programmieren. Er lernte diese Fähigkeit wieder im Selbststudium und konnte schließlich als freier Programmierer in den Sprachen Eiffel, C, C++, Ruby, Perl, Java, Visual Basic, Smalltalk, Pascal, Basic and x86 Assembler arbeiten, meist für Firmen im Ausland, wobei die Suche nach geeigneten Projekten nicht immer einfach war und ist und manchmal einige Hartnäckigkeit erfordert.

Natürlich spielt Patrick immer noch Schach, meist Fernschach oder aber online auf dem Fritz-Server. Und wenn er Zeit hat, komponiert er auch noch gerne. Und das spielt in der folgenden Geschichte eine Rolle (Hatten wir erwähnt, dass Patrick fließen Englisch und Französisch spricht?)...

Frederic Friedel


Ein Geburtstagslied für Martica
Von Patrick Schönbach

2.Mai 2004. Heute beginnt das ACP Blitzturnier für Frauen. Da ich ein begeisterter Hobbyschachspieler bin, entschloss ich mich, ein wenig zuzuschauen, ohne zu wissen, dass ich an diesem Tage einen neune Freund gewinnen und darüber ein Musikstück komponieren würde. Die Teilnehmer trudelten nach und nach ein. Neugierig, wie sie reagieren würden, schickte ich einigen kleine Botschaften und wünschte Glück. Natürlich hatten die meisten keine Zeit und waren wohl auch zu nervös, kurz vor dem Turnier noch Nettigkeiten auszutauschen und dann auch noch mit so einem Patzer wie mir. Das hatte ich auch nicht erwartet und es störte mich nicht. Dann erschien Martha Fierro, eine WGM aus Equador, die in New York lebt. Ich hatte von ihr noch nie gehört, schickte ihr aber auch einen Gruß. Sie antwortete sofort sehr nett und wir hatten eine kurze Konversation, die sich zwischen den einzelnen Runden noch fortsetzte. Und als das Turnier zu Ende war, vereinbarten wir, in Kontakt zu bleiben.


WGM Martha ("Martica") Fierro from Equador

Mai bis September 2004: Nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten haben wir in dieser Zeit fast täglich miteinander online kommuniziert, manchmal länger, manchmal nur ganz kurz. Martha ist meist ziemlich beschäftigt. Da ich ja Komponist bin, kam ich eines Tages auf die Idee, einen ganz besonderen Geburtstagsgruß zu komponieren. Ich habe ihr dann schließlich scherzhafterweise "angedroht", ihr zu ihrem Geburtstag, den 6. September, etwas Besonderes zu schenken. Wahrscheinlich hat sie mir das nicht geglaubt, doch normalerweise halte ich meine Versprechen. Anfang Juni fing ich mit einem Entwurf an. Da ich noch andere Dinge zu tun hatte, ging das Projekt zunächst nur stockend vorwärts. Aber ich wollte mein Versprechen unbedingt einhalten. Inzwischen wurden Martha und ich wirklich gute Freunde und ab August investierte ich mehr Energie in das Geschenk. Anfang September war das Lied endlich fertig. Doch eines fehlte noch: Der Text. Und wie bekommt man einen witzigen, warmherzigen und rhythmischen Text in einer fremden Sprache?

3.-6.September 2004, früh morgens in Deutschland: Da ich selber nicht die Möglichkeiten zu einer guten Aufnahme habe, fragte ich einen Freund in London, eine rein akustische Version meines Liedes als MP3 zu erstellen, was dieser freundlicherweise gerne tat. Da ich kein professioneller Texter bin, war es wirklich nicht einfach für mich, einen einigermaßen gescheiten Text zu schreiben, doch so nach und nach bekam ich es hin. Und am Morgen von Marthas Geburtstag war das ganze Werk fertig. ich war müde und sehr glücklich.

6. September 2004: Martahs Geburtstag. Ich war sehr neugierig, was Martha sagen würde, wenn sie ihr Lied hörte. Ich schickte es ihr per Mail und sie war sehr angetan und berührt. Und ich war auch sehr zufrieden. Aber was ist ein Lied, dessen Text nicht richtig gesungen wird? Nur eine künstliche Stimme, die "du, du, du" macht. Das kann einen Komponisten nicht richtig glücklich machen. Ich dachte über Möglichkeiten nach, wie man das Lied singen lassen könnte. Auch den Leuten von ChessBase habe ich davon erzählt, denn dort interessieren sich viel für Musik und außerdem hätte ich Martha ohne den Fritzserver auch gar nicht kennen gelernt. Sie mchten das Lied und fragten, ob sie es auf der Webseite veröffentlichen dürfen.

7.September 2004: Um das wohl Unmögliche doch möglich zu machen, fragte ich meinen Freund Lev Zhurbin, einen Geigenspieler und Komponisten aus New York um Hilfe. Ich hatte ihn 1995 auf dem Schleswig-Holstein Musik Festival kennen gelernt. Er empfahl David W. Solomons, einen Countertenor (eine männliche Stimme, die sehr hoch singen kann), der in England lebt. Dieser mochte das Stück sofort und wollte es probieren.

8.September 2004: Am Abend erhielt ich Davids Aufnahme und war sehr erfreut. Angesichts des spontanen Charakter des Projekts war die Aufnahme wirklich gut. Ich schickte sie sofort an Martha, die sehr überrascht war, so schnell auch noch eine gesungene Version zu bekommen. 

September 9, 2004, am frühen Morgen: Ich sitze hier und habe gerade meinen kleinen Artikel geschrieben. Ich hoffe, Ihnen gefällt mein Artikel. Natürlich hat er etwas mit Schach zu tun. Für alle Anregungen, Kommentare, Vorschläge, Krtitik etc. Bin ich dankbar. Schreiben Sie mir: pschoenb(at)gmx.de.

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