Ein Traditionsturnier: die US-Meisterschaften

von Johannes Fischer
08.04.2019 – Ende März wurde Hikaru Nakamura bei der U.S. Chess Championship 2019, so der offizielle Titel des Turniers, zum fünften Mal US-Meister. Auf die Nummerierung der Meisterschaft wurde verzichtet, obwohl dieses Turnier eine lange Tradition hat. Tatsächlich wurden die ersten Landesmeisterschaften, die es im Schach je gegeben hat, in den USA gespielt. Erster US-Meister wurde der Engländer Charles Stanley, ein Pionier des Schachs in den USA, im Jahre 1845. | Foto: Charles Stanley (links) bei einem Wettkampf gegen John Turner (rechts), Washington 1850

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Charles Stanley: 1. US-Champion und Wegbereiter des Schachs in den USA

Stanley wurde 1819 in Brighton in England geboren, aber zog 1843 in die USA, wo er als Botschaftsangestellter in New York arbeitete. In seiner Freizeit widmete er sich dem Schach. So veröffentlichte Stanley von März 1845 bis zum Oktober 1848 in The Spirit of the Times die erste regelmäßige Schachkolumne der USA und in dieser Kolumne erschien auch das erste je in den USA veröffentlichte Schachproblem.

1846 gründete Stanley dann das American Chess Magazine, neben The Chess Palladium und Mathematical Sphinx die erste Schachzeitschrift der USA. Außerdem galt Stanley als einer der stärksten Spieler, die im Norden der USA lebten.

Der Wettkampf Charles Stanley vs Eugene Rousseau, New Orleans 1845

Die Rivalität zwischen dem Norden und dem Süden der USA führte 1845 zu einem Wettkampf zwischen Stanley und Eugene Rousseau, einem der besten Spieler des Südens. Rousseau wurde 1810 in Frankreich geboren und war ein Verwandter des bekannten französischen Philosophen und Aufklärers Jean-Jacques Rousseau. Seine schachliche Ausbildung erhielt Eugene Rousseau im Pariser Café de la Régence, wo er unter anderem 1839 ein Match über 100 Partien gegen Lionel Kieseritzky spielte und nur knapp verlor.

1842 emigrierte Rousseau in die USA. Er zog nach New Orleans, damals eine Hochburg des Schachs in den USA, arbeitete in einer Bank und etablierte sich schnell als einer der besten Spieler der Stadt und damit des Landes.

Dem Sieger des Wettkampfs zwischen Stanley und Rousseau winkte ein Preisgeld von 1.000 US-Dollar, nach heutigem Wert etwa 34.000 US-Dollar, damals eine enorm hohe Summe für einen Schachkampf. 1960, 115 Jahre später, erhielt Bobby Fischer für seinen Gewinn der US-Meisterschaft ebenfalls 1.000 US-Dollar, nach heutigem Wert etwa 9.000 US-Dollar, doch Hikaru Nakamura durfte 2019 für seinen Sieg bei der US-Meisterschaft immerhin 50.000 US-Dollar mit nach Hause nehmen.

Aber trotz der Nord-Süd-Rivalität und obwohl viel Geld auf dem Spiel stand, ging es bei dem Wettkampf zwischen Stanley und Rousseau erstaunlich informell zu. So schreibt Andy Soltis in The United States Chess Championship, 1845-2011, seinem Buch über die Geschichte der US-Meisterschaften:

Sieger sollte sein, wer zuerst auf 15 Gewinnpartien kam, Remispartien wurden nicht gezählt. Heimvorteil hatte Rousseau, denn gespielt wurde im New Orleans Chess Club im berühmten Sazerac Coffee House. Es wurde ohne Bedenkzeit gespielt und auch darüber, wann die Partien gespielt werden sollten, gab es keine strenge Regelung. Da beide Spieler Gentlemen waren, ging man davon aus, dass keiner diese Privilegien missbrauchen und zu lange über einen Zug nachdenken oder eine Revanchepartie verweigern würde, wenn die erste Partie des Tages entschieden worden war.
Der Wettkampf begann am 1. Dezember 1845 und sorgte im ganzen Land schnell für Aufsehen. ... Die Wettkampfregeln hatten es zwar nicht genau festgelegt, aber dennoch war klar, dass der Sieger in den Augen der Öffentlichkeit die Nummer eins der Schachspieler in Amerika sein würde, der Champion (kursiv im Original; jf). ... Und der Wettkampf war die erste in den USA organisierte Schachveranstaltung von Bedeutung. ... Nach 1845 wurde Schach als etwas gesehen, das man Ernst nehmen konnte. (Andy Soltis, The United States Chess Championship, 1845-2011, McFarland 2012, S. 4)

Der Wettkampf endete am 27. Dezember 1845 und Stanley gewann klar mit 15 Siegen, 8 Remis und 8 Niederlagen und wurde so der erste US-Meister der Geschichte. Nach seinem Sieg veröffentlichte Stanley unter dem Titel Thirty-One Games at Chess, Comprising the Whole Number of Games Played in a Match Between Mr. Eugene Rousseau, of New Orleans, and Mr. C.H. Stanley, Secretary of the New York Chess Club ein Buch über den Wettkampf, das erste in die USA erschienene Schachwettkampfbuch überhaupt.

Die fehlende Zeitbegrenzung im Match führte vielleicht auch dazu, dass Stanley und Rousseau ihr Heil oft in kreativen, objektiv nicht immer guten, Angriffszügen suchten und nicht die Geduld aufbrachten, um in der Verteidigung hartnäckig nach Ressourcen zu suchen. Typisch ist die vorletzte Partie des Wettkampfs.

 

Mit Stanley, dem ersten US-Meister, nahm es allerdings kein gutes Ende. Er verfiel zunehmend dem Alkohol und spielte immer weniger und immer schlechter. Seinen Titel verlor er allerdings erst 1857, beim First American Chess Congress, bei dem mit Paul Morphy ein neuer US-Champion gekrönt wurde. Stanley nahm an dem Turnier teil, aber schied gegen Theodor Lichtenhein, der am Ende auf Platz drei landete, bereits in der ersten Runde aus. Nach dem Turnier spielte Stanley noch ein kurzes Match gegen Paul Morphy, das er jedoch mehr als deutlich verlor.

Paul Morphy

Stanley war ein großer Bewunderer Morphys und hatte seine Tochter zu Ehren Morphys auf den Namen Pauline getauft. 1845, beim Wettkampf Stanley gegen Rousseau hatte der damals 12-jährige Morphy zugeschaut, denn sein Onkel Ernest Morphy war Sekundant von Rousseau gewesen, doch zwölf Jahre später, 1857, gab Morphy Stanley in ihrem Wettkampf Bauer und Zug vor und gewann dennoch überlegen mit 0,5-4,5. Auf das Preisgeld von 100$ verzichtete Morphy. Wie Soltis berichtet, schickte er es an die Frau von Stanley, denn "wie ein Freund [Morphys] meinte, hätte Stanley alles Geld versoffen und so kommt das Geld wenigstens seiner Frau und seinen Kindern zugute."

1868 zog sich Stanley vom Schach zurück. Er verbrachte die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Heilanstalten und starb 1901.

C. Stanley – E. Rousseau, Wettkampf 1875, Alle Partien

 



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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