Ein Weltmeisterdrama

24.12.2008 – Einer von vielen Bekannten, deren Geburtstag man am 24. Dezember feiern kann, ist Emanuel Lasker, der von 1894 bis 1921 Schachweltmeister war, so lange wie kein anderer. Als wäre das noch nicht genug, verfolgte Lasker Zeit seines Lebens neben dem Schach zahlreiche andere Interessen: Von ihm stammt das Spiel Lasca und er beschäftigte sich mit und veröffentlichte Beiträge über Mathematik, Brigde, Go, Politik, Judentum und Philosophie. Zusammen mit seinem Bruder Berthold hat er außerdem ein Theaterstück verfasst, das allerdings lange Zeit schwer zugänglich in den Tiefen weniger deutscher Bibliotheken ruhte. Jetzt ist es in einer neuen Auflage erschienen - Peter Münder hat es gelesen.Webseite der Emanuel Lasker Gesellschaft...Zur Rezension...

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Vom Weltmeister die Vision

Von Peter Münder

Emanuel Lasker (1868-1941), Schachweltmeister von 1894-1921, wäre am 24. Dezember 140 Jahre alt geworden. Der promovierte Mathematiker war nicht nur mit seinen grandiosen Erfolgen gegen Capablanca, den Remis-König Carl Schlechter oder Wilhelm Steinitz berühmt geworden, sondern auch mit seinen vielseitigen philosophischen Essays. Dieser geniale Universalist, der mit Albert Einstein befreundet war, wollte über den Rand eines 64-Felder-Bretts hinausblicken und eine neuartige, "weiche" Spieltheorie inklusive harmonischer Völkerbund-Utopie entwickeln. Während seine Schriften "Kampf" oder "Gesunder Menschenverstand im Schach" auch heute noch bekannt sind, galt sein Drama "Vom Menschen die Geschichte" bisher weitgehend als verschollen und verkannt. Nun gibt es eine Neuauflage des 1925 veröffentlichten Werks - ein willkommener Anlaß, dieses bisher nie aufgeführte Stück unter die Lupe zu nehmen.

Moskau 1925: Beim hochkarätig besetzten Großmeisterturnier hatte sich der 57jährige Lasker in der ersten Runde gegen den Erzrivalen Capablanca mit einem Remis gut behauptet, auch gegen den Österreicher Grünfeld erzielte er nach 99 Zügen ein Remis. Gegen den Engländer F.D. Yates und den genialen Rubinstein gewann er souverän, doch dann der völlig überraschende Einbruch gegen den jungen Mexikaner Carlos Torre: In einer guten Stellung ermöglicht er Torre mit 23...Dd5 eine brillante Kombination, die diesem den Sieg beschert.


Torre - Lasker, Moskau 1925, Stellung nach 23...Dd5.

24.Se3 Db5 25.Lf6! Dxh5 26.Txg7+ Kh8 27.Txf7+ Kg8 28.Tg7+ Kh8 29.Txb7+ Kg8 30.Tg7+ Kh8 31.Tg5+ Kh7 32.Txh5 Kg6 33.Th3 Kxf6 34.Txh6+ Kg5 35.Th3 Teb8 36.Tg3+ Kf6 37.Tf3+ Kg6 38.a3 a5 39.bxa5 Txa5 40.Sc4 Td5 41.Tf4 Sd7 42.Txe6+ Kg5 43.g3 1-0


Carlos Torre

Lasker beendete das Turnier zwar sehr erfolgreich als Zweiter hinter Bogoljubow, doch viele Beobachter rätselten, weshalb der sympathische Deutsche während dieser Partie gegen Torre plötzlich so fahrig und unkonzentriert wirkte - bis das Rätsel schließlich gelöst war: Lasker war ganz überraschend ein Telegramm seines Bruders Bertold übermittelt worden, das ihn völlig euphorisiert und abgelenkt hatte. Er soll sogar aufgeregt im Turniersaal herumgelaufen sein, um anderen Teilnehmern das vielversprechende Telegramm mit der freudigen Nachricht zu zeigen. Sein Theaterstück, das er zusammen mit Bertold verfasst hatte, sollte nämlich in Berlin aufgeführt werden - das wäre die Erfüllung seines größten Wunsches gewesen.


Emanuel Lasker (vorne) mit seinem älteren Bruder Bertold Lasker. Bertold Lasker, von Beruf Arzt und kurze Zeit mit der bekannten Lyrikerin Else-Lasker Schüler verheiratet, übte großen Einfluss auf Emanuel Lasker aus. Bevor er sich auf seinen Beruf konzentrierte, gehörte Bertold zu den besten deutschen Schachspielern der damaligen Zeit. Die beiden Brüder waren sich stets sehr nahe und mit Sicherheit hat Bertold entscheidend zur schachlichen Entwicklung seines jüngeren Bruders beigetragen.

Doch aus der Inszenierung seines Dramas wurde nichts. Das Stück hatte zwar Unruhe in die Schachszene gebracht, wie der Herausgeber der Neuauflage Tim Hagemann in seinem Vorwort betont, doch für ein markantes Signal in der deutschen Theatergeschichte konnte es nie sorgen - bis heute blieb das Drama, dieses Lieblingsprojekt Laskers, unaufgeführt.

Worum geht es in "Dem Menschen seine Geschichte? Warum lag Lasker dieses allegorische Stationendrama über den Antagonismus von Macht und Ethos, an dem er zusammen mit seinem Bruder Bertold sechs Jahre (von 1919-26) gearbeitet hatte, so sehr am Herzen? Schon in seiner ersten philosophischen Arbeit "Kampf" (1907) war ein wichtiges Leitmotiv der Lasker-Weltanschauung sichtbar geworden: Das Wesen des Schachspiels wollte er auf andere Lebensbereiche als "Wissenschaft des Kampfes" übertragen. Dafür schuf er den terminus "Machologie". Auch in den späteren Schriften "Das Begreifen der Welt" (1913) und in "Die Philosophie des Unvollendbar" (1919) versucht er, diese Theorie weiter zu systematisieren. Er bemüht mit Begriffen wie "stratos" (Heer/Kampfeinheit) Rekurse auf optimale antik-griechische Militärstrategien, doch tatsächlich, meint Tim Hagemann in seinem Vorwort, übertrage er lediglich die optimale Position eines Springers vor einem Isolani auf aktuelle kritische Situationen, wenn er konstatiere "die Punkte, auf die der Gegner einen kleinen Druck ausübt, von denen aus aber ein Stratos eine starke Wirkung entfalten kann", seien geeignete Stützpunkte des Stratos.


Lasker in seinem Element

Wahrscheinlich war Laskers Theorie einer allumfassenden spielerisch-kämpferischen "Kampf-Philosophie" einfach zu rigide angelegt und zu weit hergeholt - ja die Fachwelt ignorierte Laskers philosophische Schriften jedenfalls weitgehend, obwohl er sogar Mitglied der Kant-Gesellschaft wurde, um an grundlegenden philosophischen Diskursen teilnehmen und sich mit eigenen Beiträgen beteiligen zu können. Man merkte seinen philosophischen Konstrukten wohl auch eine gewisse Künstlichkeit und vom Schach allzu rigide und mechanistisch übernommene Pseudo-Gesetzmäßigkeit an: "Das Schachspiel bildet stets den Ausgangspunkt seiner Betrachtungen - allzu oft wird beim Schach Gültiges in Analogie zu allgemeinen Lebensverhältnissen gesetzt, ohne dass es berechtigt wäre", schrieb GM Robert Hübner in seinem brillanten Essay über Laskers Stilbegriff im Chessbase Magazin (No. 93, April 2003). Obwohl Hübner die großen Turnier-Erfolge Laskers und seine intellektuelle Vielseitigkeit bewundert, lehnt er dessen allzu schwammigen, deplazierten Stilbegriff - dazu zählt er: Automatenstil, Kombinationsstil, fester Stil, Stil der Verlockung, Stil nach Regeln des Kampfes - völlig ab und zieht schließlich ein kritisches Fazit: " Lasker kommt keinen Schritt weiter, weil der von ihm gewählte Ansatz verfehlt ist".


Robert Hübner ist skeptisch

Denn Stil und Technik, Strategie und Kombinationsstärke - all dies wollte Lasker offenbar mit seinem diffusen Stilbegriff kategorisieren und analysieren. Widersprüche und Zäsuren in Laskers Texten zur "Machologie" treten mit Ende des Ersten Weltkrieges deutlicher hervor. Hatte Lasker noch in "Kampf" und der Streitschrift "Die Selbsttäuschung unserer Feinde" (1916) eine militant-offensive Kampfstrategie propagiert, so vertritt er schon im ersten Entwurf seines Dramas, das anfangs noch "Weh dem Sieger!" (1919) hieß, eine auf Harmonie, demokratische Instanzen und Versöhnung setzende Lebensphilosophie.

Es ist ein bunter Reigen von Symbolfiguren, die Lasker in seinem Stück durch mehrere Epochen von der Urzeit über die griechische Antike und das Mittelalter bis zur Jetztzeit und in die Zukunft führt. Ariwast ist die Inkarnation des aggressiven Führers und Kämpfers, er polarisiert, ist auf Konfliktmaximierung aus und versteht Gewaltvermeidung, Diskussionen und Harmoniebedürfnis als existenzgefährdende Schwächen. Die Untertanen sind für ihn dumpfe Neandertaler und Befehlsempfänger, die weder aufmucken noch selbständig denken dürfen. Aber auf der Hut sein vor diesen unberechenbaren Horden muß man trotzdem: "Das Volk, die blinde Bestie, muß man täuschen". Wido ist ein Gelehrter, der seine Fahne oft nach dem Wind hängt, der Narr ist eher ein nachdenklicher Beobachter und Grübler, jedenfalls kein Komiker. Der Wanderer ist ein sensibler, naturverbundener Beobachter. Sie illustrieren eine Evolutionsgeschichte, die sich jedoch nicht lebendig, kontrovers oder differenziert nachvollziehen lässt. Wir werden eigentlich nur mit Szenen konfrontiert, die als Impressionen und Schnappschüsse einer jeweils neuen, bereits abgeschlossenen Phase vorgeführt werden. Zum echten dramatischen Konflikt kommt es nirgendwo- die Schwarzweißmalerei sorgt zwar für Kontraste, jedoch nicht für eine bühnenwirksame Dramaturgie.



Kein Wunder also, dass Lasker sein Stück als eine Art pädagogisch wertvolles Spiel verstanden hat. Schon im Vorspiel weist der Narr, der dem Sternenvater "Vom Menschen die Geschichte" zeigen will, auf "ein lehrsam Spiel" hin, das die Geschichte der Menschheit und wohl auch den entsprechenden Zivilisationsprozeß (oder den einer unmenschlichen Barbarisierung?) exemplarisch illustrieren soll:

Narr:
Doch wüsste ich ein Spiel, ein lehrsam Spiel, das sich der Mensch ersonnen,
Darinnen weis´ ich Euch den Werdegang von diesem Kind
Mein Spiel führt bildhaft vor von Geist´ und Glaubens Drange die Entwicklung,
Wie er, gehüllt in Kreatürlichkeit
Aus kleinem Keime sprossend Heros wird

Die Erdenmutter ist eine besorgte Grüne, die bekümmert an einem Baum horcht, um dessen Klagen zu hören, nachdem die Menschenkinder ihn verletzt haben. Skeptisch beurteilt sie die menschliche Zukunft, während der Narr den Menschen zur Erkenntnis führen will und sich davon Glück, Adel, Größe verspricht, die den Menschen trotz aller Rückschläge erwarten. Das Eindimensionale, Holzschnittartige und Typisierte der Figuren ist ebenso unübersehbar in diesem Lehrstück wie die meist hochtrabende, gedrechselte Rhetorik. Der wie ein tumber Terminator tobende Ariwast prügelt auf jeden ein, der ihm widerspricht, der Wanderer als Ariwast-Gegenpol ist dagegen friedensbewegt und euphorisiert von der Aussicht auf eine Art Völkerbund mit demokratischen Instanzen:

Wanderer:
Freiheit und Erlösung!
Frei ist das Leben, frei sind Geist und Wille,
Kein totes Uhrwerk dessen Lauf man kennt.
Zwangslauf ist Eines. Leben ist das Andere.

Als Ariwast seinen militanten Haudrauf-Kurs nicht länger durchsetzen kann, weil seine aufgeklärten Kritiker ihn offen angreifen und die alten Feindbilder nicht mehr gelten lassen, trifft ihn der Schlag und er "sinkt nach kurzer Raserei tot zu Boden". Ein Happy End, das sicher gut gemeint ist. Denn nun können Demokraten und Pazifisten sich zusammenschließen zu einer neuen, friedenstiftenden Weltregierung. Doch die etwas plump gestrickte Dramaturgie und die simple Figurentypisierung lassen wenig zu an differenzierten Dialogen oder an der Entwicklung der Figuren. Es ist bezeichnend, dass allein die Szene im antiken Athen mit Platon, Protagoras und Sokrates lebendig, locker und geistreich präsentiert und mit satirischen Spitzen gewürzt wird - ein amüsanter Hochgenuß, der wohl auch demonstriert, dass Lasker vielleicht ein rhetorisches Duell, wie das zwischen Sokrates und Protagoras, neben dem Schach als Inkarnation höchster Streitkultur gelten lässt.

Als aufklärerisches Signal in einer turbulenten, labilen Phase nach dem Ersten Weltkrieg und der verheerenden Weltwirtschaftskrise muß das Stück gewürdigt werden, nicht als dramatische Offenbarung. Es wirkt wohl auch nur als Hörspiel oder im Rahmen einer Lesung. Der letzte Satz des Stücks besteht im Aufruf des Führers "So, Brüder, Völker, einig jetzt ans Werk, Neu aufzurichten die befleckte Welt!" Obwohl das Stück nicht überzeugen kann, nie aufgeführt wurde und nur fünfhundert Exemplare des Werks gedruckt wurden, sollten wir dem großen Weltmeister und Philosophen doch Respekt zollen für seinen Versuch, sich für den Völkerfrieden zu engagieren und so etwas wie eine Friedensforschungs-Disziplin zu systematisieren.

Emanuel Lasker war seiner Zeit vielleicht zu weit voraus: Er war kein Fachidiot, hatte das 64-Felder-Brett zwar immer im Fokus, doch er war auch begeisterter Go- und Bridge-Spieler und wollte eine übergreifende Spieltheorie entwickeln, um dem Phänomen Kreativität auf die Spur zu kommen. Der homo ludens war für ihn zwar ein wichtiger Bestandteil der Zivilisation, doch Lasker hatte immer einen kulturellen Prozeß anvisiert, der permanent verbessert und verfeinert werden sollte. Den heute überall propagierten Slogan vom "Lebenslangen Lernen" hätte der 1941 nach seiner Emigration in New York verarmt gestorbene Weltmeister sicher auch akzeptiert. Er hätte sich aber wohl auch für "Lebenslanges Spielen" eingesetzt - ja denn ohne das Spiel, so meinte Lasker, gäbe es keine wahre Erkenntnis.

Emanuel und Bernd Lasker: Vom Menschen die Geschichte. Tübinger Beiträge zum Thema Schach, Band 9. Hrsg. Von Hans Ellinger. Promos Verlag Pfullingen, 97 S., 9,80 Euro


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