Eine unbekannte Glanzpartie: Commons vs Peev, Plovdiv 1976

von Johannes Fischer
11.04.2018 – In den Zeiten des Internets hat es die klassische Schachkolumne in Tages- oder Wochenzeitungen schwer. Das ist schade, denn diese Kolumnen präsentieren oft bemerkenswerte Fundstücke aus der Welt des Schachs. Zum Beispiel die Partie Commons gegen Peev, die 1976 in einem unauffälligen Turnier in Plovdiv gespielt wurde.

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Das erste Mal gesehen habe ich diese Partie vor langer Zeit, als ich noch Jugendspieler in Hamburg war. Sie war in der Schachkolumne einer Hamburger Zeitung abgedruckt, die meine Großeltern abonniert hatten, und wurde dort als eine der besten Angriffspartien aller Zeiten gepriesen.

Ich weiß noch, wie ich beeindruckt und verwundert war. Beeindruckt hat mich das furiose Spiel des Weißen, verwundert hat mich, dass ich nie zuvor von Commons oder Peev je etwas gehört oder gelesen hatte: kein Schachspieler in meiner Umgebung hatte ihre Namen je genannt, in keiner Schachzeitung, in keinem Buch hatte ich je von einem der beiden gelesen. Auch später hörte ich nie wieder von ihnen.

Die Glanzpartie

Aber vor kurzem, bei der Suche nach Glanzpartien, fiel mir diese Partie wieder ein. Und fand sie in der ChessBase Mega:

 

Tatsächlich eine bemerkenswerte Opferpartie – egal, ob dies nun wirklich eine der besten Angriffspartien aller Zeiten ist oder nicht.

Aber wer war oder ist denn nun Commons, der Spieler, der hier mit Weiß so inspiriert angegriffen hat – und warum ist so ein Spieler relativ unbekannt geblieben? Das Internet mag die Schachkolumnen gefährden, aber auf solche Fragen gibt es manchmal sehr schnell Antwort.

Kim Commons

Kim Commons war ein Internationaler Meister und in den 70er Jahren einer der stärksten Spieler der USA. Bei der Schacholympiade 1978 in Haifa spielte er an Brett sechs als Ersatzmann für die Mannschaft der USA, die bei dieser Olympiade Gold gewann – allerdings hatten die UdSSR und zahlreiche Mannschaften des Ostblocks die Olympiade boykottiert. Commons holte 7,5 aus 9 und trug so maßgeblich zum Erfolg seiner Mannschaft bei.

Drei Mal startete Commons bei US-Meisterschaften, allerdings ohne großen Erfolg: 1974 in Chicago wurde er Zwölfter bei 14 Teilnehmern, 1975 landete er in Oberlin auf dem geteilten 6. bis 9. Platz und 1978 kam er in Pasadena bei 15 Teilnehmern auf dem geteilten 14. bis 15. Platz.

In den 80er Jahren zog sich Commons vom Schach zurück, angeblich, weil er stattdessen „Großmeister im Immobiliengeschäft“ werden wollte. Tatsächlich wurde er im Immobiliengeschäft erfolgreich und war bald Besitzer einer Reihe von Häusern und Immobilien. Commons starb am 23. Juni 2015 im Alter von 63 an den Folgen eines Schlaganfalls.

In einem Kommentar zu einem kurzen Nachruf auf Commons auf der Seite Chess Mind erinnert Ken Rogoff, Großmeister, Harvard-Professor und von 2001 bis 2003 Chefökonom und Wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Währungsfonds, an Commons:

Commons war ein großartiger Schachgelehrter. Er hatte unglaublich übersichtliche Dossiers über Spieler und Eröffnungen angelegt, lange bevor Schachdatenbanken diese Arbeit einfach machten. Diese Unterlagen einsehen zu können, verschaffte einem einen großen Wettbewerbsvorteil. Kim verfügte über ein unglaublich tiefes Schachverständnis, von der Eröffnung bis zum Endspiel. Ich habe auch viel von seiner ruhigen disziplinierten Einstellung bei der Vorbereitung auf schwierige Wettkämpfe gelernt. ... Kim Commons hat das Leben geliebt; zu seinen vielen Leidenschaften zählten Tennis, Kampfsport und Musik. Er war jemand mit einer ungeheuer positiven Einstellung, auch in schweren Zeiten.

Die Chess Mind Seite zitiert auch eine weitere schöne Partie von Commons: ein kurzer, eleganter Sieg gegen Samuel Reshevsky, ehemaliges Wunderkind und lange Zeit einer der besten Spieler der USA und der Welt:

 


Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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WernerBerger WernerBerger 11.04.2018 09:14
Die Partie wurde im Oktober-Heft 1976 der Deutschen Schachzeitung auf Seite 330 im Rahmen eines Berichtes über das Turnier in Plovdiv wiedergegeben und dort als "Die Partie des Turniers" bezeichnet. Vermutlich hat die Hamburger Zeitung sie von dort kopiert. Um eine "unbekannte Glanzpartie" handelt es sich somit nicht.
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