"Einmal klar gewonnen und schon des Gewinnens müde?" - Interview mit Anatoli Karpow

von ChessBase
21.01.2022 – Anatoli Karpow gehört zu den Weltmeistern, die in der ChessBase NFT-Serie zusammen mit einer berühmten Partie portraitiert wurden. Als Briefmarkensammler hat der 12. Weltmeister die Idee sofort verstanden. Im Interview spricht Karpow über NFTs, erzählt die Geschichte zu der verwendeten Glanzpartie gegen Kortschnoj, den WM-Kampf Carlsen gegen Nepomniachtchi und kommentiert Carlsens Äußerungen zu seiner nächsten Titelverteidigung.

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Anatoli Karpow, 1951 in Slatoust geboren, war das größte sowjetische Schachtalent in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren und sollte im Wettkampf gegen Bobby Fischer den Weltmeistertitel wieder zurück in die UdSSR holen. Leider trat Fischer 1975 nicht an und es kam nicht zu dem Wettkampf. Karpow wurde kampflos Weltmeister. In einer einzigartigen Serie von Turniersiegen bestätigte Karpow in den folgenden Jahren seine Rolle als bester Spieler der Welt. 1978 und 1981 lieferte er sich spannungsgeladene Wettkämpfe um die Weltmeisterschaft mit Viktor Kortschnoj. Die WM-Kämpfe gegen Garry Kasparow zischen 1984 und 1990 wurden zu einem epischen Zweikampf zweier Schachgiganten. 1993 wurde Karpow noch einmal FIDE-Weltmeister, nachdem Kasparow mit dem Weltschachverband gebrochen hatte.

Anatoli Karpov ist einer der portraitierten Schachweltmeister in der ChessBase Weltmeister NFT-Serie. In einem Interview spricht er über NFTs, die ausgewählte Partie, den letzten WM-Kampf und Carlsen Andeutungen zur Titelverteidigung.

 

Frage: Was halten Sie von der Technik der NFTs, besonders, da Sie ein großer Briefmarkensammler sind?

Karpow: Diese NFT sind ein neues Thema im Allgemeinen, ein neues Thema für die Welt und ein neues Thema für Sammler. Ich weiß, dass Sie damit digitale Kunstwerke, Briefmarken und andere interessante historische Dokumente verkaufen können. Es könnte also ein Schritt in die Zukunft sein

Frage: Was können Sie uns zu der Partie erzählen, die mit ihrem NFT verbunden ist?

Karpow: Auf dem Cover der mit mir verbundenen NFT ist eine Variante der Drachenverteidigung aus dem Match von 1974 zu sehen. Dies war das Kandidatenfinale, das faktisch zum Weltmeisterschaftsmatch wurde, weil Fischer sich weigerte, seinen Titel zu verteidigen. Und nach den Regeln des Internationalen Schachverbands wurde der Gewinner des Kandidatenfinales zum Weltmeister erklärt, wenn der Weltmeister nicht zum Match erschien.

Das ist auch völlig logisch, denn wenn man den Weltmeister außer Acht lässt, dann bewies derjenige, der alle anderen der besten Schachspieler besiegte und damit die Kandidatenmatches gewann, dass er der Stärkste war.

Die Partie mit Kortschnoj ist ein Beispiel für hohe taktische Kunst im Schach.

Ich sollte erwähnen, dass ich die Idee den Springer auf c3 zu festigen, während der Vorbereitung der Partie hatte und sie Geller zeigte, der ein großer Experte für die Drachenvariante war. Wir entschieden, dass die Idee Aufmerksamkeit verdiente, aber ich wusste nicht, ob Kortschnoj den Drachen spielen würde oder nicht. Obwohl einer seiner Sekundanten, Sosonko, ein Fan dieser Sizilianischen Variante war, war die Chance eher gering. Dass er die scharfe Drachenvariante gleich zu Beginn des Matches spielen würde, kam mir nicht in den Sinn.

Und es sollte erwähnt werden, dass nach meiner Neuerung Td3 Kortschnoj sofort von meiner Heimanalyse abwich und ich die übrigen Züge am Brett finden musste. Es war eine besondere Genugtuung, dass dieser schöne Moment des Matches mit einer großartigen Kombination noch zusätzlich verschönert wurde.

Frage: Haben Sie die Schachweltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Ian Nepomniachtchi verfolgt? Wie lautet Ihr Urteil?

Karpow: Ein paar Bemerkungen über den letzten Weltmeisterschaftskampf. Es ist natürlich schön, dass die Anzahl der Partien jetzt erhöht wurde, obwohl ich immer noch denke, dass 14 Partien nicht genug sind, denn ich habe immer Wettkämpfe mit 24 Partien oder mehr gespielt. Alle Wettkämpfe gingen über die volle Distanz. Nur einmal konnte ich einen Wettkampf vorzeitig gewinnen, 1981. 14 Partien sind nicht genug, denn dieses Format bietet keinen Raum für Risiko. Heute ist alles etwas flach geworden.

Im Wettkampf gegen Carlsen lag die Initiative zu Beginn auf der Seite von Nepomniachtchi, und ich denke, er hatte einen ordentlichen Vorteil. Ich will nicht sagen, dass er hätte gewinnen müssen, aber er hatte einen ordentlichen Vorteil in der ersten Partie, in der zweiten Partie und in der fünften. Zwei der Partien endeten mit einem schnellen Unentschieden. In der ersten Partie gab es für Carlsen Kompensation, aber die sollte höchstens für ein Remis reichen.

Weiß hatte viele Chancen, aber Nepomniachtchi spielte sehr schlecht, sehr unglücklich in der Mitte der Partie und hätte fast noch verloren. Also: Er hatte sogar die Chance zu verlieren, was aus dieser guten Position heraus überraschend ist.

Sogar in der fünften Partie, wenn er im richtigen Moment mit c4 gespielt hätte, dann wäre sein Vorteil schon sehr unangenehm gewesen. Vielleicht ist es nicht direkt gewonnen, aber er hat einen sehr unangenehmen Druck und die Verteidigung wird recht schwierig.

Mit  Schwarz, so sieht es aus, war seine Partie beinahe gewonnen. Nun, gibt es viele Leute die sagen, der Computer zeigt, dass es keinen direkten Gewinn gab, aber was der Computer zeigt ist eine Sache, und eine praktische Partie ist eine völlig andere Sache... unter dem Druck der Uhr, dann ist es nicht so einfach. 

Ich denke, dass die tragische Wendung des Spiels für Nepomniachtchi mental verursacht wurde, als er wahrscheinlich erkannte, dass er zu viele Möglichkeiten ausgelassen hatte. Und wie man im Fußball sagt, er hat selber die Chancen zum Tor nicht genutzt, dann hat der Gegner ein Tor geschossen. 

Entscheidend war, dass Nepomniachtchi in der sechsten Partie nicht gepunktet hat. Danach war von ihm nichts mehr zu sehen. Die nächsten Partien waren nicht auf Weltmeisterschaftsniveau.  Carlsen spürte die Schwäche seines Gegners und nutzte sie energisch aus. Er gewann, nicht spektakulär, aber sehr überzeugend. Und im Allgemeinen sind vier Siege in sechs Partien sehr selten. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Seite in den Weltmeisterschaftskämpfen der Nachkriegszeit vier von sechs Partien gewonnen hat. Es gab schon einige sehr scharf geführte Titelkaempfe, zB Botwinnik gegen Smyslow, da gab es vielleicht einmal vier Siege in sechs Partien, aber da hat dann auch der Gegner mal gewonnen.

Was sagen Sie zu Carlsens Äußerungen zur nächsten Titelverteidigung

Carlsen hat bewiesen, dass er der stärkste Schachspieler ist und den Weltmeistertitel verdient. Was seine Aussage betrifft, so ist er vielleicht gelangweilt. Man kann nicht sagen, dass er Caruana oder Karjakin überzeugend geschlagen hat. Auch in seinem Match gegen Anand gab es Fragen. Wenn er sie auch so klar besiegt hätte wie Nepomniachtchi, würde ich Carlsen verstehen. Nachdem er nun ein Match klar gewonnen hat, ist er schon des Gewinnens müde? Das verwundert mich ein wenig, aber man muss erst genau verstehen, was er meint.

Weil der junge iranische Spieler jetzt schon so stark ist, ist er für Carlsen der interessanteste Gegner. Aber um gegen Carlsen zu spielen, müsste der iranische Großmeister erst einmal das Kandidatenturnier gewinnen. So funktioniert das Ganze.

 


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PhilMic PhilMic 22.02.2022 01:51
Ist Karpov eigentlich noch Mitglied der russischen Duma?
Grebredna Grebredna 24.01.2022 11:41
Jedem, der die WM 2014 verfolgt hat, ist klar, worauf Karpow sich bezieht.

Er meint den Doppelfehler in Partie 6, als Anand nach Carlsens 26.Kd2?? mittels 26...Sxe5 zwei Bauern und die Partie hätte gewinnen können, stattdessen aber noch verlor.
schachkwak schachkwak 24.01.2022 06:43
Auch wenn Anand und Carlsen nichts dafür können, ist es daneben, Karpov bei seinen Äußerungen irgendeinen Alterstick zu unterstellen.

Und es war übrigens wie früher so, dass nach einem 12:12 der Weltmeister einfach seinen Titel behielt. Der Herausforderer hatte es nicht geschafft, den Weltmeister zu bezwingen. Eine (einmalige?) Neuansetzung innerhalb von 3 Monaten wäre sinnvoll. Möchte der Weltmeister nicht, dass sein Terminplan über den Haufen geworfen wird? Dann muss er gewinnen!
immergrünepartie immergrünepartie 23.01.2022 03:52
Sehr geehrte Damen und Herren
Ein schwacher Trost zum älter werden , das auch an einen Schachprofi nicht halt macht.
An der grauen Kopfbeharung von Anatoli Karpov kommt dies zum Ausdruck.
Ein schwacher Trost von mir- mir geht es genau so !
Freundliche Grüße von Karl Walter Ackers
Rainbow66 Rainbow66 22.01.2022 11:49
@rollinghills: Anand und Carlsen können nichts dafür, dass sie ihre Titel nicht in 24-Partien-Matches erwerben bzw. verteidigen durften. Da sie nach geltenden Regeln Weltmeister wurden, möchte ich ihnen die "vollwertigen Siege" nicht absprechen. Die Gründe für die Verkürzung auf 12 bzw. 14 Partien mit nachfolgendem Blitz bei Gleichstand dürften vor allem marktwirtschaftlicher Natur sein. Die Ausrichter verlangen heutzutage Planbarkeit auf den Tag genau. 5 Monate Spielzeit bei 48 Partien (1984) oder 3 Monate mit 32 Partien (1978) würde heute niemand mehr wollen. Eine Rückkehr zu einer "vollwertigen" WM mit 24 Partien brächte übrigens bei einem 12 : 12 die gleichen Probleme wie jetzt ein 6 : 6 oder 7 : 7. Der Sieger würde letztlich in diesem Forum wiederum abwertend als "Schnellschachweltmeister" bezeichnet, obwohl ihm gar keine Gelegenheit gegeben wurde, "vollwertig" zu gewinnen. Gibt es eine Lösung?
patfreeze patfreeze 22.01.2022 02:40
Ein tolles Interview, ich habe mangels eigener Kompetenz im Schach alle sehr guten und innovativen Spieler immer sehr bewundert und staune aber auch immer wieder, wie sehr Schach einerseits den Charakter prägen kann, und andererseits auch, was für unterschiedliche Charaktere im Schach dauerhaft unterwegs sind. Daher sind solche Hintegrundberichte für Leute wie mich immer wieder spannend, unterhaltsam und auch sehr aufschlussreich.
rollschu rollschu 22.01.2022 02:21
Bei allem Respekt für Karpov, aber für mich lästert hier ein Apparatschik, der mit dem goldenen Schachlöffel gepampert wurde (bis hin zu manipulierten Partien) über jemanden, der quasi aus dem Nichts (Norwegen) nun schon seit fast 15 Jahren die Schachwelt prägt. Und bitte nicht vergessen: Carlsen hat keinen Bock mehr auf die umfangreiche Eroeffnungsvorbereitung, die mittlerweile so aussieht, dass man Seitenlinien findet, die den einzigen Voretil haben, den Gegener zu überraschen. Nichtsdestotrotz stimme ich zu, dass die Ankündigung von Carlsen von einem Mangel an Respekt vor der Schach-Weltmeisterschaft zeugt.
Beseitiger20_# Beseitiger20_# 22.01.2022 12:08
Für Anatoly Karpov war der WM-Titel nie nur ein Titel, den kein anderer haben soll, sondern ein sehr gern ausgeübter Beruf. Die Frage nach Lust oder Unlust, seinen Titel zu verteidigen, stellte sich ihm einfach nicht. Er war ein Vollprofi. Als er den Titel verlor, wollte er ihn wiederhaben (und schaffte es dann ja auch in diesen Spaltungsjahren der FIDE). Das hat etwas mit Pflichtgefühl und Arbeitshaltung zu tun. Er arbeitete stets "wie ein Galeerensklave", wie jemand mal sagte, wenn es um den Titel ging. Magnus Carlsen quält sich meines Erachtens nicht mehr so gerne - bei den momentanen Gegnern ist es allerdings oft auch nicht nötig... Er ist kein großer Freund von klassischen Turnierpartien mehr, obwohl das für mich immer noch die Königsdisziplin ist. Turnierpartien und WM-Kämpfe sind ARBEIT - auf die hat Carlsen, der natürlich nichtsdestotrotz ein toller Weltmeister ist, einfach keinen Bock mehr.
kumagoro kumagoro 22.01.2022 11:48
ich habe grossen Respekt vor Karpows Kommentaren.
rollinghills rollinghills 22.01.2022 09:58
Carlsen musste seinen Titel noch nie über 24 Partien mit Turnierbedenkzeit verteidigen. Er hat ihn zweimal sogar nur im Blitz bzw. Schnellschach gewonnen. Das waren, verglichen mit der Vergangenheit keine vollwertigen Siege, da hat Karpov in meinen Augen vollkommen Recht.
Zu behaupten, er würde nur noch gegen Firouzja antreten, weil ihn alles andere nicht mehr motivieren könnte, ist extrem arrogant, und brüskiert seine Kollegen. Aber das kennt man ja von ihm.
Silvio Z Silvio Z 22.01.2022 02:46
"Man kann nicht sagen, dass er Caruana oder Karjakin überzeugend geschlagen hat." - Die Aussage bezog sich also auf diese beiden, nicht auf Anand.

"Auch in seinem Match gegen Anand gab es Fragen." - Und diese Aussage bezog sich auf Anand.

Also alles in Butter. Vielleicht ist es auch der Übersetzung geschuldet, wenn es jemand falsch aufgefasst hat. Natürlich hat Carlsen gegen Anand klar gewonnen. Die Fragen, die Karpow meint, bezogen sich möglicherweise auf Momente in den Matches, in denen Anand Punkte regelrecht liegen lassen hat, nach groben Fehlern von Carlsen.
Rainbow66 Rainbow66 22.01.2022 01:14
Ich empfinde Teile der Aussagen Karpows als unsachlich. Er sagt: "Wenn er sie auch so klar besiegt hätte wie Nepomniachtchi, würde ich Carlsen verstehen. Nachdem er nun ein Match klar gewonnen hat, ist er schon des Gewinnens müde?"
Carlsen gewann sein erstes WM-Match 2013 gegen Anand vorzeitig mit 6,5 : 3,5. Dem Gegner gelang nicht ein einziger Sieg. Auch das Match 2014 endete vorzeitig 6,5 : 4,5. Anand gewann nur eine Partie. Gilt das nicht als klar gewonnen? "Auch in seinem Match gegen Anand gab es Fragen", meint Karpow dazu. Welche Fragen sollten das sein? Die Ergebnisse sind doch eindeutig.
Meine Meinung: Man sollte an Carlsens Aussage, evtl. seinen Titel nicht verteidigen zu wollen, nicht ständig herummäkeln. Jeder berühmte Sportler, Politiker und Künstler hat das Recht zu erklären: "Jetzt ist Schluss." Bei manchem Prominenten hätte man sich eine solche Aussage sogar gewünscht.
Rheingauer Rheingauer 21.01.2022 02:46
Karpow: Ein paar Bemerkungen über den letzten Weltmeisterschaftskampf. Es ist natürlich schön, dass die Anzahl der Partien jetzt erhöht wurde, obwohl ich immer noch denke, dass 14 Partien nicht genug sind, denn ich habe immer Wettkämpfe mit 24 Partien oder mehr gespielt. Alle Wettkämpfe gingen über die volle Distanz. Nur einmal konnte ich einen Wettkampf vorzeitig gewinnen, 1981. 14 Partien sind nicht genug, denn dieses Format bietet keinen Raum für Risiko. Heute ist alles etwas flach geworden.

Meine Rede! Ich würde Carlsen gerne noch einmal in einem längeren Match mit mehr Partien sehen!
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