Elista 2006: Die erste Pressekonferenz des Weltmeisters

16.10.2006 – Die vierte Tie-Break Partie war zu Ende, Vladimir Kramnik reckte beide Fäuste als Zeichen seines Sieges in die Höhe, Rufe, Applaus, freundliches Schulterklopfen, Händeschütteln. Dann ging Kramnik zu seiner ersten Pressekonferenz als alleiniger FIDE-Weltmeister. Dort sprach er über den Wettkampf, seine Gefühle, seine Mannschaft, seine Pläne. Mehr...

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Die erste Pressekonferenz des alleinigen Schachweltmeisters

Sofort nachdem Topalov seine Hand als Zeichen der Aufgabe ausstreckte, geriet die Menge in Ekstase. Die Leute brüllten, applaudierten, es gab freundliches Schulterklopfen und Händeschütteln… Kramnik stand vom Brett auf, reckte seine Faust in die Höhe, genau wie in Moskau 1994 nach seinem sensationellen Sieg gegen Kasparov, um danach seinen Manager Carsten Hensel fest zu umarmen. Andere Mitglieder seines Teams waren ebenfalls anwesend - Illescas, Rublevsky, Motylev, Krylov, Rösch und sogar der Koch… Einige Minuten später ging der neue 'absolute' FIDE-Weltmeister zum Pressekonferenzsaal, in dem ihm Dutzende von Journalisten einen warmen Empfang bereiteten.


Der neue Weltmeister Vladimir Kramnik bei der Pressekonferenz 
mit FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov und dessen Assistenten Berik Balgabaev

Frage: In einer ähnlichen Situation sagte Mikhail Tal "Mein Kopf ist voller Sonnenschein!" Was waren Ihre ersten Worte nach dem Ende des Wettkampfs?

Vladimir Kramnik: Ich war sehr auf das Spiel konzentriert und selbst nach meinem Sieg in der letzten Partie war ich immer noch in kämpferischer Stimmung. Der Moment, nachdem Veselin 44…Tc5 gespielt hatte, war sehr emotional für mich - ich fühlte mich sehr glücklich. Nach meiner Antwort 45.Tb7+ ebbte die Freude jedoch ab. Ich brauche Zeit, um zu begreifen, was passiert ist. Es war ein sehr harter Wettkampf und ich glaube, ich habe meine Aufgabe gut gelöst, vor allem in Anbetracht der Vorteile, die meinem Gegner eingeräumt wurden. Vielleicht war dies das erste Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaftskämpfe, dass einer der Spieler einen Extrapunkt und eine Extrapartie mit Weiß hatte. Ich bin froh, dass ich unter solchen Bedingungen gewinnen konnte.


Schwarz spielte 44...Txc5 und Weiß gewann mit 45.Tb7+

Was können Sie Ihren russischen Fans sagen?

Ich bin sehr froh, dass die Krone in Russland bleibt. Für mich persönlich ist dieser Erfolg mit dem Sieg gegen Kasparov vergleichbar. In der Schachgeschichte gibt es nicht viele dreimalige Weltmeister und ich hoffe, ich höre hier nicht auf … In Anbetracht der Wettkampfatmosphäre und des Verhaltens des gegnerischen Teams ging es in diesem Wettkampf ums Prinzip.

Der Wettkampf wird jetzt in der Schachgemeinde intensiv diskutiert werden. Können Sie verraten, welche Tendenzen in der Entwicklung des Schachs im Wettkampf sichtbar wurden?

Zunächst einmal war es ein extrem umkämpfter Wettkampf. Schach ändert sich - zum Beispiel fiel es niemandem auf, dass es in 12 Partien keinen einzigen Fall ernsthafter Zeitnot gab. Das ist ein bedeutender Schritt vorwärts. Die Leute spielen schneller und stärker praxisorientiert und die Krise tritt erst in der vierten oder fünften Stunde ein. Dieser Wettkampf deutete gewisse Tendenzen im modernen Schach an, die sich noch weiter zeigen müssen. Der wichtigste Aspekt, wie ich wiederholen möchte, ist die ungewöhnlich hohe Spannung gewesen. Es gab überhaupt keine Kurzremisen. Ich glaube, darüber sind alle Schachfans glücklich! Vielleicht sind nicht alle über meinen Sieg glücklich, obwohl …


Vladimir Kramnik und Kirsan Ilyumzhinov

Ich habe das Gefühl, dass die Schachspieler sich gefreut haben, dass der Titel im Schnellschach entschieden wurde. Vielleicht sollten wir diskutieren, ob wir das Spiel schneller machen?

Meine Meinung zur Bedenkzeitregelung hat sich nicht geändert. Im Schach gibt es drei Formen der Bedenkzeit: Klassisch, Schnellschach und Blitz. Alle drei haben ihre Berechtigung. Sie sollten sich ergänzen, wie im Tennis, wo man je nach Bedeutung des Wettbewerbs auch drei oder fünf Sätze spielt. Ich bin hier der Meinung, dass die wichtigsten Turniere mit der klassischen Bedenkzeit gespielt werden müssen, obwohl ich keineswegs etwas gegen viele Schnellschachturniere habe. Sie sind spektakulär und für das breite Publikum attraktiv. Klassisches Schach hat viele Anhänger und es ist keineswegs unangebracht zu sagen, dass es auf eine mehr als Jahrhunderte alte Geschichte verweisen kann.

Halten Sie es für symbolisch, dass beide Spieler Partien in ihrem Stil gewonnen haben? Topalov gewann eine taktische Partie und Sie verwandelten zwei ruhige Endspiele in einen ganzen Punkt! Glauben Sie, dass Sie den Titel gewonnen haben, weil Sie vielseitiger gespielt haben als Veselin?

Ich bin nicht sicher, was die Vielseitigkeit betrifft, aber in solchen Stellungen, wie sie in der zweiten und der vierten Partie auf dem Brett waren - d.h. etwas bessere Endspiele - bin ich objektiv stärker. Ich hatte ein bisschen Glück, solche Endspiele zu erreichen. Ohne falsche Bescheidenheit kann ich behaupten, dass ich diese Endspiele sehr gut behandle, während Veselin in ihnen nicht so gut ist. Ich konnte sozusagen zwei Siege aus Nichts herauspressen, und er gewann eine Angriffspartie im 'Alles-oder-Nichts' Stil: g4, f5… So gesehen war der Tie-Break ein Litmustest, der den Stil der Spieler gezeigt hat. Ich bin sehr froh, dass ich am Ende eine Partie mehr gewonnen habe als Veselin.


Kramnik, manager Carsten Hensel (Rote Krawatte)

Vladimir Belov, der offizielle Wettkampfkommentator erklärte, dass die Tie-Break Partien die beinahe fehlerfreiesten Partien des Wettkampfs waren. Wie denken Sie darüber?

Fehlerfrei? Ich würde das nicht so sehen - denken Sie nur an Topalovs Patzer in Partie 4 (wenn auch in verlorener Stellung) oder mein Spiel in Partie 3… Im Prinzip sind 25 Minuten plus 10 Sekunden Zeitaufschlag pro Zug ausreichend, um schwere Fehler zu vermeiden. Der Kampf war hart, die Spieler standen unter nervlicher Anspannung, und ich glaube, unter diesen Umständen war das Niveau der Partien hoch genug.

Vladimir, nachdem Sie am Brett gewonnen haben, werden Sie das Duell vor Gericht in Lausanne fortführen?

Reden wir nicht über solch traurige Dinge. Ich würde viel lieber diesen Moment des Triumphes genießen und über meine Gewinnpartien reden! Im Moment denke ich nicht an die Zukunft, abgesehen von dem kommenden Wettkampf gegen den Computer. Ich war so auf den WM-Kampf konzentriert, dass ich erstmal keine Pläne machen werde. Heute muss ich mich erst einmal entspannen und meinem Team und den Leuten, die mich in Elista unterstützt haben, feiern und trinken. Erst danach fangen wir an, über die Zukunft nachzudenken …

Können Sie mehr über den Wettkampf gegen Fritz10 erzählen? Werden Sie der letzte Mohikaner sein?

Ich fürchte, dass wird ein sehr schwieriger Wettkampf. Gegen einen Computer zu spielen ist ganz allgemein hart. Jedes Jahr organisiert man in Spanien ein Turnier 3 gegen 3: Drei Computer spielen gegen drei Spitzengroßmeister. Letztes Jahr waren das Topalov, Ponomariov… Und jeder Sieg der Menschen wird als großes Geschenk gefeiert! Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich in dem Wettkampf nicht der Favorit bin. Dennoch möchte ich ihn wirklich gewinnen - nicht wegen des Geldes, sondern weil dies eine der letzten Möglichkeiten sein könnte, die Maschine zu besiegen! Ich werde mein Bestes geben. Schließlich habe ich einige Erfahrung im Spiel gegen Computer. Leider habe ich nicht viel Zeit zur Vorbereitung, aber das lässt sich nun einmal nicht ändern. Ich bin ein Profi.

Wie bewerten Sie die Arbeit ihres Teams während des Wettkampfs?

Ich bin hochzufrieden. Aus irgendeinem Grunde schrieben manche Zeitungen, dass ich angedeutet hätte, ich sei unzufrieden, aber das ist nicht wahr. Wenn ich gesagt habe, ich wäre mit schlechterer Stellung aus der Eröffnung herausgekommen, dann heißt das nicht, dass ich über irgendetwas unglücklich bin. Ich allein bin für die Niederlage in Partie 9 verantwortlich - Schwarz hatte keine Probleme, aber ich habe welche gefunden… Die Stimmung im Team und die Entschlossenheit der Jungs hat mich sehr gefreut…
Wie fühlen Sie sich jetzt, wo Sie Kalmückien verlassen?

Ich fühle mich sehr müde. Aber natürlich wird Elista für mich ein Ort der Erinnerungen bleiben - solche Ereignisse geschehen nicht oft. Es war eine sehr harte Prüfung - sogar noch härter als ich erwartet hatte - aber die Freude des Gewinners überwiegt alles Negative.

Source: FIDE World Championship site
Pictures by Murat Kul, Deputy President of Turkish Chess Federation


Themen: Elista
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