Elista: Die 5.Partie

29.09.2006 – Die Ereignisse des heutigen Tages überschlugen sich. Nach dem gestrigen Protest der Topalov-Delegation gegen (angeblich!) zu häufigen Besuchs Kramnik auf der Toilette und der Entscheidung des Schiedsgerichtes zugunsten von Veselin Topalov veröffentlichte Kramnik Manager Carsten Hensel heute früh einen Protest von Vladimir Kramnik. Kramnik erklärte, erst wieder spielen zu wollen, wenn die ursprünglichen Bedingungen wieder hergestellt seien. Erst um 13.22 wurde die Uhr zur fünften Partie in Gang gesetzt, ein Stunde später Topalov von Schiedsrichter Gijssen zum kampflosen Sieger der Partie erklärt. Kramnik besuchte derweil die Pressekonferenz von Makropoulos und erklärte seinen Standpunkt. FIDE-Präsident Ilyumshinov hat am Abend die Konferenz der Präsidenten der südrussischen Teilrepubliken vorzeitig verlassen und ist auf dem Rückweg nach Elista. Wie soll es weiter gehen? Will sich die FIDE mit einem beispiellosen Wettkampfabbruch nach vier Partien vor der Weltöffentlichkeit bis auf die Knochen blamieren? Bilder und Ablauf eines denkwürdigen Tages...

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Die FIDE versagt wieder einmal
Von André Schulz


Die Manager: Hensel schockiert, Danailov in Siegerpose

Dreizehn Jahre hat die Schachwelt gewartet, dass aus zwei verschiedenen Weltmeisterschaften wieder eine einzige werden würde und damit auch die Schachwelt wieder geeint werden könne. Der Ausstieg von Kasparov und Short 1993 aus der FIDE und die Ausrichtung einer eigenen Weltmeisterschaft wurde in der Vergangenheit meist als Fehltritt Kasparovs (und Shorts) interpretiert, während die Rolle des damaligen FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes offenbar nur innerhalb der FIDE einigermaßen angemessen gewürdigt wurde. Zwei Jahre nach dem Vorfall wurde er zum Rücktritt gedrängt und Kirsan Ilyumshinov übernahm fortan die Präsidentschaft der FIDE. Doch ein Großteil des übrigen Personals bleib gleich.

Dreizehn Jahre Warten heißt aber auch dreizehn Jahre Unfähigkeit der FIDE eine Wiedervereinigung herbei zu führen. Eigentlich waren es zunächst "nur" neun Jahre, denn 2002 trafen sich viele wichtige Leute in Prag und beschlossen einen Plan zur Zusammenführung, der in Elista nun endlich hätte zum Abschluss kommen können.

Zwischen 2002 und 2006 schaffte die FIDE es jedoch nicht, gemäß den Vereinbarungen einen Wettkampf zwischen Ponomariov und Kasparov bzw. Kasimdzhanov und Kasparov zustande zu bringen. Kasparovs Ausstieg ermöglichte dann das WM-Turnier in San Luis mit Veselin Topalov als neuen FIDE-Weltmeister.

Nun hätte die Teilung der Weltmeisterschaften Mitte Oktober ein Ende haben können, wenn die Verantwortlichen der FIDE es fertig gebracht hätten, den Wettkampf zu aller Zufriedenheit und trotz der Nervosität der Spieler ordnungsgemäß zu Ende zu bringen. Allem Anschein nach war sie auch diesmal damit überfordert.

Nach spektakulärem Start des Wettkampfes lag Vladimir Kramnik nach vier Partien mit 3:1 in Führung. Veselin Topalov hatte Pech, doch er hatte keinen Grund unzufrieden zu sein. Nach zwei Partien hätte es auch 1,5:0,5 für ihn stehen können.

Während die Schachfreunde sich über die Partien freuten, gab es ihm Hintergrund offenbar schon Gerangel. Am 24.Septemver reichte Topalovs Manager Danailov ein Schreiben ein, in dem er dagegen protestierte, dass der Ruhebereich der Spieler, hier derjenige von Topalov, einschließlich der Toiletten von Sicherheitskräften auf Hilfsmittel untersucht wurde.


Inspektion der neuen Toiletten durch Topalov

Nachdem Kirsan Ilyumshinov, FIDE- Präsident und Gastgeber, inzwischen zum Treffen der Präsidenten der Republiken Südrussland nach Sochi abgereist war, platzierte Danailov einen neuerlichen Protest und rief offiziell das Appelationsgericht an. Er mokierte sich darüber, dass Vladimir Kramnik während der Partien angeblich zu oft seine Toilette aufgesucht haben soll, ein Raum, der im Gegensatz zum Ruheraum nicht von Kameras überwacht wird und stellte u.a. die Forderung, dass Kramnik keine eigene Toilette mehr aufsuchen solle, sondern eine öffentliche Toilette. Danailov drohte mit Abbruch des Wettkampfes, falls es keine Änderung gebe.


Makropoulos (re.)

Mit dem Protest wurde der Eindruck erweckt, Kramnik würde sich u.U. unerlaubter Hilfsmittel bedienen. Dabei hat das Schiedsgericht fälschlicherweise behauptet, Kramnik hätte bei einer Partie bis zu 50mal die Toilette aufgesucht. In Wirklichkeit wurde jedoch nur ein Ausschnitt des Überwachungsbandes eingesehen, mit einem Abschnitt, in dem Kramnik einige Male in den Toilettenraum gegangen sei, und dies auf eine vermutliche Anzahl von 50 ohne Prüfung hochgerechnet.

Dam Protest von Danailov wurde vom Schiedsgericht statt gegeben, die private Toilette von Kramnik verschlossen. Dies zog einen Protest von Kramnik nach sich, den sein Manager Carsten Hensel am Freitag früh veröffentlichte Nach Auffassung von Kramnik hätte das Topalov-Team gar keine Einsicht in die Bänder erhalten dürfen. Eine Änderung der Wettkampfbedingungen sei ebenfalls nicht regelkonform. Vor dem Wettkampf seien die Regeln und Bedingungen festgelegt worden; alle Beteiligten hätten unterschrieben. Kramnik werde den Wettkampf nicht fortsetzen, wenn die ursprünglichen Bedingungen nicht wieder hergestellt werden würden. Das häufige Aufsuchen der Toilette erklärte Hensel damit, dass Kramnik während der Partien umherlaufe, und dabei auch den Waschraum nutze.

Offenbar versuchte man hinter den Kulissen noch zu einem Einvernehmen zu kommen, denn die heutige fünfte Partie wurde mit einer Verzögerung von 22 Minuten gestartet. Um 15.22 Ortszeit stellte Schiedsrichter Gijssen die Uhr an. Nachdem Kramnik nicht erschien, wurde Topalov nach Ablauf von einer Stunde gemäß den dafür üblichen Regeln zum Sieger erklärt.









Um 15.30 Ortszeit begann Georgios Makropoulos eine Pressekonferenz, in der er den Brief von Hensel verlas und die Entscheidung des Schiedsgerichtes vom Vortag rechtfertigte. Später erschien dort auch Kramnik, der mit Makropoulos einige Worte wechselte und sich dann an die Journalisten wandte: " Ich habe hier nicht meine Teilnahme an einem Big Brother-Event unterschrieben. Die Zurverfügungstellung der Bandaufnahmen an Danailov ist ein krasser Regelverstoß und ein Eingriff in meine Privatsphäre" Kramnik erneuerte auch seine Forderung nach Auswechslung des Appeals Committee. Asmaiparashvili und Makropoulos seien nicht unparteiisch. Asmaiparashvili ist mit Danailov befreundet, Makropoulos hat ebenfalls engere freundschaftliche Beziehungen nach Bulgarien.

Beobachter glauben, dass Kramnik und sein Team in eine von Danailov gestellt Falle getappt sind.


Silvio Danailov

Unzufrieden mit dem Verlauf des Wettkampfes, bei dem Topalov nach einem Drittel mit 1:3 zurückliegt, hat man im bulgarischen Team nach einer Möglichkeit gesucht, Unruhe zu stiften oder sogar aus dem Wettkampf zu kommen, so heißt es. der Zeitpunkt der Eskalation könne zudem geplant gewesen sein, weil jetzt gerade Ilyumshinov in Elista nicht anwesend ist. 

Die heutige fünfte Partie wurde gestartet, ohne den Versuch zu unternehmen, den Konflikt zuvor in irgendeiner Form beizulegen. Damit wurde mit einem kampflosen Punkt zusätzlicher Zündstoff in die Auseinandersetzung getragen. Derzeit ist nicht in Sicht, wie eine Lösung herbei geführt werden kann, mit der alle beteiligten leben können.

Wie soll es weiter gehen? Will sich die FIDE vor der Weltöffentlichkeit bis auf die Knochen blamieren?

 

Protokoll des Tages
Von Misha Savinov

15.00

Geurt Gijssen geht auf die Bühne und verkündet, dass die Partie aus bestimmten Gründen 156 Minuten später beginnen werde.



15.20


Topalov und Gijssen erscheinen auf der Bühne.

15.22

Der Schiedsrichter startet die Uhr. Topalov sitzt in seinem Stuhl und schaut herum








Der kampflose Sieg wird amtlich (Foto:Atarov)

15.30

Auf dem Monitor sieht man Kramnik in seinem Ruheraum. Er besteht darauf, dass seine Toilette wieder aufgeschlossen wird. Vorher werde er nicht mehr spielen. Die Pressekonferenz mit Makropoulos beginnt.


15.40




Das einzig Erwähnenswerte von Makropoulos war seine Meinung zu Hensels Brief. Der FIDE-Vize sagt, der Vertrag sehe nicht eindeutig vor, dass der Ruheraum auch mit einer Toilette ausgestattet sein muss, deshalb ist der Protest von Kramnik irrelevant. Der Rest seiner Rede rechtfertigt die Entscheidung des Schiedsgericht.

16.15

Bis jetzt ist nicht klar, ob der kampflose Sieg amtlich ist. Unter normalen Regeln müsste dies aber so sein.

Kramnik erscheint auf der Pressekonferenz von Makropoulos und äußert sich dahin gehend, dass das Appeals Committee klar parteiisch sei. Kramnik verlangt, dass alle Mitglieder ausgetauscht werden. Er sei bereit, morgen die 5.Partie zu spielen, wenn man zu den vereinbarten Regeln zurück kehre.

17.00

Schiedsrichter Geurt Gijssen bestätigt den kampflosen Verlust der 5.Partie

17.45

Kramnik erscheint auf der Pressekonferenz von Makropoulos und äußert sich dahin gehend, dass das Appeals Committee klar parteiisch sei. Kramnik verlangt, dass alle Mitglieder ausgetauscht werden. Er sei bereit, morgen die 5.Partie zu spielen, wenn man zu den vereinbarten Regeln zurück kehre.













Kramnik sagte:

"Makropolous und Azmaiparashvili sind gute Freunde von Danailov. Ihre Maßnahmen sind klar zugunsten von Topalov gedacht. Die Entscheidung Danailov Zugang zu den Aufnahmebändern zu gewähren, ist ohne Beispiel und gegen jedes Recht. Ich habe keinen Vertrag für eine Reality- Show unterschrieben. Das ist unethisch und verletzt meine Privatsphäre.  ... Ich bin bereit den Wettkampf fortzusetzen und morgen die 5.Partie zu spielen, zu den Bedingungen, die vorher vereinbart waren. Mein Stolz erlaubt es mir nicht, dies weiter hinzunehmen. Ich gehe nun in meine Unterkunft und erhole mich."

Danach verließen Kramnik, Hensel und Illescas das Gebäude.

Die Fotos des Tages: Von Misha Savinov, Eugeny Atarov, FIDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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