Für Kinder und Jugendliche gut geeignet: Schach

von Johannes Fischer
13.03.2019 – Die Eugenio Maria de Hostos School in Brooklyn, New York ist eine besondere Schule. Über 70% der Schüler kommen aus Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben, aber die Schule hat das beste Schachprogramm der USA. Treibende Kraft dieses Programms ist die Lehrerin Elizabeth Spiegel, die kürzlich von der University of Texas in Dallas zum "Chess Educator of the Year" ernannt wurde. In ihrer Dankesrede verriet sie, warum Schach Kinder und Jugendliche so sehr fördert. | Foto: UT Dallas Eugene McDermott Library

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Brooklyn Castle

Elizabeth Spiegel, die früher zu den 30 besten Schachspielerinnen der USA gehörte, unterrichtet seit 1999 an Eugenio Maria de Hostos School, die im Jargon der Bürokratie mit IS 318 abgekürzt wird. Spiegel betreut an der Schule das Schachprogramm - und dieses Schachprogramm ist überaus erfolgreich.

Die Schulmannschaften der Schule Brooklyn haben zahlreiche Preise und US-Schulschachmeisterschaften gewonnen und das Schachprogramm der Schule ist Thema des 2012 preisgekrönten Dokumentarfilms Brooklyn Castle aus dem Jahre 2012, angeblich der Lieblingsfilm von Arnold Schwarzenegger.

Für ihre Arbeit wurde Spiegel jetzt von der University of Texas als "Chess Educator of the Year" ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede, die als Video auf YouTube zu sehen ist, sprach sie über Prinzipien ihrer Arbeit und verriet, warum Schach zur Förderung von Kindern und Jugendlichen so gut geeignet ist.

Das Video

UT Dallas Chess on YouTube

Spiegel zufolge fördert das Schach Kinder und Jugendliche, weil

  • es einen Grad von Komplexität besitzt, den andere Themen erst später erreichen
  • das Denken durch Gewinn belohnt wird
  • die Gefühlsebene anspricht und motivierend wirkt
  • für sofortiges Feedback sorgt
  • die Konzentration fördert
  • Ausdauer fördert
  • einen lehrt, die eigenen Entscheidungen ehrlich und selbstkritisch zu betrachten

Elizabeth during her talk

Foto: UT Dallas Eugene McDermott Library

Einen Schlüssel für den Erfolg des Schachprogramms sieht Spiegel darin, dass die Schüler ermuntert werden konnten, sich neben Unterricht und Turnieren 20 bis 25 Stunden pro Woche mit Schach zu beschäftigen. Die Analyse der eigenen Partien ist dabei oft Hausaufgabe.

Elizabeth Spiegel portrait

Nach dem Verlust einer Partie werden die Schüler angehalten, nach dem Grund ihre Niederlage zu forschen und diese Schwächen gezielt zu überwinden — häufige Gründe sind:

  • Einsteller
  • Zeitnot
  • Zu viele Bauernzüge
  • Die gleiche Figur zu oft ziehen
  • Fehler nach Abtausch
  • Fehlende Eröffnungskenntnisse
  • bauernvorstöße vermeiden
  • Planloses Spiel nach der Eröffnung
  • Zu häufiger Abtausch
  • Den König im Endspiel nicht zentralisieren
  • Scheu vor hässlichen Verteidigungszügen
  • Übersehen der gegnerischen Drohungen
  • Den gegnerischen König in jeder Partie angreifen
  • Bei der Variantenberechnung zu früh aufhören
  • "Wollen" (z.B. "Ich hatte das Gefühl, das war einfach richtig" oder "Ich wollte diesen Zug unbedingt machen")

"Einsteller sind bei Kindern ein häufiges Problem...und sie ärgern sich sehr darüber. Aber grobe Fehler zu vermeiden, kann man relativ leicht lernen."

Spiegel empfiehlt, sich erst für einen Zug zu entscheiden, und dann noch einmal einen Blick auf die Stellung zu werfen und einen "Blundercheck" zu machen. "Dass die Kinder lernen, über ihre eigenen Denkprozesse nachzudenken, ist sehr hilfreich."

Spiegel nannte vier wichtige Methoden, um im Schach besser zu werden

  1. Viel spielen
  2. Partien nachspielen (mit dem Gegner, einem Trainer oder einer Engine) und bestimmte Lehren aus der Partie zielen
  3. Ein praktisches, aber doch umfassendes Eröffnungsrepertoire aufbauen
  4. Taktik üben

"Eröffnungen sind wichtig. Manche Leute behaupten, Eröffnungen seien nicht wichtig, aber ich glaube, sie sind extrem wichtig. ... Es ist ziemlich wichtig, dass man ein Eröffnungsrepertoire hat, das einem hilft, aber das man auch erinnern kann."

Eltern und Trainer

Eine wichtige Rolle im Schachprogramm von Elizabeth Spiegel spielen Eltern und Trainer. Sie sollen mit den Kindern reden, aber sich dabei nicht nur auf das Gewinnen und Verlieren konzentrieren, sondern danach fragen, wie sich die Kinder fühlen, z. B. ob sie konzentriert sind oder welche Eröffnung wahrscheinlich aufs Brett kommt. Eltern und Trainer können auch andere Ziele für die Partie festlegen, z.B.:

  • Zeitnot vermeiden
  • am Brett arbeiten
  • die Möglichkeiten des Gegners erkennen
  • Pläne entwickeln
  • Ideen entwickeln
  • Varianten genau rechnen
  • Einfache Rechenfehler vermeiden

Elizabeth Spiegel

Foto: UT Dallas Eugene McDermott Library

Spiegel betonte auch, dass Kinder lernen sollen, mit ihren Fehlern und Niederlagen umzugehen, ohne diese Fehler zu verallgemeinern "Ich bin dumm, ich kann das nicht, usw., usw." Das Schach, so Spiegel, zeigt einem wie man mit Schwierigkeiten umgehen kann und nicht aufgibt.

Nach Angaben von Macauley Peterson
 

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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